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1893
Sonntag dm 11. Juni
Zweites Blatt
Nr. 135
Gießener Anzeiger
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Amtliche»- Theil
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wie im letzten weinend über uns Familien Monate lang erhielten zwei
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Ueber die Grenzen der Coneurrenz des nordamerikanischen Getreidebaues gegenüber dem europäischen.
oft geradezu unverkäuflich oder bringt einen Preissturz mit sich, der dem amerikanischen Farmer keinen Cent Gewinn läßt. Man kann sich dies schon daraus berechnen, wenn man bedenkt, daß amerikanischer Weizen und Roggen in Amerika selbst von den Farmern des Westens um 20 bis 25 pCt. billiger verkauft wird, als er in Newyork gehandelt wird. In amerikanischen landwirthschaftlichen Kreisen ist deshalb auch gegenwärtig eine starke Neigung vorhanden, den Weizenbau einzuschränken, weil er nicht genug lohne, und wollen die Farmer lieber mehr Mais und Hafer bauen und ihre Viehzucht vermehren. Bei der raschen Bevölkerungszunahme in Nordamerika und der dadurch hervorgerusenen Preissteigerung des Grundes und Bodens wird aber auch eine der Hauptbedingungen der billigen amerikanischen Getreideproduction bald verschwinden und die Körnererzeugung wird sich in normaleren Verhältnissen und zu normaleren Preisen vielleicht eher vollziehen, als man in den Kreisen deutscher Landwirthe denkt.
Kälte ohne Ueberziehek, mit zerrissenen Stiefeln, fast auf Strümpfen früh und spät umherliefen, um Zeitungen auszutragen. In einer anderen Familie waren es drei Lehrlinge, die mit dem Bischen, was ihnen der Meister gab, alle ihre Angehörigen, 14 Köpfe, ernähren mußten. Es war in der Thal ein furchtbarer Jammer, der über Tausenden lag. Fast noch schlimmer als die Nahrungslosigkeit hat die große
Einer von unseren Brüdern berichtet, noch nie, Winter habe er weinende Männer gesehen, ihre Brot- und Arbeitslosigkeit. Dabei sind
Gießen, den 6. Juni 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
HauSrath - sechs Stühle war alles. Fünf davon sind im Laufe des Winters in den Ofen gewandert- die Leute hatten kein Holz, um zu Heizen. In einem elenden Stübchen fand der Stadtmissionär eine richtige Eisbahn. Daö kleine Kind hatte aus Versehen den Eimer umgeworfen. Bei der grausigen Kälte war das Wasser gefroren, und die Leute hatten nicht so viel Holz, um heißes Wasser zu machen und das EiS aufzuthauen. — Woher kommt eigentlich solche Noth der Arbeitslosigkeit in unserem aufstrebenden Reick, in der betriebsamen und fleißigen Millionenstadt Berlin? Zum großen Theil durch die Thorheit der Menschen. ES ist, als ob die großen Städte eine magnetische Kraft an sich hätten, welche die Leute aus den Provinzen, wo sie es oft so gut haben, unwiderstehlich anzieht. Da kommen sie aufs Ungewisse in den Irrgarten unserer Residenz, und manchmal nach wenigen Wochen oder Monaten sind sie nicht bloß enttäuscht, sondern zu Grunde gerichtet. — Bleibe auf dem Lande und nähre dich redlich! Das ist der beste Rath, den man Großstadtluftbegierigen geben kann.
* Professor Koch gegen die Flußwafferleitungen. Professor Koch bespricht in einer neuen Veröffentlichung die Wirkungen der Wasser filtration in Bezug auf die Cholera und weist nach, daß der Unterschied der Wasserversorgung allein den günstigeren Verlauf der Cholera in Altona und Wands- deck im Vergleiche mit Hamburg bedingt hat. Doch sei weniger der Sand, als die darüber sich aus den Wasser- Niederschlägen bildende feine Schlammschichte der eigentlich die Bakterien fernhaltende Theil des Sandfilters. Diese Schichte unverletzt zu erhalten, müsse die Hauptaufgabe der Wasser- techniker sein. Auch die Cholera in Nietleben bei Halle sei auf die fehlerhafte Wasserfiltrirung zurückzuführen. Im Ganzen erachtet Koch durch die vorjährige Epidemie den Beweis für den Bankerott der Bodentheorie erbracht. Trotz der Empfehlung der Sandfiltration befürwortet aber Koch doch, allmälig überall von den Flußwasserleitungen zu den Grundwasserleitungen überzugehen.
* Brieftauben auf hoher See. Die englische Admiralität geht nach einer Mittheilung des Fachblattes „Geflügelbörse" mit dem Plane um, den Kriegsschiffen Brieftauben zum Depeschendienst mitzugeben und die transatlantischen Gesellschaften zu veranlassen, auch bei den Passagierdampfern ein Gleiches zu thun. Die Versuche sollen mit letzteren beginnen, derart, daß die Tauben in der Hälfte des Wasserweges aufgelassen werden. Durch diese Einrichtung soll ermöglicht werden, daß Schiffe in gefahrvoller Lage den Seeämtern Mittheilung zukommen lassen können.
Alle Annoncen-Bureaux be» In- und AuSlandkS nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Vermischtes.
" Hamburg. 8. Juni. Heute wurden weitere zehn wegen Fahrkartenschwtndel verhaftete Viehhändler im Ge- fängniß eingeliefert. In Essen wurden in der gleichen Angelegenheit wiederum drei Bahnschaffner verhaftet.
* Wer gern in eine Großstadt ziehen möchte, der lese folgendes Bruchstück aus einem Berichte der Berliner Stadtmission : Ein Stadtmissionär fand im letzten Winter bei seinen Armenbesuchen in acht Tagen 17 arbeitslose Familien. — Ein Bäcker erzählte, es seien ihm an einem einzigen Tage 50 Brote übrig geblieben, das habe er noch nicht erlebt, solange sein Laden stehe. Das läßt doch darauf schließen, daß Leute, die sonst kauften, hungrig blieben. —
Bekanntmachung,
betreffend die Maul- und Klauenseuche.
In Altenstadt, Kreis Büdingen, ist die Maul- und Klauen, seuche festgestellt worden.
Die zu Waldgirmes und Wilsbach, Kreis Biedenkopf, au-gebrochen gewesene Seuche ist erloschen.
Gießen, den 8. Juni 1893.
Großherzogin s Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Wegen des Bestehens der Maul- und Klauenseuche der Stadt Grünberg muß die Abhaltung des auf 22. Juni d. I. anberaumten Grünberger Viehmarktes untersagt werden.
Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche zu Grünberg.
begegnet mit neun, mit zwölf Kindern, die ohne Unterhalt waren. In dem einen Hause kleine Knaben ihre Eltern Wochen lang, indem sie bet bitterer
Die riesigen Fortschritte, welche infolge des billigen Bodens und der Bearbeitung mit Dampspflügen und Mähmaschinen der Getreidebau in Nordamerika gemacht hat, sind fctc Hauptursache geworden, daß der Landwirth in Europa mit) besonders in Deutschland bei dem Getreidebau nicht mehr leine Rechnung findet. Wäre es nun möglich, daß der Land- wirth in Amerika seine colossale Getreideproduction noch steigern oder wenigstens auf bedeutender Höhe stets halten formte, so würde allerdings für die deutsche Landwirthschast, die mit theuerm Grund und Boden und kostspieliger Bewirth- schastung rechnen muß, eine sür die Dauer erdrückende amerikanische Concurrenz entstehen. Die letztere findet aber in gewissen natürlichen Verhältnissen ihre Grenze. Zunächst kann der Farmer in den Vereinigten Staaten auch nur Getreide bauen, wenn sich der Getreidebau lohnt, und eine Ueberproduction empfindet er noch viel mehr als der deutsche v Landwirth denn eine Ueberproduction macht das Getreide Kälte aus die Leute gedruckt. In einer Familie war wenig
sagte, ja auch nicht theuer sein, und dieser Posten war jedenfalls nur die Vorstufe zu höheren, wichtigeren Aemtern.
So war er mit den schönsten Hoffnungen nach seinem Bestimmungsorte abgereist - aber schon der erste Anblick des neuen Wirkungskreises hatte ihm leider eine schwere Enttäuschung bereitet. So klein, so verwahrlost, so weltverlassen hatte er sich die „Stadt" Dribsdrill doch nicht vorgestellt. Doch die Jugend sieht alles rosig und läßt sich nicht so leicht entmutigen. So hatte auch Nudelbacher anfangs allerhand Reformen und Verbesserungen geplant, die den Aufschwung des Ortes bewirken sollten. Die Straßen sollten besser in Stand gehalten und neu gepflastert werden; dann wollte er die Errichtung einer Gasanstalt, einer Brauerei und die Einführung irgend eines lohnenden Industriezweiges betreiben. Das verlorene Haidestädtchen sollte emporblühen wie nie zuvor. Nicht nur der Herr Landrath, auch die Verwaltungsbehörde, ja, das Ministerium würde auf ihn, Nudelbacher, aufmerksam werden, man würde ihn hervorziehen aus diesem abgelegenen Winkel und ihn nach der Provinzialhauptstadt berufen, vielleicht gar nach Berlin.
Aber alle diese schönen Pläne waren zu Wasser geworden. Sie waren gescheitert an der Indolenz der Bürger und nicht zum kleinsten Theile auch — an der Starrköpfigkeit der dem Bürgermeister in seine Regierung „hineinpfuschenden" Rathsmänner. Nicht einmal die Straßenpflasterung war in den fünfundzwanzig Jahren feiner Amtslhätigkeit durchzusetzen gewesen. Rief der Bürgermeister „Hüh", so schrieen sofort alle Rathsmänner mit rührender Einstimmigkeit „Hott". So kam der Karren natürlich niemals vom Fieck und alles blieb wie es war. Und warum hätte eß auch nicht so bleiben sollen bis in alle Ewigkeit? Draußen in der Welt — so meinten die Bürger, wenn sie Abends im „blauen Storchen" kannegießernd beisammensaßen — draußen in der Welt, da gab es wohl Eisenbahnen, Telephone, Zeitungen, Theater und mancherlei andere wunderbare und schöne Dinge, dafür aber auch viel Elend und Jammer, Unglücksfälle, durchgehende Kassirer und Socialdemokraten.
(Fortsetzung folgt.)
। „Beamter", der dürre, schlotterige Schreiber Siegellack, der eben damit beschäftigt war, die grauen, mit zahlreichen
I größeren und kleineren Tintenflecken beklexten Schreibärmel über die Arme zu ziehen, zusammen wie ein Taschenmesser und schnarrte sein unterwürfiges „Wünsche dem Herrn Bürgermeister einen schönen guten Morgen!"
„Morgen!" erwiderte das Stadtoberhaupt den Gruß seines Untergebenen und fragte dann: „Schnapper noch nicht angetreten ?"
„Dem Herrn Bürgermeister unterthänigst aufzuwarten, nein, noch nicht," schnarrte es zurück, so daß man beinahe glauben konnte, ein aufgezogenes Uhrwerk rassele die Worte herunter.
Darauf antwortete der Herr Bürgermeister gar nichts, sondern fuhr sich mit der Hand sorgsam über die einsame Haarlocke, stellte sich ans Fenster und schaute hinaus.
Da lag sie vor ihm, die gute Stadt Dribsdrill, das Reich seiner Herrschaft, zwar sah er eigentlich nur den Marktplatz, auf dem eben ein übermüthiger Pudel einer ängstlich gaggernden Henne nachjagte, aber mehr brauchte er auch nicht zu sehen, denn dieser Marktplatz war ja eben die „Stadt", wenigstens ihr Kernpunkt, von dem aus sich nur noch ein paar von ärmlichen Häuschen gebildete Straßen spinnenbein- förmig in die kahle Haide hinausstreckten. Seit nunmehr fünfundzwanzig Jahren jeden Morgen schaute der Bürgermeister Nudelbacher so zum Fenster hinaus und jeden Morgen ärgerte er sich. War er denn verdammt, sein ganzes Leben in diesem elenden Neste zu vertrauern, wo es nicht einmal eine Eisenbahn gab und nur ein alter gelber Postwagen die Verbindung mit der Außenwelt, mit der civilisirten Menschheit notdürftig genug herstellte. Freilich, als ihm vor langen Jahren dieses Amt übertragen worden — er war ‘ damals noch ein junger und lebensfroher Mann — da hatte das alles einen ganz anderen Anschein gehabt. „Herr Bürgermeister !" Wie ter Tittel ihm in die Ohren klang, so schön, so volltönend, er reckte sich unwillkürlich höher, als er das Dekret in der Tasche hatte. Freilich, der Gehalt war nur mager, aber das Leben in Dribsdrill sollte, wie man ihm
Feuilleton.
Der Selbstmörder.
Eine erschreckliche Geschichte mit vergnüglichem Ausgange von Hans Merian.
(1. Fortsetzung.)
„Heute gerade wollte er Herkommen und in aller Form bei Papa um mich anhalten," seufzte Fränzchen mit tränenfeuchten Augen.
Die Mutter suchte sie zu trösten, aber es gelang ihr nicht, sie hatte selber den Much verloren, und da sie zu jenen Frauen gehörten, die bei jedem Anlaß leicht gerührt werden und die, wie man so sagt, einen großen Thränensack besitzen, so begann sie zu schluchzen und zu meinen, als ob ihr das größte Unglück passirt sei.
„Ach Gott, ach Gott!" seufzte sie einmal über das nnfccremal, „was mir doch diese Liebesgeschichte für Sorgen und Kummer bereitet hat."
Nun aber raffte sich Fränzchen wieder auf und begann ihre Mutter zu beruhigen. „Gräme Dich nicht, Mama," sagte sie sanft, „es wird schon noch alles gut werden."
Aber die gute Frau war nun einmal in ihrer tragischen Stimmung drin und wollte sich nicht trösten lassen. „Nein, nein," schluchzte sie immer wieder. „Er gibt nicht nach. Ihr werdet beide grenzenlos unglücklich werden. Ach, mein armes Kind! Ach, der arme Ernst Rlemenschneider! Er wird es nicht überleben, er wird sich erschießen, erhängen, ins Wasser stürzen . .
Und die gute Frau wußte so viel entsetzliche 93er- muthungen, so viel fürchterliche Ahnungen vorzubringen, Laß es Fränzchen selber schließlich ganz angst und bange wurde und sie die übertriebenen Sorgen ihrer Mutter beinahe zu theilen begann.
* . *
Unterdessen war der Herr Bürgermeister ärgerlich die Treppe hinabgepoltert und hatte die Thür zu seiner Amls- fflube geöffnet. Bei seinem Eintritt klappte fein einziger


