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Nr. 226

Mitttvoch den 28. September

1892

Gießener Anzeiger

Generalanzeiger

Tie Gießener

A««ikien0tätter werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal deigelegu

Der

#i^ei«r Anzeiger erscheint täglich.

mit Ausnahme deZ Montags.

Vierteljähriger Aöonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bnngerlohn.

Durch die Poft bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction. Expedition und Druckerei:

Kchutstrahe Ar.7.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Gieren.

Hratisöeitage: Gießener Kamilieublutter

Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den ,.Gießener Anzeiger" entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Dorm. 10 Uhr.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

betr. die Räude unter den Schafen zu Alten-Bufeck.

Nachdem unter der Schafherde des Schäfers Jost Dechert u Alten-Bufeck die Räude festgestellt ist, haben wir die Sperre »er Herde verfügt; derselben wird durch Großh. Bürger- neifterei Alten-Bufeck ein bestimmter Weidebezirk angewiesen verden, welchen sie nicht überschreiten darf. Ferner haben vir die polizeiliche Beobachtung der Herden des Schäfers Heinrich Muhl und des Konrad Dechert angeordnet, da diese berden der Ansteckung verdächtig erscheinen.

Es ist deshalb bis auf Weiteres die Ausführung von Schafen aus der Gemarkung Alten-Bufeck nur zum Zweck ofortiger Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal beson- ers einzuholenden polizeilichen Erlaubnis zulässig.

Gießen, den 26. September 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutscher Reich.

Berlin, 26. September. Kaiser Wilhelm wird am Ocrober von seinem jetzigen Jagdaufenthalte in Ostpreußen n Marmorpalais bei Potsdam zurückerwartet. Alsdann gc- -nkr der hohe Herr noch einen dreitägigen Jagdausflug nach er Schvrfhaide zu unternehmen, um hierauf nach Weimar ,r Thcilnahme an der Feier der goldenen Hochzeit des Groß- :rz°glichcn Paares zu reisen. Nach Beendigung seines ufenthaltes am weimarischen Hofe begiebt sich der Kaiser rect nach Wien.

Herr v. Vollmar, der Führer der bayrischen ozialdemokraten, befindet sich zur Zeit aus einer Agilations- ise in Süddeutschland, die ihren Zweck, die sozialdemo- atischcn Ideen auch unter der süddeutschen Bevölkerung vglichst zu fördern, anscheinend vollkommen zu erfüllen ,eint. Denn in allen Orten, in welchen Herr Vollmar slang aus seiner Tour rednerisch ausgetreten ist, hat er cht zu läugnende Erfolge bei der großen Masse der Zu- rer davongetragen, wobei berücksichtigt werden muß, daß m häufig sehr redegewandte Gegner entgegentraten.

Mit der zweijährigen Dienstzeit wird be­

kanntlich beim 4. Garde-Regiment z. F. in Spandau ein Ver­such gemacht. Es wurde hierzu das 1. Bataillon ausersehen, welches man zu diesem Zweck lediglich aus Rekruten und solchen Mannschaften zusammensetzte, die ein Jahr Dienstzeit hinter sich hatten. Aus diesem Bataillon sind nun jetzt alle zweijährigen Mannschaften entlassen worden. Bei der Neuein­stellung der Rekruten in diesem November wird die gleiche Formation wie im vorigen Herbst durchgeführt, sodaß wieder ein Bataillon genau nach dem Muster der zweijährigen Dienstzeit besteht. Der Kaiser hat sich dies Bataillon im Sommer vorführen lassen und mit dem Ergebniß des Ver­suches seine Zufriedenheit geäußert. Die jetzt stattgehabte Entlassung sämmtlicher Zweijährigen zeigt, daß die Probe consequent durchgesührt werden soll.

Neueste Hacbrtcbta*.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Berlin, 26. September. DerReichsanzeiger" publicirt eine kaiserliche Entscheidung, nach welcher den bei den Regleruno-n beschäftigten Forstassessoren durch die betr. Regierungspräsidenten selbstständige Decernate unter eigener Verantwortlichkeit, analog den Regierungsassessoren, übertragen werden können.

Berlin, 26. September. Die heute zusammengetretene Sachverständigen Commission über das V o l ks s e u ch e n g e s e tz soll nach derNordd. Allgem. Ztg." zunächst folgende Fragen erörtern: 1) Bezeichnung der Krankheiten, auf welche das Gesetz sich beziehen soll, 2) Ermittelung der Krankheiten, ö) Abwehrmaßnahmen gegen das Ausland, 4) Schutzmaßregeln im Jnlande, 5) Desinfectionsverfahren, 6) Entschädigungs- Pflicht, i) Strafvorschriften und 8) Ausnahmebestimmungen. Vorsitzender der Commission ist der Director im Reichs­gesundheitsamt, Köhler.

cv Berlin, 26. September. DieNationalzeitung" meldet: Für die Berathungen der Conferenz über das Volks­euchengesetz ist im Gesundheitsamt eine Vorlage aus­gearbeitet worden, welche zunächst die Nothwendigkeit betont, jegen gewisse übertragbare und gemeingefährliche Krankheiten )es Menschen nach einheitlichen Grundsätzen vorzugehen. Als diejenigen Krankheiten, auf welche das Gesetz sich beziehen soll, kommen in Frage: Die asiatische Cholera, das Gelbfieber, orientalische Beulenpest, Flecktyphus, Mcksalltyphus, Darm­typhus, Ruhr, Pocken, Diphtherie, Scharlach, Masern, Keuch­

husten. Die Ermittelung soll erfolgen durch die gesetzlich vorgeschriebene Anzeigepflicht, und es wird sich darum handeln, zu erwägen, ob diese Pflicht zur Anzeige nur bei mehreren gleichartigen Krankheitsfällen oder auch bei vereinzelten Fällen vorgcschrieben werden soll. Der folgende Abschnitt der Vor­lage beschäftigt sich mit den Abwehrmaßregeln gegen das Ausland und den Schutzmaßregeln im Inland.

Wien, 26. September. Der König von Sachsen ist um 83/4 Uhr hier eingetroffen und vom Kaiser empfangen worden. Die beiden Monarchen fuhren nach Schönbrunn.

Paris, 26. September. DerFrance" zufolge habe Loubet beschlossen, den am Socialisten-Congreß iu Marseille theilnehmcnden deutschen Delegirten Liebknecht wegen seiner gestrigen dort gehaltenen Rede (s. die Depesche des Bureau Herold aus Marseille) auszuweisen. Dem­gegenüber verlautet aber aus unterrichteten Kreisen, bisher seien noch keine Maßnahmen getroffen. Der Minister erwarte den Wortlaut der Rede und werde dann beschließen.

Paris, 25. September. Eine Depesche des Obersten D o d d s an das Marineministerium besagt, daß die Kern­truppen der Dahomeeischen Armee in der Schlacht am 19. ds. Mts. eine vollständige Niederlage erlitten hätten. Sämmtliche gegenwärtig vor Zenu am Uerne con- centrirten Truppen des Obersten Dodds seien im Begriff, den Dahomeern weiter zu folgen.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 27. September. Wie man von gut unterrichteter Sette hört, wird die Regierung bereit sein, die Mißstände in den Bestimmungen der Sonntagsruhe zu berück­sichtigen. Das Gesetz bleibt vorläufig ungeändert, dagegen sollen die Ausführungsbeslimmungen soweit wie möglich ge­mildert und die eingegangenen Beschwerden unter Berück­sichtigung der Ortsverhältnisse eingehend geprüft und möglichst berücksichtigt werden.

Berlin, 27. September. DerKreuzztg." wird aus Wien gemeldet, der deutsche Kaiser werde daselbst erst am 11. October erwartet.

Marseille, 26. September. Liebknecht erklärte in einer großen Rede im socialistischen Arbeiter-Congreß, die Nationalitätenfrage exiftire nicht für die Socialdemokraten, welche nur zwei Nationen kennen, die Besitzenden und die Proletarier. Die deutschen und französischen Socialdemokraten

Feuilleton.

Mein guter Rath.

Humoristische Erzählung.

Deutsch von Jenny Piorkowska.

(Schluß.)

Konnte sie ihn schon gekannt haben, als sie noch Schul- dchen war? Denn aus der Unterhaltung zwischen ihrer -itter und ihrem Zukünftigen, die jeder, der sich die Mühe >m, zuzuhören, mitvernehmen konnte, erfuhr ich, daß gelika mehrere Jahre in einer theueren Pension gewesen r, und ich wußte auch, daß in derlei Instituten weit mehr ' sich geht, als die Philosophie vieler würdiger Mütter träumen läßt, und es that mir leid, wenn ich dachte, ; dieses Mädchen so heimlich-thörichte Dinge trieb, und 1, wenn ich mir Herrn Apollonius Schulze ansah, konnte sie in meinem Innern doch nicht tadeln.

An dem Tage, an dem ich Homburg verließ, stand ich iger als gewöhnlich auf, um noch eine ruhige, angenehme unbe in den schönen Gärten zuzubringen. Noch war keiner regelmäßigen Brunnenbesucher wach, und als ich einen nölen Weg einschlug, der nach der Crystallgrotte führte, r ich sicher, dort ungestört verweilen zu können. Plötzlich b ich wie erstarrt stehen. Da, in der Grotte vor mir, Hauptmann Mittelstein mit Angelika Bumpps. Wenn bisher noch im Zweifel über ihre gegenseitigen Beziehungen reien, so waren dieselben jetzt gelöst. Bei meinem Nahen eckten sie heftig zusammen -und Angelika, die erst dunkel- ) geworden war, wurde jetzt leichenblaß und zitterte so lg, oatz :ch fürchtete, sie würde ohnmächtig werden. Ich te mich natürlich sofort zurückziehen, als Hauptmann telstein mich bat, einen Moment zu verweilen.

Gnädige Frau/' sagte er in vornehm höflichem Tone, Tcene, die Sie soeben vor sich gesehen haben, muß en sehr sonderbar erscheinen, und, obwohl ich Ihnen ein er bm, fühle ich doch, daß ich Ihnen um dieser Dame en und dabet legte er seinen Arm stolz um das zitternde

Mädchensagen muß, daß dieselbe gestern meine Frau

_ Ich fürchte, ich vergaß die matronenhafte Würde, die ich diesem unvorsichtigen Paare gegenüber hätte annehmen sollen, als ich ihnen beiden herzlich die Hand drückte und ihnen alles Glück wünschte.

In wenig Stunden habe ich Homburg verlassen," fugte ich hinzu,und Sie können sich auf meine Discretion verlassen."

* *

Am nächsten Tage saß ich in Frankfurt ruhig in meinem Rimmer und las, während mein Gatte neben mir schrieb als wir durch einen entsetzlichen Lärm auf dem Corridor, der nach unseren Zimmern führte, ausgeschreckt wurden. Rufe, wieGeld!" -Mord!" -Polizei!" mischten sich mit einem Strom heftiger Flüche, und als wir die Thür öffneten, um den Grund dieses Lärmens zu erfahren, bot sich unseren Augen die seltsamste Scene dar.

Herr Apollonius Schulze mit wirrem Haar, zerrissenem Rock, ohne Cravatte und seine beliebte Korallennadel sträubte sich, kämpfte und fluchte in den Armen von einem halben Dutzend Kellnern, von denen er sich vergebens loszumachen suchte, wahrend Hauptmann Mittelstein, gemüthlich eine Cigarre raudjenb, in der offenen Thüre stand, durch deren Spalt ich Angelikas blaues Kleid gewahrte.

Kaum hatte Herr Apollonius Schulze uns bemerkt, als er einen Satz auf uns zu machen wollte, glücklicher Weise aber zuruckgehalten wurde.

Lassen Sie ihn los," wandte ich mich an die Kellner //damit er sich deutlicher ausdrücken kann."

Mein Herr," Hub der arme Apollonius Schulze an, als er endlich in unserem Zimmer saß und sich den Schweiß von der Stirn gewischt hatte,ich heiße Schulze und schäme Mich dieses Namens nicht. Mein Vater hatte ein großes Seifengeschäft, aber er machte Bankerott und ich mußte sehen, wie ich mir in der Welt allein sorthalf. Angelikas Vater er hatte einen bedeutenden Grützwaarenhandel, Bumpps und Compagnie war ein guter Freund von mir und ich diente ihm fünfzehn Jahre lang treu und rechtschaffen- jetzt

toäre ich Theilhaber des Geschäfts, wenn er nicht einen Monat zu früh gestorben wäre. O, mein Herr" hier fing der arme kleine Mann an, ganz pathetisch auszusehen und mit zitternder Stimme weiterzureden,wenn Sie nur wüßten, was es heißt, fünfzehn Jahre lang für ein Geschäft zu arbeiten, es verlassen müssen, heißt, mir das Herz aus- reißen und es bezahlte sich auch so gut achteinhalb Prozent! Nun, als Herrn Bumpps' Testament geöffnet wurde ich muß sagen, er hinterließ ein hübsches Sümmchen Geld da sand sich eine Klausel, in welcher er den Wunsch ausdrückte, ich solle in das Geschäft heirathen und dadurch Teilnehmer werden. Natürlich war ich dazu sehr gern be­reit, Angelika ist ein hübsches Mädchen, und dazu das viele Geld- nächste Woche sollte unsere Hochzeit sein. Ich habe die Möbel eingekauft und sie war mir dabei sehr behilflich

die schlaue Hexe - und nun hat sie den Hauptmann gehei- rathet und mir alles auf dem Halse gelassen. Das kommt von der Pension ich habe es immer gesagt- ich muß noch heute nach Berlin und im Geschäft alles ordnen, denn er wird sicher ihr Geld durchbringen und sie dann sitzen lassen. Und es bezahlte sich jetzt gerade so gut mit achteinhalb Prozent!"

Es folgte eine kurze Pause und der arme kleine Mann wischte sich mit einer Energie, die wahrhaft traurig mit an­zusehen war, das erhitzte vulgäre Gesicht ab.

Zum ersten Male in meinem Leben empfand ich wirklich Mitleid mit Herrn Apollonius Schulze. Sein Herz schien ganz in Gries und Mehl, seiner Heirath, seinem Reis und Nudeln und seiner Braut aufzugehen.

Plötzlich kam mir ein guter Gedanke.

//Sagten Sie nicht," fragte ich,daß der Wunsch des verstorbenen Herrn Bumpps nur dahin laute, Sie sollten in das Geschäft heirathen, um Theilhaber zu werden? Und wie hinterließ er fein Geld?"

Zwanzigtausend Thaler an Frau Bumpps und ebenso viel an Angelika," versetzte er,das ganze Geld steckt im Geschäft, doch denke ich mir, der Hauptmann wird seinen Theil wohl herausziehen und das Geld verspielen."

Nun," schlug ich vor,wenn Sie die Tochter nicht