Nr. 280 Erstes Blatt Mittwoch den 30. November
1892
Amts- und Anzergeblutt für den ICreis Groszen.
Hratiskeikage: Hießencr Jamilienblätter.
L8e Lnnonctn-Bureaux des Iu- un> LuZUmde- nehm«»
Änneimc »ob Anzeige» zu der Nachmittags für bai f»lgmden Lag erscheinenden Nummer bis von 10 Uhr.
totales unö provinjicllcs#
Gießen, 29. November 1892.
— Ordens-Verleihung. Seine Königliche Hoheit der Grobherzog haben dem Postsecretär Carl Mayer in Gießen daß Ritterkreuz zweiter Klasse des Verdienstordens Philipps des Großmüthigen Allergnädigst zu verleihen geruht.
L. G. Am 27. l. Mts. wurde das zweite (Solisten-) Concert des Gießener Concertvereinö durch Frau Anna von Pilgrim, Violin-Virtuosin, Fräulein Olga Schön- Wald, Pianistin, und Herrn Rudolf Oberhäuser, Baritonist der Königs. Hofoper in Berlin zur Ausführung gebracht. Das Programm eröffnete Frl. O. Schönwald mit Chopins Ballade op. 47, Schumanns Nachtstück und Henselts: Si oiseau j’etais. In dem letzgenannten Stücke, sowie in dem später zum Vortrag gebrachten Valvo Impromptu von Raff und den Moszkowski'schen Etincelles entfaltete die Dame eine beachtenswerthe Technik, die das Publikum reichlich applaudiren ließ, bis sie eine Zugabe: Mendelssohns E-moll Scherzo op. 16 einlegte. Wirkliche, echte Schumann'sche Romantik wehte uns aus dem Nachtstück Nr. 4 entgegen, dessen Zwiegespräch in dem kleinen ^o-äur-Zwischensätzchen stilvoller nicht wiedergegeben werden konnte, dessen Piano, dem Flügel mit schönem, metallischem Anschlag entlockt, unsere Bewunderung erregte. Ebenso können wir die Chopin Ballade, soweit die technische Darstellung in Frage kommt, als schöne ।
i ein Geständniß zu liegen, daß der Czar nicht mehr Herr in | seinem eigenen Hause sei, sondern unter dem Drucke der i öffentlichen Meinung stehe, die ihn gegen seinen Willen in : Kriegsabenteuer stürzen könne. Die Gefahr scheine näher i zu liegen, als der Kanzler aus naheliegenden Gründen wahr j haben wolle. Die Stellung Oesterreichs sei dabei ebenso j exponirt wie die unsrige, deshalb sei auch das Verlangen ' vollauf berechtigt, daß der Bundesgenosse sich militärisch ge* nügend rüste, um einem Angriff Rußlands- gewachsen zu sein. Ferner sei in der Rede des Reichskanzlers der Hinweis auf die Neutralität der Schweiz ausgefallen. Es sei sehr zu wünschen, hierüber eine entsprechende Erklärung Frankreichs zu hören, an welcher besonders die Schweiz großes Interesse haben dürfte.
Berlin, 29. November. Phelps, der Gesandte der Vereinigten Staaten von Nordamerika, wird voraussichtlich kommendes Frühjahr abberufen. Die Abberufung hängt mit der Wahl Clevelands zusammen.
Berlin, 28. November. Die Direction der großen Berliner Pferdebahngesellschaft entließ eine Anzahl Kutscher und Schaffner, welche sich an der von Führern der Socialdemokratie in Scene gesetzten Bewegung beteiligten. Ferner würde zum 1. December über 70 Personen gekündigt, wegen Theilnahme an Versammlungen.
Berlin, 28. November. Auf dem Socialistentag geschah bei der namentlichen Abstimmung über die Maiseier keine Protocolliruag, da die Schriftführer sich auf den Stenographen verließen,' deshalb wurden die Delegirten heute durch Circular um Mittheilung ihrer Abstimmung gebeten.
Köln, 28. November. In der verstossenen Nacht um 1 Uhr brach in der Jnfanreriekaserne an der Streit- zeuggasse Feuer aus, das sich rasch ausbreitete und die ganze Regimentskammer ansbrannte. Unter der größten Anstrengung des Militärs und der Feuerwehr wurde der Brand nach zwei Stunden gelöscht. Der Schaden an Material ist bedeutend.
Hamburg, 28. November. Der Vorsitzende der Bürger- , schäft, Otto Mönckeberg, wurde an Stelle des ver- I storbenen Petersen zum Senator ernannt.
Leipzig, 28. November. Gestern fand ein Pi stolen- duell zwischen zwei Medicinern in der Nähe von Gautzsch statt. Der Arzt Reinhold Przhrembel wurde erschossen. Sein Gegner zeigte sich selbst an.
Würzburg, 28. November. Die Petition an den Reichstag gegen jede Verschlechterung des bayerischen Militärwesens ging mit 26 573, diejenige bezüglich des bayerischen Militärgerichtswesens mit 26 573 untersränkischen Unterschriften an den Abgeordneten von Stauffenberg zur I Uebergabe ab.
Fürth, 28. November. Infolge des über die Evora'sche Brauerei verhängten Boykotts der Socialdemokraten steht ein allgemeiner Kampf im Braugewerbe bevor.
Paris, 29. November. Loubet überreichte nach der I Kammersitzung dem Präsidenten Carnot die Demission I des gesammten Cabinets.
Paris, 29. November. Präsident Carnot nahm die Demission des Cabinets an. Das „Journal osficiel" I bestätigt heute die Annahme und bemerkt, daß die Minister I die Geschäfte bis zur Ernennung der Nachfolger sonführen.
Aintlichev Thesl.
Bekanntmachung, betreffend die Veranstaltung einer landwirthschaftlichen Ver- loosung zu Butzbach während des dortigen Frühjahrsfaselmarktes in 1893.
Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Ministerium des Innern und der Justiz die Genehmigung zur Vornahme einer, mit dem am 23. März k. I. stattfin- denden Frühjahrsfaselmarkte in Butzbach zu verbindenden Verloosung üoh Faseln, Rindern, Schweinen, Geflügel und landwirthschaftlichen Geräthen unter der Bedingung ertheilt hat, daß nicht mehr als 13 000 Loose a 1 Mark ausgegeben «erden dürfen und (abzüglich eines Betrags von 350 Mark für Prämiirung) mindestens 70 pCt. des Brutto-Erlöses aus dem Verkaufe der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind. Der Vertrieb der Loos- in der Provinz Oberhessen ist gestattet worden.
Gießen, den 26. November 1892.
Großherzogliches Kreisaml Gießen, v. Gagern.
Der
Rn« erscheint täglich, ■* Ausnahme des
Montags.
Die Gießener
Derben dem Anzeiger
Tschentlich drei »Ml bei gelegt.
1 Leistung bezeichnen und auch die der Ballade eigenthümlichen " lyrischen Elemente wurden demgemäß zum Ausdruck gebracht, i Dabei aber kamen solche willkürlichen Tempoverschlcppungen und -Beschleunigungen vor, daß der Character des Stückes nicht immer gewahrt blieb, sondern zuweilen den der Schwer- sälligkeit und Zerrissenheit ausgeprägt erhielt. Jedem Künstler ■ soll und muß das Recht, seine subjcctive Auffassung zum Ausdruck bringen zu dürfen, zuerkannt werden/ aber diese individuelle Ausgestaltung des Einzelnen in Bezug auf Dynamik und Tempo rechtfertigt niemals ein Aufheben jedes objectiven Erfassens des Ganzen im Sinne des Componisten. Neben ihrer solistischen Thätigkeit hatte Frl. Olga Schönwald auch noch für sämmtliche weitere PiScen der anderen ausübenden Künstler die Begleitung übernommen, eine Aufgabe, die an die geistige Spannkraft der unermüdlichen Künstlerin große Anforderungen stellte. Doch auch auf diesem Posten bewährte sie sich und zeigte bei bester Accomodation schöne Auffassung und größte Zuverlässigkeit. Frau A. v. Pilgrim verfügt als Violinistin über eine geläufige und sichere Fingerfertigkeit, der Ton ist zart und weich, selbst in den höheren Lagen, was
I aber Größe und Fülle desselben anbelangt, so mag es wohl auch hier der den meisten Geigenkünstlerinnen eigene Mangel an physischer Kraft sein, der jene Eigenschaften vermissen läßt und damit wirkungsvolle Gegensätze, ein feineres Ausarbeiten von Licht und Schatten aufhebt. Von den beiden Sätzen auS der Ries'schen Suite wirkte namentlich der zweite durch seinen anmuthig-graciösen, zuweilen keck und humorvollen Ausdruck. — Das Bruch'sche Adagio konnte uns nicht begeistern. So Treffliches die Dame im Einzelnen leistete — jenes Etwas, das den Virtuosen erst zum wahren Künstler macht, 'das weder durch Notenköpfe noch durch andere Zeichen fixirt wird, das
I aber dem Ganzen erst Character, Farbe, Leben gibt, fehlte — die Seele. Besser im Vortrag, mit eigemhümlicher musikalischer Auffassung, gelangen: Tarantelle von Raff und Mazurka
I von Wieniawski. Dazu kam eine unfehlbare Sicherheit und Deutlichkeit in allen Passagen, Trillern und Doppelgriffen, sodaß die Künstlerin Seitens der Zuhörerschaft freundlichen Beifall erntete, dem sie die übliche Zugabe in Form einer
I niedlichen Gavotte von Bohm folgen ließ. Den vocalen Theil I bestritt Herr R. Oberhäuser. Sein Stimmumfang ist I ziemlich groß, in der höheren Lage immer noch angenehm I klingend, in der tieferen allerdings etwas schwach. Be- merkenswerth ist der Reichlhum an Klangfarben in der Behandlung der Vocale, sowie die unübertreffliche Deutlichkeit
I und Schönheit der gänzlich dialectfreien Aussprache. Das I sind Eigenschaften, die man nicht hoch genug anerkennen kann, wenn man sich des störenden und ablenkenden Nachlesens im
I gedruckten Texte erinnert (des Knisterns und Knatterns der umgewandten Textbuch-Seiten gar nicht zu gedenken), zu dem so viele Sänger den Zuhörer nöthigen, damit er überhaupt nur weiß, wovon im Gefange die Rede ist. Von den programmmäßigen Liederspenden mutheten uns Brücklers herrliche Trompeterlieder, sowie Suchers „Liebesglück" am meisten an. (Bei dem letzteren wäre es angebracht gewesen, wenn die Clavierbegleitung etwas mehr hervorgetretcn wäre.) Bei aller Einfachheit und Natürlichkeit im Vortrag traf hier der Sänger in glücklichster Weise sowohl den Ton der Liebesseligkeit wie den des Trennungsschmerzes und es will uns dünken, als ob gerade die empfindsame Lyrik das Feld sei, das ihm den meisten Ertrag versprechen dürfte. Denn bei allem Bemühen, den Empfindungsgehalt der Löwe'schew Ballade: „Heinrich der Vogler" durch Ton und Sprache zur vollendeten Darstellung zu bringen, verlor derselbe dennoch an Wirkung, theilweise wohl auch durch die Tempo Verzögerung des im 6/,-Tact geschriebenen Allegro-Sätzchens. Bei etwas beschleunigterem Zeitmaße wäre die Stelle: „Was sprengt dort herauf für eine Reiterschaar?" zu entschieden besserer Geltung gekommen. Störend und unangebracht fanden wir außerdem bei der musikalischen Declamation der Verszeilen: „S'ist deutschen Reiches Will'" und „du gabst mir einen guten Fang" das Einhalten und Athemholen zwischen den Worten: „Reiches — Will'" und „einen — guten". — Das Ries'sche „Am Rhein und beim Wein" mit seinen packenden, gewaltigen Accorden zündele auch bei den Zuhörern, ließ sie über kleine Unfertigkeiten hinwegsehen und veranlaßte einen längeren Applaus, nach dem sich der Sänger zu einer zweiten Zugabe verstand (Alban Förster's „Lockung"), obwohl er schon für die beifällige Aufnahme der Trompeter-Lieder mit Schumanns „Frühlingsnacht" dem Publikum seinen Dank gezollt hatte.
— Das gestrige erste Concert der Leipziger Quartett- und Coucertsänger war äußerst zahlreich besucht. Die Herren rechtfertigten ihren allen gutbewährten Ruf und ernteten für ihre vorzüglichen Leistungen den lebhaftesten Beifall des Publikums. Heute Abend findet ein zweites und letztes Concert statt, und sei hierauf nochmals aufmerksam gemacht.
Neueste
. Wolffs telegraphisches Correspondcnz-Bureau.
Berlin. 28. November. Seine Majestät der Kaiser ronserirte gestern Abend mit General Hahnke und darauf mit dem Reichskanzler Grasen Caprivi, welcher auch zur Abendtafel im Neuen Palais verblieb. Dem Vernehmen nach treffen morgen der Großfürst und die Großfürstin Wladimir aus Paris zum Besuche iu Potsdam ein und nehmen voraussichtlich im Neuen Palais Wohnung. Die Rückkehr Seiner Majestät aus Pleß erfolgt nach den bisherigen Bestimmungen am 1. December, Morgens */28 Uhr.
Potsdam, 28. November. Der Kaiser ist heute früh 8>/z Uhr nach Pleß abgereist.
Paris, 28. November. Einer Meldung aus Pagny zufolge ist der Sanitätsdienst an der Ostgrenze aufgehoben.
Madrid, 28. November. Gestern haben hier die Vorverhandlungen für einen Handelsvertrag mit Deutschland begonnen.
Brüssel, 28. November. In der heutigen Sitzung der Münzconscrenz unterbreitete der englische Delegirte Alfred v. Rothschild Vorschläge, worin die absolute Unmöglichkeit des Bimetallismus für England dargelcgt ist. Roth, schild hebt hervor, die Unionsregierung kaufe jährlich 54 Millionen Unzen Silbermetall. Unter der Bedingung, daß die Unionsstaaten fortführen, dieselbe Menge zu kaufen, sollten die verschiedenen europäischen Staaten Übereinkommen, sich jeder zu einem jährlichen Ankauf von 5 Millionen Sterl. Silber zu verpflichten, fünf Jahre hindurch, zu einem Preise, der 43 Pence per Unze Standard nicht übersteigt. Sollte der Silberpreis höher steigen, so wären die Ankäufe zu suspendiren. Rothschild bezeichnete seine Vorschläge nur als Palliativmittel, nicht als eine definitive Lösung.
Petersburg, 28. November. Unter den zur Deckung des voraussichtlich einlretenden Einnahmeausfalles beabsichtigten Maßnahmen befindet sich eine einmalige Wehrsteuer, welche in der Höhe von 3 Rubeln unter Zulassung bestimmter Aus- nahmen von allen Personen erhoben werden soll, die von dem activen Heeresdienst befreit sind. Der jährliche Ertrag der Steuer wird auf anderthalb Millionen Rubel veranschlagt. Die geplante Erhöhung der Gildensteuer ist ausgegeben worden. Dagegen soll die Steuer von Haudels- und Jndustrie-Actien- Oesellschaften von 3 pCt. auf 5 pCt. vom Reingewinn erhöht werden, woraus eine Mehreinnahme von 1,700,000 Rubel erwartet wird. Endlich wird beabsichtigt, die Ergänzungs- Handelssleuer von 4,400,000 Rubel auf 5,500,060 Rubel zu erhöhen und die bisher nur eine Accise zahlenden industriellen Unternehmungen zu der Handelssteuer heranzuziehen, deren Mehrertrag infolge dieser Maßregel auf 700,000 Rubel geschätzt wird.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 28. November. Das Staatsministerium hielt heute Mittag unter dem Vorsitz des Grafen Eulenburg eine Sitzung ab. In Parlamentarischen Kreisen verlautet, dem vom Cultusminister vorgclcgten Gesetzentwurf zur Ausbesserung der Gehälter der Volksschullehrer habe man zu- Zestimmt. 8
Berlin, 29. November. Die „Kreuzz." kommt nochmals auf die Rede Caprivis zu sprechen und hebt hervor, in der Ausführung des Reichskanzlers bezüglich Rußlands scheine
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