Ausgabe 
9.12.1893 Erstes Blatt
 
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nationalen Aufschwung dm größten Vortheil gehabt, erheblich mehr al- beispielsweise die Landwlrthschaft. Tie Bauern sind deshalb doch gute Patriotm. Nun solltm sich aber die Börsenkreise nicht ablehnend verhaltm, wenn auch ihnen Opfer für die Allgemein­beit zugemuthet roeröen. (Beifall rechts, lebhafte Unterbrechungm seitens der Socialdemokraten und VoUSparteiler.)

Aba. Liebermann von Sonnenberg (Deutschsocial) be­glückwünscht die nationalliberale Partei zu der Rede deS Vorredners, proleftht aber einer Bemerkung desfelbm gegenüber dagegen, daß es etwas Erfteuliches sei, roenn ein preußischer Lieutenant eine jüdische Bankierstochter heiraihe; daS giebt keine gute Mischung. (Heiterkeit.) Der Finanzminlst.r möge seine große Beanlagung dazu benützm, daß wir bald ein Börsen - Organisationsgeietz erhaltm. ES ist zu bedauern, daß man sich auf ein schwaches Surrogat als Ergebniß der Börsen-Enauete gefaßt machen muß. Die Antisemiten bekämpfm weder jüdisches noch (Kapital überhaupt; sie unterscheiden vielmehr zwischen schädlichem und nützlichem Capital. Ersteres finbet sich nicht an der Börse. Wenn alle Unzufriedenheit nur der L-ocial- demokratie zu Gute kommt, so hat diese keinm lebhasterm Förderer als den Reichskanzler, der durch seine Reden die größte Unzufriedm- heit hervorgerufen habe. Aber es ist glücklicherweise nicht wahr, daß alle Unzufriedmheit eben nur der Socialdemokratie zu Gute komme. Richter hat gesagt, man werde nun wobl Räubergeschichten von der Börje erzählen. Ja, waS kann man denn sonst von der Börse erzählen? (Heiterkeit.) Singer behauptete, die Landwirthe wollten sich nicht einschränken. Er möge nur einmal nach Osten gehen, dort werde er sehen, wie sehr dort die LebmShaltung herunter­gegangen ist. Singer möge doch seine Gmossen zur Einschränkung anhalten; der Prozeß Löwy hat da einen Einblick gewährt. (Singer ruft: Ein Mann, der Ehrenscheine unterschreibt und nicht bezahlt, steht Löwy näher.) Sie wiederholm damit Insinuationen, die ich schon wiederholt als unwahr nachgewiefen habe. Sie machen sich damit zu Genossen von Wucherern. (Singer ruft; Unverschämtheit! Frechheit! Großer Lärm. Lebhafte Zwischenrufe.) Ich verbitte mir, mir Vorfchriftm darüber zu machm, was ich zu sagen habe. Der Präsident wird mich schon zur Ordnung rufen, wenn ich dazu Anlaß geben follte. (Richter ruft: Wenn aber der Präsident nicht aufpaßt! Vicepräsident Frhr. v. Buol rügt, daß ein Mitglied des Hauses einem anderen Unwahrheit vorwerfe.) Redner führt dann die Noth- wmdigkeit einer gründlichen Reform der Börse aus und verlangt insbesondere Unterdrückung der Differmzgeschäfte. Wenn es bisher nicht möglich war, die Unterscheidungsmerkmale zwischen Lieserungs- und Difterenzgeschästen festzustellen, so muß man eben weiter danach suchen. Uebrigens sind sowohl von juristischer wie von kaufrnännijcher Seite Vorschläge für solche Merkmale gemacht worden, die als Grundlage dienen können. Zu bedauern ist, daß d,e Quittungs­steuer mit der Börsensteuer verquickt worden ist; hoffmtltch gelingt eS der Commission, die Vorlage zu jetlegen.

Vicepräsident Frhr. v. Buol ruft nachträglich auf Grund des stenographischen Berichts den Abg. Liebermann v. Sonnenberg zur Ordnung und rügt die Zwischmruse Singers.

Abg. v. Komierowskt (Pole) spricht sich im Allgemeinen für die Vorlage, insbesondere für die Börsensteuer au8 und wünscht, daß der Commission die Berichte der Börfe-Enquete-Commission unterbreitet werden.

Staatsfecretär v. Bötticher ist gern bereit, das ganze Material der Börsen-Enquete-Commifston oorzulegen, sobald er sich im Besitz desselben befinden werde.

Abg. v. Ploetz (cons.) vertheidigt den Bund der Landwirthe gegenüber dem Reichskanzler. Der Bund habe allerdings ein festes Programm: Scharfe Heranziehung der Börse zur Steuer und Börsen­reform, Doppelwährung und Aufrechthaltung des Fünsmark-ZollS. Wenn wir das erreicht haben, so werden wir mit weiteren Wünschen kommen. (Heiterkeit.) Die Vorlage anlangend wünscht Redner schärfere Besteuerung der Differenzgeschäfte und einen procentualen Checkstempel, sowie eine besondere EmifsionSsteuer. Der daraus resultirende höhere Ertrag könnte zur Deckung für den Wegfall deS Quittungs- und Frachtbriefstempels dienen. (Beifall.)

Staatsfecretär Graf PosadowSky: Der Quittungs- und Checkstempel war ursprünglich als TranSmisstonsabgabe geplant, wird aber eine andere Behandlung gewünscht, so wird die Regierung bezügliche Vor schläge gern entgegennehmen. Eine besondere Emissions­steuer erweist sich als nicht durchführbar.

Abg. Dr. Osann (nall.) kann sich mit einem Theil seiner Freunde nicht davon überzeugen, daß eine Reichs-Einkommensteuer undurchführbar sei. In 6 bis 10 Jahren werden wir dieselbe haben. DaS ganze Volk hat die Worte des Reichskanzlers vor der Bewilligung der Militär Vorlage dahin verstanden, daß zur Deckung nicht auf Steuern zurückgegriffen werde, welche die breite Masse belasten. Der Reichskanzler hat diesen Wechsel sehr schlecht eingelöst. (Beifall links.) Die Stempelsteueroorlage geht in vielen Punkten nicht weit genug. ES fehlt die EmifsionSsteuer. ES sind schon schwierigere Sachen vollbracht worden, auch auf finanzpolitischem Gebiet. Die Differenzgeschäfte sind zu unterdrücken; ich würde wie einer Bestrafung deS Hazardspiels so auch einer Bestrafung der Börsenspeculation zustimmen. Die Lotteriesteuer kann auf lOpCt. erhöht werden. Dagegen kann ein Theil meiner Freunde für den Quittung?- und Frachtbriefstempel nicht stimmen.

Abg. Meist (Soc.) legt Papiere vor, welche beweisen sollen, daß eine große sehr patriotische Firma, die nach Millionen Umsätze hat, große Wechjelstempelsteuer.Defraudationen verübt habe. Redner empfiehlt ferner die Reichseinkommensteuer und verwirft entschieden die Steuer Vorlagen der Regierung.

Staatssecreiär Graf v. PosadowSky bestreitet unter Mit- theilung deS Wortlauts der betreffenden Aeußerungen, daß die Steuer­vorlagen mit den Versprechungen deS Reichskanzlers In Widerspruch ständen.

Abg. Graefe (Resormp) erklärt, daß seine Freunde für die Börsen- und gegen die Quittungssteuer stimmen. Sie behalten sich vor, in der zweiten Lesung anderweite Steuervorschläge zu machen.

Aba. Gras Arnlm-MuSkau (Ro.): 233enn die Börse heute verödet ist, so ist daS eine Folge der allgemein ungünstigen Geschäfts­lage, Sie wieder in der Rothlage der Landwlrthschaft ihren Grund hat. Mit den Handelsverträgen beffert man die Lage nicht, wenn man nicht gleichzeitig die Lage der Landwlrthschaft bessert. Unter­bleibt dleS, so wird auch die neue Börsensteuer keine Mehrer träge bringen. Rückstchtlich der Börfen-Enquete Commission möge man sich keinen großen Hoffnungen hingeben nach der Haltung der Re- gierungSoertreter in der Commission.

Staatsfecretär v. Bötticher erklärt die Besorgniß deS Vor­redners hinsichtlich deS Börsen-Enquete-ErgebnlffeS für unbegründet.

Abg. Dr. Meyer weist die Angabe zurück, daß die frei finnige Vereinigung durch Hülfe der Börse gewählt sei.

Die Vorlage wird an eine 28er-Commission verwiesen.

Nächste Sitzung Samstaa 2 Uhr. Tagesordnung: Initiativ­anträge (Aufhebung von Strafhaft von Abgeordneten, WirlhfchaftS- verelne, Abänderung des JnvaliditätS- und AlterS-VerficherungS- gesetzeS).

Neueste Nachrichten.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 7. December. Die Budget-Commission hat sich nochmals mit dem Gesetzentwurf, betreffend Gewährung von Unterstützungen an Invaliden av.S Kriegen vor 1870, beschäftigt und den gestrigen Adänderungsantrag Singers zu § 6, Abs. 2, ausgehoben. ES wurde ein Antrag angenommen, welcher dahin geht, diese Novelle in den Nahmen der früheren Gesetzgebung einzufügen. Im Uebrigen wurde die Novelle angenommen.

Berlin, 7. December. Ahlwardt, welcher gegen» j »artig in Plötzensee eine Strafe von 5 Monaten verbüßt, 1

will eine nochmalige Verhandlung deS JudenflintenprozeffeS herbeiführen und har bereits einen Antrag um Wiederauf­nahme des Verfahrens gestellt. Er glaubt, durch nachträglich erhaltene Beweismaterialien die Richtigkeit der seiner Zeit erhobenen Behauptungen beweisen zu können.

Berlin, 7. December. Der BundeSrath berieth in seiner heutigen Sitzung die Denkschrift über daS Patentgesetz vom 7. April 1891, sowie die Denkschrift über da« Gesetz, betreffend den Schutz von Gebrauchsmustern, vom 1. Juni 1891. Außerdem wurde die Neuwahl von 5 Mitgliedern der Commission für Arbeiterstatistik vorgenommen, sowie die Ausschußberichte über den Entwurf der Bestimmungen wegen NachmittagSpausen der in Spinnereien beschäftigten jugend­lichen Arbeiter berathen.

Berlin, 7. December. Die deutsch-socialen Antisemiten Liebermann von Sonnenberg und Genoffen haben einen Antrag eingebracht, den Personen, die nicht in Deutsch­land geboren und erzogen find, die dauernde, berufsmäßige Beschäftigung mit der Seelsorge, dem Jugendunterricht und der Erziehung zu verbieten.

Berlin, 7. December. Nach demReichsanzeiger" kamen vom 24. November bis 7. December 19 Cholerafälle im Oder- und Elbegebiet vor.

Bilbao, 7. December. Heute findet ein großes Protest- Meeting gegen den spanisch-deutschen Handelsvertrag statt. Die Spitzen der Handels- und Jnduftriewelt werden daran theilnehmen.

itoeater rrn- pesvinzleller.

Gießen, den 8. December 1893.

Z. Neues Theater.Das Schloß am Meer", Schauspiel in 5 Acten von Oskar Waltherr. Neben manchen sentimentalen ©eenen zeigt das gestrige Stück viele Situationen von wirklich dramatischer Kraft, so vor Allem an den Stellen, woRoderich" in die Handlung eingreift. An dieser Figur hängt mehr oder weniger der Erfolg des Ganzen, durch sie treten die anderen Charactere erst eigentlich scharf und markirt hervor, sobald jedoch Roderichs Gestalt vom Schauplatze weg ist, verschwimmt in fast allen Fällen die Characterisirung der anderen Personen und bann treten jene sentimentalen ©eenen ein, die nur an unser Mitgefühl appelliren, ohne uns völlig zu befriedigen. Die Wieder­gabe des Stückes zeigte in allen Theilen eine sorgfältige Ein­studierung und gehörige Durcharbeitung. Die Trägerin der HauptrolleHedwig", Frau Anni Reiners, zu deren Benefiz die Vorstellung war, beherrschte ihren Part so meisterlich in allen Nüancen, daß sie nicht nur die wirkungs­vollen Momente mit vollkommener Bravour zum Ausdruck brachte, sondern auch da, wo der Dichter den Darsteller ziemlich im Stiche läßt, den Beschauer angenehm über diese Punkte hinwegzutäuschen wußte. Neben den rauschenden Beifallsänßerungen erwähnen wir noch drei prächtige Rosen- bouquets, durch die die Künstlerin für ihre trefflichen Leistungen geehrt ward. Die Figur desRoderich" war in Herrn Stückel ganz passend vertreten, wenigstens so lange wir noch den jungen Roderich vor uns hatten, in den späteren Parthien glauben wir, wären dieser Rolle noch manche dankbare Seiten abzugewinnen gewesen, besonders durch ein energischeres Betonen der Momente, in denen uns Roderich als der gereiste Mann entgegentritt. Herr Nie­meier (Maximilian), Herr Reiff (Ferdinand) und Fräulein Wehn (Gräfin) ließen nichts zu wünschen übrig. Sowohl dieFrau Feldern" des Frl. Schumann, als derFranz" des Herrn Gohr hätten, Erstere besonders im Reden, Letzterer in den Bewegungen, etwas bedächtiger erscheinen können, wodurch der Ausdruck des Alters mehr hervorgetreten wäre. Recht betrübend war es, daß trotz der gebotenen tüchtigen Leistungen das Haus so schlecht besetzt war. Herr Director Reiners thut Alles, um dem Publikum etwas Vollendetes zu bieten. Er hat, wie wir dies schon des Oefteren hervorgehoben, ein sehr leistungsfähiges .Personal engagiert, führt fortwährend die neuesten Stücke auf, ver­pflichtet hervorragende Gäste und sorgte endlich für die so viel begehrte Zwischenactsmusik. Wir meinen, was an ihm liegt, hat er gethan, eS sei nun Sache des Publikums, hier helfend beizuspringen durch recht eifrigen Besuch der Vorstellungen. Hoffentlich verfehlen diese Zeilen ihren Zweck nach dieser Seite hin nicht.

Z. Seit einiger Zeit hält der hiesige Cchachclub seine regelmäßigen Spielsitzungen jeden Dienstag Abend im Aquarium", dem Local des Herrn Jaskowski, ab. Der Schachclub verfügt über eine ansehnliche Bibliothek, sowie ein ausreichendes Spielmaterial und besitzt auch ein kleines Baar» vermögen, so daß er mit ganz geringen Beiträgen auskommen kann. Es wäre zu wünschen, daß dem Club von Seiten Derer, die sich sonst für das edle Spiel interessieren, eine freundliche Theilnahme entgegengebracht wird. Anmeldungen entgegenzunehmen ist Herr JaSkowSki vom Clubvorstande er­mächtigt. Anfängern würde bei genügender Betheiligung durch theoretische Gurte Gelegenheit geboten werden, daS Spiel von Grund auf zu lernen.

** AIS Mittel, die Kinder zur Artigkeit anznhalteu, gilt in diesen Tagen der Hinweis auf daS nahende Weihnachtsfest. Die neue Puppe, der ersehnte Baukasten, das gewünschte Steckenpferd all daS rdlrb von bem Weihnachtsmann nur gebracht, wenn bie Kinder recht folgsam und artig sind. Nur in dem letzteren Falle dürfen sie so erzählen zu öfteren Malen Papa und Mama jenes so wichtige und ernste Schriftstück abfaffen, daS für bie jüngeren Kinber ber Brief an ben Weihnachtsmann, für bie älteren ber Wunschzettel heißt. Jetzt sinb bie Tage ba, ba ber Wunschzettel geschrieben wirb, aber wenn er nützen soll, muß er burch andauernde Artigkeit unterstützt werben. ES ist bieS ein weit verbreitetes Erziehungsmittel, baS trotzbem aber nicht ganz ungefährlich ist. DaS ftinb soll folgsam und artig sein, auch roenn kein befonberer Lohn ihm winkt. Die Strafe, welche Eltern aus

bteser ErzlehungSmethobe ziehen, ist oft, baß die Kinber nach dem Weihnachtsfeste in besto ungezügelterer Weise sich gehen laffen, denn bann sinb keine Geschenke mehr zu verscherzen, dann find besondere Preise auf bie Artigkeit nicht mehr gesetzt. Daher muß auch tiefe Gepflogenheit mit Verstänbniß auSgeübt werben.

§ Nappettenttd, 7. December. ES bürste ein seltener tjaü sein, baß eia Gesetz, welches inS Leben gerufen worben ist, um Arbeitern im Falle ber Erkrankung burch finanzielle Unterstützung theilweisen Ersatz für ben auSfallenben Berbienft zu geben, eben bie Veranlassung gibt, baß Arbeiter an der Arbeit und somit dem Verdienst gehindert werden. Zwei Rotten hiesiger Holzmacher, bestehend auS 16 Mann, roeldje schon über 20 Jahre als solche gearbeitet haben, werden von Gr. Oberförsterei Hainbach zur Arbeit nicht zugelaffen, weil sie keine Ausnahme in ber Ortskrankenkasse erhalten können. Nach ben Bestimmungen beS OrtSkranken» kaffengesetzes sollen Arbeiter in biejenige Ortskrankenkaffe einer Gemeinde aufgenommen werben, auf beren Gemarkung sie beschäftigt werben. Da bie hiesigen Holzmacher in staat­lichen Walbungen, welche in ber Gemeinbe Ermenrob liegen, beschäftigt werben, so verweigert bie hiesige Ortskranken­kaffe bie Annahme ber Holzhauer. Die Gemeinde Ermenrod verweigert ihnen gleichfalls die Annahme, da die Holzhauer in staatlichen Waldungen beschäftigt und hierdurch die Ge­markung öfters wechseln. So ist denn eine Anzahl Leute schon wochenlang ohne Arbeit und Verdienst geblieben in einer Zeit, die ohnehin nicht viel ober keinen Verdienst gibt. Unwillkürlich drängt sich hier die Frage aus: welche »ranken- kasse muß nun bie qu. Arbeiter aufnehmen? Denn yir Aufnahme ber Arbeiter sinb ja boch eben tiefe Kaffen ge- grünbet worden. Die Beantwortung dieser Frage liegt im Interesse der Allgemeinheit.

Laubach, 6. December. Am 4. b. MtS., AbenbS 8 Uhr fanb im Kircher scheu ©aale bahier eine öffentliche Versamm­lung beS jungen christlich. socialenVereinS für Laubach unb Umgegenb statt. Trotz echtenWusterwetterS" war bie Versammlung von etwa 100 Zuhörern au« Nah unb Fern besucht. Nachbem der Vorsitzende, ©e. Erlaucht der Graf zu ©olms-Laubach, die Versammlung aufgefordert hatte, ihrer Entrüstung über das jüngste Attentat auf ben Kaiser unb ihrer Liebe und Treue gegen daS ReichSoberhaupt durch den RufHoch lebe der Kaiser" Ausdruck zu geben, ergriff der Redner des Abends, Herr Chefredacteur Oberwinder au« Berlin, das Wort, um in fesselnder unb vielseitiger Weise das ThemaWas wollen bie Christlich-Socialen?" zu be- hanbcln. Er ging au« von ber neuen Zeit, ber Zeit ber Maschinen, in ber burch gänzlich veränberte ProbuctionSweise bie sociale Noth entftonb; er zeigte, baß ba« vermeintliche Heilmittel bafür, die schrankenlose, wirthschaftliche Freiheit, sein Versprechen nicht gehalten, unb führte weiter auS, baß eine neue Zusammenfassung ber Kräfte nur möglich uni au«- sichtsvoll ist auf bem Boden der Autorität, der Religion, be« ChristenthumS. Darauf entwickelte sich eine kurze DiScussion, in ber ein gegensätzlicher Stanbpunkt nicht vertreten wurde. Nachdem der Vorsitzende bem offenbar allseitigen Gefühl be« Dankes gegen Herrn Oberwinder Ausdruck gegeben hatte, auch bie Nichtmitglieber bringend zum Besuch unserer Monat«- Versammlungen aufgeforbert worben waren, würbe bie Ver­sammlung geschlossen. Etwa zwanzig Herren melbeten sich barnach zum Eintritt in ben Verein. Gr. A.

«M Groß-Felda, 7. December. Der gestrige Weihnacht S- markt nahm einen sehr guten Verlauf. Prächtige« Winter­wetter mit mllber Temperatur führte Schaaren von Markt­besuchern au« ber Umgegenb herzu. Die Krämer, namentlich solche mit WinterbekleibungSartikeln, machten gute Geschäfte. Ein Viehmarkt war mit tiefem Markt nicht trerbunben.

-t Schotten, 6. December. Der Vogelsberg hat nicht blo« große Schätze an Brennmaterial über ber Erbe, fonbern auch i n betreiben. Kürzlich würbe von neuen Braunkohlen­lagern beim Heffenbrücker Hammer berichtet. Wir sinb heute in ber Lage zu berichten, baß sich in ber Gemarkung unserer Nachbargemeinbe Breungeshain ein großeSTorflager befinbet, baS in aller Nähe auflgebeutet wirb. Der Eigen» thümer bes Torflager« ist ber Staat- er hat e« an Herrn F. Eichelmann, Backsteinfabrikant unb Ziegeleibesitzer zu Berstabt i. b. W. verpachtet, welcher sich auf tiefe Arbeiten versteht. ES tourbtn bereit« mehrere Tage Versuche gemacht, bie aber ber ungünstigen Wasser- unb WitterungSverhältnifle wegen unterbrochen würben. Der Pächter zahlt für ba« Hectar ( 4 hessische Morgen) ober 10000 Quadratmeter 500 Mark Pacht, wonach sich ber Quabratmcter auf 5 Pfge. berechnet. Auf biefe Weise wirb au« ber sterilen Fläche ein schöner Ertrag erzielt. Unsere Vogelsberger kleinen Land- wirthe könnten au« ben großen Weibeflächen, welche recht bescheibene Erträge liefern, viel höhere Einnahmen erzielen, wenn sie sich nur von ihren alten Gepflogenheiten etwa« lo«-- machen wollten. Der Vogelsberg ist sehr wafferreich. Dal feuchte Element eilt fast ungenutzt von bannen. Wenn sich die Gemeinden dazu entschlöffen Meliorationen vorzunehmen, könnten viele Gemeindemitglieder einen lohnenden Verdienst haben, wodurch das auszuwendende Verbesserung-Kapital boch toieber in ber Gemeinbe selbst verbliebe. Nach wenigen Jahren aber wäre ba« aufgeroanbte Capital wieder vollständig ersetzt, denn Grundstücke, welche ent« unb bewässert werden, tragen alßbalb ba« Doppelte von bem, wa« sie vorher trugen. Ihre Zeitung hat schon öfter« Beispiele au« der Provinz Oberhessen über solche Verbesserungen gebracht. Wenn Grunbstücke in solcher Weise verbessert worden sinb, dann können ihnen weber Dürre, noch Kälte, noch Nässe viel anhaben unb solche Nothftänbe unb Viehdecimirungen, wie sie ber heiße Sommer unseligen Anbenken« brachte unb die noch lange nachwirken werden, kämen so leicht nicht wieder vor. E« ist aber auch nöthig, daß sich unsere kleinen Landwirthe noch mehr um ben Wiesenbau kümmern, al« e« seither geschehen ist. Sie können gar nicht« bessere« thun, al« ihre Söhne grünblich im Wiesenbau unterrichten lassen, benn wa« in

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