Rr. 298 Erftes Blatt. Mittwoch dm 21. December
1892
Aer»sprecher 61.
Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gietzen.
HraLisöeikage: Hießener Jamitienötätter
Alle Annoncen-Bureaux M In- und luftanbH nehm«
Nnaahme von Anzeige« zu der NachmittLgS für bat folgenden lag erscheinenden Nummer bi« Sam. 10 Uh«.
’ besonderem Glanze gefeiert werden und u. A. der historische ■ „Fackeltanz" der preußischen Minister hierbei wieder zu Ehren - kommen.
— Von den größeren, dem Reichstage bis jetzt neben der Militärvorlage und den Steuergesetzen zugegangenen Gesetzentwürfen liegt derjenige über die Regelung des Auswanderungswesens dem Parlamente schon seitdem 22. November, also seit Eröffnung des Reichstages, vor. In der Zeit bis zum Beginne der Weihnachtspause wäre gewiß Gelegenheit gewesen, die Generaldebatte über die Auswanderungs-Vorlage vorzunehmen, statt dessen ist aber letztere noch gar nicht einmal auf die Tagesordnung des Reichstages gesetzt worden, was einer absichtlichen Zurückschiebung des in seiner Art doch wichtigen Gesetzentwurfes recht ähnlich sieht. Es sollen denn auch in Reichstagskreisen schwere Bedenken gegen das Auswanderungsgesetz herrschen, das ja auch schon
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' in Berliner Hojkreisen die thatsächlich ergangene Einladung an den Kronprinzen und die Kronprinzessin von Griechenland zur Theilnahme an der bevorstehenden Vermählungsfeier der * Prinzessin Margarethe von Preußen in diesem Sinne, doch ist eine Antwort auf die Einladung noch nicht eingetroffen. Uebrigens soll das Hochzeitsfest der Prinzeß Margarethe nach : dem kundgegebenen Willen ihres kaiserlichen Bruders mit
Seitens der öffentlichen Meinung überwiegend eine ungünstige Aufnahme erfahren hat, und mit dieser Stimmung hängt vermuthlich auch die auffällige Zurückstellung der Vorlage zusammen. Die Annahme gewinnt daher an Wahrscheinlichkeit, daß das Auswanderungsgesetz in einer Commission „begraben" werden wird, falls die Regierung es nicht vorziehen sollte, gleich einen anderen Entwurf ausarbeiten zu lassen, der den Wünschen des Reichstages und weiter Volkskreise in der Auswanderungsfrage besser entgegenkommt.
— Das vom Reichstage noch in seinem ersten Sessionsabschnitte beschlossene Nothgesetz zum Reichskrankenkassengesetz ist vom „Reichsanzeiger" soeben veröffentlicht worden.
— Das jetzt aufgedeckte Factum, daß von der Firma Löwe in Berlin dem französischen Kriegsminister Boulanger im Jahre 1886 Maschinen zur Herstellung der Lebel-Gewehre angeboten worden sind, hat zu dem Zeitungsgerücht Anlaß gegeben, daß unter diesem Gesichtspunkte auch die Firma Krupp nicht einwandsfrei sei. Dieselbe soll nämlich nach den Behauptungen verschiedener Blätter Kriegsmaterial an Frankreich geliefert haben. Dem gegenüber wissen die osficiösen „Berl. Pol. Nachr." auf das Bestimmteste zu versichern, daß es schon seit Jahrzehnten unwiderruflicher Grundsatz der Firma Krupp sei, an Frankreich nichts von ihren Erzeugnissen zu liefern.
Berlin, 18. December. Die Vorarbeiten zu einem Reichs-Seuchengesetz sind nahezu beendet. Der Gesetzentwurf ist im Reichsamt des Innern bereits vollständig ausgearbeitet und soll vor seiner Einbringung beim Bundesrath nur noch einer Überprüfung nach der verwaltungstechnischen Seite durch eine Conserenz der juristischen Mitglieder. des kaiserlichen Gesundheitsamtes unterzogen werden. Es liegt in der bestimmten Absicht der Reichsregierung, die Vorlage noch in dieser Session dem Reichstage zugehen zu lassen.
— Man hält den „Berliner Politischen Nachrichten" zufolge nach wie vor an der Absicht fest, die Ausführungsbestimmungen über die Sonntagsruhe für Industrie und Handwerk vor ihrem Erlasse Sachverständigen zur Prüfung vorzulegen. Es soll demnächst eine kleinere Commission zusammentreten, welche sich dieser Aufgabe zu unterziehen haben würde.
— Der Director des Reichs-Gesundheitsamtes, £)r; Köhler, liegt schwer erkrankt darnieder. Sobald die Umstände es gestatten, wird er sich zu längerem Aufenthalt an die Riviera begeben. Die Vertretung des Seuchengesetzes im Reichstage zu übernehmen, dürste er für absehbare Zeit außer Stande sein. — Der Berliner Oberbürgermeister Zelle
§ 2.
Mit Geldstrafe bis zu 30 Mark, welche im Falle der Uneinbringlichkeit in Hast umgewandelt wird, werden bestraft:
1) Besitzer und Verwalter von Wirthschaften, welche Kindern, von denen sie wiffen oder annehmen müssen, daß dieselben noch schulpflichtig sind, den Aufenthalt in ihren Wirthslocalitäten ohne Begleitung Erwachsener oder das Herumtragen und den Verkauf der in § 1 genannten Gegenstände gestatten und die schulpflichtigen Kinder nicht alsbald aus ihren Wirthslocalitäten entfernen.
Deutsches Reich.
Berlin, 19. December. Zwischen den Höfen von Berlin und Athen besteht bekanntlich seit dem Uebertritte der Kronprinzessin Sophie von Griechenland zur griechischen Kirche eine gewisse Verstimmung, da namentlich Kaiser Wilhelm durch diesen Schritt seiner Schwester peinlich berührt worden sein soll. Nunmehr scheinen aber Versuche zur Wiederherstellung der früheren Beziehungen zwischen den beiden verwandten Höfen im Gange zu sein. Wenigstens deutet man
2) Eltern, Vormünder, Pfleger oder sonstige mit der ' Beaufsichtigung von Kindern betraute Personen, welche Kinder zur Begehung der in § 1 bezeichneten strafbaren Handlung anleiten, ausschicken, oder es unterlassen, dieselben von deren Begehung abzuhalten.
3) Gewerbetreibende, welche den vorstehenden Bestimmungen zuwider Kinder mit dem Vertreiben ihrer Maaren beauftragen.
§ 3.
Diese Polizeiverordnung tritt mit dem Tage ihrer Verkündigung im Gießener Anzeiger in Kraft.
Gießen, den 15. December 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Polizeiverordnrmg
betr. die Verwendung von Kindern zum Feilbieten und Verkauf von Vackivaaren, Blumen und sonstigen Gegenständen, und das Verbot des Besuchs von Wirthshäusern und Tanzlocalen von selten schulpflichtiger Kinder.
Auf Grund des Art. 56 der Städteordnung wird hiermit nach Anhörung der Stadtverordneten-Versammlung mit Genehmigung Grobherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz vom 9. December 1892 zu Nr. M. I. u. d. Justiz 30223 für die Provinzial-Hauptstadt Gießen verordnet:
§ 1.
Es ist untersagt, daß Kinder, welche aus der Volks-
Der f&Uieuet Z^eiger erscheint täglich, «it Ausnahme bei Montags.
Die Gießener
XMtbcn dem Anzeiger «sichentlich dreimal Lei^elegl
Gießener Anzeiger
Kenerat-Unzeiger.
Amtlicher Theil.
Gießen, den 20. December 1892.
Betr.: Das Landgestüt, insbesondere die Bedeckung der Stuten durch die Landgestütsbeschäler in 1893.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
s» die Grotzh. vürgermetfttreierr M fttdUi»
Wir sehen Ihrem Berichte binnen acht Tagen darüber entgegen, wie viele Scheine Sie im Jahr 1893 für zum Bedecken zu bringende Stuten bedürfen werden.
v. Gag ern.
schule noch nicht entlassen sind, Backwaaren, Blumen, mit Ausnahme selbstgepflückier Feld- und Waldblumen, Kurz- waaren zum Zwecke des Verkaufs, oder zur Erlangung von Geschenken auf Straßen, öffentlichen Plätzen, in Wirthshäusern oder Privatwohnungen umhertragen. Auch ist solchen jugendlichen Personen "ver Besuch von Wirthshäusern und öffentlichen Tanzlocalen ohne Begleitung ihrer Eltern oder derjenigen, welche deren Stelle vertreten, wie Pflegeeltern, ; Vormünder, erwachsenen Verwandten und Bekannten, welchen i die Eltern ihre Kinder anvertraut haben, untersagt.
Feuilleton.
Die Wunschzettel.
Weihnachtsoolle von Zo« o. Reuß.
(Nachdruck verboten.)
I.
„Lebt wohl, Kinder! Es hat mir ganz famos bei Euch gefallen — zu Weihnachten komme ich bestimmt wieder," sagte Onkel Hoyer, indem er ausstehend das letzte Glas Nothwein austrank und sich den Pelz von dem harrenden Diener umhängen liefe. „So, der Eisbär wäre fertig!" schloß er, sich die riesige Pelzmütze auf den ergrauenden Kopf stülpend.
„Der Abschied — nun so eilig, so überstürzend," klagte die junge Frau, indem sie sich an den väterlichen Freund schmiegte, um die letzten Augenblicke richtig auszukosten.
„Ich bitte Dich, liebes Kind, halte den guten Onkel nicht auf," sagte der Gutsbesitzer von Wallhosen, „die Füchse stehen schlecht."
Der Onkel war auch bereit. Väterlich küßte er die Nichte noch einmal aus die Stirn, dann folgte er dem Neffen aus der Thüre, um sich von demselben zu dem harrenden Gesährt geleiten zu lassen, das ihn nach der Eisenbahnstation bringen sollte. Plötzlich blieb er stehen und meinte:
„Apropos, ich habe doch noch etwas vergessen!"
„Was denn, Onkelchen?" frag Eva.
„Gebt mir doch Euren Wunschzettel auf Weihnachten mit, damit sich unsereins nicht lange den Kops zerbrechen muß. Der Wagen mufe durchaus noch so lange warten."
„Ach, Onkelchen, was Du lieb und gut bist!"
„Ich ahne, daß Evchen eine lange Reihe Wünsche haben wird: ein paar neue Kleider und dergleichen. Natürlich auch wieder ein nxues Armband und Königsberger Marzipan, die größte Schachtel voll. Im vorigen Jahre war der Wunschzettel ellenlang."
„Diesmal irrst Du Dich, Onkel," versicherte Eva felsenfest.
„Wirklich? Ich zweifle daran," erwiderte Onkel Hoyer ungläubig. „Nun, Kinder, Ihr braucht Euch auch nicht gerade zu geniren. Es ist hoffentlich ein glückliches Weihnachtsfest, das wir miteinander feiern. Wer weiß, wie oft wir's noch zusammen erleben! Darum soll es mir diesmal auch nicht daraus ankommen, ein bischen tief in den Schubsack zu greifen."
„Wirklich, Onkelchen?"
„Heraus mit der Sprache?"
„Ich habe dieses Jahr eigentlich nur einen einzigen Weihnachtswunsch, höchstens zwei," sagte die junge Frau überlegend und mit einem zärtlichen Blicke nach dem Gatten herüber. „Allerdings sind sie nicht klein!"
„Ich warte darauf! Schieß los! . . . Und Du, Fritz?" wandte sich Onkel Hoyer von der Nichte an den Neffen. „Weiß der Kukuk, ich glaube, ich habe heute aus lauter Vergnügtsein die Spendirhosen an. Am besten, Ihr schreibt mir Eure Wünsche gleich aus einen Zettel, den ich mitnehmen kann. Mein Gedächtniß bekommt nämlich starke Löcher."
Der junge Gutsherr von Wallhofen, eine kräftige, männliche Erscheinung, sah mit aller Zärtlichkeit des verliebten Ehemannes der reizenden Gattin nach, welche soeben aus dem Speisezimmer in das Wohnzimmer hinübertrat, um mit kurzem Entschluß das Eisen zu schmieden. Schon nach zwei Minuten kehrte sie mit einem verschlossenen Couvert zurück, welches sie dem harrenden Gatten übergab. Kühn gemacht, folgte nun auch Fritz von Wallhofen ihrem Beispiele, rife ein Blatt aus seinem Notizbuche, schrieb einige Worte, um sie gleichfalls Onkel Hoyer einzuhändigen, der sie in seiner Brieftasche barg.
„So, nun ist alles in Ordnung, alles abgemacht! Nun kanns losgehen!" wandte sich der alte Herr zum Gehen.
„Halt Dich tapfer bis auf Wiedersehen, Mädel! Du weinst doch nicht, Kleine?"
Während der Eisbär unter Assistenz des Neffen glücklich die Freitreppe hinabkugelte und endlich wohl eingepackt im Wagen saß, stand Eva noch immer taschentuchwinkend oben am Fenster und empfing das letzte freundliche Nicken des alten^Herrn, der höchst befriedigt von seiner Besuchsreise nach der Stadt zurückkehrte. Ja, es war ganz charmant in Wallhofen, obgleich er auf der Jagd nur Löcher in die Luft geschossen hatte. Dank dem besseren Jägerglück des Neffen hatten die Fasanen aus der Mittagstafel aber doch nicht gefehlt, auch der Rorhwein hatte die vorschriftsmäßigen fünfzehn Grad gehabt. Sein liebes Bruderkind hatte es wirklich gut mit der Heirath getroffen.
In solch behaglicher Stimmung holte Onkel Hoyer später im Coupe die beiden Wunschzettel der „Kinder" aus der Briestasche hervor, um sie zu studiren. „An meinen lieben Onkel Weihnachtsmann" stand auf dem von der Nichte empfangenen Briese zu lesen. Das Couvert öffnend, las er zu seiner Ueberraschung: „Lieber Onkel Weihnachtsmann, ich wünschte mir dieses Jahr nur einen hübschen Jagdwagen, in dem ich umherkutschiren kann, und eine Büchsflinte. Deine Dich zärtlich liebende Nichte Eva von Wallhosen."
„Hm, hm, sonderbar!" machte der alte Herr, „höchst sonderbar, was fällt dem Mädel ein? Ihre Pensionssreundin, die eine Emancipirte ist, hat sie angesteckt!" — Dann den Wunschzettel des neuen Neffen auseinanderhaltend, las er zu abermaliger Ueberraschung: „Als Weihnachtsgeschenk erbitte ich mir von Deiner Güte ein Pianino und das „Gänsetiescl". . . „Donnerwetter, sind die Zettel verwechselt? Keineswegs, behüte!" Beide trugen vollgiltige Unterschrift und waren außerdem mit einem das bezügliche Monogramm zeigenden Couvert verschlossen. „Die neuen Moden sind doch ganz curios," knurrte der alte Herr, die Wunschzettel wieder in die Brieftasche schiebend.


