Nr. 146 Erstes Blatt
Sonntag den 26. Juni
1892
Der tt**rr A*|dt<r , erscheint täglich, eit Ausnahme btf Montag».
Die Gießener
Werden dem ÄHjdgtr WßcheotLich kreis«( beigelegt.
Mchener Anzeiger
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Bekanntmachung, betreffend Bildung einer öffentlichen Waffergenoffenschaft zur Entwässerung von Grundstücken in den Fluren I, VIII und IX der Gemarkung Steinheim.
An der für die Fluren I, VIII und IX der Gemarkung Steinhcim beantragten Bildung einer öffentlichen Waffer- genoffenschaft sind nach den Acten 131 Grundbesitzer mit 27,8880 ha Fläche beteiligt.
Bei der am 25. v. M. vorgenommenen Verhandlungs- tagfahrt hat sich Niemand gegen das Unternehmen erklärt, auch sind Einwendungen dritter nicht erhoben worden.
Die Großh. Obere landwirthschaftliche Behörde hat daraufhin dem Unternehmen, unter Berücksichtigung der in der Verhandlungstagfahrt von einzelnen Betheiligten beantragten Ausschließung der Grundstücke Flur IX Nr. 154, 155, 156, 157 und 158, die in Art. 67 des Gesetzes vom 30. Juli 1887 vorgesehene staatliche Genehmigung mit fob genden Bestimmungen ertheilt:
1) daß die beteiligten Grundbesitzer, welche in dem offengelegten Verzeichnisse (Anlage B) aufgeführt sind, Mitglieder der Waffergenoffenschaft werden;
2) daß das Unternehmen nach dem von Großh. Cultur- Jngenieur Wißmann aufgestellten Plane, unter Berücksichtigung der Ausschließung der oben bezeichneten Grundstücke, ausgeführt wird;
3) daß bezüglich der Vertheilung der auf 6400 Mark veranschlagten Meliorationskosten nach Art. 53 und 68 des Gesetzes vom 30. Juli 1887 (§ 5 des Statuts) verfahren wird.
Vorstehende Entscheidung wird unter dem Anfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Meliorationsplan nebst Anlagen und das Protokoll über die.Tagfahrt am 25. v. M. auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Steinheim vom 24 l. M. bis einschließlich den 7. Juli l. I. zur Einsicht der Betheiligten offenliegen und daß innerhalb dieser Frist, bei Meldung des Ausschluffes, gegen obige Entscheidung Beschwerde bei Großh. Ministerium des Innern und der Justiz erhoben werden kann. Gleichzeitig geben wir öffentlich bekannt, daß das mit den Bevollmächtigten berathene Statut für die zu gründende Genossenschaft vom 24. l. M. bis einschließlich den 7. k. M. auf dem Bureau der Großh. Bürgermeisterei Steinheim gleichfalls zur Einsicht der Be- Lheiligten offenliegt und daß Einwendungen gegen dasselbe innerhalb dieser Frist bei Meidung des Ausschlusses bei uns vorzubringen sind.
Gießen, den 20. Juni 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gefunden: 1 Gesangbuch, 1 großer Holzkorb, 1 Vorstecknadel, 1 Peitsche, 1 Regenschirm, 1 Maßstab, 1 Paar Strümpfe, 1 Schraubenschlüssel, baares Geld, 1 Stück Plüsch, 1 Taschentuch, 1 Sonnenschirm, 1 Vorspannkette, 1 Taschen- messer, 1 Kinderschuh, 1 Kinderstrumpf und 1 Paar Schuhe.
Zugelaufen: 2 Hunde.
Gießen, den 25. Juni 1892.*
Großherzogliches Polizejamt Gießen. Fresenius.
Deutscher Reich.
Berlin, 24. Juni. Die jüngste Unglücksbotschast aus Deutsch-Ostasrika bestätigt sich leider, nur mit der schwachen Abmilderung, daß die Kilimandscharo-Station noch nicht in die Hände der aufständischen Maschi gefallen ist. Bei dem Gefecht mit den Maschi hat der Stationsches, Herr v. Bülow, selbst den Tod gefunden, außerdem sind noch Lieutenant Wolfrum und 20 Sudanesen geblieben - über die .Zahl der Verwundeten und Vermißten auf deutscher Seite fehlen noch Angaben. Die von Dar-es-Salaam abgesandten 180 Mann Verstärkungen wurden nach ihrer Ankunft in Tanga sofort ins Innere weiterdirigirt- hoffentlich gelingt es dem Rest der Bülow'schen Truppe in der Kilimandscharo- Stalion, dieselbe bis zur Ankunft der Verstärkungen zu halten, lieber die Einzelheiten der Katastrophe stehen nähere Nachrichten noch aus, es läßt sich darum auch noch nicht ermessen, wem etwa die nächste Verantwortung für diese bedauerliche neueste Niederlage der deutsch-ostafrikanischen Schutztruppe zugeschrieben werden muß.
Neueste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 24. Juni. Dem Bürgermeister Zelle ging seitens des Bürgermeisters von Rom folgendes Danktelegramm zu: Der Gemeinderath von Rom sendet seinen warmen und aufrichtigen Dank der Stadt Berlin für den feierlichen und liebenswürdigen Empfang, welcher dem König und der Königin von Italien bereitet wurde. Der Gruß möge gleichzeitig eine Huldigung für ganz Deutschland, unfern treuen und ruhmvollen Freund, sein.
Potsdam, 24. Juni. Der Kaiser und die Kaiserin fuhren um 10V2 Uhr nach der Matrosenstation und von da mittelst Dampfers nach Spandau. Von dort wird die Kaiserin hierher zurückkehren, während der Kaiser nach Kiel reist.
Wildpark, 24. Juni. Die Abreise des italienischen Königspaares nach Dresden erfolgte um 2^ Uhr. Der Kaiser mit dem Könige im offenen, die Kaiserin und Königin im geschloffenen Vierspänner begaben sich vom Neuen Palais nach der Wildparkstation. Der Kaiser führte die Königin in den Eisenbahnwagen, während die Kaiserin am Arme des Königs an den Waggon herantrat. Der Kaiser und der König küßten sich wiederholt die Wange und umarmten sich herzlich, ebenso verabschiedeten sich die Kaiserin und Königin überaus herzlich. Am Wagensenster stehend, reichten der König, die Königin und der Kaiser sich nochmals die Hände. Auch von den andern anwesenden Herrschaften, dem Erb- großherzogspaare von Baden, der Kronprinzessin von Schweden, den Grafen Caprivi und Walderiee, verabschiedete sich das Königspaar herzlich.
Dresden, 24. Juni. T/us Hial enische Königs- .paar ist, vom sächsischen Königspaare bis zum Bahnhose begleitet, heute Abend 10y2 Uhr nach Frankfurt a. M. abgereist.
Bologna, 25. Juni. In Montesasso an der Eisenbahnlinie Bologna-Florenz fand eine Erdabrutschung statt- mehrere Häuser wurden verschüttet. Die Zahl der Todten und Verwundeten wird auf dreißig angegeben. Der Eisenbahnverkehr ist unterbrochen.
Sofia, 25. Juni. In dem Prozesse gegen die der Ermordung Beltschews angeklagten Personen übernahmen der Advocat Proschakow, der frühere Militärprocurator Markow und Konstantinow die Vertheidigung mehrerer Angeklagten. Für die übrigen bestellte das Civilgericht erster Instanz von Amtswegen Vertheidiger, darunter Stoilow für Karawelow, den Exminister Radoslawow für Popow und den Exminister Tontschew für Makedonski.
Petersburg, 24. Juni. Die infolge der Mißernte ein* geführten Vergünstigungen des Eisenbahntariss, ausgenommen für Roggen und Kleie, werden aufgehoben. — Das Ministerium der Communicationen ersetzte alle höheren Eisenbahnbeamten polnischer Herkunft im Königreiche Polen durch Russen- die ersteren sollen Anstellungen im Innern Rußlands erhalten.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 24. Juni. Der „Nat.-Ztg." zufolge hat das Staatsministerium die Einberufung des Landtags für den 7. event. 15. November in Aussicht genommen.
Berlin, 24. Juni. Dem „Börsencourier" zufolge schenkte Bismarck seinem Sohne Herbert das Gut Schönhausen.
Görlitz, 24. Juni. Reichskanzler Gras v. Caprivi kommt demnächst zur Sommerfrische nach Schreiberhau und wird in der Villa Hübsch Wohnung nehmen.
München, 24. Juni. Die Villa Lenbach war heute Vormittag von Menschen umlagert. Bismarck äußerte seine Freude über den begeisterten Empfang. Heute Vormittag empfing der Fürst verschiedene Deputationen. Um 3y2 Uhr wird er die Deputation der städtischen Collegien empfangen, darnach folgt wahrscheinlich ein Besuch der Kunstausstellung. Heute Abend 8*/2 Uhr findet der Fackelzug der Studentenschaft statt, morgen Nachmittag ein Besuch des Rathhauses. Die Serenade des Sängerbundes, welche morgen Abend stattfindet, soll glänzend werden. — Wegen Pfeifen und Johlens bei der Ankunft Bismarcks wurden sieben Personen verhaftet.
München, 24. Juni. In der Mittagsstunde brachte der akademische Gesangverein in Anwesenheit von circa zehntausend Menschen Bismarck ein Ständchen. Zahllose Hochrufe ertönten. Das Lied „Deutschland, Deutschland über Alles" wurde von dem gesammten Publikum gesungen. Der Fürst dankte wiederholt gerührt. Um 12y2Uhr fuhren das Fürstenpaar, Dr. Chrysander, Dr. Schwenninger und das Ehepaar Lenbach zu einem echt bayerischen dejeuner dinatoire bei dem Grasen Holstein, woselbst sie bis 3 Uhr verweilten. Um
j/24 Uhr empfing Bismarck die städtische Deputation, an deren Spitze Oberbürgermeister Dr. v. Widenmayer eine Ansprache an das Fürftenpaar hielt, worin er den Jubel, mit dem München den Fürsten empfange, als den Dank der guten deutschen Stadt bezeichnet für die unvergänglichen Verdienste des Fürsten um Deutschland, ferner den speziellen Dank der Stadt München für die ihr allezeit bewiesene Freundschaft. Er bat hierauf den Fürsten, das Stadthaus zu besuchen. In seiner Erwiderung gab der Fürst der Freude, dem Dank und seiner hohen Befriedigung Ausdruck über den Erwerb der Zustimmung der Städte und überhaupt der gebildeten Reichsbevölkerung zu seinen Thaten, was nur der Ausdruck uneigennützigster Freundschaft sein könne, da er kein Machtinteresse und Wünsche zu befriedigen habe. Im Rückblick auf die vergangene Zeit nannte Bismarck den Vollzug der deutschen Einigung einen naturgemäßen, weil er dem Streben der einzelnen deutschen Stämme entsprungen sei, welche alle einen Antheil an den großen 70er Siegen und dem großen Glück hätten. Der Einigungsprozeß sei nicht gleich 1866 erfolgt, weil damals das Werk geringere Aussicht auf Bestand gehabt habe - er halte die Einigung für eine vom Wechsel der Zeiten und Verhältnisse unanfechtbares Werk. Im Gespräche mit einzelnen Gemeindevorstehern sagte der Fürst sein Erscheinen im Rathhause für morgen Mittag 12 Uhr zu. Gegen Abend machte das Fürstenpaar eine Umfahrt und gab Karten bet verschiedenen Persönlichkeiten ab.
München, 25. Juni. Der Fackelzug der Studentenschaft verlief glänzend. Es waren ca. 1500 Fackelträger mit 20 Musikcorps. Das Fürftenpaar saß auf der Terrasse. Der Fürst dankte unzählige Male entblößten Hauptes für die tausend Hochrufe Der vieltausendfältigen Menschenmenge. Auf das Hoch der Burschenschaften auf den Gründer des deutschen Reiches, dankte Bismarck mit weithin vernehmlicher Stimme und bat, festzuhalten an den Errungenschaften der siebziger Jahre wie mit eisernen Klammern. Auch auf die Fürstin wurde eine Hoch ausgebracht. Nach Beendigung des Fackelzuges verschwand das Fürstenpaar in das Innere der Villa. Infolge der intensiven Hochrufe kehrte Bismarck auf die Terrasse zurück und dankte nochmals, versichernd, daß diese Eindrücke bei ihm bis an sein Lebensende nachhielten. Morgen soll vermuthlich der Kunstausstellung ein Besuch abgestattet werden. Nach dem bisherigen Programm findet die Abreise Sonntag Mittag nach Augsburg statt, wo ein einstündiqer Aufenthalt geplant ist.
Wien, 24. Juni. Bismarck erklärte dem Chesredacteur der „Neuen Freien Presse" gegenüber, er fei erfreut über feine Popularität hier. Für Alles, was die „Hamb. Nachr.", die „Münchener Allg. Ztg." und die „Westdeutsche Allg. Ztg." schreiben, sei er nicht verantwortlich. Er habe nichts gegen Oesterreich und gegen den Handelsvertrag habe er nur aus sachlichen Gründen opponirt. Deutschland brauche kein neues Gebiet, auch Oesterreich habe an Bosnien genug. Das übelfte sei, daß, feit er demissionirt habe, Deutschland auf Rußlands Politik jeden Einflusses entbehre. Bismarck sprach die Absicht aus, eventuell den Reichstag zu besuchen. Gegen die jetzt in Deutschland maßgebenden Personen habe er keine Verpflichtungen mehr. Zur Annahme des Postens eines Präsidenten des Staatsraths fehle ihm die christliche Demuth, mit demselben Rechte könnte man ihn zum Generaladjutanten machen.
Localer unb provinzieller.
Gießen, 25. Juni 1892.
— Letzte Sitzung de8 Schwurgerichts der Provinz Cbet- hefien für das II. Quartal l. I. vom 23.—25. Juni 1892. Zur Verhandlung kam die Strafsache gegen Heinrich Frank von Wüstwillenrod und Genossen wegen Meineids beziehungsweise Anstiftung zum Meineid. Die Anklage vertrat der Großh. Staatsanwalt Schilling-Trygophoru-, vertheidigt wurde der Angeklagte Frank von Justizrath Baist, der Angeklagte Heinrich Alt von Rechtsanwalt Metz und der Angeklagte Paul Heinrich Alt von Rechtsanwalt Dr. Jung. Als Geschworene wurden ausgeloost die Herren: Philipp Lenz V., Ludwig Reidel II., Conrad MalkomesiuS, Wilhelm Hensel, Karl Müller, Gustav Müller, Caspar Schmidt, Heinrich Schadeck III., Anton Brückel II., Johann Peter Wagner, Beigeordneter Philipp Lenz, Jacob Korell und Johann Georg Görlach, letzterer als Ergänzungsgeschworener mit Rücksicht auf die längere Dauer der Verhandlung. — Heinrich Frank von Wüstwillenrod ist angeklagt, daß er am 14. Mai 1889 zu Gießen vor der Strafkammer oeö Großherzogl. Landgerichts in der Strafsache gegen Johannes Götz von Wünschen-Moos und Genossen wegen Diebstahl, als Zeuge eidlich vernommen, den vor seiner Vernehmung geleisteten Eid wissentlich durch


