Nr. 114
Dienstag Len 17. Mai
1892
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Gießener Anzeiger
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Bekanntmachung,
betreffend die Unterhaltung der Kreisstraßen.
Fuhrwerksbefitzern wird hierdurch zur Kenntniß gebracht, das; von Dienstag den 17. Mai d. I. ab auf der KieiSsiraße Wieseck—Alten Buseck eine Darnpsstraßen» walze in Thäligkeit ist.
Gießen, den 14. Mai 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen.
___________v. Gagern._________________
Bekanntmachung,
betreffend Maul- und Klauenseuche.
Die Maul- und Klauenseuche unter den Schafherden des Selgenhofs, Kreis Schotten (Anzeiger Nr. 91) ist erloschen, die angeordneten Sperrmaßregeln sind aufgehoben worden.
Gießen, den 13. Mai 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Deutsches Leich.
Berlin, 14. Mai. Der für Juni angekündigte Besuch des Königs und der Königin von Italien beim deutschen Kaiserpaare wird, römischen Privatnachrichten zufolge, voraussichtlich zu einem späteren Zeitpunkte statt- nnden. Die signalisirte Verschiebung dieses Besuches hängt, wie es weiter heißt, mit dem Wunsche König Humberts zusammen, seinen muthmaßlichen neuen Cabinetsches Giolitti <aii den deutschen Kaiserhof mitzunehmen, Giolitti aber könnte gleich zu Beginn seiner Amtsführung schwerlich aus eine volle Woche abkommen. Dagegen gilt es nunmehr als feststehend, daß am Abend des 30. d. M. die Königin-Regentin Emma und die Königin Wilhelmine der Niederlande zum Gegenbesuch der kaiserlichen Majestäten in Potsdam eintreffen werden, zu welcher Zeit der Kaiser von seiner gegenwärtigen ostpreußischen Reise zurückgekehrt sein wird.
— Die Angelegenheit der „Judenflint en" ist mit dem Strafantrag, welchen Herr I. Löwe, persönlich haftender Gesellschafter der Actiengesellschaft L. Löwe u. Co. in Berlin, sowie Oberstlieutenant Kühn, Director der Gewehrsabrik genannter Gesellschaft, gegen dcn Rector Ahlwardt gestellt baden, endlich in den Kreis gerichtlicher Erörterungen gerückt Worten. Wie es indessen mit der Verfolgung der Ahlwardt- schcn Affaire durch die Staatsanwaltschaft steht, welche bekanntlich der „Reichsanzeiger" in seiner Erklärung in Sachen der „Judenflinten" in Aussicht gestellt hatte, so verlautet von diesen angekündigten Schritten des Staatsanwaltes bis jetzt noch nicht das Geringste. Ueberhaupt entwickelt man von Seiten der öffentlichen Behörde gegenüber dem Ahlwardt- schen Treibe^, das selbst in antisemitischen Kreisen scharfe Ve -urtheilung findet, eine seltsame Nachsicht. Seine Broschüre gegen die Löwe'sche Gewehrfabrik darf nach wie vor öffentlich verkauft werden, obwohl doch das giftige Machwerk schon durch die Erklärung des „Reichsanzeigers" hinlänglich gekennzeichnet worden ist, und Herr Ahlwardt kann noch jeden Abend seine Beschuldigungen in öffentlichen Volksversammlungen unbestraft aussprechen. Sollte man maßgebenden Ons die so viel Unruhe erzeugende Judenflinten-Affaire noch immer nur als eine private Angelegenheit betrachten?
Berlin, 14. Mai. Das Abgeordnetenhaus nahm in seiner heutigen Sitzung definitiv die Berggesetznovelle und die Entwürfe betreffend die Aufhebung der Stolgebühren an. ES folgte die zweite Lesung der Vorlage betreffend die Steuerfreiheit der Reichsunmittelbaren. Der Abgeordnete Rickert erklärte sich entschieden dagegen, während die Abgeordneten Sattler, Bödiker, Lieber und Graf Limburg-Stirum für die Bewilligung der Vorlage eintraten. Der Finanzminister gab die Erklärung ab, daß die finanzielle Entschädigung die einzig mögliche Ablösungsform anerkannter Rechte sei. Die Ablösung der Steuerfreiheit wird hierauf gegen die Stimmen eines Theils der Freisinnigen und Nationalliberalen angenommen, die Resolution Limburg-Stirum dagegen, betreffend die Entschädigung zweier anderer Familien wegen ihrer früher genossenen Steuerfreiheit, abgelehnt. Montag 1 Uhr dritte Lesungen, Petitionen.
Berlin, 14. Mai. Wie der „Reichsanzeiger" mjttheilt, wird zu Ausgang des lausenden Sommersemesters aus den neunstufigen höheren Lehranstalten eine Abschlußprüfung für Schüler, die sich dem Subalternendienst widmen wollen, abgehalten werden. Die Maßnahme werde nur einmal And lediglich für Schüler stattfinden, die in den Subalternen
dienst eintreten wollen. Mit Ostern 1893, wo das Bestehen der Abschlußprüfung allgemeine Bedingung für Obersecunda der neunstufigen Anstalten wird, werde die Maßnahme überflüssig.
Berlin, 14. Mai. Der „Reichs-Anz." meldet: Die erste Sitzung der neu errichteten Commission für Arbeit e r st a t i st i k findet in der zweiten Hälfte des Juni statt. Aus der Tagesordnung stehen auch die Vorschläge über anzustellende Erhebungen bezüglich der Arbeitszeit im Bäcker-, Müller- und Handelsgewerbe.
Stettin, 14. Mai. Bei der Einweihung des Offiziercasinos des Königsregiments brachte Oberst von Frankenberg und Proschlitz ein Hoch auf Se. Majestät den Kaiser aus und sprach den Dank des Regiments für die demselben zu Theil gewordene außerordentliche Ehre aus. Se. Majestät erwiderte mit einem Hoch aus das Osfizier- corps des Regiments, welches dem Wahlspruch weiland Sr. Majestät des Königs Friedrich Wilhelm IV. getreu bleiben möge: „Das zweite Regiment, niemals das zweite an Ruhm und Ehre". Se. Majestät ließ sodann dem Offiziercorps Allerhöchstsein überlebensgroßes Bild in der Oberstenunisorm des Regiments überreichen.
Stettin, 14. Mai. Nach der Einweihung des Osfizier- casinos des Grenadierregiments Friedrich Wilhelm IV. (1. Pommersches) Nr. 2 begab sich Se. Majestät der Kaiser mittelst des Dampfers „Neptun" in Begleitung des Kriegsministers v. Kaltenborn-Stachau, des Flügeladjutanten und des Geheimrath Echlutow um 3y2 Uhr Nachmittags von Bräunlichs Rhederei aus nach Bredow und besichtigte daselbst den im Bau befindlichen und aus Stapel liegenden Aviso. Die Rückkehr Sr. Majestät des Kaisers nach Stettin erfolgt um 43/4 Uhr. Ihre Majestät die Kaiserin ertheilte Vormittags mehrere Audienzen und besichtigte alsdann verschiedene Wohlthätigkeitsanstalten.
Stettin, 14. Mai. Bei der Kaiserin sand heute Mittag ein Empfang statt. 45 Damen waren geladen. Der Kaiser fuhr auf die Werst des Vulkan und besichtigte die im Bau befindlichen Panzerschiffe.
Arrrland.
Wien, 14.Mai. Die heute dem Abgeordnetenhause zugegangenen Valutavorlagen enthalten sechs Gesetzentwürfe, fünf davon betreffen die Valutaregulirung, der sechste ermächtigt den Finanzminister, die 5procentige steuerfreie Notenrente, die 5procentigen Staatsschuldverschreibungen der Boralbergbahn und die 43/4procentigen Eisenbahnschuldverschreibungen der Kronprinz - Rudolsbahn zu convertiren. Die Grundlagen der Münz- und Währungsreform sind in zwei Gesetzentwürfen enthalten, von denen einer die Kronen- währung seststellt, der andere den Münz- und Währungsvertrag mit Ungarn enthält. Die neue Währung ist als Goldwährung erklärt. Die Rechnungseinheit ist die Krone, eingetheilt in hundert Heller. Der Münzfuß ist dahin bestimmt, daß 2952 Kronen aus ein Kilo Münzgold von ^o/iovy Feinheit kommen, demnach 3280 Kronen aus einem Kilogramm Feingold auszuprägen sind. Goldmünzen werden in Stücken zu 20 und zu 10 Kronen ausgeprägt, sowohl für Staats- als auch für Privatrechnung. Ducaten werden auch künftig als Handelsmünze geprägt. Neben diesen Landes- Goldmünzen bleiben die Landes-Silbermünzen österreichischer Währung im Umlauf. Der Silbergulden österreichischer Währung ist gleich 2 Kronen. Als Theilmünzen der Kronenwährung werden ausgeprägt: Silbermünzen und zwar Ein- kronenstücke und Fünszighellerstücke- ferner als Nickelmünzen 20- und 10-Hellerstücke,- als Broncemünzen 2- und 1-Heller- stücke. Die Silbermünzen werden ausgeprägt in einer Feinbeit von 835/iooo- Es gehen 200 Einkronenstücke aus 1 Kilo Münzsilber. Die Nickelmünzen werden aus reinem Nickel geprägt. Die Ausprägung von Theilmünzen findet nur für Staatsrechnung statt. Das Kontingent der österreichischen Hälfte für die Ausprägung und die Ausgabe ist für Silber- münzen auf 140 Millionen Kronen, für Nickelmünzen auf 42 Millionen Kronen und für Broncemünzen aus 182/10 Millionen Kronen festgesetzt. Die Silberscheidemünzen und die Kupfermünzen der österreichischen Währung werden eingezogen. Die Papiergeldzeichen der österreichischen Währung bleiben bis auf Weiteres im Umlauf — ein Gulden gleich zwei Kronen.
Paris, 14. Mai. In der vergangenen Nacht explo- dirte vor dem Bureau des Ingenieurs der Gruben in der Nachbarschaft von Albi eine Dynamitpatrone,- die steinerne Fensterbrüstung wurde zerschmettert, die Fensterscheiben zersprangen, das im Zimmer befindliche Mobiliar wurde zerstört. — Das Individuum, welches am 20. April in einem Boulevardcafe mit Pflastersteinen drei Spiegelscheiben
zertrümmert und bei seiner Verhaftung erklärt hatte, er sei Anarchist, wurde heute zu vier Monaten Gefängniß ver- ■ urtheilt.
Paris, 14. Mai. Der „Figaro" veröffentlicht ein Jn- - terview mit dem Prinzen Victor Napoleon über die jüngsten Dynamitattentate. Danach hätte der Prinz geäußert, eS sei nirgends mehr eine Autorität vorhanden, überall herrschevolle Anarchie. Die Regierung habe den socialen und religiösen Krieg entseffelt. Das einzige Heilmittel gegen die i heutigen Mißstände sei eine feste, aus dem Plebiscit beruhende Regierung.
Stockholm, 14. Mai. Der Reichsrath beschloß einen Zollsatz von 8 Kronen für Seidenzeug und Seidenband, einen Zollsatz von 3 Kronen für Halbseidenzeug und Halbsetdenband per Kilogramm. Diese Zollsätze betrugen bisher 280, resp. 235 Ocre. Für Handschuhe wurde der Zollsatz von 180 Oere aus 6 Kronen per SHlogramm und für fertige oder halb- fertige Hüte von 35 aus 75 Oere per Stück erhöht. Für Locomotiven wurde ein Zollsatz von 10 pCt. vom Werthe beschlossen. Der Reichstag beschloß ferner mit 184 gegen 179 Stimmen, daß Maschinen-Werkzeuge, die bisher zollfrei waren, einen Zollsatz von 10 pCt. vom Werthe tragen sollen.
Petersburg, 14. Mai. Die Kaiserlich russische Geographische Gesellschaft richtet für den Sommer eine wissenschaftliche Expedition nach dem westlichen China und Tibet ein. Der Czar spendete dazu 30,000 Rubel.
Neueste Nachrichten.
tByty« tr^raphitcheS Lnrr-,poudenz-Bu:
Stettin, 15. Mai. Der Kaiser und die Kaiserin begaben sich heute Vormittag 10^ Uhr auf den Kasernenhof des 1. pommerschen Feldartillerie-Regiments Nr. 2, wo ein feierlicher Feldgottesdienst stattfand, an welchem auch das Grenadier - Regiment König Friedrich Wilhelm IV. (erstes pommersches) Nr. 2, das 1. pommersche Feldartillerie-Regiment Nr. 2, das Pionier-Bataillon Nr. 17, sowie das hierher befohlene Cürassier - Regiment Königin (pommersches) Nr. 2 theilnahmen. Die Feier begann mit der Liturgie, abgehalten von dem Divisionspfarrer Klessen unter Mitwirkung eines aus Soldaten gebildeten Sängerchors. Hieraus hielt Militär-Oberpsarrer Kramm die Predigt über Hesekiel, Eap. 36, Vers 26—27. Nach dem Schlußgebet befahl der
Kaiser einen zweimaligen Vorbeimarsch der Truppen und I berief die höheren Offiziere zu sich, bei denen er sich in herzlicher Weise verabschiedete. Um 12 Uhr reifte die Kaiserin nach Potsdam ab, 4 Minuten später trat der Kaiser in Begleitung der Minister v. Heyden, Herrfurt, v. Kaltenborn- Stachau und des Staatssecrelärs Frhrn. v. Maltzahn die Reise nach Danzig an.
London, 15. Mai. Wie aus Bristol gemeldet wird, brach in dem dortigen Oelmagazin gestern eine heftige Feuersbrunst aus. Das brennende Oel verbreitete sich über den Hasen und setzte mehrere Lichterschiffe in Brand, sowie die auf der anderen Seite des Hafens gelegene Brennerei.
Deveschen deS „Bureau Herold".
Stettin, 15. Mai. Festessen des Provinziallandtages. Nach dem Kaisertoast, welchen v. Köller auS- brachte, erwiderte der Kaiser, indem er Seinen und der Kaiserin Dank für die freundlichen Worte aussprach: Ich gedenke der Zeit, wo Mein hochseliger Vater noch am Leben war. Meine ältesten Kindheitserinnerungen datiren aus der Zeit, wo wir hier im Generalcommando bei Meinem Vater einquartirl waren, wenn wir zum Sommer in die Ostseebäder reiften. Die alte Liebe und Anhänglichkeit, die Meinen Vater mit dem 2. Corps und Pommern als Statthalter verband, ist Mir in früher Zeit eingepflanzt worden. Ich hoffte dereinst, Meines Vaters Nachfolger zu werden und an der Spitze der Söhne Pommerns in näheren Beziehungen zu der Provinz und ihren Bewohnern wirken zu können. Die Fügung hat es anders gewollt. Umsomehr ist es Mir eine Freude, heute in Ihrer Mitte zu weilen. Ich bin fest überzeugt, daß die Treue Pommerns zu Mir und Meinem Hause dieselbe bleiben wird, wie bei Meinen Vorfahren. Auch Ich werde Mich bestreben, in einem arbeitsamen Leben, wie Meine Vorfahren es geführt, für Pommern zu sorgen, soweit es in Meinen Kräften steht. Ich schließe mit dem Dichterwort, das einst bei einem lebenden Bilde Meiner Hochzeit gesprochen wurde: „Der rothe Greif hat sich gegen den Adler tapfer gewehrt." Meinen Vorfahren ist cs schwer geworden, das harte Land der Pommern zu erwerben. Seitdem, Meine Freunde, sind Jahrhunderte verflossen und Brandenburg und Pommern trennt kein Teufel mehr. Ich


