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Nr. 193

Samstag den 20. August

1892

Fernsprecher 61.

Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.

Hratisbeikage: Hießener Jamitienökätter.

Amtlicher Theil

und That" oder ein

an durch Einfügung

Llle Lnnoncen-Bureaux d«S In- und LusluadeL nehm« Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Lanahmi von Anzeigen zu brr Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Corrn. 10 Uhr.

und auch viele Militärs die einheitliche zweijährige Dienstzeit dem jetzigen ungleichen Zustande vorziehen, so dürfte diese Reform vielleicht stattfinden.

Die Versuche, die deutschen Besitzungen in Afrika zu cultiviren, werden mit neuer Kraft fortgesetzt. In Deutsch.Südwestasrika wird in nächster Zeit eine lange vorbereitete Niederlassung deutscher Ansiedler ins Werk gesetzt werden. Am 16. Juni schiffte sich von Hamburg an Bord des von der deutschen Colonialgesellschast gecharterten Dampfers Agnes" eine Anzahl deutscher Ansiedler nach der Walfischbai ein, sämmtlich wohlausgerüstete und bemittelte Landwirthe, die sich als Viehzüchter dort ansässig machen wollen. Der Reisegesellschaft haben sich zwei finnländische deutschredende, in ihr südafrikanisches Arbeitsfeld zurückkehrende Missionare angeschloffen. Ein Bruder des kürzlich in Ostafrika gefallenen Freiherrn v. Bülow, der sich ebenfalls als Landwirth in Deutsch-Südwestasrika anzusiedeln beabsichtigt, hat über Kapstadt seine Reise nach der Walfischbai angetreten.

Bierteltäbriger Avounement-prei«» 2 Mark 20 Pfg. mV Lcingerlohn.

Durch die Post bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Redaktion, Expedition und Druckerei:

Während die beste Idee oft nach Jahren kaum ein paar Anhänger gewinnt, gibt cs Vereine, die in kurzer Zeit ein Land überwuchern, nur weil etwasKlimbim" daran hängt Saßen da z. B. am 24. October 1878 in Oswin Schumanns Wirtschaft zu Zwickau ein Dutzend Männlein an einem Stammtisch und machten Witze, so gut sie konnten. Einmal hieß csFamos! Der Witz muß angenagelt werden", der Wirth nimmt die Redensart nach Eulenspicgel-Art und holt Hammer und Nagel herbei. Der Nagel wird cingeschlagen da zu erwarten steht, daß noch mehr gute Witze die Ein- schlagung weiterer Nägel nöthig machen,'einigt man sich, daß die Nägel zuletzt ein Kreuz bilden und daß zum Hammcr- schlag nur die zugelaffen werden sollen, die bei jedem Hieb 10 Pfennig für die Armen opfern. So entstanden die Kreuzbrllder-Ttsche". Bis März 1886 waren deren 200 geworden, allermeist in Sachsen, mit 26000 Mitgliedern, 1884 sollen 64000 Mark für Unterstützungen aufgebracht worden sein. (Schluß folgt.)

Hilfsverein" oder ein Vereinzu Rath Armenverein" wird immer ein paar Jahrzehnte alt sein. Die katholische Kirche regt die Phantasie an durch Einfügung der hl. Elisabeth, des Vincentius oder des Karl Borromäus in eine sonst einfache Bezeichnung und haucht dadurch dem Verein ein stärkeres, höheres Leben ein. Wenn schlichte Bürger eine Wohlthätigkeitsgcscllschast bilden, so heißen sie den Täufling wohlViola", Vergißmeinnicht", GlockeBienenstock",Christbaum"; entsteht der Verein in der Kneipe, so kommt auch wohl einPropfenverein" oder em ClubSchwarze Brüder" oder gar eineRothe Nase" wie in Dresden-Neustadt zu Stande. DieFechtschulcn" haben sich nicht so schnell ausgebreitet, weil die Idee des Reichswaisenhauses so begeisternd war, sondern weil das Wort Fechten" und allerlei damit zusammenhängendes Titel- und Aemterwesen anlockte.

**i*ticr erscheint täglich, fct Ausnahme de» Montag»

Die Gießener *a*UUwlUUet Werden dem Anzeiger »schentlich dreimal beigelegt.

Ausland.

Der 18. August war ein großer Ehren- und Freuden tag für die östcrreichischmugarischc Monarchie, denn der 18. August ist der Geburtstag des allverchrtcn Kaisers Franz Joses von Oesterreich und Königs von Ungarn. An­läßlich des Geburtstages des Kaisers Franz Joses, welcher am 18. August sein 69. Lebensjahr vollendete, heben die österreichischen Zeitungen die hcrzerhcbenden, innigen und patriotischen Kundgebungen hervor, die bei dem Schützenseste in Brünn und bei der Krönungsseicr in Pest stattgefunden haben und hierein Reflex der hingebenden Liebe und Ver­ehrung aller -Ltämmc Oesterreich-Ungarns für den Kaiser sind. DieWiener Abendpost" weist ferner auf die Vor­bereitungen der Bevölkerung in Galizien, Böhmen und Ungarn hin, welche anläßlich der Manöver dem Kaiser Beweise inniger Liebe und unwandelbarer Anhänglichkeit geben. Somit herrscht in der ganzen Monarchie dasselbe Bestreben, den politischen, nationalen und eonfessionellen Unterschied in den Hintergrund treten zu lassen, wo cs galt, dem Kaiser den Tribut der Dankbarkeit und Verehrung abzustatten.

Die als steinreich verschrieenen Amerikaner haben jetzt auch eine Roth und zwar eine richtige Goldnoth, öenn in Nordamerika herrschen Besorgnisse wegen der Ver­treibung des Goldes aus dem dortigen Verkehr in Folge des

GiehenerAitzeiger

Keneral-Anzeiger.

Feuilleton.

Allerlei Vereinsnameir.*)

Von vr. Wilhelm Bode (Dresden).

Wo drei Deutsche beisammen sind, da gründen sie bc- auntlich emen Verein. Die Wahrheit, die hinter diesem alten Scherzworte steckt, ist bekannt genug, aber wir haben noch icht gelernt, die Lehre daraus zu ziehen. Wenn ich diesem der jenem Fachenthusiasten nachfolgen wollte, würde ich die " der Vereinswissenschaft in die Unterrichtsgegenstände er Volk^ chule Vorschlägen und die Begründung würde nicht hroer fallen. Ich würde z. B. erwähnen, daß in Basel von eun Erwachfenen immer Einer Vereinspräsident ist uud daß manche reichsdeutsche Stadt in dieser Hinsicht mit Basel wett- iern kann i ich würde auf die vielen kleinen und großen nannehmlichkeiten Hinweisen, die daraus entstehen, daß die usertigung von Vereinsprojeeten, von Statuten, von Ver- nsnamcn heute noch von Antodidaeten besorgt werden muß 'd ich könnte mit Pathos behaupten, das wichtigste sociale actum des Jahrhunderts sei, daß die sociale Lebensform Bcrein" neben die alten Formen Familie, Stamm, Staat n° Kirche emporgewachsen ist, diesen zum Theil die Säfte 'tziehcnd. Nach den üblen Erfahrungen aber, die die letzten ultO|d)u[,«Reformatoren gemacht haben, ziehe ich vor, meine 'tgemaje gbee noch für das nächste Jahrhundert auszuheben :o beschranke mich auf den Wunsch, daß bald eine Vereins- istenschast entstehen und daß deutsche Gelehrsamkeit auch hier '»Lenste leisten möge. Ein Stückchen dieser Zukunfts- is cnschast will ich denjenigen zahlreichen Lesern nicht vor- ttha cn, welche in Zukunft bei der Gründung neuer Vereine ne Rolle zu spielen haben.

Die Wahl des Vereinsnamens ist von großer Wichtig- it; ost hangt von ihrem Ausfälle das Schicksal der Gesell- s m0 b,r. cine Namen erweckt Sympathie, der .bere das Gegenthc.l Freilich sind dieGeschmäcker" t,er= Ä , ^nC 96e Kluft zeigt sich auch hier zwischen den ,le" und denUngebildeten", wie man kurz aber Id) die Menschen nennt, je nachdem sie eine höhere oder

*) Aus derFranks. Zlg."

nur die Volksschule besucht haben. Nicht etwa, daß dieGe­bildeten" gelehrte Namen bevorzugten und dieUngebildeten" schlichte,- eher ist das Gegentheil der Fall. DieGebildeten" wählen nüchterne, sachliche, deutliche Namen, ohne Rücksicht auf Wortlaut, ohne Anregung der Phantasie- dieUnqe- bildeten" bevorzugen schöne oder wenigstens fremdartig klmgendc, oft recht kühne und phantastische Bezeichnungen, an die träumerische Gedanken leicht anknüpfen können. Freilich trifft diese Regel nicht immer zu. Daneben gilt noch die andere Regel, daß ungelehrte Leute gern einen kurzen, ein- fadien Namen wählen, wo die gelehrten Umständlichkeiten machen. Die einen gründen einenSparverein", die andern eine Gesellschaftzur Beförderung der Sparsamkeit" oder zur Bekämpfung .der Unwirthschastlichkeit". Ein Beispiel für beide Regeln mögen die Menschen hcrgcben, die der Theorie, daß man wohl mal zu viel aber nie genug trinken könne, nicht bcistimmcn. Sic werden sich zu einem Mäßig- keils- oder Enthaltsamkeitsvcrein zusammenschlicßen: einfache Leute werden die Vereine auch so nennen.

Wir hatten in Deutschland in den dreißiger und vierziger Jahren viele Vereine mit diesen Namen, jetzt gibt es von denEnihaltsamkeitsvereiricn" nur noch versprengte Reste einMäßigkeitsverein" ist 1890 in Bremen, vornehmlich von Arbeitern, neubegründet und der einzige seines Namens. Als 1888 die Mäßigkeitsfreunde der höheren Klassen einen Ver­band schufen, nannten sie ihnDeutscher Verein gegen den Mißbrauch geistiger Getränke". Das ist deutlicher, aber man geht wohl nicht fehl, wenn man die Erfolglosigkeit des Vereins bei der Werbung von Mitgliedern imVolke" zum großen Theil dem unschönen Namen zuschreibt. Auch dieVereine

zgir Bekämpfung des Alkoholgenusses", die von Zürich und Basel ausgehen, werden einen anderen Titel wählen müssen um das Herz des gemeinen Mannes zu gewinnen. Klug gewählt für die Wirksamkeit im Volke haben ihren Namen die beiden Enthaltsamkcitsvcreine, die alsBlaues Kreur" und alsGuttcmpler" sich vorstellen,- sie hatten denn auch bei gewöhnlichen Leuten verhältnißmaßig viel Erfolg,- als Guttempler" oberunter der Fahne des Blauen Kreuzes" kämpft Mancher, der blos für dieEnthaltsamkeit" nicht zu Haden wäre.

Ausschreiben.

Seit dem 17^ Iso Mts.,'Vormittags, fehlt dahie'r die «kargaretha Rausch, Tochter der Johannes Roß Zhefrau zu Gießen. 0

Das Kind ist am 10. November 1885 geboren hat ilonbeä Haar, trägt dunkles karrirtes Kleid und ist für sein Alter nein. * 1

Da anzunehmen ist, daß dem Kinde ein Leid zuqestoßen iriuchcn wir um Nachforschung nach demselben und um llachncht.

Gießen, den 18. August 1892.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Bekanntmachung.

Zu Groß-Rechtenbach, Kreis Wetzlar, ist die Maul- und Klauenseuche ausgebrochcn.

Gießen, den 18. August 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Wieseck, am 17. August 1892. Betreffend) Decanatsmissionsfest.

Das Großh. evangelische Decanat Gießen an die evangelischen Pfarrämter und Gemeinden des Decanats.

... ^'er diesjähriges Decanatsmissionsfest soll am r°" Vormittags 9-/, Uhr in der Gemeinde Edem Festprediger sind Vormittags (äußere Mission): Pfarrer Weber in Münster und Missions- predtger Thumm in Frankfurt, Nachmittags (innere Mission): Pfarrer Spieß in Waldgirmes und Pfarrer Graf in (Hambach.

Die Herren Geistlichen werden ersucht, am Feste mit t^ren Familien therlzunehmen, auch ihre Gemeinden zur Theil- nahme einzuladen.

Wahl.

Bekanntmachung.

Bei der infolge der außergewöhnlichen Hitze eingetretenen außerordentlichen Zunahme des Wafferverbrauchs, verbunden mit dem infolge der anhaltenden Trockenheit eingetretenen empfindlichen Rückgang des Quellenergusses, wird hiermit zur Vermeidung der damit verbundenen Unzuträglichkeiten und Gefahren die Gntnahmc von Wasser aus den öffent­lichen Bcntilbrunncn der Quellwasserleitung für gewerbliche und landwirthschaftliche Zwecke auf Grund des Art 56 pos. 2 der Städteordnung bei Meldung einer Polizeistrafe bis zu 90 Mark untersagt.

Des weiteren wird davor gewarnt, durch Offenstehen- lafscn der Brnnncnventile, sowie unnöthiges Aus­spülen von Gefäßen und ähnliche Handlungen, Wasser aus der Wasserleitung zu vergeuden.

Vorstehende Anordnung bleibt in ihrem ganzen Umfange während der nächsten vier Wochen in Kraft.

Gießen, den 19. August 1892.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.

Deutsches Reich.

Berlin, 19. August. In der inneren deutschen Politik herrscht gegenwärtig vollständig die sommerliche Ruhe, und es gäbe von diesem Gebiete nichts Namhaftes zu berichten, wenn nicht schon jetzt künftige Ereignisse resp. Vor­lagen des Reichstages ihre Schatten vorauswürfen. Die große Frage der nächsten parlamentarischen Session scheint nämlich eine neue Militärvorlage, welche das Reichsgesetz der allgemeinen Wehrpflicht noch mehr als bisher zur -Geltung bringen soll, zu sein. Die neue Militärvorlage hat aber natürlich auch gleichzeitig das Bedürfniß nach neuen Reichs- emnahmen erweckt, und sind offenbar, aus mehrfachen offiziösen »ettungsnachrichten zu schließen, die deutschen Finanzmänner daber, zu untersuchen, ob nicht durch eine neue Tabak- oder Biersteuer weitere Einnahmequellen erreicht werden können. Diebin Auspcht'stehende neue Militärvorlage hat auch wieder . F^ge der zweijährigen Dienstzeit zur Erörterung gebracht, mdem man aus diese Weise eine wirthschaftliche Erleichterung für die großen persönlichen und finanziellen militärischen Leistungen zu erreichen hofft. Da thalsächlich bereits jetzt der größte Theil der Infanteristen nur zwei Jahre dient,

So läßt sich in der Regel schon aus dem Namen schließen, was für Leute den Verein gegründet haben. Nehmen wir die Wohlthätigkeitsvereine.Gegen Armennoth und Bettelei", gegen Verarmung",für Naturalverpflegung", diese Wend­ungen zeugen davon, daß moderne Volkswirthe und Beamte Pathen waren. Ein