Ausgabe 
25.5.1892
 
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Nr. 121 Erstes Blatt.

Mittwoch den 25. Mai

1892

Der Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagS.

Die Gießener AkOMtkienörLtter n,erden dem Anzeiger «Schentlich dreimal beigelegt.

Gichmer Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

Birrteljähriger

KSounemeutspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Marl 50 Pfg

Redaction, Expedition und Druckerei:

ZchutstratzeVr.?.

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Amts- und Anzeigeblatt für den Areis Glesien.

KratisLeitage: Hießener Kamitienölatter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer btt Von». 10 Uhr.

Anrtlichev Sheil.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Die Maul- und Klauenseuche in Melbach, Kreis Fried­berg (Anzeiger Nr. 87), sowie in Ortenberg, Kreis Büdin­gen (Anzeiger Nr. 91) ist erloschen und die seitens der zu­ständigen Großherzogi. Kreisämter in beiden Fällen verfügte Sperre wieder aufgehoben worden.

Gießen, den 23. Mai 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

_____________________v. Gag ern._____________________

Bekanntmachung.

Die Filiale der italienischen Zuchtgeflügel-Verkgufs-Ge- fellfchaft zu Mainz (Esportazione Uova Verona) hat 1892er große Hühner, in 2 Monaten legend, zu 1.25 JL. u kleine // 3 ,/ n 1*05

weiße Enten 2.10

farbige 1.90

.. gefleckte Gänse " 3.25

per Stück franco Mainz angeboten. Es wird dies unter dem Anfügen zur Kenntniß der Geflügelzüchter gebracht, daß sich die Preise für die kleinen Hühner mit bet Zeit noch billiger stellen werden. Bestellungen sind an die Filiale Mainz der Esportazione üova Verona Bernardineili direct zu richten. b *' l

Gießen, 24. Mai 1892.

Der Director der landwirthschaftl. Bezirksvereins Gießen. Jost.

Neueste

Wolfis telegraphische- Lorrespondmz-Burea^

Berlin, 23. Mai. DerReichsanzeiger" berichtigt die Meldung über die Feststellung der gegenwärtigen Geschäfts­lage der Industrie im Siegerlande durch einen könig­lichen Specialcommissar dahin, daß es sich um eine eisenbahn­dienstliche Bereisung mehrerer Bahnstrecken des Directions- bezirk-s Elberfeld handelte, womit ein Besuch der nahe gelegenen industriellen Werke verbunden wurde. Eine ein­gehende amtliche Untersuchung der Gesammtindustrie war weder beabsichtigt, noch möglich.

Berlin, 23. Mai. Reichskanzler Graf Caprivi ist heute um 10 Uhr 50 Min. Abends hier eingetroffen.

Berlin, 23. Mai. Der Kaiser entsandte seinen Flijgel- adjuranten Hauptmann Jacobi nach Kieckow, um an der Beisetzung v. Kleist-Retzows theilzunehmen und einen Kranz niederzulegen.

Berlin, 23. Mai. Das Abgeordnetenhaus nahm .heule in erster und zweiter Lesung den Gesetzentwurf, betr. die Kosten für die in Folge des Reichsgesetzes über die Ge- sellschasten mit beschränkter Haftpflicht bei der Führung des Handelsregisters vorkommenden Geschäfte, mit unerheblicher redactioneller Aenderung an. Der Gesetzentwurf, betr. den Nachtragsetat für die Herstellung einer Wasserleitung in dem oberschlesischen Jndustriebezirke, wurde der Budget-Commission überwiesen. Der Gesetzentwurf, betr. die Geheimhaltung der Ergebnisse der Veranlagung zur Staatseinkommensteuer, wurde in zweiter Berathung gegen die Stimmen der Nationallibe­ralen und einiger Freisinnigen abgelehnt. Hieraus wurde noch eine Reihe von Petitionen erledigt. Morgen Petitionen und Wahlprüsungen.

Paris, 23. Mai. Die diesjährige Kundgebung auf dem FriedbosePere Lachaise" auf den Gräbern der im Jahre 1871 gefallenen Communarden verlies ohne Zwischenfall. Die Anzahl der Theilnehmer au der Kund­gebung war weniger zahlreich als in den früheren Jahren.

Kopenhagen, 23. Mai. Der König von Griechen­land nebst Familie traf gestern Abend um 8 Uhr hier ein und wurde von der königlichen Familie und einer Menschen­menge herzlich empfangen.

Moskau, 23. Mai. Im Garten des deutschen Friedrich« Wilhelm - Victoria - Asyls sand gestern die Enthüllung des Denkmals Alexanders II. statt. Das Großfürstenpaar Sergius wohnte der Feier bei.

Depeschen deS «Bureau Herold"'.

Berlin, 23. Mai. Nach derKreuzzeitung" enthält ein in Gotha eingetroffener Bericht von Dr. Stuhlmann über den Zug Emin Paschas nach der Aequatorialprovinz die Mittheilung, Emin Pascha sei beinahe völlig erblindet.

Berlin, 23. Mai. Wie dieNationalzeitung" meldet, ^at sich heute das Comite für Aufbringung des Garantie­

fonds für die Weltausstellung in Berlin constituirt. Dem­selben gehören eine Anzahl sehr einflußreicher Berliner Bürger an.

Berlin, 23. Mai. DerNational - Zeitung" zufolge werden in der heutigen Sitzung der Börsen-Enquete unter dem Vorsitze Kochs vernommen: die Bankiers Bam­berger, Commerzienrath Goldberger-Berlin, Hinrichsen-Ham- burg. Geladen sind Justizrath Lesse und Kammergerichtsrath Volkmann. Bisher wurden die Fragen 1 bis 13 erledigt, welche aus Emissionen, Terminhandel, Maklerwesen und Cours­notiz Bezug haben. Mittwoch werden die Verhandlungen bis zum 13. Juni vertagt. Dann werden die Unterhandlungen über die Fragen der Effectenbörse beginnen und die Ver­nehmung einer Reihe auswärtiger, namentlich Frankfurter Bankiers erfolgen.

Dortmund, 24. 2^01. Die Bergleute beschlossen, auf eigene Kosten auf allen Zechen Controleure zur Ueber- wachung des WagennullenS anzustellen.

Wien, 23. Mai. Bei Anwesenheit der Professoren Bill- roth, Kraft, Ebing und anderer Aerzte machte ein hiesiger Arzt hypnotische Experimente. Die Wirkung war überraschend. Damen und Herren der geladenen Gesellschaft unterlagen trotz des heftigsten Widerstrebens dem Willen des Experimendirenden.

!?<I London, 23. Mai. .Nach einer Meldung derCom- mereial Gazette" aus Montreal sind die diesjährigen Eruteaussichten die günstigsten der letzten zehn Jahre. Jy, ganz Canada herrscht schönes warmes Wetter.

Loudon, 24. Mm.'r Der Durhamer Bergarbeiter-Verband erließ ein Manifest, den Srrike sortzusetzen und die Unterstützung der Gewerkschaften anzurusen.

Paris, 24. Mai. Eine Dhnamitexplosion zerstörte das Postbureau bei Alt rill a e. ^Es ist nur Schaden an Material M

Kopenhagen, 23. Mai. Der Czar ist heute Vormittag mit seiner Familie hier eingetroffen. Die Ankunft sollte, wie das Regierungsblatt mitgetheilt hatte, erst Nachmittags 4 Uhr erfolgen. Das unerwartete Erscheinen der russischen Kaiseryacht erzeugte eine große Verwirrung in den Vor­bereitungen zum Empfang, die Ehrengarde kam zu spät rc. Der Czar sah bleich und angestrengt aus.

Rom, 24. Mai. DieOpinione" meldet: Die Reise des Königspaares nach Potsdam findet höchst wahr­scheinlich unmittelbar nach dem Verfassungssest statt. Es wird eine reine Höflichkeitsreise ohne irgend welche politischen Nebenabsichten als Erwiderung des Besuches des Kaiserpaares in Monza,- da sich damals Herbert Bismarck in der Be­gleitung befand, wird jetzt Brin das Königspaar begleiten. Alle sich hieran knüpfenden französischen Commentare sind so­mit grundlos.

Rom, 24. Mai. Der hiesige deutsche Künstlerverein ersuchte das preußische Culrusministerium, Preußen oder das Reich für den Bau eines deutschen Künstlerhauses in Rom, wofür 400,000 bis 600,000 Lire erforderlich wären, zu interessiren. Nach vertraulichen Mittheilungen ist Aussicht auf baldige günstige Erledigung vorhanden.

Petersburg, 24. Mai. Laut kaiserlichem Ukas dürfen Juden fortan nur gegen seitens der Ortsbehörden unent­geltlich ausgestellte Emigrationsscheine auswandern. Dieselben werden in solchem Falle von der Wehrpflicht befreit.

Warschau, 23.Mai. 98 Theilnehmer an den Unruhen in Lodz wurden verurtheilt. Etwa die Hälfte wurde nach Sibirien verbannt, die anderen sind in der Citadelle von Warschau internirt. Die Untersuchung dauert fort. Die Zahl der Untersuchungsrichter wurde von drei auf sieben erhöht.

Rewyork, 23. Mai. DerHerald" meldet aus Vene­zuela: Die Regierungstruppen griffen die Rebellen bei Bolivar an, wurden aber zum Rückzüge gezwungen.

Localer nnd provinzielles.

Gießen, 24. Mai 1892.

Die Feier der Grundsteinlegung für die zweite evange. lischt Kirche am 23. d. Mts., über die wir schon in voriger Nummer theilweise berichteten, nahm, begünstigt durch herr­liches Frühlingswetter, einen schönen Verlauf. Auf dem festlich mit Guirlanden und Fahnen geschmückten Kirchbau­platze hatte sich zur festgesetzten Stunde eine zahlreiche Zuhörer­schaft, besonders geladene Gäste, die oberen Klassen der Schulen sammt ihren Lehrern usw. eingefunden, so daß der weite zur Verfügung stehende, für die Feier besonders hergerichtete Raum bald gefüllt war. Nach dem Festgeläute der alten Kirche begann die Feier mit einem vom Evangelischen Kirchengesang-Verein ausgeführten Chorgesang:

Alle Annoncen-vureaux des In- und Auslandes nehme« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Jauchzet dem Herrn alle Welt rc." (Motette von Stollbrock). Dem daraus folgenden Gebet hatte Herr Pfarrer Schlosser den Wortlaut des 84. Psalmes zu Grunde gelegt. Hierauf folgte unter Musikbegleitung der Gesang der Gemeindet Sei Lob und Ehr dem höchsten Gut rc." Die von Herrn Pfarrer Dr. Naumann gehaltene Weiherede machte auf die große Festversammlung einen sichtlich erhebenden Eindruck und konnte als Glanzpunkt der Festlichkeit bezeichnet werden. Wir glauben im Jntereffe Derjenigen, denen die Theilnahme an der Feier durch irgend welche Umstände versagt war, zu handeln, wenn wir die Rede nachstehend zum Abdruck bringen. Sie lautete ungesähr:

1. Cor. 3, 11.

Einen andern Grund kann Niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.

In dem Herrn geliebte Festgemeinde!

Ein Freudmtag ist unS heute durch Gottes Güte erschienen, da wir im Hellen Glanz der Frühlingssonne die Grundsteinlegung für eine zweite evangelische Kirche feiern dürfen.

Als einst im alten Bunde zu JesuaS und Serubabels Zeiten die Bauleute den Grund legten am Tempel des Herrn, standen die Priester angezogen, mit Trompeten, und die Leviten, die Kinder Assaphs, mit Cymbeln, zu loben den Herrn mit dem Gedicht Davids, des Königs Israels, und sangen um einander mit Loben und Danken dem Herrn, daß er gütig ist und seine Barmherzigkeit ewiglich währet über Israel. Und alles Volk tonte laut mit Loden den Herrn, daß der Grund am Hause des Herrn gelegt war. Also soll es auch heute bei uns Allen fein: das Reden der Pfarrer, der Gesang des ChorS und als Schönstes daS freudige, gewaltige, posaunendurchtönte Singen der ganzen großen Festgemeinde soll werden zu einem gemeinsamen Preisen und Loben des Herrn, daß der Grund zu diesem unserem Gotteshaus gelegt wird. Dann haben auch wir von vornherein den richtigen Sinn, mit dem wir unser Beginnen und Thun unter Gottes Segenswalten stellen und es bekennen, daß bei allem Kirchenbauen kein anderer Grund gelegt werden kann, außer dem von Gott ge­legten, Jesus Christus: Alles in Jesu Namen!

Dankbar verkünden wir es, daß wir in unserem Werk heute schon viel erreicht haben. Als wir vor sieben Monaten auf diesem Bauplatz in viel geringerer Anzahl uns üerfammelten, um feierlich, mit betendem Ausblick zu Gott im Himmel den ersten Spatenstich zu unserem Kirchenbau zu thun, da stiegen wir hinab in einen ttefen, feuchten Wiesengrund. Mancher fragte wohl verwundert: Wie, in dieses Loch wollt Ihr Eure Kirche bauen? Und sehr tief hinunter mußte gegraben werden, durch Sumpf und Wasser hindurch, mit harter, saurer Arbeit, bis die Grundmauern auf festen Kies- und Felsgrund konnten gelegt werden. Wie anders siebt es heute schon aus; wie ganz anders^ wenn demnächst auch die Tiefe dort*) wird ausgefüllt fein! Nicht mehr hinunter blicken wir auf die Mauern der Kirche, sondern wir schauen an ihnen bereits hinauf ringsum bis über die Sockelhöhe. Und was das Auge sieht an dem in die Höhe wachsenden Mauer­werk, was eS sehen kann an dem Bild auf unserem Festprogramm, das gestaltet sich dem Geistesauge jetzt schon zu dem massiven, hoch- aufstrebenden, prächtigen Gotteshaus, das wir im Herbst des nach ft en Jahres hoffen einweihen zu dürfen. Der Anfang geschah im Warnen Jesu, des einzigen Grundes.

Zu einer Kirche, die wir bauen wollen, legen wir heute dm Grundstein. Diese Kirche soll werden in der Unruhe undHast, im stürmischen Gewoge des Menschenlebens eine Stätte der Ruhe, der Sammlung, der inneren Erquickung und Erbauung; sie soll bteten im rastlosen Ringen nach der Erde vergänglichen Gütern und Freuden eine Stätte heilsamer Botschaft von dem geistlichen Segen in himm­lischen Gütern durch Christum; sie soll schaffen wider alle Herrschaft der Sünde, des Bösen unter ben Menschen eine Stätte mächtiger Gotteshilfe, da auS dem Evangelium vom Kreuze Christi Gnade zur Vergebung der Sünden und aus allem seligmachenden Gotteswort die Kraft zur innersten, sittlich religiösen Erneuerung der Herzen und des ganzen Volkes geboten wird. Neben allen anderen Bauten für Handel und Gewerbe, für Verkehr und Industrie, für Kunst und Wissenschaft, für Unterricht und Bildung des Heranwachsenden Ge­schlechts soll die Kirche sein eine Stätte der Anbetung des dreieinigen Gottes, der Verkündigung des geoffenbarten^Gotteswortes alten und neuen Testamentes, der Verwaltung der Sacramente, der Pflege christlichen LebenS. Und auch im Aeußeren der Kirche soll der hoch- anftrebenbe Thurm ein Fingerzeig nach oben sein zu bem Gott, der im Himmel waltet; ber Glocken Ruf soll an bie Ewigkeit, ber Stunbenschlag an bie Flucht ber Zeit gemahnen, unb bas Kreuz hoch oben soll weithin als bas Zeichen strahlen, in bem untere Erlösung unb unter Sieg über Welt unb Tob beschlossen ist. Bei einer solchen Segensstätte, wie wir fte schaffen wollen, gilt es für Alle, bie baran bauen unb bie einst barinnen sich sammeln werden, zu bedenken, daß kein anderer Grund kann gelegt werden außer dem von Gott ge­legten, Jesus Christus: Alles thun in Jesu Namen, deS einzigen Grundes!

Unsere evangelische Gemeinde Gießen baut sich diese Kirche, deren Grundsteinlegung wir heute feiern. Wahrlich, nicht unbedacht, in llebereilung, sondern im Bewußtsein bringenden Be­dürfnisses haben wir den Bau unternommen, lieber 17000 Seelen zählt unsere Gemeinde und hat bis jetzt nur Eine Kirche, die 121300 Sitzplätze bieten kann. Diese Eine Kirche müßte langst nicht nur an Festtagen, sondern auch an jedem Sonntag sich als zu klein erweisen. Auch ist Gießen eine kirchenarme Stadt, der eine Vermehrung ihrer Kirchen dringend zu wünschen ist. Und wie wünschenswerth ist es besonders, baß wir endlich eine Kirche erhalten mit kirchlichem Baustil, mit einem würdigen, monumentalen Aufbau! Hat doch unsere eite, liebe Stadtkirche eigentlich nichts Kirchliches an sich als den Kirchthurm! Ja, diese neue Kirche ist für unsere große Gemeinde ein Bedürfniß. Viele, bie seither ihre Grunbmauern angesehen haben, meinen, sie sei allzu klein. Lieden Freunde, so

*) Herr Pfarrer Dr. Naumann rotes auf ben noch nicht über­wölbten Schoorgraben neben ber Kirche hin. Reb.