Nr. 242 Erstes Blati Sonntag den 16. October 1892
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Hießmer Anzeiger
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Anrtliehev Theil.
Bekanntmachung,
-ie Abhaltung des für den 18. und 19. October 1892 für Schotten bestimmten Viehmarktes betreffend.
Die nachstehenden, bezüglich des obigen Marktes Seitens des Grobherzoglichen Kreisamts Schotten getroffenen Bestimmungen bringen wir zur Kenntniß der Interessenten.
Gießen, den 15. October 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bezüglich des Zutriebs selbst gelten folgende Bestimmungen:
1) Diejenigen, welche den Markt mit Vieh befahren, niüffen mit einem Ursprungszeugniß der Bürgermeisterei versehen sein, in welchem der bisherige Standort des Viehes angegeben ist.
2) Der Viehhändler, welcher, sei es von Schotten aus oder von außerhalb, den Markt mit Vieh befährt, bedarf eines Gesundheitsscheins.
3) Der Landwirth bedarf eines Gesundheitsscheins nur dann, wenn er den Markt von außerhalb befährt.
4) Ist der Ort, aus welchem das Vieh auf den Markt verbracht werden soll, seit länger als einem Monat gänzlich seuchenfrei, und ist er von jedem Orte, in welchem ein Seuchenausbruch festgestellt ist, wenigstens 3 Stunden entfernt, und wohnt kein ermächtigter Thierarzt in demselben, so kann das unter 2 und 3 erwähnte Zeugniß von der Bürgermeisterei ausgestellt werden. Andernfalls, sowie bei Treib- Herden von Schafen und Schweinen ist das Zeugniß von -einem ermächtigten Thierarzte auszustellen.
Jedes Stück Vieh wird, ehe es den Markt betreten darf, thierärztlich untersucht._____
* Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Heinrich Seng, seither Dienstmann Nr. 19, diese Stelle mit Heutigem nievergelegt und um Rückgabe seiner Caution gebeten hat. Wir fordern deshalb Diejenigen auf, welche Ansprüche an diese Caution aus seiner Eigenschaft als Dienstmann erheben zu können glauben, solche bei Meldung des Ausschlusses binnen 8 Tagen bei uns vorzubringen.
Gießen, 15. October 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Gefunden: 1 schwarze Schürze, 5 Taschentücher, 1 Medaillon, 1 Kinderstrickzeug, 1 Kinderschuh, 1 Metermaaß, 1 kleines Messer, 1 Hundehalsband, 1 Tuchrock, 1 graue Weste, 1 Stück schwarzes Band, 2 Wagenkapseln, 1 Peitsche, 1 Regenschirm, 2 Betttücher, 1 Laterne, 1 Cigarren-Spitzen- Etui, 1 Vorstecknadel.
Zugelaufen: Ein schwarzer Dachshund, ein Huhn. Gießen, den 15. October 1892.
Großherzogliches Polizeiamt Gießen. Fresenius.
Deutsches Reich.
Berlin, 14. October. Die „Post" schreibt: Wie man sich erinnert, war vor längerer Zeit ein Gerücht in Umlauf gesetzt worden, daß unser Kaiser in Wien den Besuch des Herzogs von Cumberland empfangen werde. Jetzt haben die Thatsachen die Grundlosigkeit des Gerüchtes .dargethan, eines Gerüchtes, das spurlos verschwunden wäre wie manche andere, wenn nicht die Braunschweigische Landeszeitung l'sselbe mit einem Artikel voller Besorgnisse über die angel l ch in Aussicht genommene Erhebung des Sohnes des Herzogs von Cumberland aus den Thron von Braunschweig begleitet hätte. Uns selbst war eine Darstellung zugegangen, wonach die Königin von England sich bemühe, den Herzog von Cumberland zum Verzicht auf den Thron von Hannover zu bewegen, in welchem Fall ihm der Thron von Braunschweig gewiß sei. Die verwittwete Königin von Hannover wurde nach derselben Darstellung als unerschütterliche Gegnerin dieses Planes bezeichnet, daher seien die Betreiber desselben aus den Ausweg verfallen, den Herzog von Cumberland zu Gunsten seines Sohnes abdanken zu lassen, damit der Sohn unbehindert durch ein Versprechen, wie es der Vater gegeben, jenen Verzicht leisten und aus den Thron von Braunschweig gelangen könne. Wir erfahren nun auf das allerbestimmteste, daß alle solche Projecte, wenn sie irgendwo bestehen, in die Luft gebaut sind, da auf Seiten des Königs von Preußen und seiner Regierung, die doch wohl das entscheidende Wort zu sprechen haben, nicht der allergeringste Wille vorhanden ist, solchen Projecten näher zu treten.
— Die Mittheilung der „Post", es sei für den Reichstag eine Vorlage in Vorbereitung, die sich auf Verschärfung des bestehenden Straf- und Preßgesetzes beziehen solle, begegnet allseitig erheblichen Zweifeln. Dem genannten Blatte zufolge würde die Vorlage strengere
Maßregeln gegen Hoch- und Landesverrath, sowie „dehnbarere" Vorschriften über die Beschlagnahme von Drucksachen enthalten, aber da muß sich doch fragen, mit welchen Vorgängen denn derartige gesetzgeberische Maßnahmen begründet werden sollen. Nirgends im Reiche lassen sich Erscheinungen wahrnehmen, die eine solche Verschärfung des Straf- und Preßgesetzes rechtfertigen würden und man darf daher wohl der Verrnuthung Raum geben, daß jene Meldung des Berliner Blattes auf einer falschen Information beruht. Sollte sie sich aber dennoch bewahrheiten, so kann es als sicher gelten, daß eine Vorlage von dem erwähnten Charakter im gegenwärtigen Reichstage keine Zustimmung finden würde.
Nachricht«»».
WolffS telegraphisches Corresvondenz-Bureau.
Berlin, 14. Dctober. Die feierliche Einführung des Oberbürgermeisters Zelle in sein neues Amt unterbleibt mit Rücksicht darauf, daß er erst im vorigen Jahre als Bürgermeister eingeführt wurde.
Berlin, 14. October. Amtlicher Cholerabericht vom 13. October: Hamburg 10 und 1; Stralsund eine eingeschleppte Erkrankung- Altona 0 und 1. Nach amtlicher Berichtigung war von den gestern für Altona gemeldeten drei Erkrankungen nur eine durch asiatische Cholera verursacht.
Wien, 14. October. Der Großfürst-Thronfolger von Rußland ist früh 6 Uhr aus der Nordbahn eingetroffen - er setzte 7 Uhr 20 Mm. die Reise nach Italien fort, ohne den Wagen zu verlassen.
Paris, 14. October. In den ersten neun Monaten 1892 betrug die Einfuhr Frankreichs 3394 Millionen gegen 3741 Millionen des Vorjahres,-die Ausfuhr 2652 Millionen gegen 2555 des Vorjahres. Im September 1892 wurden Nahrungsmittel für 82 Millionen weniger als im September 1891 emgesührt.
Genua, 14. October. Bei der Ueberschwemmung > von B u salla stieg das Wasser bis zum zweiten Stockwerk der Häuser. Die Einwohner flüchteten. Es wird befürchtet, daß Menschen umgekommeu sind. Diel Vieh ist verloren gegangen. Die telegraphische Verbindung ist gestört. Der Comosee droht auszutrelen.
London, 14. October. Der französische Anarchist Francois, der angebliche Urheber der im Restaurant Very in Paris stattgehabten Explosion, ist gestern Abend hier von englischen Polizeiagenten verhaftet worden. Derselbe leistete bei seiner Festnahme hartnäckigen Widerstand.
Feuilleton.
Ein Jubiläum.
Von Alex Landsberger.
(Nachdruck verboten.)
Die Pendeluhr holte zum Schlage der siebenten Morgen- fftunde aus. Durch die grünen Rouleauxstäbe stahl sich ein sonniger Strahl in das Zimmer, wo unter einer blauen Seidendecke das blonde Weibchen des Herrn Franz Richter schlummerte.
Das goldig fluthende Licht spielte aus ihrem rosig schim- tnernben Gesichte, rieselte auf die geschlossenen Lider der Augen und kitzelte ihre Nase. Die Schlafende verzog einige Male das Gesicht, als belästige sie eine Fliege, zwinkerte mit den Augen, suhr sich mit der runden, schönen Hand über die : Slime, atbmete kräftig auf und erwachte.
Vor ihr stand, völlig angekleidet, im Frack, mit weißer Cravatte, ein großes Blumenbouquet in den Händen, ihr Gemahl, und die Stirne der Erwachenden küssend, rief er mit herzlicher Freundlichkeit aus:
„Guten Morgen, theures Weibchen, ich gratulire!"
Frau Richter rieb sich die Augen, lächelte selig, ohne daß sie sich über die Bedeutung des Moments noch klar geworden, erhob sich mit halben Körper, im Bette- aufrecht fitzend blickte sie vorerst um sich, sah dann eine Weile fragend den Gatten an und endlich, ganz ermuntert, rief sie staunend: ^Aber, Franz, was soll das bedeuten?"
Herr Richter legte den Blumenstrauß auf das Nachttischchen am Kopfende des Bettes, ergriff die Hände seiner Frau und, sie fest drückend — die Hände nämlich — versetzte er:
„Du weißt also gar nicht, daß wir heute ein häusliches Fest begehen?"
Frau Richter schüttelte den Kopf. Sie sucht vergebens, ihrem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen. Was für ein häuslicher Festtag konnte heute sein? Namenstag, Geburtstag,
Hochzeitstag — die hatten mit dem schwarzgedruckten Montag, den der Kalender zeigte, nichts zu schaffen. Sie schüttelte wiederholt verneinend den Kopf, und indem sie es endlich aufgab, die Weihe des Tages zu erralhen, rief sie:
„Geh, Franz, jetzt sag einmal, was für ein Fest feiern wir heute und warum gratulirft Du mir?"
Der galante Herr Richter erhob sich, griff nach dem Bouquet, und es der Gattin präsentirend, begann er mit einem Ernste, an welchem ein feiner Beobachter einen Schimmer von Spott leicht hätte bemerken können:
„Theure Marie! Wir feiern heute ein eigenartiges Jubiläum und es drängt mich, Dir von ganzem Herzen Glück zu wünschen zum fünfundzwanzig st en Dienstboten, den Du seit den zwei schönen Jahren unserer glücklichen Ehe gestern ausgenommen hast."
Das Gesicht der jungen Frau erglühte- mit einem Satze war sie aus dem Bette, und während der Gemahl laut aus- lachend aus dem Zimmer sprang, traf ihn ein kräftiger Schlag im Nacken, wohin der wohlgezielte Blumenstrauß nachgeflogen kam. Zugleich erdröhnte es wie ein Kanonenschuß durch das Haus. Frau Richter hatte nämlich die Thüre zugeschlagen, welche vom Schlafzimmer in den Salon führte.
Herr Richter hatte kaum das Festkleid abgelegt und den geblümten Schlafrock umgebunden, als es draußen kftngelte- er trat ins Vorzimmer, um zu öffnen. Es war richtig das Dienstmädchen — das sünfundzwanzigste — welches mit einem höflichen Kn ix und einem mehr schalkhaften als respect- vollen „Guten Morgen" hereinkam. Herr Richter gab ihr den wohlweisen Rath, bis die Frau ausgestanden, sich mit dem Reinigen der Kleider nützlich zu machen. Dann begab er sich an die verschlossene Thür des Schlafzimmers, wobei er auf dem Wege dahin den Blumenstrauß beseitigte und leise klopfend, lispelte er in süßflötenden Accenten: „Marie mein Engel, das neue Mädchen ist schon da."
Vorerst keine Antwort und nur nach dreimaliger Wiederholung — die engelhaftesten Weibchen haben mitunter inso- serne etwas Teuflisches an sich, daß mans nach Mephisto-
. phelischem Recepte dreimal sagen muß — ließ sich aus dem Schlafzimmer ein verdrossenes: „Hol sie der T.....!"
vernehmen.
„Dann müßtest Du Dich ja um einen sechsundzwanzigsten Dienstboten umschauen," klang eS geduldigen Tones zurück.
Diese Bemerkung scheint überhört worden zu fein und erst als Herr Richter achselzuckend sich ins Speisezimmer begab, zum Morgenblatte griff und sich in die bulgarischen Wirren vertiefte, rauschte Frau Richter aus dem Zimmer, sich in die Küche verfügend, wo sie der neuen Magd die Weisungen für das Frühstück gab.
Ein anregendes Zwiegespräch zwischen der Frau und dem Dienstboten riß Herrn Richter aus den erdrückenden Ziffern- cotonnen. Er lauschte.
„Warum haben Sie sich nicht den Koffer mitgebracht?"
„Ja wissens, gnädige Frau, wenn man ein Haus noch net kennt und man weiß net, ob man dableiben wird, ist das mit’n Koffer eine schwere G'schicht. Das ewige Hin- und Zurücktragen ist eine Rackerei und kost't glei viel Geld."
„Ich habe Ihnen aber ausdrücklich gesagt, daß ich ein Mädchen ohne Koffer nicht brauchen kann."
„Ja wissen's gnäd'ge Frau, die jetzigen Dienstplätze sind aber so, daß man wirklich net weiß . . ."
Herr Richter schmunzelt. So hatte es noch fast jedesmal angefangen,- in günstigen Fällen schloffen artige Plänkeleien mit den Worten: „Sie werden Ihre „vierzehn Tag" machen."
Heute jedoch erfolgte das nicht, und Herr Richter athmetc sroh auf, als seine Frau, die Thüre »ffnenb, hereintrat und ihr der neue Dienstbote mit einem großen Brette, auf dem in weißen Töpfen die Milch und der Kaffee dufteten, folgte. Während des Frühstückes erhielt Herr Richter auf seine versöhnenden, freundlichen, ja liebevollen Bemerkungen keine wie immer geartete Antwort. Die Gattin hatte, einige Löffel Kaffee schlürfend, sich erhoben und in den beiden anderen Stuben sich allerlei zu schaffen gemacht. Scheinbar gleich gütig hatte Ich Herr Richter angekleidet und war, ohne daß


