Nr. 95 Erstes Blatt
Sonntagden 24. April
1892
Amts- und Anzcigcvlatt für den Kreis Gieren.
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Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.
KichcncrAiiMgcr
Kenerat-Mnzeiger.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
Hratisöeikage: Hießener Jamikienbkätter.
2lnrtlichev Theil
Gießen, 22. April 1892.
Betr.: Die Ausführung des Reichsgesetzes vom 14. Mai 1879 über den Verkehr mit Nahrungsmitteln.
Alle AnnoncenaBureaux de» In. und Lu-lande- nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Das Grobherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien und Ortspolizeibehörden.
Durch unser Ausschreiben vom 31. Januar 1885 (Gießener Anzeiger Nr. 30 von 1885) ist Ihnen die strenge Ueberwachung der NahrungS- und Genußmittel und der sonstigen in rubr. Gesetze genannten Gegenstände zur Pflicht gemacht und sind Sie, wie in unserem weiteren Ausschreiben vom 20. Februar 1886 (Anzeiger Nr. 46 von 1886) bemerkt, befugt, in den Verkaufsräumen Proben der gedachten Gegenstände zum Zweck der Untersuchung zu entnehmen.
In dem letztgenannten Ausschreiben ist nun zwar angenommen, daß Sie in manchen Fällen selbst in der Lage sein werden, die Untersuchung vorzunehmen; zugleich ist Ihnen aber empfohlen, in Fällen, wo eine chemische Analyse nothig erscheint, diese sachverständigen Fachmännern zu übertragen.
Aus den von Ihnen in diesem Jahre vorgelegten Tabellen haben wir nun aber ersehen, daß Sie sich sämmtlich darauf beschränken, die bei den Verkäufern entnommenen Proben selbst zu untersuchen resp. deren Güte durch Verbrauch in der eigenen Haushaltung zu erproben und daß (außer in der Stadt Gießen) in keiner einzigen Gemeinde des Kreises eine fachmännische chemische Untersuchung veranlaßt worden ist.
Ein solches Verfahren entspricht nicht der Absicht des Gesetzes und müssen wir erwarten, daß wenigstens in den größeren Gemeinden von Zeit zu Zeit einzelne Proben zur chemischen Untersuchung gebracht werden. Das im vorigen Jahre hier in Gießen errichtete chemische Untersuchungsamt für die Provinz Oberheffen soll gerade derartige Untersuchungen ermöglichen und verweisen wir in dieser Beziehung auf unser Ausschreiben vom 6. Mai 1891 (Beilage zu Nr. 113 des Gießener Anzeigers vom 17. Mai 1891).
v. Gagern.
Bekanntmachung, betreffend Gesuch des Pferdemarktcomitvs zu Fritzlar, Reg.- Bez. Caffel, um Erlaubniß zum Vertrieb von Loosen einer von ihm am 13. und 14. Juli l. I. zu veranstaltenden Verloosung im Großherzogthum.
Es wird zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Großh. Ministerium des Innern und der Justiz dem rubr. Comite die Erlaubniß ertheilt hat, die Loose einer von demselben am 13. und 14. Juli l. I. in Fritzlar zu veranstaltenden Verloosung von Pferden, Wagen, Fahr- und Reit-Requisiten und sonstigen Gegenständen in den Kreisen Gießen, Alsfeld und Lauterbach zu vertreiben. Nach dem von dem König!. Preuß. Oberpräsidenten der Provinz Heffen- Naffau genehmigten Verloosungsplane dürfen 7000 Loose ä 3 Mk. ausgegeben und müssen 16 900 Mk. zum Ankauf von Gewinnsten verwendet werden.
Gießen, den 22. April 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gag ern.
Gefunden: 1 Uhrkette, 1 Runge, 1 Seil, 2 Gebund Weißbinderrohr, 1 Milchkanne, 1 Kinderkragen, 1 Beil, 1 Messer, 2 Taschentücher, 1 Serviette, 1 Cigarrenspitze, Geld und 1 Portemonnaie mit Inhalt.
Gießen, den 23. April 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Apolitische Wochenschau.
Gießt», 23. April 1892.
Im Reiche ist es während der Osterzeit zu keinerlei politischen Vorkommnissen von irgendwelcher Bedeutung gekommen. Der Reichstag ist geschlossen und schon darum eine auch für weitere Kreise wahrnehmbare Verschiebung unserer Parteiverhältnisse vorläufig nicht zu erwarten. Immerhin kann die Stellung, welche die Preßorgane aller politischen Parteien zu dem Projecte einer zweiten Schloßlotterie in der vergangenen Woche genommen haben, als ein deutliches Symptom des Anschauungswechsels, der sich bei säst «llen politischen Parteien vollzogen hat, angesehen werden.
Während der früher veranstalteten Schloßfreiheitlotterie nur wenig Widerspruch begegnet war, ist der Veranstaltung einer zweiten Lotterie zur Gewinnung der Mittel für die Verschönerung des Schlosses die Stimmung aller politischen Parteien, soweit sie sich aus den Zeitungsstimmen erkennen läßt, entschieden zuwider. Unter diesen Umständen ist es in hohem Grade wahrscheinlich, daß man das vor längerer Zeit ausgegriffene Project schließlich ganz fallen lassen wird. — Wie vor Kurzem bekannt geworden ist, hat der Gesetzentwurf in Betreff der Entschädigung der Familien von eingezogenen Mannschaften während der Dauer der Hebungen nun doch in der erweiterten Fassung, die er im Reichstag erhalten hatte, die Zustimmung des Bundesrathes erhalten.
Der preußische Landtag wird seine Thätigkeit am 26. April wieder aufnehmen. Sein Arbeitspensum ist noch recht beträchtlich. Es steht noch die Berathung von sechs wichtigen Gesetzen aus. Das Gesetz über die Entschädigung der Reichsunmittelbaren haben wir an dieser Stelle bereits besprochen. Ebensowenig, wie dieses Gesetz, wird die Landgemeindeordnung für Schleswig-Holstein einen nennenswerten Widerstand finden, da sie im Wesentlichen nur die im vorigen Jahr für die sieben östlichen Provinzen Preußens angenommenen Bestimmungen auch auf Schleswig-Holstein ausdehnt. Die Berggesetz Novelle dagegen wird zu lebhafterem Widerstreit der Meinung genügend Anlaß bieten. Die Novelle, welche die Bestimmung hat, die im sogenannten Arbeiterschutzgesetz für das Reich im Allgemeinen aufgestellten Grundsätze den speciellen Verhältnissen des preußischen Bergbaus anzupassen, hat in der Commission wesentliche Veränderungen erfahren, welche namentlich die Centrumspartei cfa> wesentliche Verschlechterungen im Vergleich zu den Festsetzungen des Regie'rungs- entwurses ansieht. Von Bedeutung sind endlich noch ein Gesetz über die Versorgung von Militärpersonen im Communaldienst, ein solches, welches die Secundär- bahnen betrifft, und ein Tertiärbahnengesetz, das auch die Pferdebahnen umfassen soll.
Von ausländischen Angelegenheiten verdient die italienische Ministerkrisis und die neuerliche Aufrollung der bulgarischen Frage eine Erwähnung. Die italienische Ministerkrisis ist in der Hauptsache auf die Gegensätze, welche sich während der parlamentarischen Session zwischen dem Kriegsminister Pelloux und dem Finanzminister Colombo gebildet hatten, zurückzuführen. Der Finanzminister wollte zur Deckung des vorhandenen Deficits von 20 Millionen Ersparungen im Kriegs- und Marineetat vorgenommen wissen, während Pelloux noch über die ersten Ansetzungen hinaus 15 Millionen für militärische Zwecke forderte. Die Krisis ist schließlich in der Weise beendigt worden, daß sowohl Pelloux wie Colombo durch andere Minister ersetzt wurden, das Ministerium also nach keiner der beiden von Pelloux und Colombo vertretenen Richtungen sich zu wenden, sondern aus dem mittleren Wege weiterzuschreiten sich entschlossen hat. — Die Regierung von Bulgarien hat der Pforte eine Note überreicht, in der sie die Anerkennung des Fürsten Ferdinand, die Ausweisung aller bulgarischen Flüchtlinge aus türkischem Gebiete und eine Einwirkung der Pforte auf Rußland hinsichtlich der Auslieferung der an den politischen Morden in Bulgarien beteiligten Personen verlangt. Die bulgarische Regierung beruft sich darauf, daß sie seither die Ordnung im Lande ausrecht erhalten habe und ihren internationalen Verpflichtungen, in Sonderheit den Forderungen Rußlands hinsichtlich der Kosten der Occupation und der angeblich nach Bulgarien geflüchteten russischen Anarchisten nachgekommen sei.
Deutsches Reich.
Darmstadt, 22. April. Der Großherzog empfing heute Nachmittag die Gesandten Preußens, Oesterreichs, Bayerns, Sachsens und Württembergs, welche ihre neuen Beglaubigungsschreiben überreichten. Später sand zu Ehren der Gesandten eine Galatasel statt.
Berlin, 22. April. Se. Majestät der Kaiser haben sich nach Eisenach begeben und trafen dort heute früh um 8 Uhr 12 Minuten ein. Allerhöchstdieselden wurden aus dem Bahnhos von Ihren Königl. Hoheiten dem Großherzog und dem Erbgroßherzog von Sachsen-Weimar empfangen und fuhren alsbald aus die Wartburg.
Schwerin, 21. April. Die Gcoßherzogin-Mutter Friederike Wilhelmine Alexandrine Marie Helene, Schwester des Kaisers Wilhelm I. und letzte Tochter der Königin Luise und des Königs Friedrich Wilhelm III., ist heute gestorben. Die Verblichene war seit dem 25. Mai 1822 mit dem Großherzog Paul Friedrich, dem Bruder des Vaters des jetzt regierenden
Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin, vermählt, der bereits am 7. März 1842 starb, hat mithin über 50 Jahre den Wittwenschleier getragen.
Leipzig, 20. April. Mit dem heutigen Tage ist der elfte Congreß für innere M e di ein, dessen Dauer sich vom 20.—23. ds. Mts. erstreckt, unter dem Vorsitz von Geh.-Rath Professor Curschmann im Crystallpalast hier eröffnet worden. Die Betheiligung am diesjährigen Congreß ist eine ganz besonders zahlreiche. Mit demselben ist eine fachwissenschaftliche Ausstellung verbunden, bei welcher die Betheiligung diesmal ebenfalls eine sehr lebhafte ist. Die ausgestellten Gegenstände sind Artikel zur Krankenbehandlung und Krankenpflege, physikalische Instrumente mannigfacher Art, besonders zumZweck medicinisch-wiffenschaftlicher Untersuchungen, Produete der Pharmakologie und chemischen Industrie u. dgl. m. — Zu der heutigen Eröffnungssitzung am Vormittag hatte sich manche hervorragende Persönlichkeit eingesunden. — In der Eröffnungsrede begrüßte der Vorsitzende den Congreß und gab einen Rückblick auf die medicinischen Ereignisse der letzten zwei Jahre. Während das Jahr 1890 ein Jahr des ungeheuersten Sturmes und Dranges infolge der Tuberkulinfrage gewesen sei, habe das letzte Jahr den Charakter ruhiger forschender Arbeit getragen und habe besonders der letzte Congreß in Wiesbaden wohlthätig beruhigenden Einfluß auf die Tuberkulinfrage ausgeübt und dieselbe aus dem Getriebe der Praxis zunächst wieder in die Säle der wissenschaftlichen Forschung zurückgewiesen. In Kurzem hebt dann der Vorsitzende die ungeheure Reichhaltigkeit des Arbeitsprogramms des diesjährigen Congresses hervor,- sämmtliche große Gebiete der inneren Medicin, mit Ausnahme der Neurologie (Nervenkrankheiten), würden diesmal berührt. Der Grundsatz bei der Arbeit aber solle immer wie bisher bleiben die Wahrung der Einheit der inneren Medicin gegenüber einer übertriebenen Zersplitterung in medicinische Specialsächer. Die Klinik solle der Einheitskörper bleiben, der er bisher gewesen, und wie bisher solle die Klinik die umfassende Schule für die jungen angehenden Medieiner bilden, nach deren Absolvirung diese dann, mit guten Allgemeinkenntnissen ausgerüstet, etwaigen fpecialistischen Neigungen folgen könnten. — In den officiellen Ansprachen begrüßte Herr Cultnsminister v. Seydwitz Exc. die Mitglieder des Congresses im Namen der sächsischen Regierung. Herr Bürgermeister Tröndlin bringt die Freude der Stadt Leipzig zum Ausdruck, daß aus Grund der Wiederkehr des Congresses in ganz bestimmten Zeiträumen nach derselben sich engere Beziehungen zwischen dem Congreß und der Stadt Leipzig voraussichtlich knüpfen würden. Se. Magnificenz Herr Rector Professor Lipsius bot den Willkommengruß der Universität, welche ihre Blüthe zum guten Theil der hervorragenden Vertretung der medicinischen Wissenschaft auf der Leipziger Hochschule verdanke. Der Vorsitzende dankte den Vorrednern und gab eine Reihe geschäftlicher Mittheilungen. Daraus erhält der für den durch Krankheit verhinderten Professor Biermer (Breslau) eingetretene Professor Birch- Hirschfeld (Leipzig) zum ersten Referat über die schweren anämischen Zustände (schwere Formen von Blutarmuth) das Wort.
Netteste Nachrichten
Wolfis telegraphische- Lorrespondenz-vnrelm.
Berlin, 22. April. Aus Befehl Seiner Majestät des Kaisers wird der Königliche Hof zum Gedächtniß der gestern gestorbenen Großherzogin Alexandrine von Mecklenburg-Schwerin für die Dauer von drei Wochen Trauer anlegen.
Berlin, 22. April. Der Magistrat stimmte dem Anträge der Commission für Bestattungswesen zu, wonach der Magistrat sich mit der facultativen Feuerbestattung auf dem Gemeindekirchhofe zu Friedrichsfelde einverstanden erklärt und die Baudeputation beauftragt, die Kostenvoranschläge zu prüfen. Der Magistrat beschloß ferner, der Stadtverordnetenversammlung nach Prüfung des Voranschlags eine entsprechende Vorlage zur Genehmigung zu unterbreiten.
Berlin, 22. April. Der Colonialrath nahm heute die Ausschußresolution an, stimmte im Princip specifischen Zöllen zu, erklärte aber vorher eine statistische Erhebung behufs Feststellung der finanziellen Folgen für nothwendig. Bei einer Neuordnung sei Befreiung vom Ausgangszoll für die Produete auszufprechen, welche in Deutschland Eingangszoll zahlen. Anstatt der Anlage neuer Zollstationen empfehle sich die Beschaffung von Zollknttern. Bezüglich der Sclaven- frage beschloß der Colonialrath, Ermittelungen anzustellen behuss gesetzlicher Regelung, und beschloß ferner, unter Vorschlag von Strafbestimmungen, daß unter Aufwendung größerer Mittel gegen den Sclavenraub und Sclavenhandel vorzugehen sei. Hierauf wurde gemäß der Resolution Hohenlohe-Hos-


