Nr. 45.
Dimstaq den 23. Februar
1892
Der
-ie^ener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener InmitteuötLiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Gießener Anzeiger
Kenerat-Anzeiger.
Bierteljähriger AöounemeutspreiSr 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 60 Pfg.
Redaktion, Expedition und Druckerei:
Schukstraße Ar.7.
Fernsprecher 61.
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.
Abschluß.
Gesammtsumme der Einnahmen .... 284966.67 at „ „ Ausgaben . . . . 223 985.76 „
Verglichen bleibt Rest 60 980.91 je.
welcher in baarem Vorrath besteht.
Gießen, den 4. Februar 1891.
Der Rechner der Provinzialkasse für Oberhessen. Grüneberg, Rendant.
Revidirt, ohne daß sich für den vorstehenden Abschluß eine Aenderung ergeben hat.
Darmstadt, den 3. Februar 1892.
Großherzogliche Ober-Rechnungskammer.
Lorbacher. Schenk.
In Gemäßheit der Art. 93 bezw. 43 der Kreis- und
Summe der Einnahmen 284 966.67 JL
Ausgabe.
14. Besoldungen 2114.58 JL
15. Diäten und Gebühren 1 438.26 „
16. Botenlohn und Verkündigungskosten . 114.25 „
17. Für Bureaugegenstände und Geräth- schasten 992.88 „
18. Unterhaltung von Kreisstraßen . . . 157 406.67 „
19. Neubau von Kreisstraßen .... 31 361.31 „
20. Einmaliger Beitrag der Provinz zu den
Kosten der Recurrenzfieber-Epidemie in den Kreisen Gießen und Friedberg . 2 437.81 JL
21. Uneinbringliche Posten und Nachlässe . —
23. Auszuleihende Capitalien. . . . . 28120.— „
Summe der Ausgaben 223 985.76
Hratisöeikage: Hießener Jamitienötätter.
Annahme von Anzeigen zu brr Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Ausland«» nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher* Theil.
Auszug
-ÄUS der von Großh. Ober-Rechnungskammer revidirten Rechnung der Provinzialkasse der Provinz Oberhessen pro 1889/90.
I^lunahme.
Rubr.-
S!r.
1. Kaflevorrath aus vorhergehenden Jahren
2. Ausstände „ „ „
3. Beiträge der Kreise
4. Capitalzinsen
5. Prozeßkosten
6. Beitrag aus der Staatskasse . . .
8. Ersatzposten
12. Zurückempfangene Capitalien . . .
Betrag 28 221.97 JL
210 000.— „
2 342.95 „
831.65 „
28 120.- „
450.10 „
15 000.— „
। Provinzialordnung wird der vorstehende Auszug zur öffent- I lichen Kenntniß gebracht.
Gießen, den 20. Februar 1892.
Der Vorsitzende des Provinzial-Ausschusses der Provinz Oberhessen.
v. Gagern._____
Bekanntmachung,
betr. Maßregeln gegen die Maul- und Klauenseuche.
In Steinfurth, Kreis Friedberg, ist in einem Gehöfte die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Großh. Kreisamt Friedberg hat Gehöftsperre angeordnet.
Gießen, den 19. Februar 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
__________________v. Gagern._______
Bekanntmachung.
Wegen Ausführung des Canals bei der neuen Stadtknabenschule wird die Straßenstrecke der Nordaulage zwischen der Dammstraße und Steinstraße für Fuhrwerksverkehr, Reiten und Viehtreiben von heute an bis auf Weiteres abgesperrt.
Gießen, den 22. Februar 1892.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.
Fresenius.
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Februar. Im preußischen Abgeordnetenhause haben am vorigen Donnerstag und Freitag anläßlich der zweiten Lesung des Eisenbahnetats lange Debatten über die Frage *x Reform der Eisenbahntarise, specieN der Personentarise, stattgesunden. Nach den vom Eisenbahnminister Thielen hierbei wiederholt abgegebenen Erklärungen werden diese Verhandlungen zunächst keine practische Wirkungen haben. Allerdings hat Herr Thielen die Noch- Wendigkeit einer zeitgemäßen Umgestaltung der Personentarife, vorerst derjenigen aus den preußischen Staatsbahnen, im Princip anerkannt. Aber der Minister hob zugleich hervor, daß die geplante Reform nach ihren verschiedenen Wirkungen, namentlich was die finanzielle Seite anbelangt, zuvor erst sorgfältig geprüft werden müsse, und diese Erörterungen seien noch lange nicht zum Abschlüsse gelangt. In die Freitags- discusfion griff auch Finanzminister Dr. Miquel ein, um hauptsächlich die Stellung der allgemeinen Finanzverwaltung zur Eisenbahnverwaltung zu characterisiren und zugleich mehrere falsche Anschauungen hierüber zu berichtigen. Die Tarisdebatte endete am Freitag mit Ablehnung des vom Abg. Brömel (dfr.) gestellten Antrages, die Regierung möge mit der Reform der Personentarise auf den preußischen Staatsbahnen nach dem 1891 ausgestellten Plane baldigst, aber
unter Ausschluß von Tariferhöhungen, vorgehen, worauf Tit. 1 der Einnahmen genehmigt wurde. Am Sonnabend setzte das Haus die Einzelberathung des Eisenbahnerats fort.
— Dem Bundesrathe find in letzterer Zeit zwei neue Gesetzentwürfe zugegangen, betr. die Bestrafung des Verraths milttärischer Geheimnisse und betr. die Regelung des Auswanderungswesens, lieber den Inhalt des „Spionage- Gesetzes" ist noch nichts Näheres bekannt, dagegen liegen über den anderen Gesetzentwurf schon osficiöse Mittheilungen vor. Derselbe bezweckt die reichsgesetzliche Regelung des Auswanderungswesens an Stelle der bislang geltenden landesgesetzlichen Bestimmungen, die Auswanderung selbst aber soll durch das neue Gesetz keineswegs beschränkt werden.
Berlin, 20. Februar. Den „Berl. Pol. Nachr." zufolge ist der Plan der Reichscommission für Arbeiterstat i st i k so weit gediehen, daß eine bezügliche Vorlage demnächst den Bundesrath beschäftigen dürfte. Die Organisation ist ähnlich der preußischen Centralcommission und besteht aus dem vom Reichskanzler zu ernennenden Vorsitzenden und 12 Mitgliedern, deren 5 vom Bundesrath, 6 vom Reichstage und 1 vom Reichskanzler aus Mn Beamten des statistischen Amtes ernannt wird. Die Arbeitgeber und Arbeiter sollen in gleicher Zahl zu den Sitzungen mit berathender Stimme hinzugezogen werden. Die Commission ist nur für die statistischen Erhebungen ernannt.
Berlin, 20. Februar. Der „Voss. Ztg." zufolge soll bezüglich der in der Bildung begriffenen Südwestafrikanischen Ansiedelungsgesellschasr, sobald der Reichskanzler sie genehmigt, mit der Besiedelung von Klein-Windhock begonnen werden.
Berlin, 20. Februar. Der „Reichs-Corr." zufolge veranstaltete die Centrale der Deutschen Colonialgesellschaft eine Enquete über die Durchführung zur Sicherung der Karawanenstraßen in Ostasrika.
Berlin, 20. Februar. Die Budgetcommission des Reichstags berieth das Extraordinarium des Militäretats und bewilligte die Bauraten zum Bau einer Kreuzercorvette, vier Panzerschiffen, vier Panzerfahrzeugen, eines Kreuzer und eines Aviso.
Berlin, 20. Februar. Eine öffentliche Bildhauer- Versammlung beschloß, allen politischen Arbeitervereinen zu empfehlen, den aus 5 Jahre als „ehrlos" erklärten Peus zum Ehrenmitglied zu ernennen.
Berlin, 20. Februar. Die „Germania" behauptet verbürgt, der Kaiser habe auf dem Diner bei Caprivi die Hoffnung geäußert, das Volksschulgesetz werde nachdem vorliegenden Entwurf perfect.
Berlin, 20. Februar. Das Waarenlager des Kaiser- bazars wurde an den Commerzienrath Lissauer für 1 450000 Mk. verkauft- das Geschäft wird in den bisherigen Räumen fortgesetzt.
Feuilleton.
Pcmaskirt.
Eine Carnevalsgeschichte von Erich |u Schirfeld.
(Schluß.)
Els Uhr. — Hoch gehen die Wogen der Freude, nur zwei Augen blicken traurig in das summende Gewühl. Armer Curt! An eine Säule gelehnt steht er und wartet, vergeblich leuchtet im Knopfloch seiner Matrosenjacke das rothe Band. Er schilt sich einen Narren. Schon zwanzigmal beschloß er, nach Hause zu gehen, bleibt aber doch und trinkt ein Glas Wein nach dem andern, denn „als Narr bist du ja hier an deinem Platze," denkt er grimmig. — „Geduld, Curt," flüstert ihm eine Stimme plötzlich ins Ohr. Wer war das? Doch nicht etwa der rothe Domino, der soeben am Arme eines schwankenden Türken an ihm vorüberging? Das Paar entschwand im Gewühl, bevor er es noch recht gesehen hatte.
In einem der eleganten Nebenräume sitzen die Vertreter und Vertreterinnen aller Zeiten und Völker und zechen. Dort läßt ein alter Türke, dem Koran zum Hohne, die Champagner- psropsen knallen und hastig stürzt er den perlenden Trank hinab. Im Arme hält er eine blonde, orientalisch gekleidete Maid, deren Gestalt ein rother Domino verhüllt, aber unter der Maske blitzen feurige Augen und im goldgelben Gelock leuchtet eine weiße Rose. „Weib," flüstert der Türke, „Rose von Schiras, bei den Freuden des Paradieses — sei mein!“ Seine Sinne sind umnebelt und fein Athem fliegt. „Laß mich," erwidert das Mädchen leise und macht sich los. „Meinst Du, ich wüßte nicht, daß Du bereits eine Andere liebst?"
„Was kümmern mich andere?" ruft er lachend, „ich
liebe Dich, Dich mehr als sie alle. Und hätte ich tausend Frauen — bin ich nicht ein Sohn Mohameds? — Du sollst die erste sein in meinem Hause und die Königin meines Herzens!"
„Nun wohl, so fange Dir Deine Sclavin!" kichert die Schöne und ist ihm schnellen Fußes entflohen. — Anfangs ist er verblüfft, bald aber rafft er sich aus und eilt ihr nach. Der rothe Domino leuchtet ihm voran wie ein irrender Stern, dem er folgen muß.
Tante Sophie vernimmt hastende Schritte sich der Thür nähern, jetzt pocht eS leise und eine Stimme ruft: „Oeffnet, schnell, schnell!" Es ist Hans. „Gott, meine Ahnung," entfährt es der erschreckten Tante, während sie ausspringt und den Riegel der Thür zurückzieht. Da stürmt Hans herein, reißt sich den Domino ab und wirst lhn der Tante um. „Bitte, stehen bleiben," raunte er der wie gelähmt Dastehenden hastig zu und verschwindet, sein erschrockenes Schwesterchen vor sich herdrängend, hinter den schützenden Blattgewächsen. Kaum sind beide geborgen, als auch der Türke schon die Loge betritt. „Ha ha ha!" lachte er heiser, „hier ist allo Dein Asyl, schöne Sclavin! Aber warte nur, Du wildes Vögelchen, jetzt habe ich Dich gefangen und werde Dich nicht wieder frei» geben !"
Bei dem Klang dieser Stimme ist Tante Sophie kraftlos auf ihren Stuhl gesunken. Sie will sprechen, aber der Athem stockt in ihrer Brust und im Kopse wirbeln die Gedanken durcheinander. Der Türke hat sich vor ihr auf die Knie niedergelassen und ihre Hände in die (einigen genommen. „Höre mich," spricht er, „höre mich, Du schönstes aller Weiber! Noch habe ich Dein holdes Gesicht nicht ganz ent- ! hüllt gesehen, aber Deine Augen, Augen, wie sie nur Eine | hat, sagen es mir, und mit dem Jnstinct des Kenners fühle i
ich, daß Du schön bist. Ja, Mädchen, ich liebe Dich? Komm mit mir, daß ich Dich zur Herrin meines Hauses mache!"
Tante Sophie erbebte bis ins Mark. Es war wirklich der Baron v. Henkelwitz, der da vor ihr auf den Knieen lag und ihr Herz und Hand anbot. Ihr? . . . In den Schläfen pochte ihr jagendes Blut — doch Ruhe, Ruhe, Sophie! Sie überlegte.
„Und wer bist Du, Sohn des Orients?" fragte sie endlich. Der Baron stutzte. Diese Stimme, — aber nein, das war ja Wahnsinn, war ja unmöglich!
„Nun denn," sprach er unsicher, „wenn Du eS durchaus wissen willst, ich — ich bin — nun, meinetwegen, ich bin der Rentier Schmidt," stieß er hervor.
„Ha ha! Ausgezeichnet, ausgezeichnet, Baron, in der That eine sehr, sehr werthvolle Enthüllung. Ha ha ha!" Sie lachte, lachte immerzu, aber ihr Lachen klang furchtbar — sie hatte begriffen! . . Jetzt ertönte das Zeichen zur De- maSfirunq. Auch Tante Sophie riß ihre Maske herunter und warf den Domino ab. „Nun, Baron!" ries sie dem wie ein armer Sünder vor ihr stehenden Henkelwitz zu, „Sie haben freilich die Demaskirung nicht mehr nöthig, Sie sind entlarvt."
Der Baron nahm mechanisch die Maske vom Gesicht und ein tiefer Seufzer entrang sich seiner Brust. „Daö war allerdings ein schauderhaftes Pech," murmelt er. „Aber," fuhr er, sich ermannend, fort, „Sie sollen jede gewünschte Genugthuung haben, mein verehrtes Fräulein, jede! Zch fürchte, man hat uns beide diipirt. Geben Sie mir großmüthig Zeit, mich zu fassen, dies Erwachen — war zu entsetzlich!"
Tante Sophie warf ihm einen vernichtenden Blick zu, sie hätte ihn tobten mögen. War denn kein Rächer da? — Nein, keiner, selbst Hans war verschwunden und mit ihm sei«


