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Nr. 15

Dienstag den 19. Januar

1892

Gießener Anzeiger

Kenerat-Mnzeiger

Amts- mtb Jlnjcirtcblrttt für bett Arris (ßk^ett

I Hratisöeikage: Hießener Iamikienbtätter.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für bat folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- Bonn. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Vureaux de- In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

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Die Gießener I»««ikienbtätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Der

Hießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Amtlicher Theil.

Gießen, 16. Januar 1892. Betr.: Ausführung der Landesfeuerlöschordnung.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

O» die Grotzh. Vürgermeiftereie« de- Kreises.

Diejenigen von Ihnen, welche mit der Erledigung unse­rer Ihnen Rv. zugegangenen Verfügung vom 18. November v- I. noch im Rückstände sind, wollen derselben bis spätestens zum 25. l. M. nachkommen.

v. Gag ern.

Gießen, den 15. Januar 1892. Betr.: Volksbibliotheken.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises, mit Ausnahme von Allcndorf a. d. Lda., Allerts­hausen, Beuern, Climbach, Cberstadt, Ettings- hanseu, Geilshausen, Grostcn-Lindcn, Grünberg, Grüningen, Kesselbach, Klein-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Londorf, Mainzlar, Qdenhausen,

Röthges und Steinbach.

Aus den von Ihnen in Folge unseres Ausschreibens vom 9. Marz v. I. (Kreisblatt Nr. 59) erstatteten Berichten haben wir entnommen, daß bis jetzt nur in den obengenann- teil 19 Gemeinden des Kreises Volksbibliotheken bestehen, die theils aus Gemeinde- oder kirchlichen Mitteln, theilS von Ver­einen, zu einem guten Theile (namentlich in der Rabenau) auch durch private Wohlthätcr ins Leben gerufen worden sind. Der große Segen, den derartige Volksbibliotheken verbreiten, deren Benutzung allen Gemeinde-Angehörigen un- entgeltlich freisteht und aus welchen die sog. Schundliteratur ferngehalten wird, veranlaßt uns, Sie aufzufordern, in Ihrer Gemeinde gleichfalls eine solche Bibliothek zu gründen.

Um Ihnen dies zu erleichtern, haben wir durch eine Anzahl Verlagsbuchhandlungm Zusammenstellungen empfehlens- weither Volksbibliolheken von je 100 Bänden fertigen lassen, welche (dauerhaft gebunden) eiwa 100 Mark kosten. Jede Zusammenstellung Hal wieder ganz andere Bücher und wür­den wir die Einrichtung so treffen, daß etwa fünf Gemeinden sich zu einer Gruppe vereinigen, daß jede derselben eine an­dere Bibliothek anschafft und diese Bibliotheken alle paar Jahre autzgetauscht werden. Auf diese Weise wird mit einer einmaligen Ausgabe von 100 Mark ein Lesestoff von 500 Bänden beschafft und für die wünschenswerthe Abwechselung gesorgt. Mit der Verwaltung der Bibliotheken, welche auf Wunsch auch kleiner (;. B. zu 50 Bünden ä 50 Mark) oder größer zusammengestellt werden können, werden sich die Herren Lehrer gewiß gerne befaffen.

Wir beauftragen Sie daher, dem Gemeinderalhe wegen Bewilligung und Aufbringung der nölhigen Mittel Vorlage zu machen und uns binnen vier Wochen, behufs Veranlassung des Weiteren, den Beschluß des Gemeinderaths mitzutheilen. Sollte in kleineren Gemeinden selbst die Beschaffung von 50 Bänden auf Schwierigkeiten stoßen, so empfehlen wir Ihnen, mit dem Kirchenvorstande wegen eines Zuschußes ms Benehmen zu treten und eventuell auf dem Wege der Samm­lung die nöthigen Mittel aufzubringen.

v. Gagern.

Deutscher Reich.

Darmstadt, 16. Januar. Seine Königliche Hoheit der Großherzog empfingen heute u. A. den Seminardirector vr. Eisenhut h von Alzey, den Oberförster Ruths von Maulbach.

Darmstadt, 17. Januar. Seine Königliche Hoheit der Großherzog wird entgegen seiner Absicht an den Bei­setzungsfeierlichkeiten in Windsor nicht theilnehmen, sondern sich durch den Hofmarschall General der Infanterie z. D. Westerweller v. Anthoni vertreten lassen. Die Reise unter­bleibt in Folge ärzlicher Anordnung, da der Großherzog seit einigen Tagen erkältet ist.

Berlin, 16. Januar. Der neue preußische Etat balancin mit der Summe von 1,851,150,697 Mk., das Ordinarium beträgt 1,804,422,035 Mk., das Extraordinarium 46,663,662 Mk., was gegen das laufende Jahr ein Mehr von 130 Millionen bedeutet. Infolge der Handelsverträge werden die Ueberweisungen an die Gemeinden um 30 Mill. Mk. geringer werden.

Auf der Germaniawerft in Kiel sand am Freitag oer Stapel lauf der neuen Kreuzercorvette H statt. Prinz

Heinrich von Preußen vollzog im Namen des Kaisers den Taufact und taufte nach einer kurzen, aber markigen Rede das Schiff auf den NamenKaiserin Augusta", zur Erinne­rung an des neuen Reiches unvergeßliche erste Kaiserin.

Der Buchdruckers! rite ist in voriger Woche that- sächlich zu Ende gegangen. In den Bororten der Bewegung, in Berlin und Leipzig, wurde von den strikenden Buchdruckern in öffentlicher Versammlung der Beschluß gefaßt, die Arbeit zu den alten Bedingungen wieder auszunehmen, welchem Schritte sich jedenfalls die ausständigen Buchdrucker auch im übrigen Deutschland anschließen werden. Eine andere Frage ist es freilich, ob die Strikenden auch überall wieder an­kommen werden, vielen von ihnen dürste dies sehr schwer werden.

Berlin, 16. Januar. Dem Reichstage ist heute der Entwurf eines Trunksuchtsgesetzes zugegangen. § 3 bestimmt, daß Räume zum Ausschank von Branntwein nicht zum gewerbmäßigen Betriebe eines Handelsgeschäfts oder Handwerks benutzt werden dürfen. § 9 bestimmt, das Aus­suchen von Bestellungen auf Branntwein und Spiritus bei Personen, welche dieselbe nicht im Geschäftsbetrieb verwenden, ist vom Geschäftsbetriebe der Handelsreisenden ausgeschlossen.

Gnesen, 16. Januar. Erzbischof Stablewski ist heute Vormittag aus Wreschen hier eingetroffen,- er ward festlich empfangen. Er fuhr vom Bahnhose nach der Pfarr­kirche, wo er pontificirte, dann nach der Domkirche, wo Weih­bischof Andrzejewicz ihn begrüßte, sodann Weiterfahrt nach dem erzbischöflichen Palais, wo Reichstagsabgeordneter Kwilecki Namens der Abgeordneten, Rechtsanwalt Karpinski Namens der Stadt, Justizrath Meinhardt Namens der deutschen Katho­liken, Lezowski Namens der ländlichen Bevölkerung Ansprachen hielten,- aus jede Ansprache dankte ^er Erzbischof verbindlichst.

Dresden, 16. Januar. Prinz Hohenlohe-Ingel­fingen, General der Artillerie, Generaladjutant weiland Kaisers Wilhelm L, ä la suite der Armee, ist heute gestorben.

Stuttgart, 16. Januar. Der König hat dem Kaiser Franz Josef daS Regiment Nr. 122 verliehen.

Hamburg, 16. Januar. Der italienische Dreimaster­schonerSandomenico" ist bei Cuxhaven untergegangen. Die Besatzung wurde gerettet.

Arr-larrd.

Bristol, 16. Januar. Die Schuhfabriken beschlossen, am nächsten Freitag große Arbeiterentlassungen vor- zunehmen.

Rom, 16. Januar. In Corsu wird eine neue Gährung gegen die Juden bemerkt.

Rom, 16. Januar. Die italienischen Künstler beschlossen, sich nicht an der Weltausstellung in Chicago zu betheiligen, wenn nicht die Union zur Austragung des offenen Streites mit Italien die Hand böte.

Rom, 16. Januar. Der Florenzer Bankier Fenzi wird teckbrieflich verfolgt. DerPopolo Romano" meldet, cs seien noch andere Bank-Katastrophen in Florenz im Anzuge.

London, 16. Januar. Die Leichenfeierltchkeiten ür den Herzog von Clarence sind nun offiziell auf Mittwoch Mittag in der St. Georgs-Capelle von Windsor festgesetzt worden.

Tiflis, 16. Januar. Meldungen aus Teheran be­zeichnen die Lage der Christen in Persien als sehr ge­fährdet. Dre Erregung gegen die Engländer wegen des Tabaksmonopols habe sich auch auf die anderen hier weilenden Europäer ausgedehnt, so daß eine Christenverfolgung be­fürchtet werde. In Kaswin und Kamon hätten die Einwohner die Gouverneure mißhandelt.

Warschau, 16. Januar. Die Congreßpolen haben Ausrufe verbreitet, in welchen sie bie polnischen Gutsbesitzer a^in für die Vertheueruug der Brodfrüchte verantwortlich machen.

Kasan, 16. Januar. Heute Vormittag feuerte der Burger Kotschurichin auf den Gouverneur von Kasan drei Revolverschüsse ab und verwundete denselben an der linken Hand. Kotschurichin wurde verhaftet.

Kairo, 16. Januar. Der Khedive ist heute Nach­mittag, festlich empfangen, hier eingetroffen. Vor dem Abbin- Palast wurde die Ernennung Abbas zum Khedive feierlich verkündet. Im Palaste sand alsdann der Empfang des Diplomatencorps statt, wovon der Obercommiffar der Pforte, Mukhtar Pascha, wegen Unpäßlichkeit fernbleiben mußte.

Alexandrien, 16. Januar. Der DampferFerdinando Massimiliano" mit dem Khedive Abbas und deffen Bruder an Bord ist um 8 Uhr Morgens hier eingetroffen. Die Forts und Schiffe salutiren. Prinz Huffein, die Minister, General Greensell und der österreichische Generalconsul be­

gaben sich an Bord zur Begrüßung. Der Khedive begibt sich um 10 Uhr nach Kairo.

Sofia, 17. Januar. Dem Fürsten Ferdinand sind anläßlich des Jahreswechsels aus dem ganzen Lande erwcr 3000 Glückwunschtelegramme zugegangen.

verrtleher Reichstag.

149. Plenarsitzung. Samstag den 16. Januar 1892, 12 Uhr. Eingegangen ist die Trunksuchts-Vorlage.

Die zweite Berathung des Reichshaushaltsetats wird beim Reichsamt deS Innern fortgesetzt.

Auf eine Anfrage des Adg. Fritzen ((Str.) erwidert Geh. Rath v. Roll en bürg, daß bei der bevorstehenden Weltausstellung in Chicago allerdings der für Deutschland reservirte Raum ziemlich wird gefüllt werden können. Allein die Regierung lege Werth darauf, daß die deutsche Industrie geschlossen auftrete und da zeigen sich allerdings noch empfindliche Lücken. So haben sich beispielsweise die Sammet-, Seiden- und Leder-Industrie bisher gänzlich ablehnend verhalten. Es sei das bedauerlich, denn es handle sich für Deutsch­land nicht blos darum, sein Absatzgebiet In Amerika zu behaupten, sondern auch dasielbe zu vergrößern. Deutschland führe gegenwärtig jährlich für 400 Millionen Maaren nach Nordamerika aus, habe also Grund genug, sich an der Chicagoer Weltausstellung zu betbeiligen. Augenscheinlich handelt es sich hier nur um daS Wollen der In­dustriellen.

Referent Abg. Singer (Soc.) bemerkt, daß man in der Com­mission deswegen der Position zugestimmt habe, weil eine etwaige spätere Weltausstellung in Berlin durch Nichtbetheiltgung Deutsch­lands an der Chicagoer Ausstellung schwer benachtherligt werden würde.

Abg. Goldschmidt (bfr.) wünscht rege Betheiligung der deutschen Industrie an der Chicagoer Ausstellung, nicht blos wegen der Rück­wirkung auf eine spätere Berliner Ausstellung, sondern auch weil es sich darum handelt, eine Scharte von früher auszuwetzen.

Abg. Dr. Witte (bfr.) tritt den Ausführungen des Regierungs- Commtssars bet. Außer den bereits bezeichneten Industrien sei namentlich noch die deutsche Zucker-Jndusttte zu nennen, die bisher noch keine Neigung gezeigt habe, sich zu bethetrigcn und doch gewiß allen Anlaß habe, ihre technische Vervollkommnung öffmtlich dar­zulegen. Schuld an der bisherigen geringen Betheiligung sei allein das Gerücht, daß bedeutende Summen für die Ausstellung nölbig sein würden. Jetz', da diese Summe, 900 000 Mk. bekannt sei, fallen diese Befürchtungen weg.

Geh. Rath v. Rot len bürg bemerkt, daß die geforderte Summe sich nachträglich allerdings noch um etwas, aber nicht über 1 Million erhöhen dürfte.

Abg. Dr. Bachem (Ctr.) bedauert die ablehnende Haltung der Crefelder Sammet- und Setden-Jnduftrie. Ausgaben für Weltaus­stellungen seien nothwendtge Unkosten für jede Industrie. Daß wir fürchten müssen, die Amerikaner würden von einer Berliner Aus­stellung fortbleiben, glaubt Redner nicht. Wo die Amerikaner ver­dienen können, da schmollen sie nicht. Erwägen möge die Regierung, ob nicht der Crefelder Industrie besondere Vergünstigungen geboten werden müffcn, da sie sich in einer Nothlage befinde, bleibt die Crefelder Industrie von der Weltausstellung fort, so sind dort die französischen Concurrenten allein vertreten und werden die deutschen Fabrikate von dem amerikanischen Markte verdrängen.

Abg. Dr. Hammacher (natl): Es wäre sehr bedauerlich, wenn irgend ein Industrieller aus politischen Gründen der Chicagoer Ausstellung fern bliebe. In Berlin muß noch vor dem Jahre 1900 eine Weltausstellung stattfinden und es sei bedauerlich, daß die Re­gierung nur eine rein zuwartende Haltung beobachte. Eine kräftige Offensive sei erforderlich.

Abg. Dr. Lieber (Clr.) schwärmt zwar nicht für Weltausstell­ungen, anerkennt aber, daß die Chicagoer Ausstellung eine hoch­wichtige Bedeutung auch für uns haben wird. ES sei die Betheiligung an derselben deshalb eine Forderung nationaler Ehre und nationalen Interesses.

Abg. Frhr. v. Stumm (Rp.) bestreitet, daß die Eisenindustrie schmolle und deswegen der Ausstellung fern bleibe. Die Eisenindustrie habe einmal nichts Neues auszustellen und dann sei sie mit den Aus­führungen der Arbeiterschutzbestimmungen so sehr in Anspruch ge­nommen, daß sie für die Ausstellung keine Zeit hat und die nutzlos für eine Ausstellung aufzuwendenden Millionen lieber zu Gunftm ihrer Arbeiter verwendet.

Staalssecretär v. Rottenburg: Es kommt nicht auf Neues bei der Ausstellung an, sondern darauf, daß die deutsche Industrie würdig vertreten ist.

Abg. Schrader (bfr.): Es handelt sich für die deutsche Maschinen-Jndustrie ganz besonders um die Eroberung des süd- amerikanischen Marktes. Die Eisenindustrie ist vom Reiche oft genug unterstützt worden; jetzt wird sie sich der Forderung, auch einmal das Reich zu unterstützen, nicht entziehen können.

Die Position wird hierauf bewillig'.

Die Forderung 40000 Mk. zur Aufdeckung eine« römischen Grenzwalles beantragt die Commission zu streichen.

Der Abg. Oechelhäuser beantragt die Bewilligung.

Nach einer längeren Berathung, in welcher die Abgg Oechel­häuser (natl.), Tröltzsch (natl.), Lieber (Ctr.) und Vrrchow (bfr.) sowie Geb. Rath o. Rott en bürg und der württemdergische Bunbesbeoollmächtlgte v. Moser für die Bewilligung sprachen, während der Abg. Fritzen (Ctr.) den Standpunkt der Budget- commisston vertrat, wurde die Forderung, entgegen dem Vorschläge der Kommission, genehmigt.

I Bei der Position .Sechste Rate für den Nord-Ost-Seecanal 2 Millionen Mark" erhebt der Abg. LingenS (Ctr.) seine früheren Klagen über unzureichende Seelsorge für die beim Canalbau be- > schäftigten Arbeiter.

Abg. Münch (bfr.) regt an, der Reichstag möge eine gemein­same Fahrt seiner Mrtglieber nach der Arbeitsstätte des CanalS unternehmen.

Die Position wirb genehmigt und der Rest des Etats der inneren Verwaltung angenommen.

Beim Etat des ReichSeisenbahn-Amte- verlangt der Abg.