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Nr. 67.

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

Die Gießener AnmitieuötLiter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

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Erstes Blatt Samstag den 19. März

Gießener Anzeiger s

y y Redaktion, Expedition

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Keneral-Mnzerger. ' *£»

Amts- und Zlnzeigeblott. füv den TLreis Gieren.

Hratisöeikage: Gießener Jamikienökätter

Bergleute am Montag die Arbeit

wieder auf-

Alle Annoncen-Vureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen

der neuen bereits von

Uhr begann des Kaisers

angehörigen nehmen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis vorm. 10 Uhr.

(entleer Re^stog.

196. Plenarsitzung. Donnerstag den 17. März, 12 Uhr.

Die dritte Berathung der Novelle zum Krankenoer- icherungsgesetz wird fortgesetzt.

S 55«, welcher in der zweiten Lesung neu ausgenommen wurde, bestimmt, daß auf Antrag von mindestens 30 Versicherten die höhere Verwaltungsbehörde nach Anhörung der Kasse und der AufsichtS behörde die Gewährung der Kassenleistungen durch weitere als die von der Kaffe bestimmten Aerzte, Apotheken und Krankenhäuser versügen kann.

Deutsches Aerch.

NN. Darmstadt, 17. März. Die Zweite Kammer der Stände trat heute Morgen unter dem Vorsitz ihres Präsidenten, Kugler-Offenbach, zu einer zweitägigen Sitzung zusammen, um über die an Seine Königliche Hoheit den Großherzog Ernst Ludwig zu überreichende Beileidsadresse zu berathen. Zunächst widmete Präsident Kugler dem leider zu frühe dahingeschiedenen Landesfürsten Ludwig IV. einen warmen Nachruf. Er betonte deffen Herrschertugenden, seinen hohen Sinn für die Arbeiten des Friedens und sein loyales Benehmen gegen alle seine Unterthanen. Diese Character- züge sicherten dem Dahiugeschiedenen in allen Kreisen der Bevölkerung Hessens ein unvergeßliches Andenken. Das Haus hatte sich während der Rede von den Sitzen erhoben. Die socialdemokratischen Abgeordneten waren nicht anwesend. Für die während der letzten Tagung verstorbenen Mitglieder des Hauses, Abgeordneten Ohly und Mathäi, erhoben sich die anwesenden Mitglieder der Kammer von ihren Sitzen. An deren Stelle wurden nunmehr die Abgeordneten Christ von Wörrstadt und Scherer von Höchst vereidigt. Von dem Grobherzog Ernst Ludwig sind zwei Schreiben an das Haus gelangt, worin der Tod seines erlauchten Vaters mitgetheilt wird und der Großherzog versichert, daß er getreu den Traditionen seines Vorfahren bestrebt sein werde, das von ihm Begonnene zu beenden und daß er die hessische Ver- assung hochhalten werde. Er halte sich aber der Mitwirkung und der Treue in dieser Arbeit seiner Landstände stets ver- lchert. Das Haus beschließt, eine Erwiderungs-Adresse an Seine Königliche Hoheit abgehen zu lassen und wird zum Entwurf einer solchen eine Commsision, bestehend aus den Abgeordneten Dr. Schröder, Wolsskehl, Heinzer- ling, Jöckel und Osann, gebildet. Die Adresse ge­langt morgen früh zur Berathung. Morgen früh 9 Uhr Sitzung.

Neueste Nachrichten.

WalftS tkleqrapbisch^S Eorrelv^ndenz-Bur^av.

Berlin, 17. März. Das Armee-Verordnungsblatt ver« öffentlicht die Bestimmungen über die diesjährigen größeren Truppenübungen, wonach das 8., 14. und 16. Corps Manöver vor dem Kaiser abhalten, wozu bei dem 8. und 16. Corps je eine Cavalleriedivision aufgestellt wird.

London, 17. März. Von einer Conferenz der Berg­leute wurde einstimmig beschlossen.' Da der Zweck der Arbeitseinstellung erreicht worden, sollen alle dem Verbände

Abg. Leuschner (Rp) beantragt Ablehnung dieses Antraas, welcher die an sich berechtigte Humanität zum Schaden der Kassen zu weit treibe.

Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) beantragt folgenden Zusatz: Wenn durch die von der Kasse getroffenen Anordnungen eine den berechtigten Anforderungen der Versicherten entsprechende Gewährung lener Leistungen nicht gesichert ist."

Abg. Abg. Dr. Hir sch (dfr.) stimmt dem Anträge Stumm zu und befürwortet folgenden wetteren Zusatz: Durch Beschluß der Verwaltung der Gemeindekrankenversicherung und durch das Kassen­statut kann bestimmt werden, daß den Versicherten an Stelle der vorgeschriebenen Leistungen der Ersatz der Aufwendungen, welche sie hierfür gemacht haben, in Höhe des Krankengeldes gewährt werde. . Abg. v. d. Schulenburg-Beetzendorf (cons.) spricht sich für den Antrag Stumm, aber gegen den Antrag Hirsch aus und beantragt, daß die Hilfe von Nichtärzten nur dann von der Gemeindekranken- versicherung oder der Krankenkasse zu bezahlen sein soll, wenn diese Hilfe auf ärztliche Verordnung geleistet oder in dringenden Fällen angerufen worden ist.

. Abg. Dr. Meyer (dfr.) tritt für den Antrag ein. Wenn man den Kassen den Zwang auserlege, ärztliche Behandlung zu gewähren, w müsse man auch aussprechen, was ärztliche Behandlung sei Allerdings liege ein gerichtliches Erkenntntß vor, welches nur die Behandlung durch approbtrte Aerzte als ärztliche Behandlung gelten laste, aber es kämen doch noch fortgesetzt falsche Auslegungen des Begriffes vor. Durch das Gesetz werde der Aerzteftand schwer ge schädigt; man möge diese Schädigung nicht noch weiter treiben, indeo man Kurpfuscherei begünstige. Damit lege man die Axt an die Wurzeln der Wissenschaft.

Abg. Frhr. v. Wendt (Ctr.) erklärt es für dringend wünschens- werth, daß die Kaffen, wo irgend angängig, ihren Mitgliedern die Auswahl unter möglichst vielen Aerzten überlassen. Die vom Antrag o. d. Schulenburg berührte Materie sei bei der Gewerbeordnung, nicht so nebenbei hier, zu reguliren. Er bittet den Antrag ad- zulehnen.

Ministerialdirector Lohmann spricht gegen die Antrags o. d. Schulenburg und Hirsch. Der Antrag v. d. Schulenburg ver biete den Kassen, eine Hilfeleistung zu vergüten, der jeder fürsorgliche Familienvater gegebenen Falls in Anspruch zu nehmen sich für ver­pflichtet halten werde. Die Aerzte seien durch das Krankenkassen­gesetz nicht geschädigt worden, im Gegentheil gelangten jetzt zahlreiche Falle zur ärztlichen Behandlung, für die früher ärztliche Hilfeleistung nicht herangezogen wurde. Der Antrag Hirsch liege nicht im Interesse der Versicherten und würde die Kassen schädigen.

Abg. Eberty (dfr.) befürwortet den Antrag v. d. Schulenburg der endlich die Frage zum Abschluß bringe, was ärztliche Behandlung I Jet Mit der Ablehnung des Antrags würde die Frage offen bleiben. Der Eintrag Hirsch sei nur annehmbar mit der Annahme des Antrags v. d. Schulenburg.

Abg. Möller (nall.) empsiehlt gleichfalls den Antrag v. o. Schulenburg mit einigen Modificationen und folgendem Zusatz:

Zahlung des Krankengeldes erfolgt auf Grund ärztlicher Be­scheinigungen. Bescheinigungen von Nichtärzten sind nur in solchen fallen zu berücksichtigen, in welchen die Hilfe eines Nichtarztes bezahlt werden muß." Man sei es dem Aerzteftand schuldig, auf ihn Rück: sicht zu nehmen, umsomehr als er sich hohe Verdienste um die Durch­führung der Socialgesetzgebung erworben habe.

_____ (Schluß folgt.)

Schriftsetzer. Anarchistische Flugblätter und Zeitungen wurden beschlagnahmt.

Berlin, 18. März. DerKreuzzeitung", demTage­blatt" und derVoss. Zeitung" wird von einem Bericht­erstatter gemeldet, der Hauptgegenstand der Berathung deS gestrigen dreistündigen Kronraths war zweifellos' das Volksschulgesetz. Der CultuSminister hatte seine Ab­wesenheit von der VolkSschul-CommissionSsitzung durch die Kronrathssitzuug entschuldigen, aber zugleich sagen laffen, daß er nach Beendigung der Kronrathssitzuug erscheinen werde, statt dessen ließ er später mittheilen, daß er durch Ministerial

Depeschen deSBureau Herold".

17. März. Heute Vormittag 11

Berlin, 17. März. Das Zustandekommen Schloßlotterie scheint gesichert. Dieselbe ist einem Finanzconsortium übernommen. Man plant eine große Terrasse aus der Südseite des Schloffes, sowie Niederlegung der Häuser zwischen der Spree und der Breiten Straße.

Berlin, 17. März. Gestern Nachmittag sanden wiederum Anarchistenverhaftungen und Haussuchungen statt. Unter den Verhafteten befindet sich ein Metalldreher und ein

wirbel, der sich mit den klagenden Glookenstimmen eigen vermischte.

Programmgemäß entwickelte sich der Zug in seinen verschiedenen Abtheilungen. Da war alles vertreten, vom höchsten militärischen Würdenträger und Staatsbeamten an bis zu der einfachsten Charge. Dem?von acht Pferden be­spannten Leichenwagen schritten zur Seite die zur Begleitung befohlenen Generale und Stabsoffiziere und je ein Hos- stallmeister. Das Schwarz des Trauerwagens war gänzlich verdeckt von der Fülle der Blumen und Kränze. In der Uniform des Leibgarde-Regiments schritt der junge Groß- herzog Ernst Ludwig als der nächste Leidtragende hinter dem Sarge her. Der vom Helmbusch rückwärts herabwallende Trauerflor und das bleiche, ernst zur Erde gesenkte Gesicht stimmten zu tiefem Mitgefühl. Man hatte den Eindruck: wenige Tage können den Jüngling zum Manne reisen. Ihm an schlossen sich die hier gegenwärtigen fürstlichen Personen, die Häupter der ftandesherrlichen Familien, der Staatsminister, die außerordentlichen Abge­sandten und die Mitglieder des diplomatischen Corps. Das Vorbeipassieren des ganzen Conducts nahm über 40 Minuten in Anspruch.

Man hatte Sorge getragen, die Wege, welche der Zug nahm, am Morgen mit weißem Sand zu bestreuen, so daß sich das Ganze ziemlich lautlos abwickelte, der ernsten, ge­haltenen Stimmung des Publikums angemessen.

Nun haben sich die Pforten des Mausoleums hinter dem geliebten Todten geschlossen, das Gefolge ist draußen zurückgeblieben, nur Wenige dursten Ihm das Geleit in die stille Gruftcapelle geben, die der nun unaufhaltsam nieder­sinkende Blumenregen zum Garten wandelt. Der laute L>trom des Lebens, der sich noch einmal in reichstem Pomp der Trauer um den Fürsten ergoß, ebbt zurück. Tiefes Schweigen ist eingetreten nach den hochgehenden Wogen schmerzlicher Aufregung, und der-Friede Gottes weht über die Höhe, wo unser Landesfürst die ewige Ruhe gesunden hat.

Amtlicher Theil.

Bekanntmachung.

betreffend die Zulassung von Loosen auswärtiger Lotterien zum Vertrieb im Groscherzogthum.:

Wir bringen hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz dem Vorstände derStündigen Ausstellung für Kunst und Kunst­gewerbe in Weimar" die Erlaubniß ertheilt hat, die Loose einer im Juni und December l. I. zu veranstaltenden Ver- loosung von Gegenständen der Kunst und des Kunstgewerbes innerhalb des Großherzogthums zu vertreiben.

Bemerkt wird noch, daß nach dem von der zuständigen Behörde genehmigten Verloosungsplan 40 000 Loose zu je I Mk. das Stuck ausgegeben werden dürfen und 20000 Mk. zum Ankauf von Gewiunsten verwendet werden muffen.

Gießen, den 14. März 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. G ag ern.

Berlin, eine Kronrathssitzung unter dem Vorsitze im königlichen Schlöffe.

Zur Landestrauer.

Die Bestattung.

(Originalbericht für denGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 17. März.

E. M. Alle Details der Trauerseierltchkeiten hatte der I neue Großherzog Ernst Ludwig dem Hofceremonienmeister überlassen, nur den einen . p ersönlich en Wunsch hatte er dabei geäußert, den Vater bis zum letzten Augenblick im I Palais behalten zu wollen. So hatte man denn von der sonst üblichen Uebersührung der Leiche in die Schloßkirche I zur Abendstunde und mit Fakeln Abstand genommen, und die Bestattung erfolgte vom Palats aus, woselbst der ver­storbene Großherzog während Seiner Regierungszeit Stunden der Trauer und Freude gleichmäßig genossen hat.

In den Morgenstunden des 17. März bereitete sich die Ouvertüre des.Trauerschauspiels vor. In Schaaren strömten die Leute aus der Umgegend herein,- jeder Bahnzug be­förderte neue Theilnehmer. Wohin der Blick fiel, sah er auf Deputationen von Vereinen, umflorte Fahnen und Grabkränze.

Fahnen und Blumen! es ist eigen, daß Trauer und Freude denselben Schmuck anlegen müssen!

Die Straßen, durch welche der Trauerzug sich bewegen sollte, waren schon um die neunte Stunde von Tausenden von Menschen besetzt. Trotz des colossalen Zudrangs herrschte eine musterhafte Ordnung, tm wohlthuenden Gegensatz zu den Scenen, die sich zwei Tage zuvor bei Besichtigung der i Leiche aus dem Marienplatz abgespielt hatten.

Es waren rechtzeitig durch Straßenabsperrung und vorherige Ankündigung derselben alle nothwendigen Vorsichts­maßregeln getroffen worden. Die Fenster der Straßen, durch die der Conduct sich bewegte, waren selbstredend an diesem Tage sehr gesucht. Soll man sich doch auch hier des großstädtischen Brauchs bedient und pro Fenster und Etage entsprechenden Mwthzins erhoben haben.

Um 11 Uhr fand im Großherzoglichen Palais die Ein­segnung der höchsten Leiche durch den Hofprediger Bender statt.

Die Kaiserin Friedrich mit den Prinzessinnen-Töchtern, der Erbprinzeffin von Meiningen, der Prinzessin von Schaumburg-Lippe und der Prinzessin Margaretha standen mit den vier hessischen Prinzessinnen Victoria, Elisabeth, Irene und Alix auf dem Balkon und sandten dem Leichen­wagen die letzten stummen Grüße nach.

Nur um vier Jahre hat unser Großherzog den Waffen­bruder Kaiser Friedrich überlebt, und dessen Wittwe, welche die schwarze Kleidung überhaupt nicht mehr ablegen wird, mag wohl heute noch einmal in ihrem Geiste die Tage über­schaut haben, wo die beiden Männer im Sonnenschein des Glücks wandelten.

Uni 111/2 Uhr bewegte sich der Leichenzug, die Trauer­parade an der Spitze, unter dem Geläute aller Glocken in gemessenem Tempo die Wilhelminenstraße herab. Das erste Musikcorps spielte den Chopin'schen Trauermarsch, eine Musik, die wie keine andere zum Leichenbegängniß eines Fürsten und Kriegers sich eignet. Es ist die unerbittliche Majestät des Todes, die in diesen Tönen in tragischer Erhabenheit vorüberzieht. Und dann der Mittelsatz, das leichte, selige Andante, wie wenn die Seele die Erdeulast ab- stceiste und sich ausschwänge zu ewigen Höhen! Die anderen Musikcorps spielten den tief ergreifenden Choral:Jesus meine Zuversicht, und mein Heiland ist mein Leben". Dazwischen kriegerische Melodien und dumpfer Trommel-