Nr 224 Drittes Blatt. Sonntag dm 25. September
1892
Set -ießeir Z»ze4-er erscheint täglich, ult Ausnahme bei Montags.
Die Gießener
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Kichener Anzeiger
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Runahme vo» Anzeige» zu der Nachmittags für de» falgenden Lag erscheinenden Nummer bis von». 10 Uhr.
Hratisöeitage: Hießener Jamikienötätter.
Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehm« Anzeigen für den „Gießener Hijeiger* entgegen.
Amtlichem Theil.
Bekanntmachung, betr. die Abhaltung landwirthschaftlicher Vorträge in den Gemeinden des Kreises Gießen.
ES wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Herr Landwirthschaftslehrer Leit Higer von Alsfeld einen Vortrag über Anwendung des künstlichen Düngers Sonntag den 2. Oktober l. I., Nachm. 2'/- Uhr in der Wtrthschaft der Kaspar Hildebrand III. Wwe. Hu Allendorf a. d. Lahn abhalten wird.
Zu dieser Versammlung werden alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Vereins und alle Freunde der Land- wirthschaft hierdurch ergebenst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister von Allendorf und der benach- barten Orte werden ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlung hinzuwirken.
Gießen, den 14. September 1892.
Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins. Jost.
politische Wochenschau.
Gießen, den 24. September 1892.
Die kürzlich angekündigte und von allen politischen Kreisen lebhaft erwartete amtliche Darlegung der Ziele und damit des Inhaltes der neuen Militärvorlage ist auch in der vergangenen Woche nicht erschienen. Indessen sind mittlerweile neue Nachrichten in die Oeffentlichkeit gedrungen, welche auch das letzte Hauptstück der Regierungsvorlage wenigstens in der Hauptsache blos legen. Nach den bisher nicht dementierten Mittheilungen eines zumeist gut unterrichteten regierungsfreundlichen Blattes beabsichtigt die Regierung, den Friedenspräsenzstand um 95000 Mann zu verstärken. Man würde also den gegenwärtigen Präsenzstand in der Höhe von 486 983 Mann aus die Höhe von 581 983 Mann bringen wollen. Es würde sodann die deutsche Armee den Sollbestönd der französischen um nicht weniger als 70000 Mann über« treffen. Um aber diesen Erfolg zu erreichen, müßte man zum ersten Male seit dem Bestehen des Norddeutschen Bundes und des deutschen Reiches von dem Satze abgehen, daß die Präsenzstärke 1% der Bevölkerung zu betragen hat, und einen beträchtlich höheren Procentsatz in Anwendung bringen, d. h. man müßte alle diejenigen Mannschaften, welche gegenwärtig zur Ersatzreserve kommen, und zu vier Fünfteln gar keine, zu einem Fünftel nur eine 20-wöchige Friedensdienstzeit durchzumachen haben, nunmehr zu einer mindestens zweijährigen Dienstzeit einziehen. Damit würden die Planeres früheren Kriegsministers Verdy du Vernois, welche im Sommer 1890 zum ersten Male aufgeworfen und rasch wieder fallen gelassen wurden, im weitesten Umfange zur Ausführung gelangen. Mit der Einführung der zweijährigen Dienstzeit hätte die Erhöhung der Friedenspräsenzstärke um 95 000 Mann natürlich keinerlei inneren Zusammenhang. Denn mit der Abkürzung der Dienstzeit auf zwei Jahre ergiebt sich ganz von selber allein bei der Infanterie eine Verminderung des Präsenzstandes um rund 50 000 Mann, die auszugleichen schon eine jährliche Erhöhung des Aushebungscontingentes um 25 000 Mann (nicht um 72 500 Mann, wie es die Erhöhung der Friedenspräsenz um 95 000 Mann rechnungsmäßig erfordern würde) vollkommen ausreichend wäre. Wie die verschiedenen Parteien sich zu den Projekten der Militärbehörde stellen werden, ist bis jetzt noch nicht genügend aufgeklärt. Ein einstimmiges Nein werden allen Plänen, die eine Erhöhung der Präsenzstärke, d. h. eine Verstärkung des Aushebungscontingentes um mehr als 25 000 Mann (s. o.) herbei- zusühreu bestimmt sind, voraussichtlich die Freisinnigen (die zweitslärkste Partei des Reichstages), die Volkspartei und die Sozialisten entgegensetzen. Dagegen haben sich innerhalb der conservativen Partei diejenigen Richtungen, welche durch die „Kreuzzeitung" und den „Reichsboten" vertreten werden, zur Zustimmung auch bei Beibehaltung der dreijährigen Dienstzeit bereit erklärt, während der von v. Helldorf und seinem „Con- fervativen Wochenblatt" geführte Flügel mir Rücksicht aus die wirthschaftliche Lage und die parteitactischen Folgen noch schwere Bedenken hat. Zweifelhaft sind noch die Nationalliberalen und auch die stärkste und ausschlaggebende Reichstagspartei.- das Centrum. Allerdings hat gerade der Centrums- sührer Windthorst im Sommer 1890 eine Resolution einge- bracht, welche die Erwartung ausspricht, daß die Regierung von allen Plänen in der Richtung des oben scizzierten Abstand nehmen werde. Gleichwohl läßt sich das Centrum vielleicht gegen Concessionen aus kirchenpolitischem Gebiete zu solchen in
Sachen der neuen Militärvorlage bereit finden. Hieraus kommt alles an. — In Bezug aus die neuen Reichs- Steuern wird bekannt, daß eine Erhöhung der Braumalzsteuer um das Doppelte (also aus 8 Mark) in Aussicht genommen ist. Uebrigens hat sich der Secretär im Reichsfinanzamt, der Freiherr von Maltzahn-Gültz, zu einer Rücksprache über die neuen Steuern kürzlich zuerst nach Stuttgart, sodann nach Carlsruhe begeben und weilt im Augenblicke, wo wir dies schreiben, vielleicht tn München.
In Holland sind die Generalstaaten zusammengetreten. Das vorgelegte Budget weist ein Defizit von 3^2 Millionen aus, welches durch eine Anleihe gedeckt werden soll. Von neuen Vorlagen ist eine solche in Betreff der Ausdehnung des activen Wahlrechtes aus alle Personen, welche schreiben und lesen können, von besonderer Wichtigkeit. — In Serbien geben sich die neuen Machthaber alle Mühe, etwas Ordnung in die sehr verfahrene Finanzwirthschaft zu bringen. Vor allen beabsichtigt das liberale Cabinet, das Tabaks- und das Salzmonopol wieder auszuheben. Zum Zwecke größerer Ersparnisse sind in diesem Jahre die Manöver ausgesetzt worden. — Aus dem Pamirplateau scheinen sich die Russen unter Manow, nachdem sie kürzlich noch einen Vorstoß gegen China unternommen haben, nunmehr endgültig zurückziehen zu wollen. Auf wie lange, ist eine andere Frage, auf die wir keine Antwort wissen.
Landwirthschaftliche Winke und Rathschläge. WaS lehrt dem Landwirth des diesjährige warme trockene Sommer?
Von Landwirthschaftslehrer Leithtger in Alsfeld.|
Kalt und naß war das vorige Jahr, warm und trocken das letzte. Mit keinem sind die Landwirthe so recht zufrieden gewesen, allerdings mit dem letzteren noch mehr wie mit dem vorjährigen. Die Getreideernte war ja gut, vielfach sogar recht gut, aber die Futterernte ist desto mangelhafter. Die Ursache für die letzte Erscheinung lag in mehreren Perioden lang anhaltender Trockenheit, welche das Wachsthum fast aller Futtergewächse beeinträchtigten. Die Heuernte war zwar der Qualität nach eine sehr gute, der Quantität nach aber eine mittelmäßige, die Grummeternte ist eine sehr geringe, manche Wiesen geben sogar gar keinen zweiten Schnitt; der Klee hat vielerorts nur einen Schntit gegeben und die anderen Futtergewächse, mit denen man sich sonst noch zu helfen suchte, sind meist gar nicht ausgegangen. Am meisten leiden an der Calamität des Futtermangels die extensiv wirthschaftenden Landwirthe, die also den heutigen Fortschritten der Bodencultur keine oder nur wenig Rechnung tragen.
Da wir nun in Zukunft das Welter nicht in der Hand haben, sondern in dieser Beziehung von deS Himmels Segen abhängig sind, so muß der Landwirth Alles thun, um so wenig Jroie möglich von diesem Wachsthumsfactor abhängig zu sein. Worin bestehen nun die Maßnahmen, welche den Landwirth unabhängiger von dem Wachsthumsfactor Welter machen? Nur in einer intensiveren Bewirth- schastung sind die Mittel gegeben, solchen extremen Witterungs- verhältnrfsen einigermaßen entgegenzutreten und zwar sowohl in Jahren wie dem vorigen, wie auch in solchen, wte dies Jahr. W rth- schaften, welche in hoher Cultur stehen, welche neb-nher der Anwendung der künstlichen Düngemittel — zu rechter Zeit und am rechten Orte — huldigen, welche ihre Grundstücke richtig entwässert haben bezw. sie auch bewässern, wo es am Platze ist, welche die tiefere Boden- dearbettung, wo sie möglich ist, eingeführt haben, welche besser gezüchtete Saatfrüchte anwenden, werden viel leichter über solch extreme Jahre Hinwegkommen, wie sogenannte Hungerwtrthschaften. Da zieht itch die Noth von einem Jahre in das andere, da muß jetzt schon das bischen Heu gefüttert werden, das Stroh reicht kaum zum Einstreuen aus, Kraf suttermitkel kennt man nicht, höchstens füttert man etwas Getreideschiot, das Vieh muß schließlich zu ungeeigneter Zeit billig verkauft werden und so erzeugt ein Uebelstand immer den anderen. Gewiß, der Landmann soll sparsam sein, aber am rechten Orte und am rechten Platze. Hungerwirthschaften aber treiben die glößte Verschwendung. Selbst der Landwirth, der das Geld leihen muß, sollte diesen Schritt nicht scheuen, um endlich zu einer Fort- schrittswirthschast zu kommen, welche ihm nicht nur das geliehene Capital verzinst, sondern ihm auch eme Rente aus seinem Gute sichert. Wir haben beute schon eine große Anzahl intensiv bewirth- schafteter Güter in allen Theilen unserer Provmz, sodaß der Schritt, den heute ein Landwirth Ihut, zwecks liebergang zu intensiverer Bodencultur, keine gewagte Speculation, sondern eine Maßnahme zu einer sicheren und höheren Rente seines Gutes bedeutet. Ich habe vor Kurzem von einem Landwirth gehört, daß er von 22 Morgen 200 Malter Weizen geerntet hat; das sind Erträge, die bei extensiver Bewirthschastung unmöglich sind, die aber bei intensivem Betrieb die vermehrten Unkosten nicht nur decken, sondern auch noch etwas übrig lassen.
Auch über die dießjährige geringe Futterernte wird der intensiv wirthschaftende Landwirth leichter hinweg kommen, wie der extensiv wirthschaftende. Schon jetzt wird er seinen Futteretat ausstellen; er wird festzustellen suchen, welches Quantum Heu bez. Grummet und von Hackfrüchten günstigsten Falles pro Haupt seines Viehstandes er täglich füttern kann, er wird dann berechnen, wieviel Stroh er füttern muß, um eine normale Sättigung zu erzielen. Nach den Kühn'scken Futternormen läßt sich dann berechnen, wieviel Kraftfutter zur täglichen Ration zugeseht werden muß, um eine rationelle Ernährung ju erzielen. Die diesjährige schlechte Futtere nte wird daher in den meisten Wirthichasten, wenn der Viehstand nicht verringert werden soll, einen erhöhten Kiastsulteroerbrauch zur Folge haben. Sich darüber aber schon jetzt klar zu werden und ev. seinen Bedarf zu decken, schon jetzt seine Maßnahmen zu treffen, welche eine gleichmäßige Fütterung des ganzen ViehstandeS gewährleisten, ist mit einer derjenigen Zwecke, welche durch diese Zeilen erreicht werden sollen.
Verfälschte schwarze Seide.
Man verbrenne ein Müsterchcn des Stoffes, von dem man kaufen will, und die etwaige Verfälschung tritt sofort zu Tage: Acchte, rein gefärbte Serbe kräuselt sofort zusammen, verlöscht bald und hinterläßt wenig Asche von ganz hellbräunlicher Farbe. — Verfälschte Seide (die leicht speckig wird und bricht) brennt langsam fort, namentlrch glimmen die „Schußfäden" weiter (wenn sehr mit Farbstoff erschwert), und hinterläßt eine dunkelbraune Asche, die sich im Gegensatz zur ächten Seide nicht kräuselt, sondern krümmt. Zerdrückt man die Asche der ächten Seide, so zerstäubt sie, die der verfälschten nicht. G. Ilenneberg, Eeidenfadrikant (Ä'. u. K. Hoflieferant) Zürich versendet gern Muster von feinen ächten Seidenstoffen an Jedermann, und liefert einzelne Roben und ganze Stücke porto- und zollfrei ins Haus. Doppelte« Briefporto nach der Schweiz. 1953
Verkehr, Land« und Volkswirthschaft. Erhebungen über den Laatenssand im Grotzherzogthum Hessen.
Monat September 1892.
I Ord.-Nr. 11
Erhebungsbezirke.
Kartoffeln
Klee (Luzerne)
Wiesen
Weinberge
Provinz Starkenburg.
1
Kreis Bensheim......
2,5
4
1,5
2
„ Darmstadt......
2
—
5
_
3
„ Dieburg......
3
—
—
—
4
„ Erbach.....
2
—
—
_
5
„ Groß Gerau.....
3,5
3,5
3,5
__
6
„ Heppenheim.....
—
—
—
7
„ Offenbach ......
3
—
4,5
I -
Durchschnitt für Starkenburg
2,6
I 3,7
3.6
-
Provinz Oberhessen
8
Kreis Alsfeld . .
2
4
4
_
9
„ Büdingen......
1
_
_
10
„ Friedberg......
2
_
_
_
11
„ Gießen.......
2
5
4,5
_
12
„ Lauterbach......
1,5
5
5
_
13;
„ Schotten......
1
4
4
—
Durchschnitt für Oberbessin
1 1.6
45
4,4
■ -
Provinz Rheinhessen.
14
Landw. Vereinsbezirk Alzey
2
—
__
2
15
» „ Bingen
3
4,5
4,5
3,5
16
tf „ Flonheim
2,5
4
2,5
3
17
fr „ Ingelheim
3
4
5
3,5
18
ff „ Mainz
2,5
5
4
2,5
19
m „ Nieder-Olm
3
5
5
3,5
20
ff „ Oppenheim
3
5
0
21
n „ Osthofen
1
4
_
3,5
22
ff „ Pfeddersheim
3
—
_
4
23
ff „ Wöllstein
2
—
5
2
24
ff „ Wörrstadt
3
4
_
4
25
u „ Worms
3
4
4
3
Durchschnitt für Rheinhessen
1,5
4,4
4,3
3,1
Durchschnitt für das Großh. Hessen |
1,9 |
4,1
4,1
3,1
Rote 1 — sehr guter, 2 — guter, 3 =
mittlerer. 4 = aerinaer.
5
= sehr geringer Stand.
Bericht Nr. 6 ist nicht eingegangen.
, , Bemerkungen: 1. Das Ernteergebniß ist bei den Kartoffeln sehr verschieden, je nach der Sorte. Die Frühsorten sind sehr gering. Bei Spätsorten ist eine gute Ernte zu hoffen. 2. Grummet hat durch die anhaltende Dürre sehr gelitten. 3. Frucht gab im Allgemeinen etwas weniger Gebund, allein der Körnerertrag ist ganz vorzüglich Grummetertrag sehr gering; überhaupt wenig Futter. 5. Einzelne Gemarkungen, welche mehr Regen hatten, etwas besser, in einzelnen sehr gering. 13. Sämmtliche Früchte gut geerntet. 17. Trockene und Hitze haben viel geschadet. 18. Kartoffeln von Engerlingen sehr stark angefreffen. 20. Durch die andauernde Trockenheit haben sich die Kartoffeln nicht weiter entwickelt und sind dieselben von grau-grünen Larven arg zerfressen. Klee beinahe ausgedorrt. Weinberge gingen durch zu wenig Feuchtigkeit nicht in dem Maße, wie die Wärme war, voran. In vereinzelten Fällen tritt das Ofdium Tuckeri auf. 23. Klee wenig mehr vorhanden. Dickwurz schön entwickelt. Rüben wenig; durch den Erdfloh vernichtet Kartoffeln in Quantität nicht viel, dagegen in Qualität ausgezeichnet, üßiefengrummet in Folge der großen Trockenheit gering. Stand der Weinberge sehr schön; die wenigen Trauben entwickeln sich ebenso schon.
Junker & Rnh-Oefen
Die „Süddeutsche Apotheker-Zeitung" in Stuttgart schreibt in ihrer diesjährigen Nummer 36 von Erde August: Klingt die Zu- muthung nicht zu rauh, bei 30° Hitze an warme Oefen zu denken? Aber so ist es nun einmal im Leben! Auch hier berühren sich die Gegensätze und gar bald wird man der Unzulänglichkeit der äußeren Temperatur wieder durch ein wärmendes Kohlenfeuer aufhelfen müssen. Der vorsichtige Mann aber siebt sich bei Z.iten um, er weiß, daß die Einrichtung um so besser ausfällt, je sorgfältiger sie vorbereitet ist. Nachdem bereits wiederholt an dieser Stelle der Junker & Ruh- Oefen gedacht wurde, soll nur wiederholt bestätigt werden, daß diese Oefen, was» Ausgiebigkeit, leichte Regulirbarkeit und Handhabung Alles bei mäßigem Stoffoerbrauch, betrifft, die Vergleichung mit allen anderen Systemen getrost aufzunetmen vermag. Da a: ch in der Form der Oefen dem Schönheitssinne und Ebenmaße volle Rechnung getragen ist, verdient der „Wärmespender" vollauf die allseitigste Beachtung.


