Ausgabe 
28.4.1892
 
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Nr. 98 Erstes Blatt. Donnerstag den 28. April

1892

Der

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Die Gießener

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Anrtlichev Theil.

Gießen, den 25. April 1892. Betr.: Die Anstellung der Kreisstraßenwarte.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Sie wollen, soweit aus Ihren Gemeindekaffen Gehalte an Straßenwarte bezahlt werden, die Gemeinde-Einnehmer veranlaffen, sofort mit der Kreiskasse abzurechnen, damit diese bald in den Besitz sämmtlicher Hauptquittungen gelangt.

Binnen 14 Tagen sehen wir Ihrem Berichte entgegen, daß diese Abrechnung stattgefunden hat. __________________v. Gagern._________________

Bekanntmachung,

betr. die Maul- und Klauenseuche im Kreis Büdingen.

In einem Gehöfte zu Dauernheim ist die Maul- und Klauenseuche festgestellt worden. Großh. Kreisamt Büdingen hat Gehöftsperre angeordnet.

Gießen, den 26. April 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

__________________v. Gagern.__________________

Bekanntmachung,

betreffend Verminderung der Herbstzeitlose.

Im Jntereffe der Wiesencultur ordnen wir auf Grund des Art. 24 der Wiesenpolizeiordnung auch für das laufende Jahr an, daß die auf den Wiesen wachsenden Herbstzeitlosen zur Zeit des höchsten Saftstandes durch Ausrupfen der Stengel beseitigt werden. Das Ausziehen hat möglichst bei feuchtem Boden zu geschehen, damit der Schaft der Pflanzen nicht schon dicht unter dem Boden abbricht. Gegenüber den im vorigen Jahr theilweise erhobenen Bedenken, daß bei dem Ausrupfen der Herbstzeitlose die Wiesen zu sehr zertreten würden, bemerken wir, daß in den meisten Fällen das zer­tretene Gras, ohne daß irgend ein Nachtheil bleibt, sich wie­der stellen wird, daß aber auch dann, wenn etwa ein Theil des Grases sich nicht wieder hebt, der durch das Beseitigen der Herbstzeitlose erzielte Nutzen weit größer ist, als der durch das Niedertreten des Grases entstandene Schaden. Die aus­gerupften Pflanzen sind nicht, wie wir es im vorigen Jahr gesehen haben, aus die Wege zu werfen, woselbst die Schafe durch das Freffen derselben Schaden nehmen können, sondern abseits von den Wegen unterzubringen.

Die Beseitigung der Herbstzeitlose hat bis zum 2V. Mai l. I. zu erfolgen, die bis dahin säumigen Besitzer haben sich der Erhebung von Strafanzeigen zu gewärtigen.

Gießen, den 26. April 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 26. April 1892. Betr.: Wie vorher.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie alsbald und dann nochmals nach 14 Tagen in ortsüblicher Weise bekannt machen lassen.

Hinsichtlich der Gemeindewiesen wollen Sie, sofern die­selben nicht verpachtet sind und hiernach den Pächtern die Be­seitigung der Herbstzeitlosen obliegt, das Ausrupfen auf Ge­meindekosten veranlaffen, wozu zweckmäßigerweife Schulkinder zu verwenden sind.

Bis zum 25. Mai l. I. erwarten wir Ihren Bericht darüber, ob unserer Anordnung entsprochen worden ist. Et­waige Anzeigen, welche Sie wegen ungenügenden Befolgs derselben für erforderlich halten, wollen Sie uns hierbei, ehe Sie dieselben in das Feldrügeregister aufnehmen, mit vor­legen.

__________________v. Gagern.__

Bekanntmachung.

betreffend Feldbereinigung in der Gemarkung Steinbach, hier den allgemeinen Meliorationsplan für den II. Bereinigungsbezirk.

In der Zeit vom 22. April bis 5. Mai l. Js. liegen die Arbeiten des ersten Hauptabschnittes des II. Be­reinigungsbezirks (Feld zwischen der Kreisstraße nach Garben­teich und dem alten Anneroder Weg) nämlich: der allgemeine Meliorationsplan mit Erläuterungsbericbt nebst den dazu er­gangenen Beschlüssen der Vollzugscommission und dem Protokoll Aber die Prüfung dieser Arbeiten auf dem Amtszimmer der

Großh. Bürgermeisterei Steinbach zu Jedermanns Einsicht offen.

Termin zur Entgegennahme von Einwendungen gegen diese Arbeiten habe ich auf Freitag den 6. Mai l. I., Nachmittags von 3 bis 5 Uhr, in das Rathhaus zu Steinbach anberaumt. Die in diesem Termin nicht Er­scheinenden sind mit Einwendungen ausgeschlossen.

Gießen, den 16. April 1892.

Der Vollzugscommissär: Nebel, Amtmann.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. April. Der nur kurze Besuch des Kaisers beim Freiherrn von Stumm auf Schloß Halberg hat eine bemerkenswerthe Kundgebung des Monarchen gezeitigt. Der kaiserliche Gast wohnte am Montag einer Prämien- vertheilung an verdiente Arbeiter der Stumm'schen Werke bei und ergriff im Verlaufe des Actes das Wort zu einer Ansprache an die versammelten Arbeiter. In derselben be­tonte der erlauchte Redner namentlich, daß das Verhältniß der Neunkirchener Arbeiterschaft zu ihrem Arbeitgeber, dem Freiherrn von Stumm, ein wtrklich mustergültiges und ge­segnetes sei und knüpfte der Kaiser hieran den Wunsch, möchten in der gesammten deutschen Industrie solche erfreu­liche Verhältnisse obwalten. Im Hinblick auf die mancherlei Angriffe und Verdächtigungen, welche gerade Herr von Stumm in Bezug auf die Behandlung seiner Arbeiter erfahren hat, erscheint diese ihm aus dem Munde des Kaisers gezollte An­erkennung um so beachtenswerther. ,

Das preußische Abgeordnetenhaus hat am Dienstag seine Thätigkeit nach Ablauf der parlamentarischen Osterpause wieder ausgenommen. Da auch in diesem nach­österlichen Sessionsabschnitte noch ein ziemlich reichhaltiges gesetzgeberisches Material zu erledigen ist, so dürfte die Session mindestens noch bis kurz vor Pfingsten dauern, zumal da das Herrenhaus erst Mitte Mai wieder zusammentritt,' es ist sogar nicht ausgeschloffen, daß der Sessionsschluß erst nach Pfingsten erfolgt. Im Allgemeinen wird ein ruhiger und glatter Verlaus der jetzt wieder begonnenen Debatten des Abgeordnetenhauses erwartet, doch bei manchen Anlässen dürste es lebhaft genug zugehen, so namentlich bei der unmittelbar bevorstehenden Berathung des Nachtragsetats, betr. das Ge­halt für den neuen Ministerpräsidenten. An der Bewilligung des Nachtragsetats selbst ist natürlich nicht im Mindesten zu zweifeln, nur werden sich die Parteien des Hauses gewiß die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich über die jüngste Mi- nistercrisis in Preußen, ihren Ausgang und die hiermit ge­schaffene Situation des Breiteren zu unterhalten.

Die kürzlichen Mittheilungen desReichsanzeigers" über die Fortführung der Steuerreform in Preußen haben die hierüber bereits in Umlauf befindlich gewesenen Gerüchte im Großen und Ganzen bestätigt. Es wird sich demnach im Wesentlichen um eine Reform der Communal- besteuerung handeln, dahingehend, daß den Gemeinden die Ertragssteuern, d. h. die Grund-, Gebäude- und Gewerbe­steuer im Betrage von rund 100 Mill. Mk. zu überweisen sind, während der hierdurch für die Staatskasse entstehende Ausfall durch die 40 Mill. Mk. Mehrertrag der Einkommen­steuer, ferner durch 20 bis 25 Mill. Mk. Ueberweisungen aus den Erträgnissen der landwirthschaftlichen Zölle und endlich durch 35 bis 40 Mill. Mk. aus einer neuen Ver­mögenssteuer zu decken wäre. Unzweifelhaft wird , sich in dieser Richtung das neue Steuergesetz bewegen, welches Finanzminister Dr. Miquel dem Landtage in seiner nächsten Sitzung vorzulegen gedenkt.

Reichskanzler Graf Caprivi weilt seit Mon­tag zur Cur in Karlsbad, wo der leitende Staatsmann des Deutschen Reiches vier Wochen zu bleiben gedenkt. Ein Landaufenthalt soll indessen dieser Badecur nicht folgen, Graf Caprivi beabsichtigt vielmehr, von Karlsbald direct nach Berlin zurückzukehren, sein Wiedereintreffen in der Reichshauptstadt stünde also gegen den 22. Mai zu erwarten. Was die Mel­dungen von einem Besuche des Grafen Kalnoky, des öster­reichisch-ungarischen Ministers des Auswärtigen, in Karlsbad beim deutschen Reichskanzler anbelangt, so wird denselben von Wiener osficiöser Seite bestimmt widersprochen- trotzdem ist eine Begegnung beider Staatsmänner anläßlich des Karls­bader Curausenthaltes Caprivis nickt unwahrscheinlich.

Neueste Nachrichten.

köolfis telegraphisches Lorrespondenz-Bureau.

Berlin, 26. April. Abgeordnetenhaus. Erste Berathung: Bahnen unterster Ordnung. Minister Thielen | meint, der Entwurf erscheine um so dringender, als die Ent- i

Wickelung der kleinen Bahnen hinter denen anderer Staaten zurückgeblieben ist. Die Staatsregierung konnte sich nicht entschließen, auch Bahnen unterster Ordnung in die Hand zu negmen. Im Namen der Staatsverwaltung erkläre er, daß dieselbe stets hilfreich, wenn es sein muß auch mit finanziellen Mitteln, dem Bau und Betrieb von Bahnen unterster Ord­nung zur Seite stehen werde und gibt sich der Hoffnung hin, daß namentlich die wirthschaftlichen communalen Kreise des Landes unter Zuhilfenahme ihres Privatcapitals den Bau von Bahnen unterster Ordnung fördern werden. Der Entwurf wurde nach längerer Debatte, woran sich die Abgeordneten Heede, v. Bismarck, Rickert, Geheimrath Zedlitz, Tiedemann- Bomst, Friedberg, Brömel, Strombeck, Böttinger und Czar- linski betheiligen, an eine Commission von 21 Mitgliedern überwiesen. Nächste Sitzung morgen: Rechnungssachen, An­trag betreffend Regelung der bäuerlichen Verhältnisse aus Rügen und in Vorpommern, Petitionen.

Berlin, 26. April. DenBerliner Politischen Nach­richten" geht von autoritativer Seite eine Darstellung über die Umgestaltung der Schloßfreiheit zu, wonach man behufs Niederlegung der Gebäude zwischen der Kurfürsten­brücke und Breitestraße die Idee einer Lotterie mit erwogen habe. Doch sei nicht ausgeschlossen, die Mittel auch aus andere Weise zu beschaffen. Ein bestimmter Entschluß sei noch nicht gefaßt. Bei Errichtung des Naticknaldenkmals sei von einer Lotterie zur Bestreitung der Kosten niemals die Rede gewesen. Die deutsche Nation habe diese Denkmals­angelegenheit vertrauensvoll in die Hände des Kaisers gelegt. Der Kaiser habe für Errichtung des Nationaldenkmals die Schloßfreiheit gewählt. Da jedoch nach Niederlegung von Gebäuden der S^loßsreiheit nur schmale Uferstreifen ge­wonnen werden, sei es freilich nothwendig, durch Erweiterung derselben freien Platz zu schaffen. Aus diesem Grunde müsse die Schinkel'sche Bauakademie fallen.

Berlin, 26. April. Heute Mittag trat im Reichsamte des Innern die durch den Reichscommissar für die Chicagoer Ausstellung einberufene Versammlung von Reichstags­abgeordneten, Generalsecretären verschiedener industrieller und dreier kaufmännischer Vereinigungen zusammen. Die Ver­sammlung erörterte die auf die Ausstellung bezüglichen Trans­port- und Feuerversicherungsfragen, die Ausarbeitung eines Ausstellungscatalogs und publizistische Fragen. Zur Unter­stützung des Reichscommissars wurde ein dreigliederiger Aus­schuß gewählt.

Berlin, 26. April. Gestern haben Haussuchungen bei Sozialisten und Anarchisten stattgefunden. Im Ganzen wurden zwanzig Personen verhaftet. Anarchistische und socialistische Druckschriften wurden vorgefunden und beschlagnahmt.

Paris, 26. April. Durch die E 5 p l o s i o n im Restaurant Very sind fünf Personen erheblich verletzt: Julie Sherot, Frau Very, ihre Tochter Jeanne Very, welche alle im Gesicht mit Brandwunden bedeckt sind, ferner die Schriftsetzer Hamon und Gandon, die am ganzen Körper verwundet sind. Elf Personen befanden sich im Restaurant, deren drei der Polizei- präsect vernahm. Die Ursachen der Explosion sind unbekannt. Der das Restaurant bewachende Polizeiagent bemerkte nichts Verdächtiges,- er wurde zur Erde geschleudert. Die Polizei besuchte gestern Abend noch die Verletzten im Hospital. Der Kellner l'Herot, welcher Ravachols Festnahme veranlaßt hat, befand sich im Hintergründe. Wie durch ein Wunder ist er der Verletzung entgangen. Die Wirthin des über dem Restaurant gelegenen Hotels verweigerte eine halbe Stunde vorher einem als Bauer verkleideten Individuum im Hinblick auf sein verdächtiges Aussehen ein von ihm verlangtes Zimmer- man nimmt an, daß diese Person der That nahe steht. Derselbe Mann hatte Abends mit anderen, gleich gekleideten bei Very gespeist. Beide sind sofort nach der Verweigerung des Zimmers verschwunden. Einer trug einen Reisesack. Der Mensch, welcher im Augenblick der ExplosionEs lebe die Anarchie!" rief, wurde verhaftet, ebenso zwei andere Individuen. Ob sie der That nahe stehen, ist noch unbekannt. Die Stadt ist in tiefgehender Aufregung- das Stadtviertel ist von Menschen überfüllt. Das Gerücht, Very sei bereits gestorben, bestätigt sich nicht. Das Restaurant ist vollständig zerstört. Ein be­nachbarter Laden ist stark beschädigt. Very und ein Gast stürzten schwer verwundet in den Keller hinunter. Etwa 15 Personen, welche im Augenblick der Explosion den Boulevard passirten, wurden leicht verletzt. Hinsichtlich der zur Explosion verwendeten Bombe lauten die Gerüchte wider- sprechend. Der Kellner l'Herot meinte, die Bombe müsse im Keller unter das Comptoir gelegt worden sein. Man pricht von drei Männern und drei Frauen, welche im Restaurant gespeist haben und vielleicht d'e Urheber des Attentats sein könnten, doch liegt keinerlei Beweis vor. Die