Ausgabe 
18.5.1893 Erstes Blatt
 
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Rr. 115 Erstes Blatt.Donnerstag den 18. Mai 1893

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Gießener Anzeiger

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Seralprecher 61.

A»nts- uitb Anzeigeblatt für den "Kreis Gietzen.

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Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Ettingshausen.

Nachdem seit dem Erlöschen der Maul- und Klauenseuche bis jetzt in der Gemarkung Ettingshausen Seuchenfälle nicht mehr aufgetreten sind, haben wir der Großh. Bürgermeisterei Ettingshausen die Erlaubniß zur Ausstellung von Gesund­heitsscheinen für Rindvieh, Schafe, Ziegen und Schweine, die von Händlern ausgeführt werden, wieder ertheilt. In­soweit die bezeichneten Thiere von anderen Personen ausge- führt werden, bedarf es der Ausstellung von Gesundheits­scheinen nicht. Die zur Zeit bestehende Bestimmung, wonach bei dem Besuch von Märkten thierärztliches Zeugniß noth- wendig ist, wird hierdurch nicht geändert.

Gießen, den 16. Mai 1893.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________v. Gagern.___________________

Gießen, den 16. Mai 1893. Betr.: Die ReichstagSwahlen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien deS Kreises.

Im Verfolg unserer Verfügungen vom 9. und 15. d. M. Anzeiger Nr. 109 und 113 ertheilen wir Ihnen in Betreff der Vornahme der rubricirten Wahlen weiter nach­stehende Weisungen.

Die Entscheidung über die Einsprachen gegen die Nich­tigkeit und Vollständigkeit der Wählerlisten, welch' letztere, wie bereits verfügt, unfehlbar vom 18. bis 25. l. M., beide Tage einschließlich, nach vorausgegangener ortsüblicher Bekanntmachung offen zu legen sind, hat, sofern die Erinne­rung nicht sofort von Ihnen als begründet erkannt wird, nach Maßgabe des Art. 48 II pos. 6 des Gesetzes vom 12. Juni 1874 (Neg.-Bl. Nr. 29, S. 268) durch den Kreis Ausschuß zu erfolgen. Diese Entscheidung muß spätestens den 7. Juni L I Abends ertheilt und durch Ihre Vermittelung dem Betheiligten bekannt gemacht sein. Bei den Berichtigungen der Wählerlisten sind die

Gründe etwaiger Streichungen oder Nachträge am Rande der Liste unter Angabe des Datums der Berichtigung von Ihnen kurz zu vermerken.

Nach Ablauf der für die Offenlegung der Wählerlisten und zugleich für Neclamationen gegen diese festgesetzten Frist werden Sie, sofern die etwaigen Erinnerungen nicht von Ihnen durch Berichtigung der Wählerlisten erledigt worden sind, die Acten unverzüglich mit Begleitbericht an uns einsenden. Anderenfalls sehen wir bis Montag den 29. Mai unsehlbar Ihrem Berichte darüber entgegen, daß die Wählerlisten nach vorausgegangener ortsüblicher Be­kanntmachung am 15. und 16. l. M. von Donnerstag den 18. Mai bis Donnerstag den 25. Mai l. I., beide Tage einschließlich, offen gelegen haben und daß Erinnerungen gegen die Richtigkeit und Vollständigkeit der Listen nicht erhoben, bezw. von Ihnen erledigt worden sind.

Wegen der weiter vorzunehmenden Schritte werden wir demnächst verfügen. Schließlich sprechen wir die bestimmte Erwartung aus, daß Sie unsere Anordnungen auf das pünkt­lichste besorgen.

___________________v. Gagern.

Gießen, den 16. Mai 1893. Betr.: Ausführung der allgemeinen Bauordnung.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der Land­gemeinden des Kreises.

Wir sehen binnen 4 Wochen der Einsendung der aus dem Jahre 1892 noch rückständigen Revisionsberichte entgegen. Falls ein durch Baubescheid vom Jahr 1892 genehmigtes S3uuwcfcn nicht zur Ausführung gekommen ist, wollen Sie dies berichtlich anzeigen.

___________________v. Gagern.__

Bekanntmachung,

betreffend Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach.

In der Zeit vom IO. bis einschließlich 23. Mai d. I. in den Stunden von Vormittags 912 Uhr und von Nachmittags 25 Uhr liegen auf dem Rathhaus zu Steinbach die Arbeiten des ersten Hauptabschnitts des

I. und III. Bereinignngsbezirks (Felder zwischen der Staatsstraße nach Lich und der Kreisstraße nach Garbenteich, sowie zwischen dem alten Anneroder Weg und der Staats­straße nach Lich) nämlich: die allgemeinen Meliora­tionspläne mit Erläuterungsberichten nebst den dazu er­gangenen Beschlüffen der Vollzugscommission und den Proto­collen über die Prüfung dieser Arbeiten zu Jedermanns Ein­sicht offen.

Termin zur Entgegennahme von Einwendungen gegen diese Arbeiten habe ich auf Mittwoch den 24. Mai l. I., Nachmittags von 35 Uhr in das Rath- hans zu Steinbach anberaumt. Die in diesem Termin nicht Erscheinenden sind mit Einwendungen ausgeschloffen.

Gießen, den 6. Mai 1893.

Der Vollzugscommiffär: Nebel, Amtmann.

Deutsches Reich.

Berlin, 16. Mai. Immer höher steigen die Wogen der Wahlbewegung, nur die Pfingstfeier dürfte wohl eine kurze Unterbrechung des Wahlgetriebes bringen. Besonders zahlreiche Wahlversammlungen in den verschiedensten Gegenden des Reiches hat der vergangene Sonntag gezeitigt. Von ihnen ist die in Oldenburg stattgefundene Versammlung der Vertrauensmänner der freisinnigen Partei des ersten olden- burgischen Wahlkreises von besonderem Interesse gewesen, denn die versammelten Vertrauensmänner haben einstimmig beschlossen, den bisherigen Vertreter des Wahlkreises, Major a. D. Hinze, wiederum als ihren Candidaten auszustellen. Herr Hinze steht bekanntlich auf dem Boden des Huene'schen Compromißvorschlages in der Militärfrage; die Wieder­aufstellung seiner Candidatur durch die freisinnige Wähler­schaft Oldenburgs bedeutet demnach, daß die letztere das Verhalten ihres bisherigen Vertreters vollkommen billigt.

Der Bund der Landwirthe ist nun ebenfalls offiziell in die Wahlbewegung eingetreten durch einen von ihm erlassenen Wahlaufruf. Derselbe weist auf die bekannten Forderungen des Bundes hin und fordert dann zur Bildung einer wirthschaftlichen Vereinigung auf, welche für eine nach­haltige Hebung des landwirthschastlichen Gewerbes einzutreten

Feuilleton.

Passtie.

Novellette von John Paulsen.

Autorisirte Uebersetzung von Ernst Brausewetter.

(Fortsetzung.)

Sie brach plötzlich in Weinen aus und rang ihre Hände r»hne alles Theater - Pathos. Sie fühlte sich wie eine Königin gedemüthigt, der man brutal das Scepter aus den Händen reißt.

War nicht ihre Seele gleich feurig, ihr Gang gleich leicht, besaß nicht ihre Stimme noch all ihren berühmten Silberklang? Bezauberte nicht die Ristori noch mit sechzig Jahren? Und sie war doch nur 40 Jahre, also in ihrem besten Alters (46 sagte zwar ihr Taufschein, aber was be­deutete ein Jahr mehr oder weniger?)

Sie wüthete den ganzen Tag, sie schloß sich ein und wollte nicht ihre Bekannten sehen. Am nächsten Morgen schrieb sie an den Intendanten und drohte ihm, ihre Entlassung nachzusuchen, wenn man ihr die besten Rollenstahl". Sie wollte das Gretchen spielen.

Sie wartete und wartete. Keine Antwort. Der In­tendant antwortete auf ihre Drohung nicht einmal, so thöricht und ungefährlich kam sie ihm vor. Sie verlor ja das Recht auf Pension, wenn sie nun vom Theater sortging und er wußte, daß diese Rücksicht sie fest genug an daffelbe band. Dann veranlaßte sie einige junge Journalisten, in den Zeitungen hervorzuheben, welchblutige Ungerechtigkeit" die Direction ihr durch diese Rollenänderung angethan hatte ober auch das war umsonst.

Der Tag der Vorstellung mit der jungen Debütantin ols Gretchen kam. Dieser schreckliche Abend! Sollte sie zu Hause bleiben oder sollte sie dorthin gehen und Zeugin lein des Sieges ihrer Rivalin? Nein, sie hielt es zu Hause nicht aus! Ja, sie mußte das Theater besuchen. Diese Qual, diese Ungewißheit war unerträglich. Wer weiß, «S konnte vielleicht bester gehen, als sie dachte! Sie wurde vielleicht Zeugin einer Niederlage, mit Pfeifen und Trampeln, statt deS Triumphes und der Hervorrufe.

Sie sandte das Dienstmädchen, ein Billet für die Gallerie

zu kaufen, wo sie unerkannt sitzen konnte. In die Schau­spieler-Loge wollte sie um alles in der Welt nicht. Sie würde dort nur falsches Mitleid und schadenfrohes Bedauern in den Gesichtern ihrer Colleginnen zu sehen bekommen. Ah, sie kannte sie ja alle so gut! Sie beneideten sie.

Sie nahm einen alten wattirten Mantel um, eine un­kleidsame Kaputze statt des runden Federbaretts, welches sie sonst zu tragen pflegte, und verbarg das Gesicht unter einem dichten schwarzen Schleier. In dieser Verkleidung würde sie Niemand wiedererkennen.

Sie ließ ihr Dienstmädchen zu Hause und ging allein. Der Weg war nur kurz- aber sie scheute die Hauptstraßen mit ihren Spaziergängern und strahlenden Gaslaternen, sie wählte einen Seitenweg längs dem Wasser. Hier war es einsam, hie und da ein paar dünne Bäume mit welkem Laub. Die Erde war feucht und aufgeweicht nach dem Regen.

Eine alte Frau bat sie um eine kleine Gabe. Sie gab ihr, ohne sich zu bedenken, all ihr kleines Geld. Die Alte ging mit tausend Segenswünschen davon. Die Tragödin wurde über ihre eigene Güte gerührt und betete zum Himmel, die andere möchte heute Abend Fiasko machen.Das Pub­likum kann mich ja nicht entbehren." Aber gleich darauf fand sie ihr Gebet gotteslästerlich. Sie entsann sich, als sie selbst das erstemal auftreten sollte, mit welcher Angst und welchem Beben sie es gethan hatte, wie freundlich alle Menschen gegen sie gewesen, wie alle Freundinnen um sie besorgt waren, und dann wurde ihr plötzlich weich ums Herz. Sie wurde fast gerührt über die junge Debütantin, welche heute Abend denselben entsetzlichen Kampf mit dem Publikum bestehen sollte, dessen Launen so unberechenbar sind, welches den eingi Augenblick liebkost, um im nächsten zu strafen.

Aber warum will sie mich jetzt schon beim Publikum ausstechen? Sie ist ja jung, erst zwanzig Jahre. Sie hätte noch warten können."

Das Haus war voll, das Publikum in der festlichen Stimmung, welche ein Debüt, ein Benefiz oder ein neues Stück eines beliebten Dichters in der Regel hervorruft.

Sie kam mitten im zweiten Act und hatte einen Platz auf der Gallerie zwischen einer alten dicken Hökersstau und einem aufgeschossenen Gymnasiasten mit dünnem blondem Haar und blauer Brille.

Es war deutlich zu bemerken, daß die junge Debütantin sich bereits beim Publikum in Gunst gesetzt hatte. Man applaudirte kräftig und bisweilen ertönte dieses gedämpfte, bewundernde Flüstern, diese langen, von der Spannung zurückgehaltenen Athemzüge, welche der Schauspieler so gut kennt und die ihn mehr ergreifen als der lauteste Beifall vielleicht weil diese Huldigung in ihrem Schweigen so un­freiwillig ist.

Unsere Tragödin fuhr bei jedem Händeklatschen zusammen. Jeder Applaus riß gleichsam ein Blatt aus ihrem Ehren­kranz und fügte dem der anderen neue Lorbeeren hinzu. Sie kam sich seltsam gedemüthigt vor und zog unwillkürlich wieder den Schleier vor das Gesicht.

Die Hökersstau sah sie verwundert an.

Und mitten in ihre Bitterkeit mischte sich Plötzlich eine wunderliche Wehmuth, indem sie die junge, schöne Rivalin betrachtete, welcher das Fieber, die Spannung des Debüts, die Freude über die Huldigung des Publikums gleichsam eine höhere Schönheit verlieh, etwas Verklärtes, strahlend Jnspirirtes.

Ja, nun strahlst Du," dachte sie,aber all diese Jugend wird verschwinden, die Schönheit auch! Und auch Dir wird die Zeit einmal ihr unerbittliches Pastee in die Ohren flüstern.

Wieder war ein Act vorüber. Man vernahm vom Parquet und den Logen dieses Summen und Brummen, welches an die Brandung des fernen Meeres erinnert.

Ob einer, ein einziger in diesem großen Saale war, welcher bisher ost ihre Bewunderer nicht zu fassen vermocht hatte, der heute Abend ihrer gedachte, sie gar vermißte?

Oder war sie ganz vergessen?

Ihre Nachbarin, die Hökersfrau, holte ihre Zwischenacts- fourage hervor. Dieselbe bestand aus kleinen Kuchen und Bonbons. Sie war so höflich, ihre Nachbarin zu bitten, auch zuzulangen, was diese mit einem kurzenNein danke," ablehnte, worüber die gute Hökersstau nicht wenig empört war. Der Gymnasiast mit der blauen Brille holte aus seiner Hintertasche einen großen Apfel hervor und nagte sentimental daran.

(Schluß folgt.)