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19/11/1892 Zweites Blatt
 
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Nr. 271 Zweites Blatt. Samstag den 19. November 1892

Der

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Annahme Bon Anzeigen zu her Nachmittag» für bat tilg enden log .rfcheinenben Nummer bis Bonn. 10 Ulst.

Da durch dieses vorschriftswidrige Verfahren ein geord­neter Geschäftsgang ungemein erschwert und die Ausfertigung der Versicherungsurkunden unnöthiger Weise verzögert wird, was in letzter Zeit zu berechtigten Beschwerden der Gebäude- Eigenthümer vielfach Anlaß gegeben hat, so sehen wir uns veranlaßt, Sie zur pünktlichen Befolgung der obigen Be­stimmungen aufzufordern und anzuweisen, die von den Ge- bäude - Eigenthümern gestellt werdenden Vrandversicherungs- Anträge den Gebäudeschätzern unverzüglich mitzutheilen, die zurückgelieferten Schätzungsverhandlungen aber den Ge- bäude-Eigenthümern alsbald zu eröffnen und nach Ablauf von acht Tagen nach der stattgehabten Eröffnung Großh. Brandversicherungskammer vorzulegen.

v. Gagern.

ruhende Schuldenlast noch so groß ist. Es ist gewiß in diesem Blatte nicht nöthig, daraus hinzuweisen, wie segens­reich solche H-imath für die Handwerksburschen ist und wie das christliche Erbarmen daselbst sür Leib und Seele der das Haus Besuchenden wirkt. Würden sich nicht in den kirchlichen Kreisen Gießens edle Herzen finden, die durch Gqben, Ge­schenke, Vermächtnisse der aus dem Hause ruhenden Schulden­last abhelfen würden? Noch erwähnen wir, daß ganz kürzlich in Gießen ein evangelischer Arbeiterverein gegründet worden ist. Wir begrüßen den jungen Verein und wünschen, daß er Vielen ein Segen werde und sie bei der kirchlichen Gemein­schaft erhalte oder Wiedergewinne. Den Schluß des Tages bildete das Referat des Herrn Pfarrer D. Rade aus Frankfurt über die Stellung der kirchlichen Organe zu den b äuerlichen Vereinen. Man merkte dem Redner, der früher auf dem Land gewirkt hat, das warme Herz für den Bauernstand an. Er schilderte die schwere Krisis, die gegenwärtig der Kirchlichkeit unseres Bauernstandes drohe - er streifte die Leistungen einiger Parteien sür den Bauern­stand, kam aber zu dem Ergebniß, daß nur die Kirche durch Weckung selbstständigen, bewußten Christenthums Helsen könne. Der Correserent war Herr Psarrer Dietz aus Messel, der, berühmt durch seine Volksthümlichkeit, zuerst die dem Bauernstände aus Mammonismus, Materialismus und Social- democratismus drohenden Gefahren schilderte, sodann, wie die Kirche sür Organisation des bedrängten Bauernstandes wirken müsse, besonders im Sinne der Raiseissen'schen und Schorlemcr-Alst'schen Vorschläge. Wir müssen uns versagen, genauer auf den Inhalt seines Vortrages einzugehen. Wir sehen zurück auf eine überaus schön verlausene Jahresver­sammlung. Möchten doch mehr kirchlich gesinnte Laien sich zur Mitarbeit an den so wichtigen Arbeiten der inneren Mission gewinnen lassen. Beitrittserklärungen nimmt in Gießen der Vorstand, in den Landgemeinden der Ortsgeist­liche gern entgegen. Jahresbeitrag ist zwei Mark. Den großen socialen Nothständen gegenüber haben Alle, die unser Volk lieb haben, die heilige Pflicht mitzuarbeiten und nicht zu sagen: was geht das mich an? Möchten doch diese Zeilen mehr Herzen und Hände öffnen.

Das Jahresfest des Oberhessischen Vereins für innere Mission

fand am 16. d. M. in der Stadtkirche zu Gießen statt. Die Predigt hielt Herr Professor 0. Reischle - er predigte aus Grund der Stelle im Galaterbrief Cap. 6, 1 und 2 von der

Die Großh. Brandversicherungskammer zu Darmstadt hat uns mitgetheilt, daß den Bestimmungen der Artikel 8 ; und 11 des Gesetzes vom 28. September 1890, nach denen! die von den Gebäude - Eigenthümern beantragte Schätzung , ihrer Gebäude durch die Bauschätzer ohne Verzug zu veran- laffen, die betreffende Schätzungsverhandlung aber dem Ge- ; bäude-Eigenthümer alsbald zu eröffnen und nach Ablauf von acht Tagen nach der Eröffnung der Brandversicherungs-

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Großen'-Lmden.

Nachdem die Maul- und Klauenseuche zu Großen-Linden erloschen ist, haben wir die über die Gemarkung verhängte Sperre wieder aufgehoben. Die Ermächtigung der Großh. Bürgermeisterei Großen-Linden zur Ausstellung von Vieh- gesundheitsscheinen erstreckt sich indeß vorläufig nur auf Thiere, welche zur sofortigen Schlachtung ohne erst in einen fremden Stall oder auf einen Markt zu kommen ausge­führt werden. In allen anderen Fällen ist, einerlei, ob der Aussührende Händler oder Landwirth ist, ein thierärztliches Gesundheilszeugniß erforderlich.

Gießen, den 17. November 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern. _

brüderlichen Gemeinschaft der Liebe und zeigte, wie Einer des Andern Last tragen und Einer dem Andern zurechthelfen solle- aus dem reichen Inhalt der in die Tiefe der Schrift und der Aufgaben der inneren Mission dringenden Predigt wollen wir nur hervorheben, daß der Herr Redner die eigent­lichsten und tiefsten Aufgaben der inneren Mission in der Rettung resp. Bemühung um die Rettung der einzelnen Seelen erblickte. Die Verdienste der allgemein menschlichen Wohl- thätigkeitswerke wollte er nicht schmälern, ja noch Nachwirk­ungen des Geistes Christi darin erblicken, aber Eins fehle denselben, nämlich die rettende Liebe, die an die Seele denkt. Nach dem Gottesdienst fanden die Verhandlungen statt. Den Rechenschaftsbericht über das verflossene Arbeits­jahr des Vereins erstattete Herr Pfarrer Schlosser. Aus dem Berichte war der gedeihliche Fortgang der Werke der inneren Mission in Oberhessen zu erkennen/ In Fried­berg sind nette Häuser gebaut worden, welche an Arbeiter überlassen werden, ganz im Sinne der gleichartigen Unter­nehmungen des Pastors vonBodelschwingh in Bielefeld; es liegt die Absicht zu Grunde, den Arbeiter durch kleine Theilzahlungen allmählich zum Besitzer eines eigenen schulden­freien Heims zu machen. Heil den Männern, die diese dringende sociale Aufgabe in die Hand genommen haben Qmt lluu. utL e-tv,vvv zum Wohle der Arbeiter. Die Herberge zur Heimath

Kammer vorzuleaen ist, von den Grvßh- Bürgermeistereien! in Gießen, von dem Verein gegründet, nimmt gedeihlichen

- - - | Fortgang. Zu bedauern fft nur, daß die aus dem Haus

Bekanntmachung,

betreffend Maul- und Klauenseuche zu Ettingshausen.

Wir haben der Großh. Bürgermeisterei Ettingshausen die Ermächtigung zur Ausstellung von Gesundheitsscheinen für auszuführende Rindviehstücke, Schafe, Ziegen, Schweine wieder ertheilt.

Gießen, den 16. November 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Gießen, den 16. November 1892.

Betr.: Die Ausführung des Gesetzes vom 28. September 1890 über die Braudversicherungsanstalt sür Gebäude.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien de- Kreises.

Feuilleton.

Im Iugendübermuth.

Novelle von C. Gerhard.

(Nachdruck verboten.)

Die Morgensonne schien hell in ein hohes, kostbar und geschmackvoll ausgestattetes Gemach. An einem reich besetzten Frühstückstische saßen zwei Damen, beide jung, schön und anmuthig und doch von einander sehr verschieden. Die sylphen- haste Figur der einen war in ein weißes Morgengewand gehüllt, aus den blonden Haaren trug ste ein zierliches Häubchen, daS Zeichen der Frauenwürde. Ihr zartes Ge­sichtchen mit den strahlenden Kinderaugen und dem lieblichen Ausdruck war ungemein anziehend. Die andere, ihre Freun« bin Hertha v. Ramin, war wunderschön gewachsen und ebenso schön war das klassisch geschnittene Antlitz. Sie war bereits in voller, wenn auch einfacher Tagestoilette.

Beide Damen unterhielten sich sehr lebhaft- gemeinsame Erinnerungen an das Pensionslcben gaben ihnen unerschöps- lichen Stoff. Plötzlich drangen durch das geöffnete Fenster die munteren Töne eines Militärmarsches. Die kleine Frau sprang wie elecirisirt auf.Ah, da kommen gewiß die Kürassiere zurück. So kann Hans noch mit uns frühstücken. Sie beugte sich weit zum Fenster hinaus,, wandte sich aber enttäuscht zurück.Leider sind sie es nicht, sondern eine Schwadron Ulanen. Doch bitte, komm, es wird Dir Ver­gnügen machen, die prächtige Schaar zu sehen."

Hertha folgte dem Ruse- immer näher erklang die RegimentSmusik, der Boden erdröhnte unter den Husen der Roste- voran ritten mehrere Offiziere.

Welch herrliche Pferde!" ries Hertha entzückt.

Frau v. Hardeck lachte hell aus.Ja, die siehst Du als echtes Landkmd zuerst, danach kommen die Menschen und doch sind unter den Offizieren des Ulanenregiments einige

selten gut aussehende Herren, namentlich mein Liebling, der jüngste Premier. Dort kommt er! Sitzt er nicht wie ein

Centaur aus seinem Goldfuchs und ist er nicht bildhübsch, ein wahrer Apoll?!"

Ich möchte ihn eher einen Antinous nennen. Dte strengen, ernsten Linien des hehren Götterantlitzes fehlen ihm. Im Uebrigen liebe ich die sogenanntenschönen Männer" eigentlich nicht. Wie heißt denn Dein Protege?"

Die kleine Frau trat in militärischer Haltung vor die Freundin und schnarrte:Lieutenant Graf Horst von Leuen, zu dienen, gnädigstes Fräulein!"

Graf Horst von Leuen?" fragte Hertha nachsinnend. Ich habe einst einen Leuen gekannt, er war ein sehr schöner Knabe, damals Lichterselder Cadett."

Dann ist es natürlich unser Leuen. O, wie reizend, daß Du ihn schon kennst! Er ist wohl gar eine Kinderliebe von Dir? Beichte, Hertha! Kommt das allerliebste Heine'sche Liedchen aus Euch in Anwendung:

Mein Kind, wir waren Kinder,

Zwei Kinder klein und froh, Wir krochen ins Hühnerhäuschen, Versteckten uns im Stroh?"

O Herz." wehrte Hertha lachend,wohin führt Dich Deine romantische Phantasie? Ich bin mit Deinem Helden nur einmal zusammen gewesen- ich war neun, er etwa süns- zehn Jahre alt. Unsere Nachbarn, die Drostes auf Ebers­burg, gaben ein großes Kinderfest, zu dem ich sehr ungerne hinsuhr, denn ich machte mir wenig aus meinen Alters­genossinnen und ihren Spielen."

Ja, Du warst immer anders als wir alle," schaltete Frau Else ein.Aber erzähle weiter, ich brenne vor Neugierde."

Nun, anfangs spielte ich mit- bald aber schlich tch mich fort, sand im Park ein herrliches schattiges Plätzchen, warf mich ins Gras und schlief ein. Plötzlich weckte mich eine seltsame Empfindung und ausschauend bemerke ich einen Cadetten, der mich mit brennenden Blicken anstarrt. Wie der Wmd war ich aus den Füßen und fragte ihn höchst I erregt, wie er sich erlauben könne, mich durch sein Anschauen

zu wecken. Da erwiderte er unsagbar spöttisch und hoch- müthig:Verzeih, ich glaubte ein Dornröschen gefunden zu haben, seh aber, daß es nur Prinzessin Rührmichnichtan ist." Sprachs, wandte sich stolz und verschwand."

Wie köstlich!" jubelte Frau v. Hardeck.Das ist doch romantisch und nun sollt Ihr beide hier zusammenkommen. Hans muß das einrichten."

Was muß HanS einrichten?" fragte eine tiefe, männ­liche Stimme und ein Arm legte sich zärtlich um Frau Elsens schlanke Taille.

O, Hans, wie Du mich erschreckt hast! Böser, lieber Mann, sich einzuschleichen und unsere intimsten Gespräche zu belauschen!"

Du sprachst ja aber von mir, Kleinstes, und nun will ich meinen Morgenkuß."

Da hast Du ihn, Du Bär, Du Tyrann, Du einziger, goldener Mann!"

Und sie hing an seinem Halse und er drückte feine, bärtigen Lippen immer wieder aus ihr reizendes Gesichtchen- endlich wand sie sich erglühend aus seinen Armen.

Wir sind nicht allein, Liebster, was wird Hertha von- uns denken?" j

Daß das Glück in seiner schönsten Gestalt hier wohnt,"j gab jene bewegt zurück und empfing den respeetvollen Handkuß des Rittmeisters. j

Darauf saßen sie noch längere Zeit am Frühstückstische und nachdem Herr v. Hardeck seinen Appetit befriedigt, übe: f reichte er seiner Frau drei rothe Karten.

Ah, Karten zum Rennen," sagte sie erfreut,toi( lieb von Dir, sie besorgt zu haben. Hertha wird bou unseren ganzen Bekanntenkreis sehen, vor allem aber | schönsten Rosse, denn Du mußt wissen," wandte sie sich wr schelmischem Lächeln an ihren Mann,si: interessirt sich mcM sür Pferde wie sür Menschen!"

(Fortsetzung folgt.)