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1893
Nr. 16 Erstes Blatt
Amts- und Anzeigeblatt för den Arris Gieren.
Hralisöeitage: chießener Jamilienblätter.
Detttsches Reich.
Ausland.
Donnerstag den 19. Januar
Alle Annoncen-Bureaux de» In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Der OUtze«er Anzeiger erfcheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Ackmiktenv lilter «erden dem Anzeiger '«»chentlich dreimal deigelegt.
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Locales und Provinzielles.
Sichen, 18. Januar 1893.
- O-ffenIlich- Sitzung d°S Pronin,iabAuSIchufftS der Pronin, Obrrheffen am 14. Januar 1893 1) Gesuch des Gast-
Wirths Karl Loitz zu Gießen um Concession zum Au«,chank non Brannlwein. Dem Gesuchsteller war seitens des Kreis-
feit genug, sich gegenüber dem wider ihn eingeleiteten Feldzug zu behaupten, sollte letzterer noch lange dauern. Müßte aber das jetzige Staatsoberhaupt Frankreichs selbst infolge der Panama-Affaire zurücktreten, so wäre der „allgemeine Kladderadatsch" jenseits der Vogesen fertig, das ist wohl nicht zu bezweifeln!____________
Deutscher Reichstag.
23. Sitzung. Dienstag, 17. Zauuar 1893.
Vom Abg. Dr. Broemel (dsr.) liegt nachstehende Interpellation vor:
„Sind Seitens der verbündeten Regierungen Maßnahmen beabsichtigt, um die neuerdings in Aussicht genommenen Ab-
Zoll7A7or ihrer°endgülUge"n ^stellung?^
-rkl-t sich zur
sosorigen Beanwwrtung ^bere^ begründet die Jnterpellatton mit der I aroßen matertellm Bedeutung, welche die Sache für weite Kreise hat. Die neuen Zollverträge machten eine Abänderung des amtlichen ÄaarenverzetchntsseS nöthig. Die Abänderung et provisorisch erfolgt, I die endgtlttge Feststellung stehe noch aus. Es sei gewiß nicht zuvtel verlangt, wenn ersucht werde, daß wenigstens die wichtigsten Punkte des Verzeichnisses im „Reichsanzeiger" veröffentlicht werden.
Staatssecretär Freiherr v. Maltzahn: Der Bundesrath habe beschlossen, den Reichskanzler um die Ausarbeitung eines neuen amtlichen Waarenverzeichntsses zu ersuchen und' die Regierungen mit eigener Zollverwaltung darüber zu Horen, .^in solcher Entwurf sei - ausgeardettet und werde noch im Laufe dieses oder Anfmtg nächs^en Monats vorgelegt. Die verbündeten Regierungen hasten sich gutachtlich I darüber geäußert. Die vom Interpellanten gewünschte Veröffentlichung der wichtigsten Punkte des Verzeichnisses sei bedenklich, weil über den Begriff „wtchrtgste Punkte" die Meinungen auseinander gingen. Die vollNändige Veröffentlichung stoße aus technische und vielleicht auch verfassungsmäßige Schwierigkeiten. Dte Berathung im Bundesrath soll aber hinausgeschoben und in der Zwischenzeit legitimirten Interessenten die Möglichkeit gegeben werden, den Entwurf einAusehen und sich darüber zu äußern.
Abg. Dr. Broemel verzichtet mit Rücksicht aus die letztere | Erklärung des Staatssecretärtz auf eine Besprechung der Jnter-
Hteraus wird die ersteBerathungder Novelle zum Brannt-
UbbVn (consi)^tritt den gestrigen Ausführungen Wurms entgegen.^ Wurm habe gegen den Kartoffelbau geeifert weil im Osten, wandte Bevölkerung großentheils auf den Kartoffel bau angewiesen sei, die Socialdemokratie keinen Eingang sinde. Was die Vorlage anlange, so sei die Aufrechterhaltung der Steuerd fferenz t>‘econd1t,o sine qua non, unter der seine Freunde unter Umständen der Vorlage »ustimmen könnten. Redner wendet sich dann erngehend unter Bet- brinaung zahlenmäßiger Belege gegen die Eharacteristrung der Steuerdifferenz als eine Liebesgabe für die Brenner.
n Aba Dr. Barth (dir.): Der Ausdruck Liebesgabe sei nur ironisch gemeint; von einem Geschenk sei keine Rede, denn ein Ge- lckienk werde freiwillig gemacht. Freiwillig wurden aber die Steuerzahler den Brennern keine 40 Mark geben, viel weiger 40 Millionen. Es handle sich um eine Contrtbution. Die Millionen wurden
Meßmer Anzeiger
Kmeml-Mzeiger.
Verwehungen gesperrt. ,
Brüssel, 17. Januar. Heute Mittag sand eine Begegnung des Ministers des Innern und acht Arbeitslosen aus Gent statt, welche zu Fuß nach Brüffel gekommen waren. Der Minister erklärte, er werde öffentliche Arbeiten aussühren lassen. 120 Genter Arbeitslose, begleitet von einer großen Zahl Brüsseler Arbeitslosen, begaben sich zum Kammerpräsidenten, um eine Adresse zu überreichen. Am Abend findet ein Meeting der Arbeitslosen im St. Michael- Saale statt. „ , . ~ ...
London, 17. Januar. Der Ausstand der Textil- arbeiter in Lancashire scheint groß zu werden und lange anzudauern. Die Ausständigen leiden furchtbare Ent- behrungen^, £anuar- Die gesammte Presse verur- theilt einstimmig die Ausweisung der Journalisten aus Paris. Die Regierung solle strenger gegen die eigenen Journalisten werden, deren Behauptungen die ausländischen Berichterstatter lediglich wiedergegeben haben. Die Maßregeln seien unwürdig, zumal Frankreich gegen bie Ausweffungen französischer Journalisten aus Italien, Sofia und Belgien auss Heftigste protestirt und dieselben zu verhindern versucht habe.
Halle, 18. Januar. (Privatdepesche.) Die „Hallesche Zeitung" berichtet: Obwohl während der Nacht sieben | weitere Todesfälle in der Irrenanstalt zu Nie Heben vorgekommen, ergab die bakteriologische Untersuchung doch nur Cholera nostras und Brechdurchfall. Die bakteriologische Untersuchung wird fortgesetzt.
Berlin, 16. Januar. In einem „U n s e r e I n s a n t e r i e^ | betitelten Aussätze des „Militär-Wochenbl." wird auf die aus dem ganzen Wesen, der Verwendung und dem außerordentlichen Krästeverbrauch eben dieser Waffengattung im Ernstfälle die Schlußfolgerung gezogen, daß die Infanterie unbedingt | mit viel größeren Schwierigkeiten zu kämpfen hat, um sich im Kriege leistungsfähig zu erhalten, als die anderen Waffen- qattungen. Als das einzige wirksame und durchgreifende Mittel zur Beseitigung jener Schwierigkeiten wird die Schaffung einer Friedensorganisation bezeichnet, welche das ©eilige der Infanterie da, wo es am festesten sein soll, beim Uebergang zur Kriegsformation, möglichst wenig schädige. Im Einzelnen wird die Aufstellung hinreichend starker Cadressormationen schon im Frieden und Erhöhung des Friedensetats verlangt. Nur aus diese Weise sei es möglich, den Linientruppenthetlen ihr festes Gefüge in dem Moment zu sichern, wo das am Nöthigsten ist. Nur auf diese Weise sei es möglich, den Neuformationen der Infanterie den Rahmen zu sichern, den sie brauchen, um von Hause aus als kriegsbrauchbare Truppe auftreten zu können. Jedes andere Mittel werde den gewünschten Effect nicht herbeisühren können, weil die For- mirung neuer Regimenter usw. im Frieden zwar die Gesammt- ......
stärke der Armee erhöht, aber jenen Grundsehler, Lockerung pdlation. der Verbände wegen Fehlens des Friedensrahmens für Neu- I öt< bildungen, nicht werde beseitigen können! Daß in den bezeichneten Richtungen bald und gründlich geholfen werde, sei, namentlich nach dem, was in Rußland und Frankreich zur Erlangung der numerischen Ueberlegenheit geschehen, für unsere Infanterie eine Lebensfrage.
gehalten, daß eine fog. Liebesgabe bestehe, aber er habe zu sagen ver- I Seifen, wo diele Liebesgabe eigentlich stecke. Dieselbe wüßte sich in exorbitanten Gewinnen ausgedrückt haben; solche hätten sich aber selbst I durch sorgsälttgste Ermittelungen nicht feststellenlast«.
Abg. Fürst v.Hatzfeldt-Trachenberg(Rp.). Das 1887er Gesetz habe den großen Brennereien den größten Dortheil gebracht die Landwirthschast habe durch die Contingentirung eher Nachtheil erlitten. Die vier größten Brennereien Deutschlands halten nahezu so viel Kontingent als alle landwirthschastlichen Brennereien zusammen. Ein ad Iwo-Monopol sei z. Z. nicht durchführbar wohl aber werde der Reichstag, wenn die Regierung mUetner Sacnberun^ (teuer herantrete, nicht umhin können, auf die Fabrikatsteuer zuruckzu- kommen. Dieselbe ergebe sich als logische Confequenz, nachdem man beim Zucker zur Fabrikneuer übergeaangen sei. Damit werde den I kleineren und mittleren Brennereien Vie Existenz ermöglicht unb eine zweckmäßige Verwendung der Schlempe gesichert. Allerdings wurde eine Export-Bontsication gewahrt werden müssen.
Abg. Dr. Hoeffel (Rp.) spricht sich gegen eine Erhöhung der Branntweinsteuer aus unb weist auf den Tabak hi« als ein Object, das namentlich in Monopolform eine höhere Steuer leicht tragen könne. Er sehe nicht ein, weshalb das Tabakmonopol nicht auf der Tagesordnung erhalten worden sei, trotz der früheren Ablehnung in diesem Hause Bet der Eommtssionsberathung dieser Vorlage bitte er um wohlwollende Beiücksichtigung der Hausbrenner.
Abg. v. Kardorss (Rp.) widerspricht den Barth schm Aus- fübrunaen. Der Spirituspreis hänge nicht von der Kartoffelernte, sondern der Kartoffelpreis von dem Spirituspreis auf dem Weltmärkte ab. Gegenvoischläge wisse der Freisinn nicht zu machen. Die Fabrikatsteuer würde die landwi'thschastliche Brennerei rutntren. Der Weltmarkt sei für den deutschen Spiritus verloren; die russische Ervortprämte in Verbindung mit der Valutadifferenz verhindere eine Concurrenz mit russischem Spiritus: außerdem productrten i.ht d e früheren Importländer selbst Spiritus unb schützten diese Industrie durch ^ohe (cons.) spricht sich sowohl gegen Fabrikaisteuer
und Monpol als auch gegen die vorliegende Steuern ovelle aus. Wenn sdne Freunde der Mtlttärvorlage zustimmten, so würden sie auch bereit sein, bie erfo, berlicheu Mittel zur Verfügungj ju stellen. Dem bayerischen Herrn Finanzminister sei die Landwlrthtchast des Ostens zu großem Danke ve> pflichtet für die überzeugende Art und Weist, in welcher er die Nothwendtgkeit der Erhaltung der Spannung von 20 Mk. begründete.
Die Vorlage geht an die MMarcommtssion.
Morgen 1 Uhr : Anträge zur Gewerbeordnung.
«»nähme von Anzeigen zu der Nachmittag» für dm folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphische« Eorrespondenz-Bureau.
Petersburg, 17. Januar. Der „Regierungsbote" veröffentlicht die Antwort des Kaisers auf bte Glückwünsche der Stadt Moskau. Darrn heißt es: „Möge Gott unser Gebet erhören, daß dieses Jahr ern solches deS Friedens und Wohlergehens Rußlands werdet
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 17. Januar. Der Vorschlag Bennigsens zur Militärvorlage über die Bewilligung von 40,000 Mann statt 60,000 mehr an Rekrutenaushebung wird in Paria- mentskreisen allgemein als der gangbare Weg zur Verständigung betrachtet. Die Zustimmung der Regierung, sowie die der Reichstagsmehrheit ist hierfür sehr wahrscheinlich.
Berlin, 17. Januar. Die „Nordd. Allg. Ztg. gtebt eine Ausstellung über die Deckung des Mehrbedarfs an Getreide durch Deutschland für 1892, wonach die Em- fuhr aus Rußland in steter großer Abnahme begriffen ist.
I Berlin, 17. Januar. Morgen Mittwoch finden vier von Socialdemokraten einberufene Volksversammlungen aller Arbeitslosen Berlins statt. Die Abgeordneten Bebel, Singer, Dreesbach und Liebknecht sprechen über die Arbetts- losiakeit und die Nothstandsinterpellatton un Reichstage.
Hamburg, 17. Januar. Heute kamen wiederum zwet
I Cholerafälle vor.
I Stuttgart, 17. Januar. Die von den soclaldemokraten veranstaltete Arbeitslosenenquete im Stadtbezirke er-
I gab 2086 Arbeitslose, worunter 935 Verhelrathete und I 1640 Kinder.
München, 17. Januar. Das Richard Wagner- I Ensemble des Bayreuther Festspielhauses veranstaltet unter Frau Cosima Wagners Oberleitung während der Sommer- fericn im hiesigen Hoftheater einen Cyclus von Aufführungen.
I - Triest, 17. Januar. Wegen einer heftigen Bora stockt hier der Handel und Seeverkehr.
| Paris, 17. Januar. Der Panamaprozeß kommt I Ende Februar oder Anfangs März vor die Geschworenen.
I Paris, 17. Januar. Aus ganz Frankreich werden starke Schneestürme gemeldet. Vesoul ist eingeschneit, die Verbindungen damit sind abgeschnitten. Seit gestern Morgen ist dort kein Zug aus Paris eingetroffen. Ebenso ist es mit I Belfort. Die Verbindungen mit der Schweiz und Eisatz- Lothringen haben sich erheblich verzögert Aus der Bahnlin e
I nach Nrrnes ist ein Zug entgleist, die Strecke ist durch Schnee-
— Im belgischen Volke beginnt sich eine ernstliche Belegung zu Gunsten des allgemeinen Stimmrechtes geltend zu machen, welches das Ministerium Beernaert nicht mit in sein Programm für die Verfassungsrevision aufnehmen will. So c um ..... ............... .......
wurde am Sonntag eine Volksabstimmung in der Stadt Alost fleroä6rt als Entgelt für die Sünden ber »renner »on 1^7 unb für
über diese Frage veranstaltet, welche ergab, daß sich von den Rückgang des Exports; aber das Gesetz voni 1887 habe
4500 Bürgern 3000 für das allgemeine Stimmrecht erklärten, u^etfennid)tb0ebrü(tt? bk Preisdttbuna hänge vielmehr
Am gleichen Tage veranstalteten die „Ritter der Arbeit ,tn muVem’Ausfall"be/ftarloffelernte zusammen. Wenn man aber Charleroi eine zahlreich besuchte Versammlung, welche eine behaupte, daß es die Kartoffelpreise gedrückt habe, dann müsse man Taaesordnuna zu Gunsten deS allgemeinen Stimmrechtes logischer Weise auch die Kattoffelbauern entschädigen. Eine solche annahm unb beschloß, dieselbe dem Könige wie dem Parlament ^‘r^2urttbe^ebalknIImrebene Die Vorlage"wolle nichts weiter als zu überreichen. ejnc Erhöhung des Branntweinpreise« für den Eonsum; eine solche
— Die Geschichte, welche in Paris die politischen Spatzen et^ung wollten seine Freunde nicht. Wolle man aus dem Blannt- schon längst von den Dächern pfiffen, daß nämlich sogar der mein mehr ziehen, so ma" die Ltebetzgabe Annahme, russische Botschaster Baron Mohrenheim n Ä er habe s-km AuWhrung l-digUch
den Panama-Scandal verwackelt set, scheint in der That I h^r Allgemeinheit gemacht. Dr. Barth habe daran sest-
wahr zu sein. Aus Paris wird osficiös gemeldet, daß Baron • - ■ r - *«• n«s
Mohrenheim im nächsten Monat einen Urlaub antrete, von bent er aber nicht mehr auf seinen Pariser Posten zurück- | kehren werde, weil sich das diplomatische Corps wegen ber über ben jetzigen russischen Botschafter in Paris umlaufenben Gerüchte sehr zurückhaltend gegen denselben zeige. Die also kaum mehr zu bezweifelnde Abberufung Baron Mohrenheims wird von den Franzosen sicherlich sehr schmerzlich empfunden werden, denn er har sich unstreitig große Verdienste um die intime Annäherung zwischen Frankreich und Rußland erworben, auch galt er als ein entschiedener Befürworter eines festen Bündnisses beider Mächte. Unb tiefen Mann müssen bie Franzosen wegen seiner Verwickelung in die Panama-Affaire demnächst scheiden sehen — das ist bitter! Vermuthlich wird die Wahrnehmung, daß ber Panama-Scanbai seine häßlichen Schatten sogar auf bie französisch-russische Freunbschaft wirft, bte in ben weitesten Kreisen ber französischen Nation burch den Panama-Lärm hervorgerufene Verstimmung unb Beunruhigung nur noch vermehren unb wer weiß, welche Opfer noch ferner ber grollende See verlangt! Namentlich scheint jetzt auch bie Stellung des Präsidenten Carnot ernstlich erschüttert zu sein, die Angriffe auf das Staatsoberhaupt wollen kein Ende nehmen unb Herr Carnot besitzt schwerlich Zähig-


