Ausgabe 
25.2.1892
 
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Nr. 47 Zweites Blatt Donnerstau den 25. Februar

1892

Der

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Die Gießener

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Gießener Anzeiger

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Anrtlichev Theil.

Bekanntmachung, betr. die Militärdienstkosten-Versicherungs-Actien-Gesellschaft Arminia" in München.

Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Ministerium des Innern und der Justiz die Aus­dehnung des Geschäftsbetriebs der Militärdienstkosten - Ver- sicherungS-Actien-GesellschaftArminia" in München auf die Aussteuerversicherung unter den früheren Bedingungen geneh­migt hat.

Gießen, den 23. Februar 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gag ern.

Deutscher Reich.

Berlin, 23. Februar. Für die vom Staatssecretär des Innern im Reichstag angekündigte Errichtung einer Com­mission für Ar beiter st atistik ist jetzt dem Bundesrath eine Vorlage zugegangen, welche über die geplante Einrichtung nähere Festsetzungen in Vorschlag bringt. Die Commission soll dem Statistischen Amt zur Seite stehen. Sie ist als dauernde Einrichtung gedacht und soll aus einem Vorsitzenden und zwölf Mitgliedern bestehen, von denen fünf der Bundes­rath und sechs der Reichstag zu wählen haben wird. Auf­gabe der Commission soll es sein, die Vornahme statistischer Erhebungen über die Verhältnisse der gewerblichen Arbeiter, ihre Durchführung und Verarbeitung, sowie ihre Ergebnisse zu begutachten und dem Reichskanzler Vorschläge für die Vornahme oder Durchführung solcher Erhebungen zu unter­breiten- sie soll befugt in bestimmten Fällen verpflichtet sein, Arbeitgeber und Arbeiter in gleicher Zahl zu ihren Sitzungen mit berathender Stimme zuzuziehen und in gewissen Fällen Auskunftspersonen zu vernehmen. Den Mitgliedern, sowie den zugezogenen Arbeitgebern und Arbeitern, sowie den Auskunftspersonen soll Ersatz ihrer baaren Auslagen, den Arbeitern außerdem Entschädigung für entgangenen Arbeits­verdienst gewährt werden.

Berlin, 23. Februar. Die mehrtägigen Tarifreform­debatten des preußischen Abgeordnetenhauses

in voriger Woche haben erwiesen, daß man in Preußen die Nothwendigkeit einer zeitgemäßen Umgestaltung der Personen- wie der Gütertarife allseitig anerkennt, die Regierung nicht ausgenommen. Nur über die Art und den Umfang dieser Reform, speciell was die Personentarife anbelangt, weichen die Meinungen erheblich von einander ab und da kann man es dem Eisenbahnminister Thielen nicht verdenken, wenn er sich in seinen Erklärungen aus den Standpunkt des Abwartens stellte. Handelt es sich doch bei einer Umgestaltung der Eisenbahntarife auf alle Fälle um eine schwerwiegende Maß­regel, deren Wirkungen zuvor sorgsältigst geprüft werden müssen, und es besitzt darum dasEile mit Weile", welches Herr Thielen den Reformdrängern zurief, volle Berechtigung. Dies gilt sowohl für die Personentarife wie für die Güter­tarife- daß aber die preußische Regierung trotzdem bemüht ist, die wichtige Frage der Tarifreform mit möglichster Be­schleunigung ihrer Lösung entgegenzuführen, geht u. A. aus der Mittheilung des Ministers hervor, wonach der preußische Landeseisenbahnrath in. diesem Frühjahr zu einer Sitzung behufs Erörterung der Frage der Staffeltarife einberufen werden soll. Es ist demnach nicht unmöglich, daß die Reform der Gütertarife noch vor derjenigen der Personentarife zur Entscheidung gelangt.

Die jüngst durch die Presse gegangenen Mittheilungen von wichtigen Verhandlungen der preußischen Re­gierung mit dem welfischen Thronprätendenten, dem Herzoge von Cumberland, erfahren durch neuere Meldungen eine wesentliche Einschränkung. Denselben zufolge hat es sich hierbei lediglich um die Frage der Auszahlung der Revenuen des Welfenfonds an den Herzog von Cumber­land gehandelt, falls er die jetzigen Rechtsverhältnisse im deutschen Reiche unbedingt anerkennt. Von einer eventuellen Anerkennung des Thronfolgerechts des Herzogs von Cumber­land in Braunschweig bei einem Verzicht desselben aus Hannover ist in diesen Verhandlungen gar nicht die Rede gewesen was sollte wohl auch der Cumberländer in Braunschweig, da doch die Braunschweiger mit ihrem Prinzregenten Albrecht so gut gefahren sind? Darüber, ob die Unterhandlungen mit dem Prätendenten noch sortdauern oder abgebrochen oder auch bloß vertagt worden sind, liegen noch keine zuverlässigen Nachrichten vor.

Cocalcs und provinzielles,

Gießen, 24. Februar 1892.

Annahme von Pofteleven. Nach einer Verfügung des Staatssecretärs des Reichspostamts sind in Zukunft nur noch Abiturienten eines Gymnasiums, Realgymnasiums oder einer Oberrealschule als Posteleven anzustellen.

Stammheim (Kreis Friedberg), 20. Februar. Die H o l z - preise sind plötzlich ohne erklärliche Ursache in die Höhe geschnellt. Bei der Brennholz-Versteigerung am Donnerstag wurde für den Raummeter Buchen-Scheitholz durchschnittlich 10.50 Mark bezahlt. Bei der einige Tage vorher statt­gehabten Bauholz-Versteigerung, wobei hier ca. 200 Festmeter zum Ausgebot kamen, wurde für den Festmeter ein Durch­schnittspreis von 50 Mark erzielt. D. Z.

Lauterbach, 20. Februar. Vorgestern Abend fand in der Sandmann'schen WirthschastZur Heimath" hier eine gut besuchte Versammlung zwecks Gründung eines Vereins, der sich die Hebung des Fremdenverkehrs in unserer Vaterstadt zur Aufgabe macht, statt. Es wurde ein vor­läufiges, aus 7 Herren bestehendes Comitö gewählt und eine Mitgliederliste aufgelegt, worin sich sofort sämmtliche Anwesende einzeichneten.

Gelnhaar, 21. Februar. In hiesiger Gemeinde hat sich ein Kriegerverein gebildet und sind demselben bis jetzt schon etwa 40 ordentliche und außerordentliche Mitglieder beigetreten. Zum Präsidenten wurde Herr Forstwart Christian Stroh gewählt.

vermischtes.

Von der geringen Seßhaftigkeit der großstädtischen Bevölkerung Preußens geben folgende Zahlen ein Bild, die der Magdeb. Ztg. entnommen sind: In Aachen, Barmen, Krefeld, Elberfeld, Köln, Duisburg und Danzig machten bei der letzten Volkszählung die Ortsgebürtigen 62^ bis 50^/z pCt., in Altona, Düsseldorf, Dortmund, Magdeburg, Essen, Erfurt, Frankfurt a. O., Königsberg i. Pr., Breslau, Posen, Halle a. S., Berlin, Potsdam und Kassel 48 bis 40^ pCt., in Frankfurt a.M., Stettin, Hannover, Wiesbaden, Görlitz und Kiel 38Vg bis 353/4 pCt. und in Charlottenburg wenig über 22 pCt. der gesammten ortsanwesenden Bevölkerung aus.

Fenilletsn.

Die alte Rechnung.

Von Julius Berger.

(Schluß.)

Das ärgerte uns am meisten aber den Kaufmann. Wir saßen, die bekannten vier, um den Tisch herum, als sich der Kaufmann an den Förster mit folgenden Worten wandte:

Du, Freundchen, da fällt mir soeben etwas ein. Deine liebe Frau hat mir noch eine alte Schuld zu bezahlen. Willst Du vielleicht so gut sein und sie einmal daran erinnern?"

Halb verlegen, halb lächelnd sah der Förster die nichts weniger als heitere Miene seines Freudes und sagte:Narr­heit ! Ist gar nicht denkbar. Das weiß ich wohl, daß mein Schwiegerpapa seinen Tabak nach wie vor von Dir bezieht - aber meine Frau braucht die Artikel, mit welchen Du handelst, nicht."

Bitte sehr, sprich nicht so wegwerfend über meine Maaren und taffe es genügen, wenn ich Dir sage, daß Deine Frau meine alte Schuldnerin ist."

Freund," versetzte der Förster ein wenig erregt,bann bitte, sage mir, was Du noch zu bekommen hast und ich be­zahle es auf der Stelle. Ich finde es überhaupt im höchsten Maße unschicklich, mich auf diese Weise zu mahnen."

Na, sei ein bischen vernünftig," sprach jetzt der Kauf­mann mit heiterer Miene,wie soll ich es denn anders an­stellen, daß ich zu meiner Sache komme? Ich habe Dich ja doch in der allerbescheidensten Art ersucht, Deine liebe Frau zu erinnern."

Bitte, sage mir nur, was Du noch zu bekommen hast," unterbrach ihn der Förster und zog den Geldbeutel hervor.

Das kannst Du mir nicht bezahlen," sagte lachend der Kaufmann,von Dir nehme ich es nicht an."

Ich will es aber wissen, was Dir meine Frau noch schuldet," sprach lebhaft der erstere,ich habe doch wohl das Recht dazu."

Um Himmelswillen, ja, ja! Das Recht will ich Dir ja auch nicht nehmen. Aber die Bezahlung will ich von

Deiner Frau, denn sie schuldet mir seit dem Balle, auf dem ich sie Dir vorstellte, einen Kuß!"

Alter Narr!" rief jetzt der Förster lachend,dachte ich mirs doch gleich, daß es wieder so ein witziger Einfall sein werde, deren Du immer mehrere auf Lager hast."

Ist für mich aber eine ganz ernste Sache, lieber Freund!" sagte der Kaufmann mit gezwungenem ernstem Ge­sichtsausdruck.Glaubst Du, ich lasse mich fo leicht um einen Kuß von schönen, rothen Frauenlippen bringen? Wer Schulden hat, soll sie bezahlen. Ich bestehe darauf, daß Deine liebe Frau endlich das Conto begleichen muß."

Da hättest Du Dich damals besser dazuhalten sollen," sprach jener,jetzt kann Dir dieses Capital nicht mehr zurückerstattet werden, jetzt hat ein Anderer Ansprüche darauf."

Und doch muß ich das Capital und die angewachsenen Zinsen wiederhaben!"

Viel Glück dazu!" scherzte der Förster.

O, danke sehr, danke sehr," antwortete der Kaufmann. Wir spielten nun weiter, als sich der letztere auf wenige Minuten entfernte.

Unweit der Jnspectorwohmmg, wo wir jenen Abend unserem Spiele oblagen, stand am Eingänge in den Wald das Försterhaus. Der Kaufmann hatte längst bemerkt, daß die Frau Förster, vielleicht ein wenig ängstlich, keinen Abend eher Licht anzündete, als bis ihr Männchen nach Hause kam. So lange saß sie am Fenster im Dunkeln. Wenn dann der heimkehrende Förster an der Hausthür pochte, ward sie von der holden Gattin geöffnet, die schon an derselben ihren Mann zum Willkommen umarmte und küßte; alles im Dunkeln.

Der Kaufmann, der sich im Hausflur beim Jnspeetor mit Hut und Mantel des Försters begleitet und die Flinte umgehangen hatte, pochte kurz darauf an der Thür des Försterhäuschens. Wie immer, flog sie auch heute pieilschnell auf und zwei weiche Arme legten sich um die Schultern des Mannes, derweil süße Lippen die seinen suchten und sanden.

Am Arme der schönen Frau folgte der Pseudoförster schweigend in das Zimmer, wo alsbald Licht gemacht wurde. Hedwig sah in ein fremdes Gesicht. Mit einem Ausruf

! des Schreckens sank sie auf das Sopha und wäre wahrschein- I Uch in Ohnmacht gefallen, wenn sich der Kaufmann, den sie ja sehr gut kannte, nicht sofort ihr zu erkennen gegeben und Hut und Mantel abgelegt hätte.

Wußte ich doch," sagte er lachend,daß die schöne Hedwig ihre alte Rechnung begleichen werde. Sie wissen doch noch, gnädige Frau Förster, daß Sie mir auf dem Ressourcenball, auf den ich Sie als Cavalier begleitete, einen Kuß versprachen unter der Bedingung, daß ich die Koralle fände, die Sie aus dem Armbrnd verloren hatten. Ich hatte damals diesen Lohn beansprucht und Sie mir ihn freundlichst zugesagt, weil Sie ein Wiederfinden der Koralle für unmöglich hielten. Ich habe die Koralle aber doch erspäht und Ihnen gebracht und mir dafür heute die versprochene Belohnung geholt."

Nachdem der Kaufmann noch die Unterhaltung erzählt, welche er soeben mit dem Gatten gepflogen, worüber sich die Frau herzlich amüsirte, erbat er sich die gestopfte Pfeife des Försters, welche auf dem Tische bereit lag, und verließ das Zimmer, um zu den Scatbrüdern zurückzukehren.

Er trat ein, derweil ein triumphirendes Lächeln, das uns einen gelungenen Streich sofort erkennen ließ, seine Ljppen umspielte.

Einen schönen guten Abend sendet Dir Deine Frau Gemahlin und zugleich die Pfeife," wandte sich der Kaufmann an den Förster.Ihre alte Rechnung hat sie mir bezahlt, worüber ich dankend quittire."

Für diesen Abend hatte das Spiel ein Ende. Der Kaufmann, höchst erfreut über fein wohlgelungenes Abenteuer, gab die Erzählung desselben zum Besten, wir lachten herzlich darüber- auch der Förster nahm die Sache als das auf, was sie war: als einen harmlosen Spaß, wie er dem Kausmanne zugetraut werden konnte.

Von nun ab trafen wir wöchentlich einmal im Förster- Hause zusammen, und es war dies unser bestes Plätzchen zum Scatspielen. Warum? Der Förster hatte nur Augen uni) Ohren für feine liebe Gattin, die reizende Hedwig, und ver­spielte mit Pomp jeden Grand mitVieren". Um so leichter gewannen wir.