Nr. 14. Zweites Blatt. Sonntag den 17. Januar
1892
Der
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Gießener Anzeiger
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Amtlicher* Theil.
Nr. 1 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 9. d. M., enthält:
(Nr. 1982.) Gesetz, betreffend die Controle des Reichs- Haushalts und des Landeshaushalts von Elfaß-Lothringen für das Etatsjahr 1891/92. Vom 4. Januar 1892.
Gießen, den 15. Januar 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Gießen, den 14. Januar 1892.
Betr.: Die Jahresübersichten und Rechnungsabschlüffe der Krankenkassen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen ett die Großh. Bürgermeistereien, die Vorstände der Gemeinde - Krankenversicherungskassen, der Fabrik-Krankenkassen und der eingeschriebenen Hülsskassen.
Unter Hinweis auf unser Ausschreiben vom 15. November 1887 — Amtsblatt Nr. 11 —, sowie aus unsere Verfügung vom 6. Mai 1891 — Anzeiger Nr. 108 — machen wir Sie auf die Einsendung der nach § 9 unb 41 des Krankenversicherungsgesetzes vom 15. Juni 1883 und nach S 27 des Gesetzes über die eingeschriebenen Hülsskassen vom 1. Juni 1884 für das abgelaufene Jahr zu liefernden Nachweisungen (Jahresübersichten und Rechnungsabschlüsse) aufmerksam.
Als spätester Termin für die Ablieferung dieser Nachweisungen ist der 31. März be ümmt, es ist jedoch sehr wunschenswerth, daß dieser äußerste Termin nicht abgewartet wird, sondern die Einsendung thunlichst bald erfolgt.
Wir empfehlen Ihnen sorgfältigste Aufstellung der Uebersichten, damit Rücksendungen behufs Ergänzung und Berichtigung derselben möglichst vermieden werden.
Ganz besonders machen wir die Großh. Bürgermeistereien darauf aufmerksam, daß die Rechnung der Krankenversicherung infolange nicht mit einem Rest abschließen darf, als noch Vorschüsse an die Gemeindekaffe zurückzuerstatten find; ein etwa verbleibender Ueberschuß also an die Gemeindekaffe zur Tilgung des Vorschuffes abzuführen ist.
Die Nachweisungen sind in zwei Exemplaren — beide mit der Unterschrift des Vorstandes refp. Bürgermeisters versehen — vorzulegen, die Formularien hierzu sind durch Bundes^
1 rathöbeschluß vom 23. Juni 1887 vorgeschrieben und bei j Wilh. Klee zu Gießen erhältlich.
j____________________v. Gagern.__
Bekanntmachung.
Unter Bezugnahme auf § 366 pos. 10 des Reichsstras- gesetzbuchs, Art 104 des Polizeistrafgesetzes und das Local- ? Reglement vom 8. Mai 1856 bringen wir zur öffentlichen i Kenntniß, daß das Befahren des von der Göthestraße nach j dem Schiffenbergerweg führenden sogenannten Stephansweges ! für alle Nichtanlieger bei Meidung der in den angeführten ! gesetzlichen Bestimmungen angedrohten Strafen verboten ist.
Gießen, den 13. Januar 1892.
Grobherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
politifc^e Wochenschau.
Gießen, 16. Januar 1892.
I Im Reichstag hat am 12. Januar die zweite Lesung i des Etats begonnen. Zunächst ist im Zusammenhang mit • dem Etat des Reichstages der sreisinnig-volksparteiliche An- ’ trag, den Bundesrath zu ersuchen, seine Zustimmung zur ; Gewährung von Diäten an die Volksvertreter zu gewähren, ' zur Berathung gelangt und mit erheblicher Majorität an- ' genommen worden. Ein kleiner Theil der Nationalliberalen ' unter Führung v. Bennigsens stimmte aus diplomatischen J Gründen gegen die Resolution, während die Freiconservativen und der größere Theil der Conservativen eine principielle \ Gegnerschaft bekundeten. Die wichtige Frage, wie sich die gegenwärtige Regierung zur Diätenfrage stellt, ist unbeant- ' roortct geblieben, so daß auch diese letzten Verhandlungen ■ über die schon zum Ueberdruß oft diseutirte Angelegenheit i keine Klarheit in die Situation gebracht haben. Bis jetzt ' kann man im Hinblick auf die Gesamrnthaltung des Mini- ; steriums Caprivi nur verrnuthen, daß es die Gewährung von | Diäten im Interesse der Wählbarkeit unbemittelter Reichs- i bürger möglicher Weise gutheißen wird.
In Preußen ist die parlamentarische Session am 14. Januar mit einer vom Ministerpräsidenten Grasen v. Caprivi verlesenen Thronrede eröffnet worden. Neue organisatorische Gesetze sind außer dem neuen Entwurf eines Bolksschulgesetzes nicht angekündigt worden. Was von Gesetzesvorlagen außer biejem eingebracht werden soll, ist lediglich Aussührung früherer Beschlüsse: wie die angekündigten Vorlagen über die Entschädigung für die Aushebung der
Steuerfreiheit der Reichsunmittelbaren in Preußen, über :e oft verlangte Ausbesserung der Gehälter der seither rrcht schlecht dotirten Lehrer an höheren Lehranstalten, über die Herausgabe des eonfiseirten Vermögens des Königs Georg von Hannover (sog. Welsensonds), über die Beseitigung der Stolgebühren der Geistlichen (Aceidenzien nach hessischer Ausdrucksweise) und deren Ersatz durch Gewährung staatlicher Zuschüsse zu den Besoldungen. Wenig erfreulich für Preußen klingen die Mittheilungen über die Finanzlage des Staates. Es heißt, daß das neue Finanzjahr vielleicht nicht nur keine Ueberschüsse ergeben, sondern unter Umständen sogar mit einem Defieit abschließen werde. Ueber die materielle Bedeutung der oben angeführten Vorlagen ist bis jetzt ein Urtheil unmöglich, da bis jetzt zu wenig Sicheres über ihren Inhalt bekannt ist. Nur das kann man schon jetzt prophezeien, daß das Volksschulgesetz auf feinen Fall anders als unter heißen Kämpfen durchgesetzt werden wird. Und zwar erregen namentlich die in dem Gesetze enthaltenen Bestimmungen über die Suprematie der Geistlichkeit über die Schule den Widerspruch der nationalliberalen und auch der freifumigen Partei.
Ueber den Streit Bulgariens mit Frankreich, der durch die Ausweisung des französischen Journalisten Chadonrne veranlaßt worden ist, haben wir bereits letzten Sonntag Näheres berichtet. Die Art, wie sich beide Staaten aus der Sackgasse, in die sie sich verirrt hatten, nunmehr herausgefunden haben, wirkt geradezu erheiternd. Man ist nämlich übereingekommen, daß Bulgarien zwar zugesteht, den Journalisten Chadonrne mit Unrecht ausgewiesen zu haben, daß aber Frankreich darauf verzichtet, die Wiederzulaffung Cha- daurnes durchzusetzen. — In Egypten ist der Khedive Mehe- med Thewfik gestorben und zu feinem Stellvertreter sein siebenzehnjähriger Sohn Abbas-Bei vorn türkischen Sultan ernannt worden. Man hatte zuerst geglaubt, daß Frankreich anläßlich dieser Veränderung der Verhältnisse einen energischen Versuch machen werde, England zur Räumung Egyptens zu bewegen. In Folge der festen Haltung Englands blieb eS indeffen bei einigen journalistischen Posaunenstößen. — In Oesterreich ist den Deutschliberalen eine große Freude gemacht worden. Der Kaiser hat den Grafen Kuenburg, ein Mitglied dieser Partei, zum Minister ohne Portefeuille ernannt. Anzuerkennen bleibt, daß die Deutschliberalen trotzdem eine vorsichtige und abwartende Haltung beobachten und nach wie vor ihre Ansprüche und Grundsätze aufrecht zu erhalten ent; schloffen sind. — Ein trauriges Bild gibt das kürzlich veröffentlichte russische Reichsbudget. Während im Vorjahr das
Feuilleton.
Ein praktischer Mensch.
Nooellette von Ed. Vogler.
(Fortsetzung.)
Er setzte sich und drückte auf den Knops der vor ihm auf dem Tische stehenden silbernen Glocke.
„Susanne!" rief er dann der diensteifrig eintretenden alten Wirthschafterin zu, „sowie der Herr Medicinalrath Winter erscheint, bitte hier herein," bann vertiefte er sich, nachdem die Alte mit einem verwundert fragenden Blick auf ihre Herrin gegangen, wieder in feine Zeitung.
Es wurde still im Salon, nur das Knistern der umgeschlagenen Zeitungsblätter ließ hin und wieder die emsig arbeitende Dame mit einem sorgenvollen Ausblick zu ihrem Eheherrn hinüber sehen, doch still senkte sie dann wieder den Blick aus das stetig fortschreitende Werk ihrer Hände und die Nadel fuhr schneller durch die Fäden. Von draußen drang nur schwach das Geräusch der kleinen Residenzstadt herein, unterbrochen von dem Zirpen und Jubilieren der gefiederten Sänger, die in den Linden ihr munteres Wesen trieben, doch je höher die Sonne des herrlichen Vormittags stieg, je glühender ihre Strahlen die Erde küßten, um so seltener durchzitterte ein Laut des Lebens die tiefe, köstliche Stille.
Plötzlich drang ein voller, weicher Ton durch das Gemach, Aecorde, so perlend rein und klar, dann immer mächtiger und gewaltiger anschwellend, und in die Töne, welche die Spielerin in dem anstoßenden Zimmer dem herrlichen Flügel entlockte, mischte sich jetzt ihre glockenreine Stimme Lu dem tief empfundenen Liede Mignons:
Kennst du das Land, wo die Citronen dlühn, Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht, Die Myrlhe still und hoch der Lorbeer steht? Kennst du es wohl ? Dahin, dahin Möcht ich mit dir, o mein Geliebter ziehn!
Kennst du das Haus? Auf Säulen ruht sein Dach, Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind, gethan?
Kennst du es wohl? Dahin, dahin
Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn!
„Das klingt ja ordentlich schwermüthig," sagte der Commerzienrath, dem schon bei den ersten Tönen die Zeitung entglitten war und der jetzt zu seiner Gattin aufblickte, „es ist mir neu, aus dem Munde unserer lebensfrohen Emma solche Weisen zu hören."
„Ach!" seufzte die Frau Commerzienrath und eine schwere Thräne tropfte in ihren Schooß.
Unhörbar hatte sich der alte Herr erhoben und die verbindende Zimmerthür etwas geöffnet.
„Da sitzt sie," murmelte er, „wie entgeistert blickt sie vor sich nieder auf die Taften. Was ist mit meinem Kinde geschehen, Agnes?" fragte er angstvoll.
Ein erneuter Seufzer feiner Gattin antwortete ihm, dann blickte sie dem vor ihr Stehenden einen Moment voll in die Augen, um dann sofort mit einem leichten Kopfschütteln wieder den Blick auf ihre Arbeit zu senken.
„Mohrenelement, nun wird es mir aber zu toll," polterte der alte Herr, bei dem der Unwille über die ihm aus dem Auge leuchtende Sorge den Sieg davontrug. „Emma klagt da drinnen wie ein gefangener Staarmatz und Du aceompagnirst ihr mit den fürchterlichsten Seufzern, die ich je von Dir gehört habe. Was ist geschehen?"
„Der Herr Doctor —" meldete in diesem Augenblicke das Stubenmädchen von der geöffneten Thür her.
„Gott sei Dank!" fuhr der Hausherr herum und eilte schnellen Schrittes dem Eingänge entgegen, doch plötzlich stockte fein Fuß, erstaunt sah er nach der Thür. „Täusche ich mich wirklich nicht," kam es dann fragend von feinen Lippen, „Herr Doctor Röhn?"
„Ich sehe Sie überrascht, Herr Commerzienrath," entgegnete der Angeredete nach einer respectvollen Verneigung vor der Dame des Hauses, die sich mit einem Laut der Be
stürzung erhoben, „wenige Worte werden genügen, mein Hierum zu erklären. Herr Medicinalrath Winter, den Sie zu confulttren wünschten, ist verreist und hat mich mit seiner Vertretung betraut; darf ich um Ihre Befehle bitten?"
,/Ah — ah so," stotterte mit einem verunglückten Lächeln Herr Wehner, bald auf den vor ihm Stehenden, bald wie hilfeflehend auf feine Gattin blickend, um dann plötzlich, wie von einem großen Gedanken erleuchtet, hinzuzufetzen: „Ja, verehrter Herr Doctor, da — da kommen Sie wirklich zu spät -" 9
„Aber, lieber Willibald," ertönte es hinter ihm.
„Wahrhaftig zu spät," wiederholte der Herr des Hauses, einen nicht mißzuverstehenden Blick hinter sich werfend, „mir erschien meine Tochter gestern nicht wohl, daher mein Billet an den Herrn Medicinalrath, doch heute früh da jubelt sie schon wieder mit den Lerchen um die Wette; nicht wahr, Frau?" '
„Jawohl, sie — jubelte," bestätigte mit schwerer Betonung der letzten Worte die Angeredete.
„Gott sei Dank," entfuhr es wie erleichtert dem Doctor, „da bin ich also —"
„Ueberflüffig, Herr Doctor, vollständig überflüssig, Gott sei Dank!" entgegnete Herr Wehner, dem jungen Manne leutselig die Hand schüttelnd.
„Sie — Sie sind sehr freundlich — wollte sagen, das ist recht erfreulich," lächelte verlegen der Doctor, „ich will deßhalb auch nicht länger stören, Herr Commerzienrath!"
„Ich darf Sie ja leider nicht zurückhalten, Herr Doctor, ich würde, Ihre Patienten —"
„Erwarten mich — gewiß!"
Mit einer tiefen Verbeugung sich von dem Ehepaare verabschiedend, verschwand der Doctor hinter der Portiere.
„Mohrenelement, das hat noch gefehlt," brummte Herr Wehner, von der Thür zurückkehrend und mit langen Schritten das Zimmer durchmessend, „wäre mir dieser rettende Einfall nicht gekommen, so säße jetzt dieser Poggenburg der Zweite dort drinnen bei meinem Kinde und — na, es giebt ja noch


