Ausgabe 
27.9.1892
 
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Kr. 225

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mH Ausnahme deS Montags.

Die Gießener

Aamikiendkätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

ErKes Blatt. Dienstag den 27. September __________________

Gießener Anzeiger

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Hratisöeilage: Hießener Jamikienbkätter

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Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung,

Maßregeln gegen die Cholera betreffend.

Auf Grund des Art. 79 der Kreisordnung verfügen wir für den Kreis Gießen:

§ 1.

Die Ein- und Durchfuhr von gebrauchter Leib- und Bettwäsche, gebrauchten Kleidern, Hadern und Lumpen aller Art, Obst, frischem Gemüse, Butter und Weichkäse aus dem Hamburgischen Staatsgebiete ist verboten. Alle ver­botswidrig eingeführten Gegenstände sind zu desinffciren oder, falls sie werthlos sind, in unschädlicher Weise zu vernichten.

§ 2.

Ausgeschlossen von dem Verbote des § 1 bleiben Wäsche und Kleider von Reisenden, welche aus Hamburg kommen. Die Wäsche und Kleidungsstücke solcher Personen sind aber nach Oeffnung des Gepäcks sofort und zwar, wo möglich, in einer öffentlichen DampfdeSinfections-Anstalt zu desinficiren. Zum Waschen dürfen solche Wäschestücke erst gegeben werden, nachdem sie desinsicirt worden sind.

Alle Personen, welche die noch nicht deSinficirten Gegen­stände auspacken oder mit denselben sonstwie hantiren, wer­den auf die damit verbundene Gefahr aufmerksam gemacht und ermahnt, sich darnach unverzüglich die Hände zu des­inficiren und, bevor sie dies gelhan haben, nichts Genieß­bares in die Hand zu nehmen. Namentlich haben Gastwirthe ihr Personal vor dem unvorsichtigen Hantiren mit den er­wähnten Sachen zu warnen.

§ 3.

jebe aus dem Hamburgischen Staatsgebiete in einem Orte des Kreises eintreffende Post- oder andere Packetsendung ist von dem Empfänger vor der Oeffnung der Ortspolizei- behörde zu melden. Von der letzteren ist bei der Oeffnung festzustellen, ob die Sendung Gegenstände enthält, deren Emjuhr verboten ist. Ist letzteres der Fall, so sind die betreffenden Gegenstände zu desinficiren, bevor sie zum weiteren Gebrauche zugelassen werden.

§ 4.

Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Anordnungen werden, sofern sie nicht nach § 327 des Reichsstralgesetzbuchs

mit Gefängniß zu bestrafen sind, mit einer Geldstrafe bis zu 90 Mk. geahndet.

Gießen, den 26. September 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Gießen, den 26. September 1892. Betr.: Wie oben.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Polizeibehörden des Kreises.

Die vorstehende Bekanntmachung wollen Sie noch orts­üblich publiciren, deren Befolgung strenge überwachen und namentlich im Falle des § 3 nach der darin enthaltenen Instruction verfahren.

Hinsichtlich der Art der Detzinficirung, die stets unter Ihrer Ueberwachung zu erfolgen hat, verweisen wir auf die Bekanntmachnng in Nr. 185 des Gießener Anzeigers. Ge­eigneten Falles werden Sie sich über die Ausführung noch mit dem nächsten Arzte benehmen.

Etwaige Contraventionen wollen Sie uns sofort anzeigen. H Gießen, den 26. September 1892.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend Hebung des Molkereiwesens.

Nach einer Mittheilung des Verbandsdirectors der hessischen landwirthschastlichen Genoffenschasten ist es dem Verbände unter Unterstützung von Seiten Grobherzoglichen Ministeriums, welches 3000 Mk. zu diesem Zwecke verwilligte, möglich geworden, einen Motserei-Jnstructor in der Person des Herrn Johannes Hadler anzunehmen, welcher seinen Dienst bereits angetreten hat. Der Verband stellt nun diesen Jnstructor derart zur Berathung von Molkerei-Genossenschaften und Privat-Molkereien zur Verfügung, daß demselben für jeden Besuch einer Molkerei ein Tagegeld von 9 Mk. und die aufgewendeten Reisekosten zu vergüten sind.

Die Grobh- Bürgermeistereien werden ersucht, hiervon die Vorstände der Molkerei-Genossenschaften und Privat­molkereien in Kenntniß zu setzen.

Gießen, den 23. September 1892.

Der Director des landwirthschastlichen Bezirksvereins Gießen. Jost.

Bekanntmachung, den am 27. l. Mts. zu Laubach abzuhaltenden Mehmarkt betreffend.

Da die Maul- und Klauenseuche in zwölf Orten des Kreises Schotten zum Theil in größerer Ausdehnung herrscht, hat Großh. Kreisamt Schotten den auf Dienstag den 27. l. M. für Laubach bestimmt gewesenen Viehmarkt verboten.

Die Maul- und Klauenseuche in Schotten ist erloschen und die Gemarkungssperre aufgehoben.

Gießen, den 26. September 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 24. September. Der gegenwärtige Jagd- ausenthalt des Kaisers i'n Ostpreußen wird, dem Vernehmen nach, etwa bis zum 1. oder 2. October währen. Am 7. October gedenkt der Kaiser in Weimar an der Feier der goldenen Hochzeit des Grobherzoglichen Paares theil- zunehmen, um alsdann direct nach Wien zum Besuche des Kaisers Franz Joses weiterzureisen.

Die am 22. September im Wahlkreise Löwen­berg i. Schl, stattgesundene Ersatzwahl zum Reichs­tage hat den Sieg des conservativen Candidaten Holleuser ergeben. Holleufer erhielt 4932 Stimmen, der Freisinnige Ehlers 3595, der Nationalliberale v. Boguslawski 433 und der Socialdemokrat Keller 100 Stimmen. Holleufer ist also mit einer absoluten Mehrheit von 803 Stimmen zum neuen Vertreter des genannten Reichstagswahlkreises gewählt worden. Durch den Ausgang dieser Ersatzwahl haben die Freisinnigen den Wahlkreis Löwenberg, welchen sie 1890 dem Cartell ab­nahmen, wieder verloren, theils infolge der Uneinigkeit int liberalen Lager, theils infolge des Eintretens des Centrums für den conservativen Candidaten. Die Berheiligung an der Wahl war keine besonders lebhafte.

Kiel, 24. September. Die Herb st übungsflotte wurde nach beendetem Manöver aufgelöst. Tas Geschwader lief heute Nachmittag im Kieler Hafen ein.

Ausland.

Wien, 24. September. Wie sehr bestimmt verlautet, i wird Reichskanzler Caprivi den deutschen Kaiser hierher 1 begleiten.

Feuilleton.

Mein guter Rath.

Humoristiiche Erzählung.

Deutsch von Jenny Piorkowska.

(Nachdruck verboten.)

Mein Gatte wurde im vorigen Sommer geschäftlich nach Frankfurt berufen, und da mir der Arzt das Bad Homburg empfohlen hatte, logirten wir uns im letztgenannten Orte ein. Ich will mich nicht weiter in der Beschreibung dieses allgemein bekannten Städtchens wo zu der Zeit, von welcher ich hier erzählen will, das Spiel am grünen Tisch im vollen Flor stand noch der Brillanten und Pariser Toiletten ergehen, welche russische und polnische Fürstinnen und Gräfinnen präsentirten, noch will ich den Leser mit den Details der kostbaren Ausstattung des Kur­saales, der herrlichen Umgebung, den oft geschmacklosen Toi­letten der Engländer und dem auffallenden Wesen der Fran­zösinnen ermüden, die zu Legionen hier einherwandeln.

Das alles ist schon so oft und eingehend beschrieben worden, daß ich mich dieser Ausgabe enthalte und mich auf die Erzählung der Sorgen, Freuden und Abenteuer einer einzigen Familie beschränke, und diese Familie o, Ihr Aristokraten, schließt Euer zartes Ohr! diese Familie trug den Namen Bumpps!

Bumpps bewohnten in Homburg dasselbe Hotel wie wir- und während der ersten Tage unseres Aufenthaltes schienen sie fest entschlossen, in meine lang ersehnte Ruhe zu dringen und meine höchst bescheidenen Wunsche zu nichte zu machen. Ich sah sie jeden Morgen am Brunnen, ich hatte ihre Gesichter alltäglich während der table d'höte zwei lange Stunden mir gegenüber- ich traf sie im Garten, wenn das MusikcorpS spielte, und wenn ich mich des Abends einmal in den Kursaal wagte, konnte ich sicher sein, sie auch da zu rreffen: nirgends konnte ich ihnen entgehen.

Endlich konnte ich es nicht länger ertragen. Ich ließ

mir das Fremdenbuch bringen und da las oder vielmehr zischte ich durch die geschloffenen Zähne:Frau Bumpps und Fräulein Angelika Bumpps, Berlin",Herr Appollonius Schulze Berlin."

Apollonius Schulze! So war dieser unangenehme kleine Mann mit der aufgestülpten Nase in dem carrirlen Anzuge mit der Korallennadel und dem rothen Backenbart den Damen, die er begleitet, weder Mann noch Bruder. Was war er aber dann? Wittwer? Bräutigam? von welcher? von Mutter oder Tochter Bumpps? Gewöhnlich unterhielt er sich mit ersterer über den Engros- einkauf von Lebensmitteln und die sichere Anlage von Capi­talien, aber erst an demselben Morgen hatte ich ihn um ein Rosenbouquet handeln sehen, das er dann der jüngeren über­reicht hatte.

Sind sie schon lange hier?" fragte ich den Kellner, der mir das Buch brachte,werden sie bald abreifen ?"

Sie haben ihre Zimmer tageweise," erwiderte dieser, damit ist aber keineswegs gesagt, daß sie nicht lange hier zu bleiben gedenken. Sie sind sehr reich," setzte er hinzu.

Reich?" wiederholte ich.

Ja, sehr reich," sagte er und that einen tiefen Athem- zug, wie um seine hohe Achtung für ihren Reichthum zu zeigen.

In meiner Verzweiflung faßte ich den Gedanken, die Flucht zu ergreifen und meinem Feinde das Feld zu über­lassen, aber mein Gatte lachte über meinen Aerger und Unwillen und erklärte, es seien gewiß sehr liebenswürdige Leute, wenn wir sie nur kennten- so ließ ich mir zureden, zu bleiben, wo ich war.

Ich will meine Feinde nicht mit dem vorurtheilsfreien Auge beschreiben, mit dem ich sie damals jeden Morgen beim Frühstück sah, sondern wie ich jetzt für sie empfinde.

Fran Bumpps war der echte Typus einer Wittwe der Mittelklasse in guten Verhältnissen, das heißt, sie war offen­bar zufrieden mit sich, ihrem Diener, ihrer Tochter und vor Allem mit Herrn Apollonius Schulze. Ich glaube wirk­lich, wenn sie mich bei Tische nicht so wohlgefällig an­

gelächelt und nicht bei jeder Gelegenheit so ruhig und ge­lassen dreingeschaut hätte, würde ich sie nie in dem Maße gehaßt haben, denn obwohl sie roth, ewig vergnügt und unfein war, hätte ich ihr doch um ihrer schönen Tochter willen diese und noch größere Sünden vergeben. Angelika war wirklich reizend, das ließ sich nicht leugnen. Wäre mir gesagt worden, sie sei eine Gräfin N. N. ich hätte es ohne Bedenken geglaubt und vielleicht noch hinzugesügf. Edles Blut verleugnet sich nicht!" Doch so wußte ich nicht, was ich glauben sollte. DennBumppS" hieß sie und so weit sich voraussehen ließ, würde sie eineSchulze" werden.

Als ich wenige Tage später meinen Platz an der table dhöte einnahm, hatten Bumpps ihre Plätze ge­wechselt und die schöne Angelika war meine Nachbarin. Sie war so zurückhaltend höflich gegen mich, über das Be­mühen ihrer unfeinen Mutter, eine Unterhaltung mit uns anzuknüpfen, so offenbar ärgerlich, sie brachte Herrn Apollonius Schulze so entschieden zum Schweigen, wenn er seinen Wortschwall an Fremden versuchte, daß sie mir wirklich anfing, zu gefallen. Sie sah auch fo unruhig und unglücklich aus, als erwarte sie jeden Augenblick irgend eine schlechte Nachricht, und so oft Herr Apollonius Schulze das Wort an sie richtete, erröthete sie heftig. Ich suchte mich ihr freundschaftlich zu nähern, aber sie ging einer Unterhaltung mit mir offenbar aus dem Wege - während der ganzen acht Gänge, die wir täglich an unseren Augen vorübergehen laffcn mußten, saß sie lieber stumm da, als daß sie mit mir ge­sprochen hätte. Mit ihrer Mutter und ihrem Verehrer konnte sie sich nicht unterhalten, da diese mit ihrem Thema über Engroseinkäufe und Capital-Anlage nie fertig wurden.

Da erschien ein Neuangekommener auf dem Schauplatze, ein schöner junger Militär: Hauptmann Mittelstem, das Ideal, wie ein Offizier fein soll eine schlanke, stattliche Gestalt, ein schöner, wohlgepflegtcr Schnurrbart, und vor Allem so einnehmende, cavaliermäßige Manieren.

Zu meiner großen Verwunderung gestattete, nein, be­stärkte dieser Herr sogar Herrn Apollonius Schulzes Be-