wurde in dem Hinteren Burghof die „Oper", der „Taucher", aufgeführt, eine Gesangstravestie, wie sie gelungener nicht gedacht werden kann und die verdientermaßen stürmische Heiter« feit erweckte. Die Leitung der Aufführung hatte Herr Musik- director Keifer, der Vereinsdirigent, übernommen, als Orchester fungirte die rühmlichst bekannte Capelle Hilge. Es war wirklich ein ganz außerordentlich eigenartiges, bunt bewegtes Leben und Treiben, das sich in der ehrwürdigen Burgruine entwickelte, jedenfalls hat der Frankenstein lange keine so vergnügte Gesellschaft beherbergt, wie am Sonntag. Dazu schenkte der Himmel ein prächtiges Festwetter, was nicht wenig zur Belebung des allgemeinen Frohsinnes beitrug. Der rührige Vereinsvorstand, sein Präsident an der Spitze, kann auf dieses erste Maifest wahrlich stolz sein, Herr Harres hatte es ganz vortrefflich verstanden, alles in der paffendsten und schönsten Weise zu arrangiren, der Dank der Angehörigen und Freunde des Vereins hierfür ist ihm sicher. Der „Humanitas" aber, die auf künstlerischem Gebiete uns schon so Hervorragendes geboten, kann man zu dem Verlauf des Festes nur Glück wünschen, es hat dem strebsamen, jungen Vereine gewiß recht viele Freunde gewonnen. Zum Schluffe sei noch erwähnt, daß die Theilnehmer gegen 6 Uhr Abends nach Eberstadt hinabstiegen und dort wurde noch in einer bekannten Brauerei eine würdige Nachfeier veranstaltet, die erst spat endete.
Am nämlichen Sonntag hat auf der Rennbahn des leistungsfähigen Bicycleclubs ein großes Wettfahren stattgefunden, zu dem sich gleichfalls eine große Menge von Sportsfreunden und Schaulustigen eingestellt hatte. Ueber den Verlauf berichteten die Tagesblätter etwa Folgende-: Vor Beginn des Wettrennens wurde der übliche Corso durch die Hauptstraßen der Stadt gefahren, viele prächtige VereinSfahnen und
Standarten schmückten den von zwei fahrenden Musikcorps begleiteten Zug. Auf der Rennbahn hatte sich außer der großen Zuschauermenge auch hoher Besuch, Seine Großherzogliche Hoheit Prinz Wilhelm, eingefunden. Im ganzen fanden zehn Rennen statt, bei denen hervorragende Sportsleistungen geboten wurden. Freilich wurde der Record von 1892 durchweg nicht erreicht, der ungünstige Wind und der leider in sehr großer Menge aufgewirbelte Staub mögen die Schuld daran tragen. Am Abend folgte die Preisvertheilung im weißen Saale der „Stadt Pfungstadt", dort concertirte auch die Capelle des Leib-Dragoner-Regimentes Nr. 24 unter Musikdirectors Stützels Leitung. Ein fröhliches Tanzvergnügen beschloß das für den Club ehrenvoll verlaufene Fest. Für die Sommermonate stehen uns übrigens noch mehrere sportliche Veranstaltungen in Aussicht, denen man mit Interesse entgegensetzen darf.
Endlich haben sich am Sonntag auch die Pforten des Darmstädter Sommertheaters im städtischen Saalbau geöffnet und Herr Director Reiners hat mit der ersten Vorstellung „Die beiden Reichenmüller" bei der Rritif ganz freundliche Aufnahme gefunden. Das Ensemble ist nach den Preßberichten ganz gut und da die Direction klugerweise lauter Stücke angekündigt hat, die auf dem Großherzogl. Hostheater nicht erscheinen, so ist damit für eine große Anzahl von Novitäten gesorgt. Jedenfalls wünschen wir Herrn Director Reiners zu seinem Unternehmen guten Erfolg, über den Fortgang werde ich Ihren Lesern, die sich dafür wohl auch interessiren werden, in meinen späteren Briefen genauer erzählen.
An Unterhaltung ist übrigens gegenwärtig in der Residenz kein Mangel. Großen Zulauf fanden in den letzten Tagen die Vorstellungen des Cirkus „Drexler-Lobe",
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Nr. 129 Erstes Blatt. Sonntag den 4. Juni 1893
Der Oittener Anzeiger erlchemt täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener Il«mirienvrätt,r werden b^m Anzeiger robditiit'irii dreimal u-'qvl»gt. ,
Meßmer Anzeiger
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.
Gratisbeilage: Gießener Iamit'ienblätter.
Alle Annonccn-Bukeaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Tbeil.
Gießen, den 3. Juni 1893.
Betr.: Die Abgabe von dürrem und grünem Gras und sonstigen Futterkräutern aus den Domanial- und Communalwaldungen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gieße»
M dis Grstzh. Bürgermeister eie« des Awtki.
Mit Rücksicht auf die zur Zeit bestehende große Futter- noth sind die Forstbehörden bis auf Weiteres zur Abgabe von grünem Rupfgras zum Preis von 10 Pfg. und von dürrem zum Preis von 5 Pfg. pro Last aus den Großh. Domanialwaldungen ermächtigt worden. Auch Gesuche um Abgabe von Gras aus den Gemeindewaldungen werden Seitens der Forstbehörden genehmigt werden. Indem wir Sie beauftragen, Vorstehendes zur Kenntniß Ihrer Gemeindeangehörigen zu bringen, weisen wir Sie an, sich wegen Erwirkung von Grasabgaben alsbald mit den Großh. Ober- förstereien ins Benehmen zu setzen.
v. Gagern.
Bekanntmachung,
betreffend die Maul- und Klauenseuche zu Lang-Göns.
Nachdem die zu Lang-Göns ausgebrochene Maul- und Klauenseuche erloschen ist, heben wir die angeordnete Gehöft- und Gemarkungssperre wieder auf. Zur Ausführung von Rindvieh, Schafen, Ziegen und Schweinen aus der Gemarkung Lang-Göns, sofern die Thiere nicht sofort abgeschlachtet werden, ist indeß bis auf Weiteres Besitz thierärztlicher Gesundheitsscheine erforderlich, mag die Ausführung von Händlern oder von anderen Personen erfolgen. Für Thiere, welche zum Zwecke sofortiger Abschlachtung ausgeführt werden, bedarf es eines Gesundheitszeugnisses der Großh. Bürgermeisterei Lang-Göns.
Gießen, den 2. Juni 1893.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Steckbrief.
Gegen Keller, Konrad Josef, Kaufmann von Gießen, geboren am 13. April 1844 zu Coblenz, welcher flüchtig ist, ist die Untersuchungshaft wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung verhängt. Es wird um Fahndung, Verhaftung und Nachricht vor Zuführung ersucht.
Gießen, den 1. Juni 1893.
Großherzogliche Staatsanwaltschaft.
Schilling - Tr.
Gefunden: 1 Taschenuhr, 1 Stuhl, 1 Gummiball, 2 einzelne Handschuhe, 1 Hutnadel, 1 Notizbuch, 1 Beil, 1 Damenhut, 1 Regenschirm (stehen geblieben am Schalter des Hauptpostamts), 1 Taschentuch, 1 Schürze, 1 Kinderschuh und 1 Likörfläschchen.
Gießen, den 3. Juni 1893.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
_________________Fresenius._________________
cs Deich.
Berlin, 2. Juni. Der gegenwärtige Besuch des Prinzen Victor von Italien, Grafen von Turin, am Berliner Hofe legt erneut Zeugniß von den so herzlichen Beziehungen zwischen dem deutschen Kaiserhause und der italienischen Königsfamilie ab. Kaiser Wilhelm hatte bei seinem letzten Aufenthalt am römischen Hose den jungen Prinzen eigens zur Theilnahme an der Frühjahrsparade des Gardecorps und weiter überhaupt zu einem Besuche des kaiserlichen Hofes eingeladen, welcher Einladung der Prinz nunmehr nachgekommen ist. Prinz Victor war am Donnerstag Nachmittag in Berlin eingetroffen, wo er auf dem Bahnhofe vom Kaiser empfangen und herzlichst begrüßt wurde- alsdann geleitete der Kaiser feinen hohen Gast nach dem königlichen Schlosse. Am Freitag Vormittag wohnte der Graf von Turin nebst den übrigen hierzu in Berlin eingetroffenen auswärtigen Fürstlichkeiten der Frühjahrsparade der Berliner Garnison bei.
— Wie sehr die socialdemokratische Partei auch diesmal wieder allen übrigen Parteien mit ihren Wahlvorbereitungen voraus ist, dies geht u. A. auch aus der ungemein großen Zahl der socialdemokratischen Candidaturen hervor. Denn nicht weniger als 356 Candidaten hat die Socialdemokratie aufgestellt, es sind demnach nur 41 von den 397 Reichstagswahlkreisen von ihr unberücksichtigt geblieben. Daß die socialdemokratische Parteileitung mit ihren 356 offiziellen Candidaturen eine ungeheuere Stimmenzahl erzielen wird, ist bei der straffen Organisation der Wählermaffen und bei der intensiven Thätigkeit der socialistischen Agitatoren zweifellos- die Socialdemokratie kann also schon jetzt auf einen mindestens äußerlich bedeutenden Wahlerfolg rechnen.
— Ein für die Sache des Deutschthums tief bedauerlicher Beschluß ist in dem von polnischen Elementen sehr stark durchsetzten Wahlkreise Graudenz-StraSburg gefaßt worden. Nach einer Meldung des „Berl. Tagebl." beschloß eine in Lautenburg abgehaltene Versammlung von deutschen Wählern aus den landwirthschaftlichen Kreisen, bei einer etwaigen Stichwahl zwischen dem Polen v. Rozycki und einem der deutschen Candidaten Stimmenthaltung auszuüben. Diese inbirecte Begünstigung des polnischen Candidaten soll mit dem Hinweise darauf begründet worden sein, daß Herr v. Rozycki auf dem Programm des „Bundes der Landwirthe" stehe. Demnach würde der erwähnte Beschluß eine Unterord
nung deutscher nationaler Interessen unter einseitige Interessen bedeuten.
— DaS preußische Abgeordnetenhaus hat sich am Mittwoch nach definitiver Genehmigung des Wahlgesetzes, des UeberweisungSgesetzes und des LehrerdotationSgesetzeS nochmals auf einige Zeit vertagt. Dies einerseits infolge Mangels an BerathungSstoff, anderseits aber auch in Hinblick auf die bevorstehenden Reichstagswahlen- wahrscheinlich wird die nächste Sitzung des Hauses erst Ende Juni stattfinden.
— 96 antisemitische Candidaturen der verschiedensten Richtungen werden in der „Staatsbürgerzeitung" veröffentlicht.
Ausland.
— In Irland heben die Agrarverbrechen wieder an. In der Grafschaft Clarr spielt der neueste Vorgang dieser Art- der Verwalter Moloney vom Gute Rittonanthla wurde, als er sich zur Entgegennahme von Pachtzinsen unterwegs befand, durch Gewehrschüsse schwer verwundet. Die Thäter sind noch nicht ermittelt, obwohl sieben Personen verhaftet wurden. Und noch am Tage dieser That hatte der irische Staatssecretär Morley im Unterhause stolz verkündet, daß seit dem Amtsantritt des Cabinets Gladstone die Agrarverbrechen in Irland abgenommen hätten!
Neueste Nachrklchteiu
fßoIffS telegraphische« Eorrespondenz-Bureau.
Berlin, 2. Juni. Die heutige Frühjahrsparade des Gardecorps verlief bei schönem Wetter glänzend. Die Truppen waren in zwei Treffen aufgestellt. Den Oberbefehl führte Generallieutenant Winterfeld. Es fand ein zweimaliger Vorbeimarsch statt, erst in Compagniefront, dann in Regi- mentscolonnen. Bei dem Vorbeimarsch des 2. Garderegiments führte der Kaiser dasselbe an der Kaiserin vorbei. Unter dem glänzenden Gefolge befanden sich die Prinzen Leopold von Bayern, Ferdinand August von Sachsen, Albrecht von Braunschweig, Graf von Turin, Herzog Albrecht von Württemberg. Die Parade war um 11 Uhr beendet, worauf eine längere Kritik des Kaisers stattfand. Gegen 12 Uhr kehrte der Kaiser an der Spitze des 2. Garderegiments in die Stadt zurück.
Berlin, 2. Juni. Der Delegirte des AufsichtsratheS der Continental-Telegraphen-Compagnie, Herr Dr. Jmanuel Rosenftein, ist infolge eines Herzleidens heute Vormittag gestorben.
Berlin, 2. Juni. In der heutigen Sitzung des Evan- gelisch'focialenCongresses sprachHofprcdiger Braun- Stuttgart über die Annäherung der Stände in der Gegenwart und empfahl wirksame Förderung dieser Annäherung durch eine entsprechende Steuergesetzgebung, Schulgesetzgebung,
Fe«illcton.
Wochenbriefe aus der Residenz.
(Originalbericht für den „Gießener Anzeiger".)
Darmstadt, 2. Juni 1893.
Da8 Maifest der HumanitaS. — Wettrennen. — Vom Sommer- theater. — Allerlei.
Ueber originelle Vereinsfeste ist in den Residenzbriefen in den vergangenen Wochen mehrfach berichtet worden, so originell und durchweg gelungen wie das Maifest des Männerchors „Humanitas" am letzten Sonntag ist jedoch hier noch kaum eine größere Vereinsveranstaltung verlaufen. Einen ausführlichen Bericht zu geben, ist nicht möglich, unser ganzer Brief würde am Ende nur von diesem einen Gegenstände handeln, wir begnügen unö daher mit einer kurzen Schilderung. Zum Festplatz war die herrlich gelegene Ruine Frankenstein bei Eberstadt auserwählt worden, ein Punkt, der wohl jedem Besucher der Bergstraße bekannt ist. Fleißige Hände hatten hier schon tagelang gearbeitet, die Ruine war herrlich aus- geschmückt, ja selbst eine kleine Bühne hatte innerhalb der altersgrauen Mauern ihren Platz gefunden, daneben gab eS Caroussels, Schießbuden, sogar ein urkomisches Raritäten- cabinet, dessen local-historische Alterthümer allgemeine Heiter- Ecit erregten, fehlte nicht. Ein Festspiel, vom Dereins-Präfi- d-enten, dem Großherzoglichen Baumeister, Herrn Eduard Harres, verfaßt, in dem der anwesende Verfasser von „Waldmeisters Brautfahrt", Professor Otto Roquette, verherrlicht inurbe, eröffnete den Reigen der gebotenen Vergnügungen. Seine treffliche poetische Fassung und die gelungene Darstellung sicherten ihm den lebhaften Beifall der Hörer. Dann


