Nr. 16
Mittwoch de« 20. Januar
1892
Der chießeuer Anzeiger erfdiciiit täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher Theil.
Gießen, am Januar 1892. B et r.: Ausbildung von Obstbaumwärtern.
Der Director des landlvirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen
an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.
Der landwirthschaftliche Bezirksverein Gießen hat in dem Voranschläge pro 1891/92 eine Subvention von 600 Mark für junge Leute, welche an einem Obstbaumwärter-Cursus Theil nehmen, in Ausgabe vorgesehen. Der Betrag von 300 Mark ist zu diesem Zwecke dem landwirthschastlichen Bezirksverein von der Sparkasse zu Grünberg unter der Bedingung zur Verfügung gestellt worden, daß auch jungen Leuten aus dep zum Sparkaffebezirk Grünberg gehörenden Orten zum Besuche eines Obstbaumwärter-Cursus die entsprechende Subvention bewilligt wird.
Bewerber um Bewilligung dieser Subvention aus den zum Kreise Gießen und den zum Sparkaffebezirk Grünberg gehörenden Gemeinden der Kreise Alsfeld und Schotten werden zur alsbaldigen Einreichung ihrer Gesuche und etwaiger Zeug-, niffe bei der betreffenden Bürgermeisterei unter dem Anfügen aufgefordert, daß unter mehreren Bewerbern die Priorität der Anmeldung Anspruch aus vorzugsweise Berücksichtigung gibt und daß die Subvention namentlich unbemittelten Personen lugewendet werden wird.
Der Lehrcursus für Obstbaumwärter zu Friedberg dauert 9 Wochen, von welchen 6 Wochen auf die Zeit von Anfang März bis April und 3 Wochen in den Monat August fallest. Der CursuS beginnt am 15. März l. I.
Junge Leute, die an dem Obstbanmwärter - Cstrsus in Friedbetg Theil nehmen, erhalten eine Subvention von 70 bis SO Mark.
Die Großh. Bürgermeistereien werden ersucht, dieser Bekanntmachung die thunlichste Verbreitung zu verschaffen, Anmeldungen entgegenzunehmen und dieselben unter Begutachtung der Gesuche an den Unterzeichneten spätestens bis zum 1. Februar 1892 einzusenden, damit die Gesuche dem Ausschüsse zur Prüfung und Genehmigung vorgelegt werden können.
Zugleich ersuche ich Sie weiter, sich zu bemühen, geeig- nete Zöglinge für den genannten Obstbau-CursuS ausfindig zu machen und zur Änmeldung zu veranlassen.
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Deutsches Reich.
Darmstadt, 18. Januar. Gelegentlich des gestern in Berlin begangenen Krönungs- und OrdenssesteS l
haben u. 91. erhalten: Den Rothen Adler Orden zweiter Klasse mit Eichenlaub: Freiherr v. Plesjen, Gesandter in Darmstadt- den Rothen Adler-Orden vierter Klasse: v. Brock- Husen, Major ä la suite des 2. Großh. Hess. Dragoner- Regimentö (Leib-Dragoner-Negiment) Nr. 24, Vorstand der Militär - Leyrschmiede in Frankfurt a. M., Feldt, Major ä la suite des Infanterie-Regiments Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hessisches) Nr. 116 und im Neben-Etat des Großen Generalstabes, Fulda, Major im Infanterie'Regiment Kaiser Wilhelm (2. Großh. Hessisches) Nr. 116, commandirt als Adjutant beim General-Eommando des 17. Armeecorps- das allgemeine Ehrenzeichen: Amborn, Ober-Feuerwerker im Großh. Hess. Feld-Artillerie-Regiment Nr. 25 (Grobherzogliches Artillerie- Corps).
Berlin, 18. Januar. Am Berliner Hose sand am Sonntag das Ordensfest unter den herkömmlichen Cere- monien statt, Im Ritterffaale des Residenzschloffes wurden dem Kaiscrpaare, welches von den Prinzen und Prinzessinnen des Königshauses umgeben war, die neuernannten Ritter und Inhaber königlicher Orden vom Präses der General-Ordens- Commission, General v. Rauch, vorgestellt. An die Vorstellung schloß sich in der Capelle der Festgottesdienst an, an welchem die kaiserlichen Majestäten, die Prinzen und Prinzessinnen, die Hofstaaten, die neuernannten Ordensritter und die hstrzu emgeladenen alten Ritter theilnahmen. Dann folgte im Weißen Saale Galatasel, bei welcher der Kaiser den üblichen Trinkspruch aus die neuen Ritter ausbrachte. Ein vom Kaiserpaare im Ritkersaale abgehaltener Cercle beschloß die glänzende Festlichkeit. Derselben blieb diesmal die Kaiserin Friedrich infolge des Ablebens ihres Neffen, des Herzogs von Clarence, fern, ebenso fehlte Prinz Friedrich Leopold von Preußen, welcher sich in Vertretung des Kaisers zu deff BclsttzungsseicrOHke'-en des Herzogs von Clarence nach England begeben hat.
— Der dem Inhalte nach nunmehr bekannt gewordene und bereits dem Reichstage zugegangene abgeänderte Entwurf des Trunksuchtsgesetzes hat bei der öffentlichen Meinung bis jetzt überwiegend eine ebenso ungünstige Ausnahme gefunden, wie sie bereits dem früheren Entwürfe zu Theil geworden ist. Man findet, daß sich die Vorlage im Vergleiche zu dem bisherigen Entwürfe eigentlich gar nicht weiter zu ihrem Bortheile verändert hat und daß sie im ' Grunde denselben polizeilichen Character trägt, wie der frühere Entwurf. Dieser Anschauung dürfte auch im Reichstage Ausdruck verliehen werden und wenn die Vorlage bei der parlamentarischen Behandlung nicht einschneidende Veränderungen erfährt, namentlich was die gewerbepolizeilichen Bestimmungen und die Strafbestimmungen anbelangt, so ist ihre Ablehnung ziemlich g e w i ß.
FerriUeton.
Ein prsclischer Mensch.
Novellette von Ed. Vogler.
(Schluß aus Nr. 14.)
„Verzeihen Sie, wenn ich nochmals störe," entgegnete jjmer schnell und seine Augen funkelten den verblüfften alten Herrn an, „vor der Thür Ihres Hauses mit einem Bekannten sprechend, hörte ich, wie diese würdige Dame" — er blickte bei diesen Worten aus die immer noch hinter der Schürze ihr Lachen krampfhaft verbeißende Haushälterin — „wie diese Dame — "
„Gehen Sie, Susanne," gebot ihr Herr.
„Wie diese Dame," wiederholte der Doctor zum dritten Male mit immer mehr erhobener Stimme, „Ihrem Mädchen aus dem Fenster zuries, sofort Herrn Doctor Grünstein zu dem Herrn Commerzienrath zu bitten. Ich vertrete Herrn Doctor Grünstein, der augenblicklich seine Sommerreise angetreten hat, ebenfalls, und kam deßhalb zurück, Sie davon in Kenntniß zu setzen, damit Sie ohne Zeitverlust — zu einem dritten Arzte senden können."
„Bravo!" ertönte es da leise in daS Ohr des wie hilflos dreinschauenden Hausherrn. An ihm vorüber rauschte seine Gattin aus den sich zum Gehen wendenden Herrn zu. „Bleiben Sie, Herr Doctor!" ries sie und erfaßte seine Hand. „Im Vertrauen aus unseres Kindes scheinbar wiedergekehrte Gesundheit erachtete mein Mann Ihre Hilfe nicht mehr für nöthig, aber kaum waren Sie gegangen, da erwachte in mir die Sorge um Emma aufs Neue und aus meine Bitte hin sandte mein Gatte, da er fürchtete, durch den so auffällig schnellen Wechsel unserer Ansicht sich bei Ihnen lächerlich zu machen, zu einem anderen Arzte. Kommen Sie also, Herr
Doctor," fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu, und ihre Blicke senkten sich bei ihren Worten beredt in die ausflammeu- den Augen ihres Gegenübers, „ich bin überzeugt, daß nur Sie mein Kind wieder gesund machen können."
„Gewiß, gewiß," fiel nun auch der Commerzienrath ein, dessen unendlich verblüfftes Gesicht dem Arzte ein feines Lächeln abnöthigte. „Wenn Sie also mit meiner Frau nach dem Mädchen sehen wollen — Emma ist im Nebenzimmer." Er öffnete bei diesen Worten die anstoßende Thür und deutete aus die mit einem leisen Schreckenslaut aufspringende junge Dame — dann drückte er, tief ausathmend, den Thürflügel hinter den Abgehenden wieder geräuschlos ins Schloß.
„Donner und Doria, das nenne ich aber einen Reinfall," brummte er, „ich glaube, ich habe diesem Doctor gegenüber gestanden, wie er vorhin mir, ich muß ein unsäglich einfältiges Gesicht gemacht haben. . ' . Hm, hm," fuhr er für sich fort, „aber geirrt habe ich mich in dem doch, schüchtern ist er nicht, ich glaube sogar, der Kerl läßt sich nicht die Butter vom Brode nehmen." Sinnend trat er ans Fenster und blickte nach den Blumen seines Gegenübers hinüber. „Was •er wohl bei Emma für ein Leiden seststellen mag," monologi- sirte er dann weiter, „an seiner Tüchtigkeit ist ja wohl nicht zu zweifeln, denn wem der Geheimerath Winter seine Patienten übergibt, der versteht sein Fach, und auch der alte Grünstein vertraut keinem, den er nicht kennt,- ein tüchtiger Mensch also, ein tüchtiger . . ." Er brach ab und horchte gespannt nach der Thür,- klang es da nicht aus dem Zimmer seiner Tochter wie Jubellaute zu ihm herüber? Schnell trat er dem Eingänge näher und beugte den Kopf wie lauschend vor. . „Nichts," murmelte er, „was doch die Einbildung thnt — aber Ringe, recht lange dauert diese Consultation da brinnen, nun, zum Glück ist ja meine Frau bei den beiden."
Nach diesem Trostspruche zündete sich der Commerzienrath die vorhin erloschene Ctgarre wieder an und wanderte
Berlin, 17. Januar. Seitens des preußischen Justizministers werden gesetzgeberische Maßnahmen gegen die Unsittlichkeit vorbereitet. Der Kamps gegen die Unsittlichkeit, der namentlich seit dem Heinze'schen Prozeß mit verstärktem Eifer geführt wird, richtet sich auch gegen die Vorführung von Schlüpfrigketten und Zoten in Theatern und Tingeltangeln, sowie gegen die Verbreitung unsittlicher Druckschrtsten. Die bisher abgehaltenen Conserenzen dürsten zu Vorschlägen und Erweiterungen des Strafrechts geführt haben, die demnächst den Bundesrath und den Reichstag beschäftigen werden. Gleichzeitig ist auch erwogen worden, ob die bestehenden Vorschriften über den Gewerbebetrieb in den Theatern und Singspielhallen zur Verhütung unzüchtiger Aufführungen und Vorträge und der daraus namentlich für jugendliche Zuschauer und Zuhörer entspringenden Gefahren ausreichen. Die Frage mußte im Allgemeinen bejaht werden, und es kommt zunächst auf strengeu Gebrauch der polizei- lichen Befugnisse an, die sich sowohl aus das Conecssionswesen, als auch aus den Gewerbebetrieb in den Theatern niederer Ordnung nach erthetlur Concession erstrecken. Gegen die Verbreitung von Zotenliteratur aller Art ist vorerst durch erneute Verschärfung dex Vorschriften über den Hausirhandel vorgegangen worden. Wenn auch ein großer Theil dieser Literatur unter Umgehung der Bestimmungen, welche vom Verkaufe im Umherziehen sittlich oder religiös bedenkliche Druckschriften und Bildwerke ansschließen, thatsächlich von umherziehenden Verkäufern abgesetzt wird, so ist doch mit der Erschwerung der Colportage der Kampf gegen solche Machwerke noch keineswegs erschöpft. Beim Bundesrath liegt ein Antrag Braunschweigs vor, der schon die Herstellung, unsittlicher Schriften bestrafen will. Die große Schwierigkeit liegt nur darin, daß eine Definition des l^nsiltlichen,' die' eine mißbräuchliche Anwetrdung auf Geisteserzeugntsse mit sittlicher Tendenz bei Darstellung unsittlicher Verhältmste auSschlösse, nicht gegeben werden kann. Leichter wird es fein,- der öffentlichen Anpreisung unsittlichen Schundes zu Leibe zu gehen.
Ausland.
Petersburg, 17. Januar. Der russische Unterrichtsminister Deljanow verfügte die Schließung von vierhundert deutschen Privatschulen in den baltischen Provinzen.
150. Plenarsitzung. Montag den 18. Januar 1892, 12 Uhr.
Die zweite Beratbung des ReichSdaushaUvetats robb beim Etat der Reichs-Post- und Telegraphenverwaltung fort* flddü.------- ----------- ------
dann langsam durch das Gemach — Minute aus Minute verrann, nichts regte sich. Eben bog der alte Herr zum so und so vielten Male beim Passiren der Thür den Kopf horchend nach dem Schlüsselloch, als sich schnelle Schritte näherten und Herr Wehner gerade noch Zeit beljielt, zurückzutreten, als der Arzt hereintrat.
„Nun, Herr Doctor?"
„Ich darf Sie beruhigen, Herr Commerzienrath," sagte dieser lächelnd, „nichts weiter als ein Herzleiden."
„Ein — ein Herzleiden," stammelte der bestürzte Vater erbleichend. „Herr, und das sagen Sie mit einem solchen Gesicht, als wenn eS sich um einen Mückenstich handelte; ein Herzleiden ist doch immer gefährlich, so viel ich weiß."
„O, nicht jedes," entgegnete der junge Mann, „gegen daS Leiden Ihrer Fräulein Tochter gibt es zum Glück ausreichende Hilfe."
„Haben Sie etwas verschrieben, Herr Doctor?"
„Gewiß! Dars ich bitten, dies hier" — er überreichte dem alten Herrn ein zusammeugefaltetes Recept — „an den Ort seiner Bestimmung befördern zu lassen."
„Sie meinen, in die Apotheke zu senden?" erwiderte Herr Wehner.
„Nicht doch, in die Expedition des Kreisblattcs - ich garan» tire, falls Sie meine Verordnung sanctioniren, für eine radicale Beseitigung des Leidens, doch ist in der Apotheke dafür ein Kraut nicht bekannt."
„Was wollen Sie damit sagen, Herr?" rief der (Som- merzienrath rauh und faltete daS Papier auseinander, „treiben Sie Ihren Scherz mit mir ? — Ah, aber seh ich denn recht?" fuhr er fort, bald auf das Papier, bald auf den vor ihm Stehenden starrend, um dann plötzlich lesend fonzufahrcn; „Die Verlobung ihrer Tochter mit Herrn Dr. med. Carl Röhn erlauben sich hierdurch ergebest anzuzeigen Cvmmcrzien-


