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[662]
Der erste Börsentag des neuen Jahres verlief im Gegensatz zu der lang- | anhaltenden Depression der vergangenen Wochen tn aufstrebender Tendenz. Die 1 abschließenden Verhandlungen über die Gonvertirungsoperationen in Oesterreich- ; Ungarn waren anberaumt worden und stellten der Börse endlich die Erfüllung ihrer sehnsüchtigsten Wünsche in Aussicht, die Neujahrsempfänge waren befriedigend verlaufen, die Bücher des alten Jahres geschlossen und man begann eine neu« Rechnung, von der man bessere Resultate erwartete, und so war es begreiflich, daß man mit frischem Muthe an die Arbeit ging. Leider konnte tndesien diese bessere Tendenz nicht behauptet werden. Schon die nächsten Tage brachten eine erneute Abschwächung der Eourse, das Geschäft wurde stiller, die Stimmung gedruckter, die Batssespeculation machte erfolgreiche Vorstöße gegen einzelne Gebiete, sodaß man , sehr bald wieder in das Fahrwasser des Pessimismus htnemgerteth. Die Wiener Börse hat zwar ihre festere Stimmung behauptet, weil sie reichliche Anregung tn den Nachrichten fand, die über die Verhandlungen in Budapest, über die Resultate । derselben und über die Betheiligung einzelner Banken in die Oeffentltchkett drangen. ; Sie wurde dadurch auch für die deutschen Börsen zu einer wesentlichen Stutze der Course, aber sie konnte doch den ungünstigen Einfluß nicht aufwiegen, der durch , die Pariser Vorgänge und die Strike im Saarkohlengebiet ausgeübt wurde. In Parts ist die Panamaenquete zwar noch nicht wieder zusammengetreten, aber schon hört man doch von neuen Verhaftungen und die oppositionellen Blätter fahren | fort, Verdächtigungen auszusprechen und neue Enthüllungen zu bringen, die das . Ansehen der Regierung auf das Schweifte schädigen. Mehr aber noch, als diese politische Seite der Sache, beunruhtat die Börse der überaus starke Rückgang der Rentencourse. Innerhalb weniger Wochen ist die 3% Rente letzt um reichlich a% gefallen, und da die Speculation in Parts gewohnt Ist, für unsere Anschauungen überdies hohe Engagements in diesem Effect zu unterhalten und ebenso hohe Summen täglich umzusetzen, so bedeuten diese fünf Procent Differenzen, die sich auf hunderte von Millionen belaufen. Diese müffen in der kommenden Liquidation regulirt werden, und man sieht daher dieser Abrechnung mit begreiflicher Aufregung entgegen. Nebenher laufen aber noch große Engagements in Türken, von denen man ebenfalls nicht weiß, ob sie aufrecht erhalten iwerden können, der Rückgang der Rentencourse schädigt eine ganze Reihe von Gesellschaften, die ihre Reserven und unverwendeten Betriebsmittel darin angelegt haben; auch diese Course gehen also zurück, sodaß die Situation sicherlich nicht ohne Gefahr ist.
Der Strike der Bergarbeiter im Saarkohlengebtet hat dre Woche hindurch gedauert, ohne an Ausdehnung zu gewinnen, und es schien fast, als sollte die Bewegung mit einer schnellen Niederlage der Ausständigen enden. L>eit Freitag ist die Angelegenheit jedoch in ein neues Stadium getreten, da Arbeiteroersammlungen im Ruhrgebiet eine große Geneigtheit gezeigt haben, gemeinsame Sache mit den Strikenden zu machen. Die Folgen einer solchen Ausdehnung der Arbeitseinstellung waren unberechenbar; denn auch in dieser Zett der Arbeitslosigkeit würde es unmöglich sein, andere Arbeitskräfte tn genügender Zahl herbeizuziehen, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. Ob indessen auch bei einem allgemeinen Strike die Arbeiter Aussicht haben, bessere Löhne bewilligt zu erhalten, ist doch noch zweifelhaft, denn es bleibt zu bedenken, daß der Betrieb augenblicklich keine starke Steigerung der Forderkosten mehr erträgt. Es müßten die Kohlenpreise sich also erst erhöhen, ehe eine Lohnaufbesserung zugestanden werden könnte. Ob aber diese durchzuführen fein wird, das ist abermals zweifelhaft, weil hier die rückgängige Conjunctur mitspricht und die Verhältnisse heute jedenfalls nicht so liegen wie im Jahre 1889, wo die - Industrie einen ungewöhnlich starken Bedarf an Feuerungsmaterial um jeden Preis decken mußte. Wie die Sache aber auch auslaufen mag, soviel steht jedenfalls fest, daß «in partieller oder allgemeiner Strike beiden Parteien unermeßliche» Schaden zufügen wnd, der in dieser Zett mangelnder Verdienste besser erspart geblieben wäre.
Die Nachrichten, welche über die Beilegung des Streites über den Steuerabzug auf die Staatsbahnprioriläten-Coupons in die Oeffentltchkett dringen, werden viel besprochen. Dieselben sind indessen widersprechend, weil die einen die fretwrlltge Nachzahlung des Steuerabzuges und Vollzahlung des Märzcoupons tn Aussicht stellen, die anderen indessen angeben, die Staatsbahn-Verwaltung denke nrLt daran, auf ihr Abzugsrecht vollkommen zu verzichten und werde sich nur zu einem Vergleich bereit finden lassen. Die Lösung dieses Widerspruchs ist noch nicht gegeben, indessen ist nach dem bisherigen Verhalten der Verwaltung jedenfalls der Verdacht sehr naheliegend, daß eS sich bei dieser neuesten Phase des Streites nur um einen neuen Versuch handelt, den schwebenden Proceß zu verschleppen oder gegenstandslos zu machen. Die größte Vorsicht auf Selten der Prioritatenbcsitzer ist daher jedenfalls 0eb°te£m Freitag wurden die gesunkenen Course wieder etwas in die Höhe getrieben. Angaben über bessere Aussichten auf den Abschluß eines deutsch-russischen Handelsvertrags und Deckungen, namentlich tn Montanwerthen mit Rücksicht auf die Ausdehnung des Strikes, wirkten dahin. Dadurch sind die anfänglichen Verluste etwas verkleinert worden und zum The« auch ganz verschwunden. Im Bankenmaikl hat die Abschwächung überhaupt nie großen Umfang angenommen, weil die Verhandlungen tn Budapest ein zu gewichtiges Moment für die AufwartSbewegung bildeten. Disconto-Commandit, als die am meisten bethetltgte deutsche Bank und in Anbetracht ihres vorherigen starken Courtzrückgangs gewannen 3%, die übrigen Actien ' sind aber fast unverändert. Selbst Credit sind nicht bester. Deutsche Bank litten ctwas unter dem Miß-rfolg der Manesmann'schen Röhrenwalzwerke. Bahnwerthe sind nicht wesentlich verändert. Die Schweizeractten zogen anfänglich etwas an und gingen bann wieder auf ihr vorheriges Niveau zurück, und von österreichischen . Actien weisen nur einige Nebenwerthe Coursveränderungen auf. Im Montanmarkt ' entfaltete die Sp culation ihre größte Tätigkeit und sie erzielte auch durch ungünstige Berichte größere Erfolge. Bochumer wurden geworfen, weil die anlängliche Be- . theiligung deS Vereins an der Actiengesellschaft für Kleinbahnen anscheinend durch I die Firma Krupp in Essen übernommen wurde. Diese haben sich auch nicht wieder : vollständig erhoit, während Laura den ganzen Verlust wieder eingeholt haben. Aus > Kohlenactien wurde anfänglich mit Angaben über niedrige Kohlenpreise und dre Strikenachrichten ein scharfer Druck ausgeübt, später wirkte gerade die wahrschein-
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