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Drittes Blatt.
Sonntag den 24. Juli
1892
Gießener Anzeiger
Kenerat-Wnzr^er.
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Hratisöeitage: Hießener Kamtkienökätter
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Alle Annoncm-Bureaux deS In- und Auslandes nehme« Anzeigen für den „Gießener Anzeiger* entgegen
Annahme Won Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Lag erscheinenden Nummer bis Vorm. 10 Uhr.
Unter den Begebenheiten im Ausland erregt Gladstones Erfolg bei den englischen Wahlen unser Hauptinteresse. In dem neuen Parlamente werden die Gladstoneaner 275, die liberalen Unionisten 52, die Conservativen 262 und die Iren 81 Sitze einnehmen. Es scheint uns keinem Zweifel zu unterliegen, daß Gladstone alsbald das Ministerium über-' nehmen wird, da er mit den Iren zusammen eine Mehrheit für seine Homerulevorlage in Händen hat, und zusammen mit den Unionisten, welche abgesehen von Homerule in den meisten Punkten mit Gladstone übereinstimmen, eine Majorität für seine liberalen Programmsorderungen auch dann besitzen würde, wenn ihm bei deren Geltendmachung die Iren nicht vollzählig unterstützen sollten, ein Fall, der überdies so gut wie ausgeschlossen ist. — In Ungarn sind die auch Von uns mehrfach erwähnten Valutavorlagen zur Einführung der Goldwährung in den beiden parlamentarischen Körperschaften endgültig angenommen worden. In Oesterreich ist man nicht so eilig, hier werden die Vorlagen erst in einigen Tagen erledigt sein.
— Wirksame-Mittel gegen die Raupe«. Gartenbesitzern, Landwirten uiw. empsi.hu ein tyiaculei aU wlikwmes Mittel gegen die Raupen die Anwendung von selbllhergeslelltem Raupenleim. Zu diesem Zwecke sLmizt man in einem eisernen Gcfäße 500 Gramm gepuloenes Co ophontum, 200 Gramm Schweinefett, 200 Gramm S earinöl und 100 Gramm venettawschen Terpentin zusammen. Am besten ist es, zunächtt das Colophonium und das Fett zu schmelzen und der geschmolzenen Masse dann das Sleartnöl und den Terpentin htnzuzufügen. Zur Erztrlung eines billigen Raupenleims kann, nach einer Vorlcv'ifl der Prager „Rundschau", K'eferntheer benutzt werden, der dem Colophonium biß zur richtigen Conststenz betgesügt wird.
bereit erklärt hatte, war in den Kreisen der versammelten Kreisvertreter nur wenig Sympathie zu finden, da man glaubte, annehmen zu können, daß die Unterbringung einer so großen Anzahl Festgäste, wie sie ein deutsches Turnfest aufzuweisen hat, zu viel Schwierigkeiten in einer verhälmiß- mäßig kleinen Däderstadt bereiten würde.
politische Wochenschau.
Gießen, 23. Juli 1892.
In der inneren Reichspolitik ist nunmehr völlige Stille eingetreten. Gelegenheit zu politischer Discussion. bietet nur die viel erörterte Militärvorlage. Sollte die Reichs-, regierung, wie jetzt so ziemlich aus allen Seiten angenommen wird, mit einer Vorlage vor den Reichstag treten, durch die das Wachsen der Bevölkerungsziffer entsprechend den bekannten Andeutungen des Reichskanzlers Grafen Caprivi für eine Erhöhung der Friedenspräsenzstärke nutzbar gemacht werden sollte, ohne daß zugleich die Einführung' der 'zweijährigen Dienstzeit vorgeschlagen würde, so ist wohl ein Rrchteiniggehen der Regierung mit der Mehrheit des Reichstags zu gewärtigen. Nicht allein werden dem Vernehmen nach die Freisinnigen und die demokratische Partei, unterstützt von den Socialisten, jede Militärvorlage ablehnen, die nicht die gesetzliche Einführung der zweijährigen Dienstzeit ausspricht, sondern auch die Centrumspartei und möglicher Weise auch die Nationalliberalen werden getreu ihrer Haltung bei der Be- rathung der letzten Militärvorlage im Sommer 1890 mehr ober weniger energisch auf der Forderung der zweijährigen Dienstzeit bestehen. Im Zusammenhang mit einer Vorlage über die Erhöhung der Friedenspräsenzstärke wird- vielleicht auch eine solche in Betreff der Reform der Militär- strafprozeßordnung an den Reichstag gelangen. Auch hinsichtlich dieser Materie sind die Meinungen überaus getheilt. Während man im Reichstag vielfach eine Prozeßordnung nach dem Muster der bayerischen, d. h. eine solche, welche Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Verfahrens einführt, für nothwendig hält, glaubt die preußische Regierung im Interesse der Disciplin das bayerische Vorbild nicht nachahmen zu dürfen.
In Preußen hat der Prozeß Buschhoff, wie unseren Lesern bereits bekannt ist, mit der Freisprechung Buschhoffs, die obenein von den beiden Staatsanwälten beantragt war, den Erwartungen gemäß geendet. Es ist bedauerlich, daß die antisemitische Agitation in diesem Falle bewirkt hat, daß ein offenbar unschuldiger Mann fast ein Jahr lang unter dem Verdachte des Mordes stand, lange Zeit in Untersuchungshaft sitzen mußte und jetzt, wo er in seiner Ehre wieder vollkommen hergestellt ist, in seiner Existenz ruinirt wäre, wenn nicht eine Anzahl edeldenkender Männer (liberale Reichstagsmitglieder und hervorragende Gelehrte, wie Mommsen und Gneist) sich vereinigt hätten, um durch Sammlungen Buschhoff die Möglichkeit einer neuen Existenz zu gewähren. Wir freuen uns aber, daß bei uns in Hessen die Regierung dem Wunsche unseres Großherzogs entsprechend, dem bekanntlich die antisemitische Bewegung sehr unsympathisch ist, allen gesetzwidrigen Quertreibereien von antisemitischer Seite mit solchem Ernste entgegentritt, daß bei uns solche für den christlichen Theil der Bevölkerung beschämende Vorkommnisse, wie sie in Xanten sich ereignet haben, als ausgeschlossen betrachtet werden dürfen.
— Das nächste deutsche Turnfest wird, wie der am Sonntag in Stettin zusammengelretene Ausschuß der deutschen Turnerschaft durch Abstimmung beschlossen hat, im Jahre 1894 in Breslau stattfinden. Die Wahl von Breslau erfolgte mit allen gegen 7 Stimmen, in erster Linie deßhalb, weil diese Stadt schon ältere Anrechte aus die Uebernahme des Festes hatte und einmal schon unmittelbar vor Eröffnung des Festes stand, aber wegen des Nobiling'schen Attentats aus Kaiser Wilhelm I. die Feier verschieben mußte. Für Wiesbaden, das sich ebenfalls zur Uebernahme des Festes jetzt
Cocales unb provinzielles,
Gießen, 23. Juli 1892.
— Sitzung Großh. Handelskammer vom 19. Zuli 1892. Anwesend waren die Herren: Koch, Scheel, Gail, Heichelheim, Homberger. Seitens der Handelskammer Stuttgart ist der Kammer eine an den deutschen Reichskanzler gerichtete Eingabe zur Unterstützung zugegangen, in welcher beantragt wird, es möge für die weiter bevorstehenden Handelsvertragsverhandlungen in ähnlicher Weise, wie es am 9. Juni 1892 in Betreff des spanischen Handelsvertrags geschehen sei, eine directe mündliche Aussprache der Reichsbeamten und der Vertreter der betheiligten Industriezweige (Handelskammern, Fachverbände rc.) vorgesehen werden. Die Kammer hat sich diesem Anträge unterstützend angeschlossen. — Mit Rücksicht auf die nunmehr in Kraft getretenen Bestimmungen über die Sonntagsruhe im Handelsgewerbe wird beschlossen, eine Eingabe an den Reichskanzler zu richten, in welcher beantragt wird, „eine Abänderung der Postordnung dahin herbeizusühren, daß in Zukunft die Postschalter an Sonntag-Vormittagen in der Zeit von 11 bis 1 Uhr geöffnet werden." Diese Aenderung hält die Kammer um deßwillen für nothwendig, weil eine Beschäftigung von Gehülfen, Lehrlingen und Arbeitern im Handelsgewerbe nach 2 Uhr Nachmittags durchweg nicht mehr gestattet ist und deshalb den Handels- und Gewerbetreibenden vielfach die Möglichkeit benommen ist, die am Vormittage auf Grund der Morgenpost zu erledigenden Briese, Einschreib-, PostanweisungS und Packetsendungen am selben Tage zur Post befördern zu lassen und somit die Nachmittagsstunde, wahrend welcher die Post- schalter wieder geöffnet werden, geschäftlich auszunutzen.
— 40jähriges Stiftungsfest des Gießener „Wingolf". Am 26., 27. und 28. d. M. begeht die christliche Studenten- verbindungWingols dahier die Feier ihres 40. Stiftungsfestes. Als eine der ältesten Corporationen hiesiger Hochschule im Jahre 1852 gegründet, kann die Verbindung mit Freuden aus ein ununterbrochenes 40jähriges Bestehen zurückblicken. Während dieser Zeit ist dieselbe mit den Lebens- interessen hiesiger Stadt eng verwachsen und hat auch mit der Bürgerschaft von Gießen stets im besten Einvernehmen gestanden. Da die Stadt Gießen von jeher so regen Antheil an allen studentischen Angelegenheiten gezeigt hat, so hofft die Verbindung, nicht vergeblich die Bitte auszusprechen, die geehrte Einwohnerschaft von Gießen möge ihrer wohlwollenden Theilnahme an dem bevorstehenden Feste durch Schmücken der Häuser freundlichen Ausdruck verleihen. Das Programm zu den Festlichkeiten ist in Kürze folgendes: Dienstag den 26. Juli, Abends: Begrüßung der zum Feste erschienenen auswärtigen Philister und Gäste im Cafe Leib. — Mittwoch den 27. Juli, Morgens: Feier aus dem Gleiberg. Abends 7 Uhr: Festzug durch die Hauptstraßen der Stadt zum Commerslocal (Steins Garten). Donnerstag den 28. Juli, Nachmittags: Gartenfest in Steins Garten.
vermischtes.
* Zwischen Lipp' und Kelchesrand — so beginnt ein Berliner Localberichterstatter folgende tragikomische Hochzeits- geschichte. Braut und Bräutigam sind festlich geschmückt, die Eltern der Braut sind voll Rührung, denn ihr Kind soll jetzt das Haus verlassen und einem Manne folgen; die Wagen stehen vor der Thür, um das junge. Paar und die Trauzeugen zum Standesamt zu fahren, auch die kleinen Kinder des Hauses jubeln ob des festlichen Ereignisses. Plötzlich ändert sich die Sachlage, und ein kleiner Wortwechsel, der sich zwischen Brautvater und Bräutigam entspiunt, wirft die Braut aus allen Himmeln. Es handelt sich um die versprochene Mitgift, die der befrackte Heirathscandidat verlangt, ehe er vor dem Standesamt die Ehe schließt. Die Eltern erklären es für tactlos, gerade in diesem Augenblicke eine derartige Erklärung abzugeben,- der Vater öffnet den Geldschrank, zeigt dem Bräutigam die für ihn bestimmte Summe, welche er ihm auf Verlangen mit der größten Bereitwilligkeit schon vor mehreren Tagen ausgeliefert hätte. Jetzt verweigere er diese ungestüme Forderung, er lasse sich nicht die Pistole auf die Brust setzen. Die Braut meint, der Bräutigam aber achtet nicht auf ihre Thränen und da ihm sein „Herzenswunsch" nicht erfüllt ist, wendet er Allen den Rücken und verschwindet. So geschehen Montag Mittag in der Wallner- Theater-Straße. Die Braut ist abgereist, um über die Geschichte Gras wachsen zu lassen, der Bräutigam aber hat bereits einen Heiratsvermittler beauftragt, ihm eine neue Braut zu besorgen.
£iteratur unb Aunst.
— ^Der Stein der Weisen* — illustrirte Halbmonatschrift für Untergattung und Belehrung aus allen Gebieten des Wissens — bringt in seinem soeben zur Ausgabe gelangten 14. Hefte lolgenbe Aufsätze: ,Heber das Tischrücken von G. Manetho (7 Abbildungen); Desmsictionsapparate von Ingenieur I. Kurz (5 Abbildungen) ; Plerd und Rriter im AUerthum von L. v. Heydebrand und der Lass (11 Abbildungen); VoUdle und Vogelftube von Jos. v. Pleyel (3 Abbildungen); Das Gedächiniß; Die Heuernte (ein Vollbild). Sodann die kürzeren Abhandlungen in der „Kleinen Mappe": Die amerika- nischen Röhrenbrunnen; Edisons Telegraph ohne Leitungsdraht; Futer für Trinkwasser aus Blumentöpfen. Die Beilage „Die Wissenschaft für Alle" enthalt: Die „Landes"; Heber Parasitismus; Kautschuk, Guttapercha und andere Harze ufa>. Die altbewährte Reichhaltigkeit des Inhalts, durch welche sich die Heste des „Stein der Wetten" (A. Hartlebens Verlag, Wien) auszetchnen, verleiht dieser populär-wissenschaftlichen Zeitschrift den Werth eines vorzüglichen HiltSmittels zu Iniormationen auS den meinen Wissenszweigen, woraus sich deren wette Verbreitung rechlfirtigt.
— Wer das Bedürfniß empsindet, dem oft nüchternen Leben einen idealen Zug abzugewtnnen, der kann nichts Besseres thun, als seine Dienste der edlen Musrka zu weihen, sofern Neigung und Fähig- teet diesem Vorhaben die Hand reichen. Wer der Tonkunst bereits ergeben ist, der wird in dem Labyrinthe dieses großen Reiches eines Führers nicht entrathen können, der ihn mit kundiger Hand die richtigen Wege geleitet. Als emm zuverläisigkn Ciceione in dieser Hinsicht können wir Jedem die Musik-Zeitung" (Stuttgart, Earl Glüninger) bezeichnen, welche für den geringen Preis von 1 Mk. vierteljährlich em in der Thal ebenso reiches als gediegenes Text- und Mustkalienmateiial bietet.
verkehr, Land« rrn- Voikswirthschaft.
Siesten, 23. Juli. Marktbericht Aus dem heutigen Kochenmarkt kostete: Butter pr Pfd. x 0,85—0,95, HÜbnereier per Stück — 2 Stück 11-12 H, Enteneier 6-7 Gänseeier
1 St- H — 12 A, Käse pr. e>t. 5—8 A, Käsematte pr. St- 3 A. Erbsen pr. Liter 17 H, Linsen vr. Ltter 28 A, tauben pr. Paar X 0,60— 0,75, Hühner pr. Stück X 0,85—100, Hahnen pr. St- X 0,60 -1,00, Enten pr. St. X 1,40—1,70, Ochsenfleisch pr. Pfd 70—76 H, Kuh- und Rindfleisch pr. Psd. 62—66 H, Schweinefleisch pr. Psd. 64 -72 Kalbfleisch pr. Pfd. 50—56 Hammelfleisch pr. Psd. 60 70 Kartoffeln pr. 100 Kilo 9,00—10,00 X, Weitz, krau' pr. Stück — A, Zwiebeln pr. Zentner 11,50—12,00 X, Milch pr. Liter 12 18 A, Kirschen pr. Pfd. 20—25 H.
Bekanntmachung,
betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums. *
Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Ortsvorstand zu Hungen beabsichtigt, mit dem am 19. September l. I. daselbst stattfindenden Viehmcirkte eine Verloosung von Thieren und landwirthschaftlichen Geräthen zu verbinden.
Großh. Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 5000 Loose ul je. ausgegeben werden dürfen und mindestens 60pCt. des Brutto-Erlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden find. Zugleich ist der Vertrieb der Loose in der Provinz Oberhessen gestattet worden.
Gießen, den 23. Juli 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Gefunden: 1 schwarze Schürze, 2 Bettelmünzen, 1 Scheere, 1 Bierzipfel, 1 Schraubenzieher, 1 Kinderschuh, 1 Wagenkette, 1 Hundehaltzband, 1 Paar Strümpfe, l Brosche, 1 Taschentuch (gez. C. R.), 1 Paar Handschuhe, 1 Landkarte von Hessen, 1 weißer Strohhut, 2 Messer, 1 Corallen- kette, 1 Busennadel und 1 Geldtasche von Sammt mit Inhalt.
Gießen, den 23. Juli 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
I. V.: Bischoff.


