Ausgabe 
9.12.1893 Erstes Blatt
 
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Nr. 290

Der Oktze»er rrfr^int täglich, ertt Rusnahmr bei Montags.

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Erstes Blatt. Samstag den 9. December

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Gießener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

1898

Bierieljährtger JMwuuuÄbpxeUt 2 Mark 20 Pfg. mN Bringerlohn.

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sotßmbm Lag erscheinenden Nummer bis vorm. wu»7 1 Hratisöeikage: Hießen er Aamikienötätten

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

In Folge anderweiter Verwendung des Großh. Steuer* Affeffors Jäger ist der Großh. Steuer-Affeffor Feick, durch -Verfügung Großh. Ministeriums der Finanzen, Abth. für Steuerwesen vom 4. December l. I. zur Nr. F. M. St. 29722, mit der interimistischen Verwaltung des Großh. ©teuer« Commiffariats Gießen bis aus Weiteres beauftragt worden.

Gießen, den 6. December 1893.

Großh. Steuer-Commissariat Gießen.

____________________Süffert.___________________

Bekanntmachung.

In Bezug auf die Geschäftsordnung des unterzeichneten Gerichts ist Folgendes bestimmt:

1. Allgemeiner Amtstag, an welchem Jedermann, ohne vorgeladen zu sein, den Richter sprechen kann, ist Donnerstags von 9 bis 12 Uhr Vormittags und von 2 bis 5 Uhr Nachmittags.

2. Die Sprechstunden des Gerichtsschreibers sind jeden Werktag von 10 bis 12 Uhr Vormittags.

Lich, den 5. December 1893.

Großherzogliches Amtsgericht.

Wehner.

Deutsches Reich.

Darmstadt, 6. December. Nach einer neuerdings vor­liegenden offiziellen Kundgebung ist am hiesigen Hofe von einem Besuche des Königs von Württemberg in den nächsten Tagen entgegen einer neuerlichen Meldung nichts bekannt.

Berlin, 7. December. Heber angebliche Verstimm* ungen zwischen Berlin und Stuttgart, als deren Niederschlag die Abberufung des württembergischen Gesandten am Berliner Hofe, v. Moser, betrachtet wird, gehen allerlei

Feuilleton.

In der Winternscht.

Eine Erzählung aus dem Walddorf.

Von Otto Fr. Koch.

(Nachdruck verboten.)

Tiefer Schnee ringsum . . .

Die weiße Decke lagert sich über Wälder und Berge, überall liegt die Flockenhülle ausgebreitet, die die Dichter in ihrer bilderreichen Sprache dasLeichentuch der Natur" nennen. An Hecken und über dem Einschnitt der Wege liegt es gethürmt, wie maßlos herabgeronnener Schutt eines zerborstenen Schneehimmels. Das Leichentuch der Natur! Sie ist doch gar nicht gestorben, sie schläft nur und warm umhüllt das winterliche Kleid die frierenden Glieder der Erde in ihrem Schlaf, aus dem sie alljährlich wieder erwacht, seit Menschen leben, wenn die Frühlingswinde mit lauem Hauche blasen. Dann wird das Winterkleid dünn und brüchig, zuerst an einzelnen, dann an vielen Stellen. Wohl ist der weichende Winter Willens, es wieder auszubesiern, und er wirft mit neuen Schneegestöbern die breitklaffenden Riffe und Löcher zu, aber es sträubt sich jetzt die langsam aufwachende Erde gegen dieses Streben. Wie mit vielen tausend Armen hebt und regt sich keimendes Leben aus der Mutter Erde fruchtbarem Schooß, es wehen von Neuem die warmen Winde und durch die triefenden Baumwipfel tönt es wie leises Bachesrauschen aus weiter, unbestimmter Ferne.

Jetzt aber ist's noch Winter, starrer, trotziger Winter! Ich stehe am Fenster des kleinen, trauten Zimmers im Försterhause am Ausgange des einsamen Walddorfes und mein Blick schweift über die tiefverschneite Dorfstraße, hinter der sich ernst und schweigend wie ein dunkles Gehetmniß der Wald aufbaut. Auf der Straße und den Häusern zu ihren Seiten, in denen längst die Lichter erloschen sind, auf den Bäumen des Waldes, die ihre Kronen beugen unter der Last des weißen Geriesels, liegt stiller Glanz des Mondes. Da huscht es aus dem Schatten der Häuser am Fenster vor­über und flieht in langen Sätzen hinein in den Wald: ein Füchslein, das der knurrende Magen aus dem leeren Bau trieb und das sich scheu zu den Stätten der Menschen ge* schlichen hatte, ob es wohl etwas wittere, den grimmigen Hunger zu stillen. Aber wohlverschlossen erwiesen sich alle

sensationelle Mittheilungen durch die Tagespreffe. Es heißt, ter von der württembergischen Regierung so dringend befür­wortete Ausfall der geplant gewesenen Kaisermanöver in Württemberg und weiter der energische Widerspruch der württembergischen Vertreter im Bundesrathe gegen das Wein- steuerproject hätten an maßgebendster Berliner Stelle ungemein verstimmt. Andere Meldungen wollen aber wissen, es handle sich in der ganzen Angelegenheit mehr um persönliche, als um sachliche Differenzen. Hoffentlich stellt sich der Zwischen* fall als ein Sturm im Glase Wasser heraus, durch welchen das bisherige so freundschaftliche Verhältniß der württem­bergischen Regierung zu den leitenden Berliner Kreisen nicht weiter berührt wird.

Aus der bayerischen, wie aus der badischen Abgeordnetenkammer sind bemerkenswerrhe Vorgänge zu erwähnen. In letzterer beantwortete der Finanzminister eine von allen Parteien gestellte Interpellation über die Reichsfinanzreform und die neuen Steuern dahin, daß die badische Regierung für die geplante Finanzresorm im Reiche, sowie für die Stempelsteuern und für die Tabaksabrikatsteuer, aber gegen die Weinsteuer sei. Der Minister begründete hierbei kurz die Stellungnahme der badischen Regierung in jeder dieser Fragen. Die bayerische Abgeordnetenkammer ihrerseits nahm einstimmig den von liberaler Seite gestellten Antrag an, wonach Art. 138 der Militärstrafgerichtsordnung authentisch dahin auszulegen sei, daß der Ausschluß der Oeffentlichkeit nur vom Beginne des Verhörs bis zum Schluffe der Verhandlung zulässig sei. Der Kriegsminister v. Asch erklärte sich Namens der Regierung gegen den Antrag.

Ausland.

Die Franzosen erfreuen sich nunmehr wieder eines neuen Cabinets in Gestalt des saft durchweg gemäßigt- republikanischen Ministeriums Pcrier. Aber kaum hat das­selbe das Licht der politischen Welt erblickt, so zeigt es sich schon, daß die neue Regierung ebensowenig auf eine feste parlamentarische Mehrheit rechnen darf, wie die allermeisten ihrer Vorgängerinnen. Denn gleich bei seinem parla­

Hühnerställe im Dorfe und so mußte der rothe Räuber mit einem Knochen vorlieb nehmen, den er aufstöberte unter frost- überglastem Rinnstein. Es ist Winter, starrer Winter, und draußen im Walde hungert das Wild . . . Warum ich wohl vor wenigen Augenblicken noch an das Springen und Bersten des weißen Bahrtuches, an das Nahen des Frühlings dachte? War es dein frohes Singen, du kleiner befiederter Gesell? Du saßest noch vor ein paar Tagen auf der ragenden Schirm­tanne nahe meinem Fenster, du freutest dich des milden Windhauches, der durch deine Flüglein strich. Und ich ver­stand dein Schmettern, denn du und deine Genossen ohne Zahl, ihr selbst seid mir die allezeit fröhlichen Lehrmeister eurer Sprache gewesen und ich lauschte weit lieber eurem vieltönigen Vortrag unter den rauschenden Hochwaldbäumen, als später dem des würdigen Profeffors im öden Klassen­zimmer der Lateinschule. Und dein Sang lautete:So schön ist's unter dem Himmel der Heimath, die ich liebe, und schier unbegreiflich dünkt mich der weite Flug so vieler Ge­noffen nach den Fluren des Südens, wenn sich hier der Winter einstellt- es ist dann der Hauch, der mich heute um­fächelt, rauhes Blasen des Wintersturmes?" . . .Und weiter sangst du von Lenzesblüthe und süßer Minne. Armer Sänger, dein Lied klang zu früh! Du liegst jetzt wohl starr und tobt hinter der Hecke, auch über dich ist das Leichentuch gebreitet. Auf Frühlingsahnen und Liebeswerben fällt ja so oft tödtender, kalter Reis!"

Daran denke ich, während ich am Fenster stehe und über die Darsstraße blicke, auf der es im Mondschein flim­mert und flirrt, wie vom Glühen zahlloser, zerstreuter Dia­mantensplitter. Da schreitet ein hochgewachsener Mann über die Straße. Er trägt in der Linken die schwere Hellebarde, wie ein Kämpe aus grauer, sagenumwobener Ritterzeit, in der Rechten hält er das mächtige, gebogene Horn und hinter ihm trottet mit gesenktem Kopse ein zottiger Hund. Der Mann steht "jetzt still, aus dem Hörne bringt breimal ein dröhnender Ton.Zwölf Uhr," höre ich den Wächter rufen, dann geht er langsam vorüber. Hinter mir rauscht es aus dem breiten Kachelofen vom Brande der Holzscheite, Wärme füllt wohlig das kleine, trauliche Gemach. Hell brennt die Lampe,- sie wirft ihren Schein über Bücher und Schreib­geräte auf den Tisch, über Bilder und Jagdwaffen an der Wand. Waldmann, mein Dachshund, schläft vor dem Ofen und knurrt zuweilen kampflustig im Traume, der ihn wohl in den Steffel der Meister Grimbart versetzt. Sonst ist's ganz

I still um mich her.

mentarischen Debüt in der Kammer wäre bas neue Ministe­rium bei einem Haar verunglückt bei der Abstimmung über einen von ihm zurückgewiesenen Antrag. Derselbe fiel zwar, womit die Regierung vorläufig gesichert war, aber die abso­lute Regierungsmehrheit betrug nur 31 Stimmen und auch dies wurde lediglich dadurch ermöglicht, daß 40 Abgeordnete der Rechten so gefällig waren, gegen den Antrag und also für die Regierung zu stimmen, während sich etwa 80 repu­blikanische Abgeordnete der Abstimmung enthielten. Das Cadinet Perier hängt demnach eigentlich nur von der Gnade der Rechten ab und bei dieser Sachlage dürfte dem jetzigen französischen Ministerium wohl nur eine kurze Lebensfrist be­lieben sein.

Deutscher Reichstag.

16. Sitzung. Donnerstag den 7. December 1893.

Die erste Berathung der Stempelsteuerge.setznoveHe wird fortgesetzt.

Abg. Dr. Hahn (nl.) erklärt, daß seine Freunde dem Theile der Vorlage, der die Erhöhung der Börsensteuer betrifft, zusttmmen, daß ihnen aber der von der Sptrttussteuer handelnde Theil wenig sympathisch sei, da er große Belästigungen bringe. Seine Freunde könnten der Quittungssteuer nur näher treten, wenn für dieselbe Abstufungen eingeführt würden. Er freue sich, daß sich Gelegenheit biete, den gegen seine Freunde erhobenen Vorwurf besonderer Börstn- freundlichkett zurückweisen zu können. Uebrtgens sei die Börse seit der Zeit, da Lasker in diesem Hause scharfe Kritik an ihr übte, besser geworden, was allerdings nur eine Folge des neuen Actten- gesetzes sei. Redner wendete sich beiläufig gegen die Angriffe, welche seitens der Herren Bebel, Richter und Anoeren gegen die Armee und speciell das Osfiziercorps gerichtet worden sind, wurde aber vom Präsidenten ermahnt, sich an der Vorlage zu halten. Was die Anlagen der ausländischen Anleihen betreffe, bet denen große Summen verloren wurden so könnte man sagen, das Publikum sei selbst Schuld daran, es brauchte ja nicht zu speculiren; aber es fehlte leider eine amtliche Auskunftsstelle. (Zuruf: Geheimer PapterrathI) Leider werde das Publikum durch die Preffe vielfach irregeführt; die Presse bringe, was ihr von Interessenten mitgetheilt werde und erfülle ihr Amt als Geheimer Papterrath nicht. Eine Verminderung der Börsenspeculatton mag für die Börse nicht angenehm sein das Publikum erleidet keinen Schaden dabet. Viele Provtnztalbankters veranlaßten das Publikum zu Speculationen und unterstützten wenigstens die Neigung dazu. Die Berliner Börse hat durch den

Sei Du im Geiste bei mir, lieber Leser, ich will Dir die Geschichte eines freudelosen Menschenlebens erzählen, das seinen Abschluß sand in einer kalten, mondscheinbeglänzten Winternacht im Walddorf.

*

Jahre sind verstrichen seit meiner sonnigen Kinderzeit, seit den Tagen, an denen ich umherstrich zwischen den hohen Waldesbäumen- eine lange Zeit trennt mich nun schon von demLenz des Lebens". Aber noch frisch und lebendig hasten die Erinnerungen an diese frohe Zeit im Gedächtniß des Mannes, der jetzt die vergilbten Blätter in Händen hält, auf denen mit großen ungefügigen Schriftlichen die Ge­schichte deines Lebens verzeichnet steht, niedergeschrieben von deiner schweren Hand, alter Jochen Klaus. Und wie es rauscht in den Blättern in meiner Hand, aus denen eS emporquillt wie grüßender Laut deiner Heben, sanften Stimme, da sehe ich auch vor mir dein treues Antlitz, Zug um Zug! Ich sehe die breite Stirn, die Locken des üppigen Haares, die so weiß sind wie der Schnee da draußen. Ich blicke in deine blauen Augen und wundere mich wieder einmal über ihren hellen, milden Glanz, ganz wie damals, als ich noch ein kleiner Junge war. Ich bemerke das eigene, schmerzliche Zucken deines Mundes, deine hohe Gestalt richtet sich vor mir auf, die die Bürde der Jahre nicht zu beugen vermochte, die nur zusammensank, wenn du dich allein wußtest aus den Feldern, wo du die Schafe des Dorfes triebest- dann rannen wohl auch aus den Augen, die so kindlich blicken konnten, unaufhaltsam heiße Thränen in deinen ^Bart- du rangst die Hände im Gebet um Verzeihung für deine Schuld. Wenn ich aber beb dir weilte, stundenlang, halbe Tage lang, dann haftete sroheS Lächeln aus deinen Zügen, du wurdest nicht müde, mir zu erzählen von deinen Seefahrten und ihren Abenteuern, du bautest für mich aus Baumrinde gar kunst­voll die stolzesten Schiffe, du lehrtest mich, wie man den scheuen Hänfling zähmt und den störrischen Buntfink gefügig macht, daß er anhebt mit seinem schwermüthigen Gesang. Wenn die Brüder und Spielgenoffen durch die Fichten schwärmten, wenn ihre Papierdrachen flogen über der Haide, dann saß ich bei dir am Waldrande, während um uns die Schafe weideten, und ich horchte mit glänzenden Augen und heißen Wangen deinen Erzählungen.

(Schluß folgt.)