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♦irledtr Zu-elger rrfcfrrint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
Die Gießener P«milien v tä i ler »erden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigrlegt.
Zweites Blatt. Sonntag den 29. Mai
HichenerAnzeigcr
Kenerat-Anzeiger.
1892
Vierteljähriger ^donnementspreisr 2 Mark 20 Pfg. mit Vrmgerlvhn. DurcK die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.
Redaktion, Expedition und Druckerei: rchntstr.teAr.7.
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» tolgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorn». 10 Uhr.
Amtliehev Theil.
Nr. 31 des Reichs-GesetzblattS, ausgegeben den 23. d. M., enthält:
(Nr. 2034.) Gesetz, betreffend die Abänderung des § 87 des Unfallversicherungsgesetzes vom 6. Juli 1884 (Reichs- Gesetzblatt S. 69) und des § 95 des Gesetzes, betreffend die Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwirthschaft- lichen Betrieben beschäftigten Personen, vom 5. Mai 1886 (Reichs-Gesetzblatt S. 132). Vom 16. Mai 1892.
(Nr. 2035.) Verordnung wegen Abänderung der Verordnungen vom 16. August 1876, 4. März 1879 und 10. Februar 1890, betreffend die Cautionen der bei der Mlitär- und der Marineverwaltung angestellten Beamten. Vom 14. Mai 1892.
Gießen, den 27. Mai 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Gießen, den 27. Mai 1892.
Betr.: Die regelmäßigen Ergänzungswahlen des Gemeinde- raths.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
MM die Gretzh. Bürgermetstereie« de»
Gesetzlicher Vorschrift gemäß haben im lausenden Jahre die regelmäßigen Ergänzungswahlen des Gemeinderaths stattzufinden. Indem wir Sie wegen Beobachtung der für diese Wahlen bestehenden Bestimmungen im Allgemeinen auf unser ausführliches Ausschreiben vom 5. Juni 1883 (Anzeiger Nr. 131) und auf unser Amtsblatt Nr. 3 vom 8. Juni 1885 Hinweisen, heben wir nur besonders hervor, daß auf Grund des Gesetzes vom 15. Mai 1885 (Regierungsblatt S. 95) nicht mehr die Zuziehung zur Einkommensteuer, sondern die Heranziehung zur Communalsteuer Voraussetzung der Stimmfähigkeit ist. Die in der Wahlanleitung, Anlage A, angegebene Abtheilung B der Stimmberechtigten fällt weg, die Stimmberechtigtenlisten sind vor der Wahl zur Bemerkung
Steuerrestanten nur dem Gemeinde - Einnehmer mitzu. theilen.
Sie wollen mit den Vorarbeiten zur Wahl alsbald beginnen und dieselben so fördern, daß die Wahlen selbst spä
testens im August vorgenommen werden können. Bevor Sie die Wahlen abhalten, wollen Sie jedoch zur Prüfung der Richtigkeit des bis dahin eingehaltenen Verfahrens die erwachsenen Acten unter Beifügung einer Bestandsliste des Gemeinderaths an uns einsenden und erwarten wir diese Vorlage bis zum 1. Juli d. I. Wir bemerken noch, daß autz der Bestandsliste ersichtlich sein muß, welche Mitglieder dem höchstbesteuerten Drittel angehören.
An diejenigen von Ihnen, in deren Gemeinden nach Abhaltung der Gemeinderathswahlen die regelmäßige Ergänzungswahl des Bürgermeisters und Beigeordneten erforderlich ist, wird seiner Zeit noch besondere Verfügung ergehen.
v. Gagern.
politifd?e Wochenschau.
Gießen, 28. Mai 1892.
Die bisher sehr verschwommenen Projecte in Bezug auf eine internationale Weltausstellung in Berlin haben in der letzten Woche eine greifbarere Gestalt angenommen. Lange Zeit hatte man nur Worte gewechselt, ohne irgend welche Thaten sehen zu lassen. Bor Allem fehlte es an einer genügenden finanziellen Grundlage. Das ist nunmehr anders geworden- ein Comite zur Aufbringung eines Garantiefonds für eine Weltausstellung in Berlin hat sich kürzlich constituirt und bereits eine hübsche Summe aufgebracht. Die verbündeten Regierungen haben seither amtlich noch keine Stellung eingenommen. In einem Schreiben, welches Gras von Caprivi von Karlsbad aus an den Vorstand des Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes in Berlin auf dessen Eingabe in Betreff einer internationalen Ausstellung hin gerichtet hat, wird ausgeführt, daß das Reich einer solchen Ausstellung warmes Interesse entgegenbringe, sich aber so lange nicht actio betheiligen könne, als der Erfolg nicht hinreichend verbürgt sei. Man thue deshalb gut, erst nach Abschluß der Chicagoer Weltausstellung auf Grund der dort gewonnenen Erfahrung sich schlüssig zu machen. — Von parteipolitischer Bedeutung sind die Part ei feste, welche die deutschfreisinnige und die nationalliberale Partei — jene in Mannheim, diese in Eisenach — am letzten Sonntage gefeiert haben. Deutlich trat hier wie dort die Thatsache hervor, daß die beiden Parteien trotz ihrer gemeinsamen
------... ... ■" 1 ---E=E== J Alle ItmoncauBurtauF M In- und Ausländer nehm« Anzeigen für de» „Gießener Anzeiger" entgegen.
Opposition gegen den preußischen Volksschulgesetzentwurf auch heute noch durch eine recht bedeutende Kluft von einander getrennt werden, wenn auch die frühere Schärfe der Gegensätze geschwunden ist. In Eisenach wurde die Nothwendigkeit eines Anschluffes auch nach rechts sehr entschieden betont und in Mannheim war von einer gemeinsamen Action der freisinnigen und nationalliberalen Partei noch sehr viel weniger die Rede, während umgekehrt das Bündniß der Freisinnigen mit der süddeutschen Volkspartei eine sehr energische Betonung sand.
Zu dem gleichen Resultate in der Beurtheilung unserer Parteiverhältnisse führt die Betrachtung der letzten Verhandlungen im preußischen Abgeordnetenhaus. Hier hatte die freisinnige Partei den Antrag gestellt, die Regierung um eine Auskunft darüber zu ersuchen, ob sie in der nächsten Session Gesetzentwürfe vorzulegen beabsichtige erstens über Abänderungen des Landtagswahlrechtes aus Anlaß der neuen Steuergesetze und zweitens über eine den veränderten Bevölkerungs- verhältniffen entsprechende Neueintheilung der Wahlkreise. Der erste Antrag war gestellt, weil durch das neue Einkommensteuergesetz eine völlige Verschiebung in der Zusammensetzung der drei preußischen Wählerklaffen verursacht wird. Darin waren denn auch alle Parteien einig, daß eine Abänderung der geltenden Bestimmungen nöthig ist, um eine plutokratische Wirkung des Gesetzes zu verhindern. Nur waren alle Parteien mit Ausnahme des Centrums, auch die Nationalliberalen, darin mit dem freisinnigen Antragsteller nicht einverstanden, daß die allgemeine gleiche und directe Wahl, wie sie im Reiche gilt, auch in Preußen eingeführt werden soll. Noch weniger Beifall, auch auf nationalliberaler Seite, fand der zweite freisinnige Antrag, der gemäß Art. 72 der preußischen Verfaflung eine den seit 1860 eingetretenen Bevölkerungsverhältnissen entsprechende Neueintheilung der Wahlkreise ins Auge faßte. Seit dem genannten Jahre hat nämlich keine durchgreifende Aenderung mehr in der Wahl- kreiseintheilung stattgefunden, während die Bevölkerung in den verschiedenen Kreisen in sehr verschiedener Weise zugenommen hat. Beispielsweise hat die Stadt Berlin nur 9 Abgeordnete wie schon im Jahre 1848, während Westpreußen bei einer geringeren Bevölkerung 22 Abgeordnete besitzt. — Der parteipolitischen Spitze entbehrte der Gesetzentwurf über die Geheimhaltung der Einkommensteuerbeträge zwar
Feuilleton.
Der Rothdorn blüht!
Don HaiiS Wolff.
(Schluß.)
Frau Halden saß am Fenster und las einen glück- athmenden Bries ihrer Enkelin. — Von der Chauffee klang es wie Räderrollen, sie lauschte freudig erschreckt, —- kamen sie schon? Doch nein, der Magen hielt fernab, am Psarrhause.
Leichte Schritte huschten über den Kies des Gartenwegs, eine Thür knarrte leise.
„Großmama, der Rothdorn blüht!" jubelte Lelaß Helle Stimme. „Hast Du gemerkt, daß ich kam? Ich bin an der Rodeck'schen Hecke abgestiegen- das war mal überrumpelt, gelt! O/ Großmama, ich bin so glücklich — so namenlos glücklich!" und die reizende junge Frau plaudert immer weiter von ihrem Glück, springt von einem Thema ins andere und läßt die Großmama gar nicht zu Worte kommen. „Aber wie reizend ist unsere Wohnung, Großmutter, entzückend! Ernst mußte mit mir jeden Winkel bewundern, er war auch ganz gerührt von Deiner Fürsorge und weißt Du was — lieber Gott, ich solls eigentlich nicht ausplaudern, aber ich kanns nicht für mich behalten, morgen müssen wir Dich zum Kaffee bei uns haben und da hat Ernst — aber Du ver- räthst mich nicht, nein? — Also zu morgen hat Ernst beim Gärtner eine Guirlande aus Rothdornblüthen für die Entrv- thür bestellt, und —"
„Und das plauderst Du aus, Du ungehorsame kleine Frau?" fragt die Professorin mit glückleuchtenden Augen.
„Ach, liebste Großmama, ich muß Dir doch sagen, wie gut mein Herzensernst ist — aber denke Dir, in Bordeaux trafen wir ganz unvermuthet mit Lina Neuberg zusammen. Du hast doch hier gewiß von all dem Furchtbaren gehört, wie ihr Mann bei einer Gebirgstour verunglückte. Lina begleitete seine Leiche nach der Heimath — o, ich wäre gestorben oder dem Wahnsinn versallen, wenn mich das getroffen hätte," und das süße Gesicht der jungen Fran wird weiß bei iem bloßen Gedanken an solches Unheil.
Die Matrone schaut besorgt auf den plauderlustigen Mund, der mit einem Male still und beinahe blaß geworden ist.
„Wern Gott so großes Leid schickt, dem gibt er auch die Kraft, es zu tragen," sagt sie ernst, „und es stirbt sich nicht so leicht, wenn auch das Herz vor Kummer fast gebrochen ist- der Mensch lebt weiter und trägt, je nachdem, leichter ober schwerer, fein surchtbares Leid. Habs an mir erfahren .... Das wäre ein schönes Loos für den, der immer gleich mitgehen dürfte, wenn das Liebste auf Erden geht. Es gibt wohl bevorzugte Sonntagskinder, denen der Herr solch ein Glücksloos beschicken, aber ihrer sind wenige auf der Welt. — Du bist ein so schwaches Rohr für die Stürme des Lebens, meine Lela, Du kannst nur gedeihen im Sonnenschein. Gott behüte Dich vor allzuviel Herzeleid."
In den jungen Augen blitzen noch Thränen, aber der Mund lächelt schon wieder, als sie, in ihrer hastigen Art die Hände der alten Frau streichelnd, fast neckisch auSruft:
„Ich bin ja ein Sonntagskind, Großmütterchen!"
Die Frauen merken eö beide nicht, wie Stunde um Stunde vergeht und wie allmählich die Sonne verschwindet.
Fern am Horizonte zucken die Blitze durch die schwarze Wolkenwand. Drüben die See sieht aus wie lauter weißer Schaum, so stürmen die Wogen gegeneinander. Tosender Donner rollt näher und näher — Schlag auf Schlag folgt — die Fensterscheiben klirren und die ganze Umgegend scheint wie in Feuer getaucht.
Lela blickt mit angststarren Augen hinaus.
„Jetzt ist Ernst unterwegs, Großmama," sagt sie bebend mit einem Blick auf die Uhr. „Um sechs Uhr wollte er fortreiten, das Unwetter hat ihn mitten unterwegs überrascht - wenn ihm nur nichts geschieht — mir ist so angst."
„Bete, mein Kind, daß Gott ihn beschirme!“
„Da! Da siehst Du, Großmama. Er kommt, in Sturm und Regen — er ists, ich sehe den Schimmel ganz deutlich."
Trotz des tobenden Wetters reißt sie das Fenster auf und winkt mit dem Taschentuch. In rasendem Galopp jagt der Reiter auf der Chauffee daher — jetzt muß er gleich an der großen Eiche vorbei, dann noch einige Minuten, denkt sie, und er ist geborgen . . . Eiv furchtbarer Donnerschlag
erschüttert die Luft, daS Haus bebt in allen Fugen — drüben stürzt die Eiche auseinander, als spalteten Kinderhände ein dünnes Hölzchen — wie ein Flammenmeer wogt es ringsum . . . Lela schließt einen Moment geblendet die Augen, dann starrt sie von Neuem hinaus — in einer Rauchwolke bäumt sich das gestürzte Pferd ihres Gatten — schneller wie ein Gedanke springt sie durch das Parterrefenster und jagt in den dünnen Kleidern und Schuhen im Toben des Unwetters nach der Eiche . . . Neben dem gebrochenen Baumstamm liegt starr und leblos mit bläulich weißer Gesichtsfarbe der junge Gatte. — Lela taumelt, ein Blutstrom ergießt sich auS ihrem Munde und lautlos sinkt sie an feiner Seite zu Boden ... In seffellofer Wildheit tobt der Donner in der Lust.
Die Nacht senkte sich herab und ehe der Morgen tagte beherbergte das Halden'sche HauS zwei Leichen. Lela war nicht wieder zum Bewußtsein gekommen, nachdem man sie von der Leiche deS vom Blitz erschlagenen Gatten hinweggetragen. „Ein Gehirnschlag," sagten die Aerzte, „bei so zarter Constitution tödtlich."
„Mitten im Glück sind sie hinübergegangen," hieß es in der Leichenrede. „Nie haben sie Mangel gelitten, nie Schmerz und Sorge gekannt — die Tiefen des Erdenlebens blieben ihnen verborgen, nur den Sonnenschein lernten sie kennen. Zwei Sonntagskinder des Glückes, sind sie in die ewige Heimath eingezogen — und wenn sie auch viel Glück und Liebe mit sich nahmen, so müßten die Leidtragenden doch Gott danken, daß die so früh Geschiedenen nun droben vereint seien."
Die Prosefforin stand still und gefaßt vor der Gruft und als der Pfarrer sic trösten wollte, daß sie nach Gottes Willen ihr Letztes habe hergeben müffen, da sagte sie einfach: „Ich habe hier nichts mehr zn thun aus Erden — ich gehe bald nach."
Drei Wochen später ging sie.
Treue Freundeshände drückten ihr die müden Augen zu und feuchte Blicke trafen das verklärte Gesicht — hatte der welke Mund da doch noch eben geflüstert:
„Ich komme, meine Lieben — ich komme — der Rothdorn blüht . . .!"


