Nr. 37 Erstes Blatt. Sonntag den 12. Februar
1893
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Amtlicher Theil.
Gefunden: 1 Steigleiter, 2 Peitschen, 1 Pantoffel, 1 Paar Strümpfe, 1 Strickzeug, 1 Taschentuch, 1 Notizbuch, 1 Contobuch, 1 Muff, 1 Kinderbandschuh und 1 Theil einer Laterne.
Gießen, den 11. Februar 1893.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Deutscher Reichstag.
41. Sitzung. Freitag, 10. Februar 1893.
Die Berathung des Etats des Innern wird fortgesetzt.
Abg. Möller (Nl.) bringt die Beschwerden zur Sprache, welche im Vanbe gegen die Handhabung der Bestimmungen über dt eSonntags- ruhe tmtzandelsgewerbe laut geworden sind. Er wolle keineAenderung der letzten Novelle zur Gewerbeordnung; seine Beschwerden richteten sich namentlich gegen die schematische Ausführung der Bestimmungen in Preußen. Hier seien allerdings Erhebungen darüber veranlaßt, nach welcher Richtung hin Abhülfe geschehen könne- In erster Linie seien die Tabak- und Ctgarrenhändler geschädigt worden. Nach einer ihm vorliegenden Statistik aus allen Thetlen des Landes sind die Einnahmen dieser Leute an Sonntagen um 46% zurückgegangen. Dem stehe eine Mehretnnahme von %% an den Sonnabenden gegenüber1, während die Montage wieder einen Etnnahmeausfall von 2% aufweisen. Dieser letztere Ausfall öon2% dürste etwa dem wirthschaftlichen Rückgänge entsprechen. Die Stunden sollten für diese Geschäfte anders gelegt werden, Nachmittags etwa von 12-1 und 3—5 Uhr. Besonders für die Peripherie und die Vororte großer Städte wären diese Stunden erwünscht. Die Möglichkeit, die nothwendigsten Nahrungsmittel zu kaufen, sollte offen gelassen werden; so, wie es jetzt gehandhabt werde, befördere man nur das Kneipleben. In Bayern sei die Sache besser geregelt, wenn man hier auch theilweise über das Ziel hinausgeschossen sein mag. Erleichterungen seien auch hinsichtlich des Verkaufs frischer Blumen und solcher Artikel, die in Krankheitsfällen gebraucht werden, geboten.
Abg. Bebel (Soc.): Eine einheitliche Ausführung der Gewerbeordnung sei nur zu erzielen, wenn sie zur Reichssache gemacht werde. Bedauerlich sei, daß die Ausführungsbestimmungen für die Sonntagsruhe in Industrie und Handwerk noch immer nicht fertig seien. An Material fehle es nicht und man hätte die Fabrikinspectoren zu Eonferenzen darüber zusammenberufen können. Wäre die Sache nicht so verschleppt worden, so könnten die Arbeiter der meisten Betriebe schon seit 1% Jahren ihre Sonntagsruhe haben. Mit den von Möller gewünschten Erleichterungen werde die Sonntagsruhe durchlöchert. Man könne sich ganz gut für den Sonntag Abend schon bis Nachmittags 2 Uhr mit Lebensmitteln versorgen. Es liege gar kein Grund zu dem Erlaß des preußischen Handelsministers vor, durch welchen Erleichterungen angebahnt werden sollen. Man möge die Fabriken, wie in England, schon Sonnabend-Nachmittags 3 Uhr schließen, wenn man befürchte, daß die Arbeiter wegen der Sonntagsruhe ihre Einkäufe nicht besorgen können. Die angeführte Einbuße bei den Cigarrengeschästen sei zum Theil durch die wirthschastliche Lage verschuldet. Auch die Montagsarbeit sei zu regeln. Die Berliner Eigarrenhändler machten ihre Geschäfte in Der Nacht zum Montag Schlag 12 Uhr auf. Dem Gesetz würde es nicht widersprechen, wenn den Gastwirthen der Verkauf von Cigarren während der Zett der Sonntagsruhe verboten würde. Gleichmäßige Regelung der Sonntagsruhe, vielleicht von 3 Uhr an, sei wichtiger als Jndlvidualtstrung. Mit der Zeit würden die Härten des Uebergangsstadtums schon schwinden. Redner führte dann Beschwerde darüber, daß die Arbeitsordnungen der preußischen Eisenbahnwerkstätten Bestimmungen enthielten, die mit den Gesetzen nicht im Einklang ständen. So würden Führungsatteste verlangt, es werde gefordert, daß die Arbeiter sich von „ordnungsfeindlichen Bevrebungen" fern hielten und dergl. Das richte sich gegen die Socialdemokraten, die doch auch wie jeder Andere dienen mußten, ihre Steuern zahlten rc., also eben so gut ein Recht batten zu leben und zu arbeiten. Bei den Militärwerkstätten werde in gleicher Weise verfahren. Wie stehe es mit der Annahme von Arbeitern über 40 Jahren in Staatsbetrieben? Endlich beschwert sich Redner darüber, daß der Bürgermeister von Frankfurt an der Spitze eines Kreises von Unternehmern stehe und dieser socialdemokratische Arbeiter als solche benuncire.
Preuß. Hanbelsminister o. Berlepsch weist bie Erörterung rein preußischer mit ber Gewerbeorbnung nicht in Verbindung stehender Angelegenheiten zurück. Der Gewerbeordnung widerspreche es nicht, wenn ein Arbeitgeber die Bedingungen normtre, unter denen er einen Arbeiter annehmen will. Das sei eben feine Sache. Don einer Verschleppung der Einführung der Sonntagsruhe für Industrie und Handwerk sei keine Rede, ebenso wenig davon, daß seitens der Großindustrie nach dieser Richtung eine Beeinflussung versucht worden sei. Die Verzögerung liege an der Ueberlastung des Reichsamts des Innern. Der ihm gemachte Vorwurf zu großer Schadlonistrung sei unbegründet; den Communen sei die Feststellung der Stunden durch ortsstatutartsche Regelung überlassen worden. Die Klagen gingen übrigens nicht von den Consumenten aus. Mit der Gewährung von Ausnahmen müsse man vorsichtig sein, um nicht mit der einen Hand zu nehmen, was mit der anderen gegeben worden. Eine längere Übergangszeit sei nöthig, damit sich die Neuerung einlebe. Die erlassenen Ausführungsbestimmungen bezweckten lediglich, den Handlungsgehilfen nach den Intentionen des Reichstags die Sonntagsruhe auch wirklich zu sichern. Fünf Stunden Verkaufszeit an Sonntagen sei genug, das Publikum müsse sich nur danach einrichten. Er werbe nur in ben allernothwendtgsten Be- -ürfnißfällcn Ausnahmen zulassen.
Bayer. Bunbesbevollmächtigler Geh. Rath Lanbmann ver- theibigt bie Ausführung bes Gesetzes in Bayern. Hier seien Anfangs bie meisten Beschwerben laut geworben; nachdem bie Vorschriften gemilbert worben, habe sich bie Stimmung beruhigt.
Abg. Hitze ((Str.): Unsere Arbeitsschutzgesetzgebung könne doch
nicht so schlecht sein, wie sie bie Socialbemokraten sonst immer hinstellten, denn sonst würben sie nicht einer Ausbehnung bas Wort reben. Die Ausführungsbestimmungen bes preußischen Hanbels- ministers gingen über bas Gesetz hinaus, inbem sie ben Geschäftsverkehr nach 3 Uhr Nachmittags ausschloffen. Im Allgemeinen herrsche über bie Sonntagsruhe volle Befriedigung.
Abg. Stöcker (conf.) wünscht zwar nicht, baß im Allgemeinen bei Annahme von Arbeitern im Staatsbetriebe auf politische Gesinnung gesehen werbe, billigt es aber, baß bie Regierung in ihren Betrieben Arbeiter nicht beschäftigen wolle, bie für bie Socialbemo- kratie agitatorisch thätig seien. Mit ber Regelung ber Sonntagsruhe in Preußen sei im Allgemeinen bas Richtige getroffen. Für energische Wahrung ber Sonntagsruhe müsse um so mehr gesorgt werben, als viele christliche Hanblungsgehülfen in Mischen Geschäften angestellt seien. Die burch bie Gastwirthschaften ben Nahrungsmittel- unb Cigarrenhänblern gemachte Concurrenz könnte ba- durch beschränkt werden, daß die Gastwirthschaften Vormittags geschlossen würden. Dadurch erhielten auch die Kellner die Möglichkeit den Gottesdienst zu besuchen.
Abg. Vollmer (Frs.): Die Klagen über die Handhabung der Sonntagsruhe werden abnehmen, je länger die Interessenten Gelegenheit haben, sich zu accomobtren unb je weniger sich bie Be- hörben bet der Durchführung auf einen zu starren Formalismus versteifen. Manche Befchwerben würben schwinben, wenn bieKirchen- behörben nicht, wie in Berlin, bas Zustanbekommen eines Ortsstatuts verhinberten.
Abg. Bebel (Soc.) bleibt habet, baß bie von ihm angezogenen Arbeitsorbnungen ungesetzliche Bestimmungen enthielten. Durch solche Besttmmuugen werbe bie Soctalbemokratie gar nicht gesckäbtgt, man veranlasse höchstens bie Arbeiter zur Heuchelei. Ohne Social- bemotraten komme man heute nicht aus. Rebner bittet schließlich ben Staatssekretär, bem nächsten Reichstage eine Zusammenstellung ber in ben verschobenen Bundesstaaten auf Grund bes § 105e ber G.-O. erlassenen Verorbnungen zugehen zu lassen.
Staatssecretär v. Bötticher sagt dies zu.
Wetterberathung morgen 1 Uhr.
Deutsches Reich.
Berlin, 10. Februar. Der Kaiser betheiligte sich am Donnerstag an der Mittagstafel des Offiziercorps des ersten Garderegiments z. F. in Potsdam. Bereits seit Jahren verbringt der hohe Herr am 9. Februar einige Stunden im Kreise der Offiziere des genannten Regiments, in Erinnerung daran, daß er an jenem Tage als junger Prinz von Kaiser Wilhelm I. in das erste Garde- Regiment z. F. eingestellt wurde. Der bisherige Commandeur des letzteren, Oberst von Natzmer, wurde vom Kaiser zum Commandanten von Berlin ernannt, an Stelle Natzmers erhielt Flügeladjutant Oberst v. Kessel die Führung des ersten Garderegiments.
rreueste Nachvichtes».
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 10. Februar. Die Budget-Commission des Reichstages setzte die Berathung des Militäretats fort und bewilligte für das Generalcommando-Dienstwohnungs- Gebäude in Danzig statt der geforderten 60,000 Mk. als erste Rate nur 54,000 Mk. für die Einebnungskosten. Die für den Neubau eines Beamtenhauses auf dem Remontedepot Neuhof-Ragnit geforderten 35,000 Mk. wurden gestrichen. Die übrigen Positionen der einmaligen Ausgaben des ordentlichen Militäretats, darunter solche für einen Truppenübungs- platz des Gardecorps und für die Errichtung eines Lagers und Truppenübungsplatzes des 8. Armeecorps, sowie für die Errichtung von Baracken geforderten 5 Millionen, bezw. 2,350,000 Mk., wurden genehmigt.
Bremen, 10. Februar. Indem Trinkspruch, welchen Prinz Heinrich von Preußen bei der heutigen Schaffermahlzeit ausbrachte, heißt es unter Anderem, es seien nicht allein die Handelsinteressen, welche Bremen groß machten, sondern es sei die Bedeutung des Staates Bremen im Deutschen Reiche. Man sei sich voll bewußt, daß Bremen es verstanden habe, den großen deutschen Gedanken nicht nur hier, sondern auch im Auslande groß zu ziehen. Prinz Heinrich schloß: „Jungdeutschland ist vorn Fels zum Meer und über das Meer hinaus geflogen mit Hilfe der Bemühungen seiner seefahrenden Staaten. Freie Hansastadt Bremen, fahre hinaus, sende Deine Schiffe übers Meer und verkünde Allen, welche es noch nicht wissen sollten, daß hinter Dir der Fels des Deutschen Reiches steht, und sei zukünftig, was Du bisher warst: Der Wahrer und Berpflanzer des großen Deutschen Reiches, der Förderer der großen deutschen Interessen und Ideen. In diesem Sinne leere ich das Glas auf das Wohl Bremens !"
Paris, 10. Februar. Die landwirthschaftliche Gesellschaft von Frankreich gab einstimmig dem Wunsche Ausdruck, daß im Zolltarif auf Vieh die Zollbestimmungen Über geschlachtete Hümmel aufrechterhalten würden.
Paris, 10. Februar. Die Morgenblätter finden die Strafen gegen die Panama-Administratoren
sehr hart, besonders gegen Lesseps. Der „Figaro" verlangt dessen Begnadigung. — Der „Figaro" veröffentlicht die Anklageschrift im Panama-Bestechungsprozeß- dieselbe enthält nichts tharsächlich Neues.
Petersburg, 10. Februar. Die heutige Nummer der Gesetzsammlung enthält den kaiserlichen Befehl zur Umbenennung der Städte Dorpat und Duenaburg in Jurjew bezw. Dwinsk.
Konstantinopel, 10. Februar. Gestern Abend 81/« Uhr wurde hier ein starkes, 30 Secunden anhaltendes Erdbeben verspürt, welches sich in der Richtung von Westen nach Osten bewegte.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 10. Februar. Die „Börsenzeitung" meldet aus zuverlässiger Quelle, die Verhandlungen über den russisch- deutschen Handelsvertrag seien beendigt- der Vertrag sei so gut wie abgeschlossen; dagegen meldet die „Nationalzeitung", der Vertrag sei noch nicht abgeschlossen. In den nächsten Tagen erfolge erst eine endgiltige Formulirung der deutschen Vorschläge.
Berlin, 10. Februar. Die „Nationalztg." führt gegenüber der Meldung colonialfreundlicher Reichstagskreise, die beabsichtigte Vermehrung des Etats für Ostafrika um eine Million zu beantragen, aus, es handle sich um den Versuch einzelner Colonialfreunde, welche von anderen nicht gebilligt werden. Der Erfolg sei zweifelhaft.
Berlin, 11. Februar. Dem „Berl. Fbl." wird aus Graudenz gemeldet, russische Schiffe hätten in Ragnit die schwarzen Pocken eingeschleppt- es seien bereits mehrere Todesfälle vorgekommen.
Würzburg, 10. Februar. Das „Landwirthschaftliche Kränzchen" faßte auf Veranlassung des bekannten Agrariers v. Thüngen-Roßbach eine in den stärksten Ausdrücken abgefaßte Resolution, welche sich gegen den russischen Handelsvertrag richtet und ihn als Ruin der Landwirthschaft bezeichnet.
Nürnberg, 10. Februar. Die durch starke Schneeverwehungen gesperrte Eisenbahnstrecke Hof-Leipzig ist wieder frei.
Paris, 10. Februar. Eiffel und Cottu erklärten, sie würden gegen das Unheil des Appellhofs Berufung einlegen, sich aber sogleich zum Antritt der Haftstrafe stellen.
Petersburg, 10. Februar. Der Getreideverkehr ist constant schwach. Im Januar wurden 907 700 Hectoliter Weizen gegen 1360 680 im Vorjahre, 182 700 Hectoliter Roggen gegen 509 240 und 581 160 Hectoliter Hafer gegen 1 351400 in das Ausland exportirt- ein solch geringer Export war feit Jahren nicht da, trotzdem der Vorrath ganz bedeutend ist.
Locales unb provinzielles.
Gießen, den 11. Februar 1893.
— Neues Theater. Die ausgezeichnete Posse „Einer von unsere Leut", welche Herr William Büller zu seiner letzten und Abschieds-Gastrolle gewählt hat, ist als ein ausgesucht glücklicher Griff zu nennen. Es liegen uns mehrere Berichte auswärtiger Zeitungen vor, welche nicht des Lobes genug über den vorzüglichen Isaac Stern singen kännen. Die Paffe selbst ist ein echtes Berliner Kind. Heber den Isaac Stern des Herrn Büller schreibt die Königsberger Hartungsche Zeitung Folgendes: Der Isaac Stern des Herrn Büller war in jedem Wort, in jeder Geste von erschütternder Komik, die unwillkürliche Burleske in Person, und doch ein völlig ernst zu nehmender Mensch, an dessen Wahrheit und Wirklichkeit man keinen Augenblick zu zweifeln brauchte. Die Sicherheit, mit welcher der Darsteller dem kleinen Mann aus dem jüdischen Proletariat all seine grotesken Eigenheiten in Idiom, Geberde und Lebensart ließ und ihn doch nirgend zum Popanz des johlenden Jahrmarktsjubels herabsinken ließ, bewies eine künstlerische Empfindung, wie man sie bei Komikern nicht alle Tage findet. Der Erfolg, welchen die auch im Vortrage der Couplets trefflich gelungene Leistung erzielte, war so stark und allgemein, daß eine Wiederholung gewiß erwünscht sein würde, zumal das Publikum sich für die heiteren Genüsse, die Herr Büller ihm bereitet, von Mal zu Mal intensiver zu erwärmen und zu intereffiren beginnt — wie bei hiesigen Gastspielen so oft, gerade noch vor Thoresschluß, wenn es beinahe schon zu spät ist. Möge der Direction, welche gewiß weder Mühe noch Kosten scheut, hier in Gießen das Beste bieten und bringen zu können, ein ausverkauftes Haus als Dank für den ausgezeichneten Genuß, welchen sie uns durch das Gastspiel des Herrn Büller bereitet hat, zu Theil werden. Herrn Büller aber rufen wir zu: Auf Wiedersehen!


