Nr. 46 Zweites Blatt. Mittwoch den 24. Februar
1892
Ter Oießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
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Kchener Anzeiger
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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für bei folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.
Amtlicher Theil.
Bekanntlnachnng,
betreffend Stutenkörung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß der Pferdezuchtverein im Großherzogthum Hessen Montag den 7. März 1892, Nachmittags 3*/zUhr, zu Berstadt, Dienstag den 8. März 18 9 2, Vormittags 9 Uhr, zu Butzbach, Dienstag den 8. März 1892, Nachmittags 3 Uhr, zu Grünberg Körtermine zur Stutenkörung nach Maßgabe nachfolgender Ausführungsbestimmungen abhalten wird.
Gießen, den 18. Februar 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
AttSführungsbestimmungen
zur Stuteukörung.
1. In jedem der nachbenannten Körbezirke wird jedes Jahr, möglichst zu gleicher Zeit, ein Körtermin abgehalten, aus welchem im Körbezirk .stehende Stuten, die dem Züch- tungsziel entsprechen, im Verhältniß der bereiten Geld- mittel gekört werden.
2. Das Körgeschäft besorgt die Körcommission; dieselbe besteht aus dem Landstallmeister als Vorsitzendem sowie einem der jeweiligen imKörbezirk beamteten Kreisveterinärärzte und zwei bezw. vier Landwirthen, welche von dem Vorstand auf drei Jahre gewählt werden.
3. Die Körung einer Stute ist an Einstimmigkeit der Commission gebunden.
4. Jede Stute muß Jahr für Jahr neu gekört werden; die im Vorjahr gekörte Stute hat die Vorhand vor der noch nicht gekörten Stute.
5. Für jede gekörte Stute wird dem Besitzer ein Deckhengst von der Körcommission vorgeschlagen. Der Besitzer erhält für jedes aus seiner gekörten Stute von dem bestimmten Hengste gefallene Fohlen vom Verein nach Vorlage der beglaubigten Abschrift des Geburtsscheines ein Angebinde von 20Mark, als sogenanntes Fohlengeld ausgezahlt.
6. Für die gekörten Stuten und die aus ihnen von dem bestimmten Hengst gefallenen Stut- fohlen werden jährlich wiederkehrende, aufsteigende Prämienconcurrenzen eingerichtet werden.
Die Zuchtziele sind für die einzelnen Körbezirke folgende:
a) Ein gängiges, mittelstarkes Pferd mit gutem Schritt, genügender Trabaction und gutem Temperament für die Körbezirke: Engelrod, Grünberg, Hirzenhain, König, Lörzenbach, Ober-Ofleiden, Romrod.
b) Breite, starke Pferde mit gutem regelmäßigem Schritt (Kalte Schläge: größere Ardenner, bessere Belgier, event. Percherons) für die Körbezirke: Alsheim, Alzey, Sauer-Schwabenheim und Theile der Wetterau mit starkem Zuckerrübenbau.
c) Ein großes schweres Webrauchspferd, stärkster Wagenschlag (Keine kalten Schläge) für die Körbezirke: Butzbach, Berstadt, Düdelsheim, Grünberg, Nieder- Wöllstadt, Theile des Rieds und Rheinhessens.
d) Ein mittelstarkes Arbeitspferd mit gutem Schritt und vornämlich guter und praetischer Trabaction, dessen Produkte als Wagenpferde geeignet sind, ohne Beimischung kalten Blutes für die Körbezirke: Bickenbach, Dornheim, Jägersburg, Lampertheim, Trebur.
Die Renrontezucht kann hier die genügende und richtige Berücksichtigung durch Ausstellung eines edlen Hengstes finden, immerhin muß aber das edlere Wagenpferd das Zuchtziel bleiben.
Cocale» ttttfc provinzielles.
Gießen, 23. Februar 1892.
— Ernennungen. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht: Am 17. Februar den Landgerichtsrath bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen Gustav Hofmann zum Landgerichtsdirector bei diesem Gericht, — den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Offenbach Otto Jung zum Landgerichtsrath bei dem Landgericht der Provinz Oberhessen, — den Amtsrichter bei dem Amtsgericht Fürth Philipp Hill zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Offenbach und den Gerichtsasieffor Friedrich Bierau aus Echzell zum Amtsrichter bei dem Amtsgericht Fürth — sämmtlich mit Wirkung vom 1. März 1892 an — zu ernennen.
— Erledigte Lehrerftellen. Erledigt sind: Eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Arheilgen mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden jährlichen Gehalte von 1000 bis 1600 Mk. Eine mit einem evangel. Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Alzey mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden jährlichen Gehalt von 1100 bis 2000 Mk.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslände- nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Dem zu ernennenden Lehrer können die Functionen eines Oberlehrers an gedachter Schule gegen eine Remuneration von 200 Mk. jährlich übertragen werden. Die mit einem kath. Lehrer zu besetzende 1. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Eppertshausen mit einem jährlichen Gehalte von 1000 Mk. Mit der Stelle ist Organistendienst verbunden. Dem kath. Pfarrer und dem Ortsvorstand zu Eppertshausen steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Die 3. Lehrerstelle (mittlere Knabenschulstelle) an der evangel. Schule zu Erbach i. O. mit einem jährl. Gehalte von 1000 Mk. Dem Herrn Grasen zu Erbach-Erbach steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Die mit einem ev. Lehrer zu besetzende 2. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Reichelsheim i. O. mit einem nach dem Dienstalter sich bemessenden jährlichen Gehalte von 1000 bis 1300 Mk. Dem Herrn Grasen zu Erbach-Erbach steht das Präsentationsrecht zu derselben zu. Eine mit einem kath. Lehrer zu besehende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Ruhlkirchen mit einem jährl. Gehalte von 900 Mk.
Butzbach, 20. Februur. In der gestrigen Sitzung des Reichstags ist das Plenum dem Beschluß seiner Budget-Commission beigetreten, indem es u. a. auch die erste Rate von 8000 Mk. zum Bau einer Cavalleriekaserue in Darmstadt, a b l e h n t e. Durch dieses Votum ist uns die erfreuliche Aussicht geworden, daß unsere Garnison, denn um die Aushebung derselben handelte es sich hier, wieder für längere Zeit erhalten bleibt. Gleichzeitig aber auch wird durch diesen Beschluß dem Reiche eine Ausgabe von ca. 650,000 Mk. durch Nichlaussührung dieses projectirten Darmstädter Cavallerie- Kasernenbaues erspart. Bemerkt sei noch, daß der gesammte außerordentliche Etat des Extraordinariums des Militäretats nach dem Voranschlag 102,203,822 Mk. erfordert und die Abstriche der Budget-Commission des Reichstags im Ganzen 4,249,450 Mk. betragen. W. B.
Vermischtes
* Hamburg, 18. Februar. Das Schiff „Sondan", mit 60 000 Centner theils für Deutschland bestimmten amer- kanischem Weizen nach Antwerpen fahrend, ist total verloren gegangen, lieber den Verbleib der Besatzung ist nichts bekannt.
* Hamburg, 18. Februar. Die Hamburgische Börsenhalle meldet: Der Besitzer der Dampskornmühle und Mehlhändler Ladiges in Lockstedt bei Hamburg ist verhaftet worden, weil er bedeutende Quantitäten Mehl mit Sand verfälscht haben soll. Auch der Werkführer und ein Heizer, welche der Beihilfe beschuldigt werden, sind verhaftet. '
Feuilleton.
S i e alte Rechnung.
Von Julius Berger.
(Nachdruck verboten.)
Es gibt wohl kein Dörfchen oder Städtchen, wo nicht die jungen Männer, wenn sie sich nach vollendetem Tagewerk zu einem gemüthlichen Plauderstündchen an dem Gartenzaun, am Dorfende oder am Gasthaustische zusammenfinden, gar zu gern den Unterhaltungsstoff aus dem Reiche ihrer bekannten Damen wählen. Da wird gelobt und getadelt und vielleicht manches recht kluge Wort gesprochen. Zuerst gehts über die Gustel her, die ein ganz hübsches Mädchen ist, aber darum, weil sie immer und immer zur Tanzmusik geht, den Spottnamen „Tanzgustel" erhalten hat. Der Schullehrer soll auf sie ein Auge geworfen haben, weiß der Hans mitzutheilen/ man kann aber dieser Neuigkeit nicht viel Glauben schenken, weil man urtheilt, daß der Schullehrer, der ja doch gebildet ist, wohl ein ruhigeres, feineres Mädchen heirathen wird, das nicht mit einem jeden ersten Besten auf dem Tanzboden herumspringt, wie eß die Gustel nun einmal nicht lassen kann. Der Peter findet es nicht schön, daß die Hanne in ihrer Kleidung zu viel Staat macht und wie die ganz noblen Großstädter herumläuft, obgleich sie dock nur eine Bauerntochter ist. Andererseits wird die Mielchen gelobt als das schönste Mädchen im One- zudem ist sie sittsam, bescheiden und nicht gerade arm. Auch die neue Köchin vom Herrn Baron, die den poetischen Namen Schloßliesel hat und immer einen langen Zopf mit blauen Schleifen trägt, gehört zu den Schönheiten unter den bekannten Mädchen.
Aehnlich plauderten auch wir, wenn der lebenslustige Kaufmann, der Förster, der Jnspector und der Hauslehrer bei einem gemüthlichen Scat zusammensaßen. Allabendlich war diese kleine Gesellschaft beieinander- die Wohnung eines
jeden wurde einmal als Versammlungsort gewählt. Der Vierte, der bekanntlich „passen" muß, hatte die ehrenvolle Pflicht, die andern zu unterhalten, die sich gern durch späßige Historien aus nah und fern im Spiele, das ja einzig des Vergnügens und nicht um „Halbe", „Viertel" oder „Zehntel" des Gewinnens halber unternommen wurde, stören und unterbrechen ließen.
Am meisten wußte natürlich der Kaufmann zu erzählen, der bisweilen Geschäfte halber nach der Stadt fuhr. Ver- heirathet waren wir vier noch nicht- darum sprachen wir viel und gern über die Damen. Der Kaufmann hatte auf seiner letzten Geschäftsreise, die er über die Grenze gemacht, in der Stadt bei einer Familie logirt, die ihm seit Jahr und Tagen bekannt war. Nur eine Tochter war die Zierde und der Stolz der Eltern, die in sehr guten Verhältnissen lebten. Hedwig — so hieß die neunzehnjährige Grenzcontroleurs- tochter — wurde bis in die Details beschrieben- ihr schönes blondes Haar, das muntere, rosige Gesicht, der Mund zum Küssen, die zarten Hände und die volle und doch schlanke Figur: nichts vergaß der redselige Kaufmann und Zeigte uns zuletzt eine Photographie der schönen Dame, welche er anläßlich des letzten Besuches heimlich aus dem Album entfernt hatte.
„Dieses Mädchen habe ich schon irgendwo gesehen!" rief aus einmal der Förster, als er das Bild in seinen Händen hielt, „ein allerliebstes Kind!"
„Du hast sie beim vorjährigen Ressourcenball kennen gelernt," entgegnete ihm der Kaufmann, „ich stellte sie Dir ja vor. In vierzehn Tagen besucht sie abermals den Ball- eingeladen bin ich, kann aber leider nicht, brennender Geschäfte wegen, den reizenden Engel begleiten."
Bei dem Ressourcenball erschienen wir, wie es beschlossen worden war - nur der Kaufmann fehlte. Hedwig erschien gleichfalls- in der That ein hübsches Mädchen ! Der Förster, der ihre Ankunft kaum hatte erwarten können, wich den
ganzen Abend nicht von der Seite seiner holden Tänzerin. Er hatte ihr schließlich seine Begleitung angetragen und sie dieselbe angenommen. Kurz — vier Monate darauf fand die öffentliche Verlobung des Försters mit Hedwig, der einzigen Tochter des Steuercontroleurs, und drei Wochen hierauf die Hochzeit statt.
Also war der gute, biedere Förster mit Pomp aus dem statutenlosen Verein scatspielender Junggesellen ausgeschieden. Doch gibt es unseres Wissens auch scatspielende Ehemänner - wir hofften demnach, daß unser verheirateter „Vierter" sich wiederum als solcher einfinden und uns gelegentlich wie ehedem in sein nettes Försterhäuschen am Waldrande einladen werde, den Abend dortselbst spielend zu verbringen. Wir hofften — aber vergebens! Der Förster kam einfach nicht und wußte, wenn man ihn traf, allerlei Entschuldigungsgründe anzuführen. DaS bedauerten wir unendlich, daß uns das Försterhaus, das schönste Plützch"« für unsere Zusammenkünfte, auf diese Weise geraubt worden war.
„Und das muß ich ändern," sagte der Kaufmann, „Lothringen muß wieder gewonnen werden! Der Förster scheint auf seine Hedwig furchtbar eifersüchtig zu fein, das merke ich aus seinem Benehmen. Zum Mindesten hätte er uns, seine intimsten Freunde, auffordern sollen, ihn zu besuchen. Aber, wie gesagt, eifersüchtig, im höchsten Grade eifersüchtig!"
Wir hatten über acht Wochen unseren Scat zu dreien weitergejpielt, als eines Abends der Förster lächelnd eimrat und ohne weiteres Zureden den „Vierten" machte. Er versprach, nun wieder öfter an dem Spiel theilzunehmen, was er auch thatsächlich hielt. Aber — über eine Woche war wieder vergangen, er besuchte uns, sand eS jedoch absolut nicht nöthig, seine Räumlichkeiten den Scatbrüdern für einen Abend zur Verfügung zu stellen.
(Schluß folgt.)


