Nr. 24
Freitag den 29. Januar
1892
Gießener Anzeiger
Kenerat-Mnzeiger
Anrts- und Anzeigeblatt für den 'Kreis Gieren
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Bekanntmachung.
Nach Beschluß der Generalversammlung des landwirth- schastlichen Bezirksvereins Gießen soll in diesem Frühjahr der Bezug von Saatfrucht und Kartoffeln durch den landwirth- schaftlichen Bezirksverein vermittelt werden.
Es wird dies unter dem Anfügen zur öffentlichen Kennt- Niß gebracht :
1) daß in dem Voranschläge des landwirthschastlichen Bezirksvereins pro 1891/92 600 Mark zur Deckung der Transportkosten vorgesehen sind und daß bei Bestellungen von Mitgliedern des landwirthschastlichen Bezirksvereins, welche den Betrag von 30 Mk. nicht übersteigen, die Kosten des Transports der Saatfrucht und Kartoffeln bis zur Äsenbahnstation Gießen auf die Bezirkövereinskasse übernommen werden, daß bei größeren Bestellungen dagegen die Vereinsmitglieder die Kosten des Transports der Saatfrucht insoweit zu überneh- men haben, als die Bestellung den Betrag von 30 Mk. über- steigt;
2) daß Bestellungen von Landwirthen, welche nicht Mitglieder des landwirthschastlichen Bezirksvereins sind, ebenfalls ausgesührt werden, dieselben haben aber, wenn sie nicht vorher noch Mitglieder des landwirthschastlichen Bezirksvereins werden und sich zu diesem Behufs bei dem Unterzeichneten anmelden sollten, den vollen Kostenbetrag für Ausführung ihrer Bestellungen zu vergüten;
3) daß Landwirthe, welche durch Vermittelung des land- wirthschaftlichen Bezirksvereins Saatfrucht oder Kartoffeln zu beziehen wünschen, ihre Anmeldungen bis zum 10. Februar I. I. bei dem Unterzeichneten einzureichen haben;
4) daß die Zahlung bei Empfang der Saalfrucht oder Kartoffeln alsbald zu erfolgen hat;
5) daß angeboten sind an Kartoffeln loco Hamburg oder Görlitz Magnum bonum, Richters Imperator, Daber'sche, Champions Anderffen, sächsische Zwiebelkartoffel, Lata Rosa (späte Rosenkartoffel) zu 4 Mk. per Ctr., Kornblume (Paulsens Züchtung), Blauaugen, Hortensia, Weltwunder, Schneeflocken, frühe Rosa und gelbe Rosa zu 5 Mk. per Ctr., Bis- quit, frühe blau» Sechswochen, Juno und Simon von Paulsen und deutscher Reichskanzler von Richter zu 6 Mk. per Ctr., Bruce, englische Neuzüchtung aus Magnum bonum zu 9 Mk. per Ctr.;
6) daß Saatofferten bis jetzt noch nicht eingelaufen sind.
Die Herren Bürgermeister werden ersucht, vorstehende Bekanntmachung in ihren Gemeinden veröffentlichen zu lassen, Anmeldungen entgegen zu nehmen und längstens bis zum 10. Februar l. I. einzusenden.
Gießen, den 5. Januar 1892.
Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen. Jost.
Deutsches Reich.
Berlin, 27. Januar. Im Beisein zahlreicher Fürstlich- ikeiten hat Kaiser Wilhelm am Mittwoch sein 33. Geburt s f e st begangen und wenn hierdurch die diesmalige Geburtstagsfeier des kaiserlichen Herrn eine besonders glänzende Umrahmung auszuweisen vermochte, so schließt die Anwesenheit so vieler deutscher Fürsten am Kaiserhofe anläßlich des Geburtssestes des Kaisers zugleich noch eine tiefere Bedeutung in sich ein. Denn indem die Könige von Sachsen und von Württemberg, die Großherzöge von Baden und von Hessen u. s. w. nach Berlin eilten und dem erhabenen Schirmherrn des Reiches zu dessen Ehrentage persönlich ihre Glückwünsche darbrachten, haben sie aufs Neue bewiesen, daß die deutschen Bundesfürsten treu und unerschütterlich zu Kaiser und Reich stehen, daß zwischen dem Kaiser und den Bundes- sürsten das erfreulichste persönliche Verhältniß obwaltet. — Prinz Heinrich von Preußen, welcher in Kiel an der Influenza erkrankt war, ist von seiner Erkrankung erfreulicher Weise wieder hergestellt und konnte darum auch an den Ge- burtstagssestlichkeiten am Berliner Hofe theilnehmen. In Begleitung des Prinzen Heinrich sind auch dessen Gemahlin, Prinzessin Irene, und der kleine Prinz Waldemar in Berlin eingetroffen.
— Die ausgetauchten sensationellen Gerüchte über die Einreichung eines Demissionsgesuches des preußischen Finanzministers Dr. Miquel und die vorläufige Ablehnung desselben seitens des Kaisers bestätigen sich. Herr Dr. Miquel ift zu seinem bedeutsamen Schritt durch seine Bedenken gegen das neue Volksschulgesetz veranlaßt worden und wenn er dieselben auch schließlich wieder zurückgedrängt hat, so scheint
doch durch den ganzen Vorgang die Stellung Dr. Miquels im preußischen Gesammr-Ministerium eine unsichere geworden zu fein; Herr Miquel zog hieraus mit Einreichung seines Entlassungsgesuches die naheliegenden Consequenzen. Es heißt nun, der Kaiser habe den Minister gebeten, seinen definitiven Entschluß bezüglich seines Verbleibens oder aber Gehens mindestens so lange auszuschieben, bis sich die Ergebnisse der Berathungen der einzusetzenden Abgeordnetenhaus-Commission über das Bolksschulgesetz übersehen ließen, doch bedarf letztere Meldung noch der Bestätigung. Jedenfalls muß mit der Wahrscheinlichkeit gerechnet werden, daß im Falle einer Annahme des neuen Volksschulgesetzes Herr Dr. Miquel aus seiner Ministerstellung ausscheidet, falls dies nicht schon vorher geschieht, dann aber würden wir in der inneren Politik vor einer in ihrer Entwickelung noch keineswegs übersehbaren politischen Krisis stehen.
Berlin, 26. Januar. Abgeordnetenhaus. Bei der Fortsetzung der Debatte über den Entwurf des Volksschulgesetzes findet der Abg. Dauzenberg (Ctr.) es bedenklich, daß bei der Erlaubniß zur Ertheilung des Religions-Unterrichts der Staat mitzureden habe und bestreitet, daß durch die Vorlage die Volksschule der Kirche ausgeliefert werde. Hierauf führt Richter aus, der Entwurf laufe entschieden der bisher geübten Verwaltungspraxis zuwider, er entspreche auch nicht der Verfassung, weil er nicht das gesammte Unterrichtsgebiet regle. Der Entwurf enthalte sechs im vorigen Jahre in der Commission verworfene Centrums-Anträge; er bedeute die Vernichtung jeder Thätigkeit der Selbstverwaltung auf dem Schulgebiete. Den Kamps gegen dieses Gesetz würden die Liberalen als Culturkampf im edlen Sinne gemeinsam führen und nicht eher ruhen, bis es beseitigt sei. Der Cultus- minister erwiderte, das Gesammtministerium habe Sr. Majestät den Entwurf vorgelegt. Derselbe sei von dem Gesammtministerium unterzeichnet worden, wenn auch über die eine oder andere Frage verschiedene Auffassungen bestünden. Auch seien diese Differenzen durch die Einreichung des Entwurfs erledigt worden. Was ihn selbst betreffe, so habe er sich nie mit der Verantwortlichkeit Anderer gedeckt. Bezüglich der obligatorischen Betheiligung der Kinder von Dissidenten an dem Religionsunterricht in der Volksschule bemerke er, daß er sich erst nach schweren Bedenken entschieden habe, diese Forderung aufzunehmen, da seiner Ansicht nach geistige Kämpfe besser auf freier Bahn als unter der staatlichen Bevormundung auszufechten seien. Was die städtischen Schuldeputationen betreffe, so würden diese nicht zertrümmert werden. Die Selbstverwaltungsbehörden seien durchaus befähigt, die ihnen zugemutheten Aufgaben zu erfüllen. Er erstrebe gleichfalls die Erziehung der Kinder zu selbständigem Denken und bestreite, daß der Entwurf dies verhindere. Abg. Stöcker erklärt in Anknüpfung an die Richter'sche Ankündigung des neuen Cnlturkampss, im Kampfe gegen die Kirche und diesen Entwurf seien die liberalen Parteien allerdings stets einig. Richter werde sicher die Billigung des ganzen internationalen Judenthums finden. Im Kampfe gegen die Socialdemokratie nütze die Vernunft wenig, da thue das Herz, die Religion Alles. Abg. v. Kardorff. betont, daß die Vorlage nicht der Verfassung entspreche, befürchtet von der Zulassung des Privatunterrichts, daß sich ein Netz socialdemokratischer Schulen über die großen Städte ziehen werde und bittet, mit den Gegnern des Gesetzes eine Verständigung zu suchen. Hierauf schließt die Debatte. Die nächste Sitzung ist aus Donnerstag 11 Uhr angesetzt. Tages-Ordnung: Fortsetzung der heutigen Be- rathung.
Stuttgart, 27. Januar. Anläßlich deS Geburtstages des Kaisers betont der „Staatsanzeiger" das Band treuer Freundschaft, das Kaiser und Württembergs König verknüpft. Der Kaiser ernannte den König zum Chef des westpreußischen Kürassierregiments Nr. 5.
Ausland.
Paris, 27. Januar. Heute sand Empfangsabend bei dem deutschen Botschafter Grasen Münster zu Ehren des Geburtstages des Kaisers statt. Anwesend waren mehrere Minister, Vertreter der französischen Gesellschaft, das diplomatischen Corps und der deutschen Colonie.
Dattf^er Reichstag.
158. Plenarsitzung. Dienstag den 26. Januar, 8V2 Uhr Abends.
Etngegangen: Gesetzentwurf betr. die Anwendung der für die Einfuhr nach Deutschland vertragsmäßig bestehenden Zollbefreiungen und Zollermäßigungen gegenüber den nicht meistbegünstigten Staaten.
Die Patent-, Muster- und Markenschutzconventionen mit Oesterreich-Ungarn und Italien werden in dritter Lesung angenommen.
Hinsichtlich der Verzollung der am 1. Februar in Deutschland vorhandenen Bestände an Getreide rc. haben die Abgg. Dr. Böttcher, Dr. Buhl (natl.), Fürst v. HatzfeldtDrachenderg (Rp.), v. Helldorfi, Frhr. v. Manteuffel (cons.), Rickert und Dr. Witte (bfr.) mit Rücksicht auf die heute vom Reichskanzler abgegebene Erklärung eine neue Fassung deS Entwurfs beantragt, wonach die Vergünstigung der Anwendung des niedrigeren Zollsatzes zwar auf die am 1. Februar vorhandenen Contobestänbe der Mühlen und auf die Holz- und Weinbestände in Transitlägern ausgedehnt werden soll, aber auf das Verlangen verzichtet wird, daß der niedrigere Zollsatz auch auf daS bis zum 30. April eingehende Getreide ohne Rücksicht auf den Ursprung Anwendung finden soll.
Staatssecretär v. Maltzahn-Gültz sührt nochmals die gegen die beantragten Erweiterungen sprechenden Bedenken vor. Durch die Ausdehnung der Vergünstigung auf die Contobestände der Mühlen sehe man die kleineren Müller, die kein Zollconto haben, aber ausländisches Getreide vermahlen, gegenüber den großen Müllern zurück und schädige sie in dem an sich schweren Concurrenzkampse, den sie gegen die großen Mühlen zu bestehen haben.
Abg. Frhr. v. Pfetten (Ctr.) bekämpft die Ausdehnung der Vergünstigung auf die Contobestände der Mühlen und spricht sich gegen den neu eingegangenen Gesktzentwurs aus, welcher der Regierung plein pouvoir geben soll, sodaß der Reichstag keine Möglichkeit bade, zu prüfen, ob die Gegenleistungen, die uns ein Land für Gewährung der niedrigeren Zölle zugesteht, ausreichen.
Abg. Dr. Barth (bfr.) beantragt, daß bis zum 30. April Getreide aus Ländern, mit denen wir keine Verträge haben, zu dem niedrigeren Zollsätze zugelassen werde, wenn nachgewiesen werde, daß die Kaufverträge vor dem 14 Januar abgeschlossen sind. Es handle sich um große Quantitäten Getreide, die aus Rumänien auf der Donau rc. und solche die auf holländischen Flüssen bereits nach Deutschland unterwegs seien.
Staatssecretär Frhr. v. Malhahn-Gültz erklärt den Antrag Barth für unannehmbar; auch gegen diesen beständen die politischen Bedenken, welche der Reichskanzler gegen den fallen gelassenen Theil des Commtssionsantrags anführte.
Abg. Dr. Buhl (natl.) spricht im Interesse deß Zustandekommens des Gesetzes gegen den Antrag Barth.
Abg. Frhr. v. Manteuffel (cons.) erklärt, daß seine politischen Freunde gegen die Ausdehnung der Vergünstigung auf die Mühlen- contos und cbenso gegen den Antrag Dr. Barth stimmen würden.
Abg. Rickert (bfr.) stimmt für den Compromißantrag Dr. Böttcher u. Gen., nachbem die Zustimmung des Bundesraths dafür sicher sei. Er nähme gern mehr, begnüge sich aber mit dem Erreichbaren. Hoffentlich werde dieses Gesetz durch den heute ein- gebracbten Gesetzentwurf der Regierung Überflüssig.
Abg. Fritzen (Ctr.): Es hätten nicht nur die Mühlen mit Zollconto, sondern alle Mühlen berücksichtigt werden sollen, die nachweisbar ausländisches Getreide verarbeiten.
Abg. v. Kleist-Retzow (cons.) bekämpft die beantragten Erweiterungen, ebenso Abg. v. Schalscha (Ctr.). Seit einem Jahre sei von der Zollermäßigung die Rede; wenn nun in letzter Zeit noch Speculattonskäufe gemacht und die Lieferung durch Ueberschwemmung und Eisgang verzögert worden sei, so liege für den Reichstag kein Anlaß vor, das eingefrorene Geschäft wieder flott zu machen.
Dec Entwurf wird nach dem Anträge Böttcher und Genossen angenommen.
Nächste Sitzung Donnerstag 2 Uhr. Tages-Ordnung: Dritte Berathung des vorstehend angenommenen Gesetzes, erste bezw. zweite Berathung des obengenannten neu eingegangenen Gesetzentwurfs. Telegraphengesetz.
Renette Hacbrid^ten«
Wo.'ftz tettgrQpbüH,? lorrrftionben^Bureau.
Berlin, 27. Januar. Des Kaisers Geburtstag wurde mit militärischem Wecken eingeleitet. Vormittags sanden Festacte in den Schulen und Hochschulen und Festgottesdienste statt. Um halb 11 Uhr war Gottesdienst in der Schloß- capelle, alsdann Gratulationscour irn Weißen Saale. Später wurden die am Sonntag geweihten Fahnen den betreffenden Truppentheilen im Lustgarten übergeben, wobei der Kaiser eine Ausprache hielt. Um 12^ Uhr war große Parole- ausgabe im Zeughause, welcher der Kaiser und die Prinzen Albrecht und Leopold beiwohnten. Aus Potsdam, Dresden, Weimar, Leipzig, Halle, Breslau, Lübeck, Aachen und Braunschweig sind Berichte über die Geburtstagsfeier eingegangen.
Berlin, 27. Januar. Anläßlich des Geburtstages des Kaisers sand ein Festmahl im Rittersaale des Schlosses statt. Es nahmen daran Theil: Kaiser und Kaiserin, die Könige von Sachsen und Württemberg, die Großherzoge von Baden und Hessen und andere Fürstlichketten. Abends 7 Uhr war Galavorstellung im Opernhause. Die Illumination der Stadt ist glanzvoll. Bis in die äußeren Stadttheile durchzieht eine dichte Menschenmenge die Straßen.
Bern, 27. Januar. Der Ständerath bewilligte einstimmig einen außerordentlichen Credtt von 7,000,000 Fres. für die Kriegsbereitschaft.
Turin, 27. Januar. Die Universitäts-Studenten setzten heute ihre Demonstrationen fort. Sie begaben sich nach der Ingenieurschule und verhinderten dort die Vorlesungen.
Konstantinopel, 27. Januar. Anläßlich des GeburtS- tageS deS Deutschen Kaisers wurde Vormittags ein Gottesdienst in der Botschaftskirche abgehalten. Spater sand Empfang der Colonie durch den Botschafter statt. Der


