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Wt. 64

Erstes Blatt

Mittwoch Sen 16 März

Amts- und Anzeig-blatt für den Ureis Gießen.

Hratisöeikage: Hießener Jamitienökätter

Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Ausland«» nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger^ entgegen.

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

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Kchntstratze M.7.

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Ocffcntliche Sitzung der Stadtverordneten.

Gießen, 15. März 1892.

Zu einem erhebend- ^Zraueract gestaltete sich die heute Bormittag 11 Uhr unter Theilnahme sämmtlicher Mitglieder der Stadtverordneten-Versammlung abgehaltene außerordent­liche Sitzung. In dem durch Verhängen der Fenster verdunkelten Sitzungssaale brannten die Gasflammen, die Leuchter waren umflort. Hinter dem am Kopfende des Sitzuirgs- tisches befindlichen, mit Lorbeerbäumen umgebenen Tische des Oberbürgermeisters und der beiden Beigeordneten war die Wand schwarz und in den umflorten hessischen Farben ausgeschlagen. Inmitten der Büsten der Kaiser Wilhelm I. und Friedrich III. war die Büste des verewigten Großherzogs Lud­wig IV., darüber eine Trauerschleife angebracht. Das Ganze bot einen feierlich-ernsten, der Bedeutung des Actes würdigen Anblick. Herr Oberbürgermeister Gnauth richtete an die Versammlung folgende, von derselben stehend angehörten, tief- empfnndenen Worte:

Meine Herren!

Ich habe Sie zu einer außerordentlichen Sitzung zu- sammenberusen, weil ich annahm, daß es Ihnen wie mir ein Bedürfniß ist, in feierlichem Zusammentritt der städtischen Vertretung dem gemeinsamen Gesühle tiefer Trauer Ausdruck zu geben bei dem schweren Verlust, welchen unser Grobherzogliches Haus und mit dem ganzen Hessenvolke unsere, in alter und neuer Zeit dem Fürsten­haus so mannigfach verknüpfte Stadt betroffen.

Wenn in der bangen Sorge der letzten Woche, un­geachtet aller ärztlichen Berichte, doch immer wieder die Hoffnung aus eine Besserung in dem Befinden unseres Allergnädigsten Landesherrn wohl einen Jeden unter uns erfüllte, so war dies neben dem Unvermögen, in das so plötzlich eingetretene Unglück sich zu finden, ganz be­sonders noch veranlaßt durch den sehnlichen Wunsch, es möchte die milde, segensreiche Regierung dieses ritterlichen Fürsten noch recht lange unserem Lande erhalten bleiben, es möchte Sr. Königlichen Hoheit, unserem nunmehrigen Großherzog, vergönnt sein, nach frohen Jugendjahren durch den ehrsurchtvollst von ihm geliebten Vater selbst eingesührt zu werden in die schweren Geschäfte der Regierung.

Meine Herren! Es ist anders gekommen! Seine Königliche Hoheit der Grobherzog Ludwig IV. ist den Seinen und seinem Volke entrissen! einer der Mit- begründer unseres deutschen Reiches, so aus der blutigen Wahl statt wie im Rathe der Fürsten, ist er nun auch im Tode wiederum den beiden Kaisern vereint, zu denen er im Leben getreulich gestanden; uns aber ist nur das Gedächtniß verblieben an sein Wirken.

Daß solche Erinnerung eine dankbare, wer vermöchte es anders zu denken bei dem blühenden Zustande, in welchem der Dahingegangene unser Land zurückgelassen, bei der freien Bahn, die er dem Wirken aller Kräfte des öffentlichen Lebens erschlossen- gleiches Wohlwollen

hat Ludwig IV. wie den materiellen Bedürfnissen, io den idealen Interessen seines Landes und Volkes zuge­wendet, seiner edlen Gattin gleich, war er ein treuer Freund jedes humanen Strebens, ein sicherer Hort der liberalen Anschauungen unseres Volkes.

Unvergessen bleibt bei solcher Erinnerung unter uns, was der Verstorbene insbesondere der Stadt Gieben und der mit ihr so engverbundenen Landesuniversttät gewesen: vor zwei Jahren erst hat er durch seine Theilnahme an unseren Festen erneut uns den offenkundigen Beweis seiner landesväterlichen Huld gegeben, im Vorjahre mit der Landesuniversität durch ein besonderes Band als Rector magnificentissimus sich verknüpft, und in den letzten Monaten noch mit Vorliebe den Plan verfolgt, das Schloß seiner Ahnen in unserer Stadt sich umzubauen-

Von seiner Bahre aber wendet der schmerzumflorte Blick sich der Zukunft, dem Erben seines Thrones zu. Wem von uns Allen es vergönnt gewesen, vor einem Jahre noch dem damaligen Hörer unserer Hochschule näherzutreten, an der Leutseligkeit und Liebenswürdig­keit seines Wesens, wie an dem offenen Sinn, dem warmen Interesse für unsere Angelegenheiten sich zu erfreuen, dem eröffnet angesichts des schweren Verlustes, der uns soeben getroffen, aber auch die Zuversicht sich, datz Se. Königliche Hoheit, unser Allergnädigster Groß­herzog Ernst Ludwig mit der Krone zugleich die schönsten und werthvollsten Gaben seines hochseligen1 Vaters ererbt. >

Und so möge denn ein gütiges Geschick walten über Ihm, aus daß Er in langen Jahren wirke zur eigenen Befriedigung, zum Segen unseres Landes- die wohl-, wollende Gesinnung aber, womit der neue Landesherr I in schwerer Trauerstunde seiner Stadt Gießen gedacht,' die wollen wir vergelten mit doppelter Treue, jetzt und allezeit.

Herr Oberbürgermeister Gnauth bemerkte am Schluffe! seiner Ansprache, daß er im Sinne aller Anwesenden gehandelt zu haben glaube, wenn er ein Beileidstelegramm an ©eine, Königliche Hoheit den Großherzog Ernst Ludwig ab- i gesandt habe - die Antwort darauf sei ja inzwischen bekannt geworden. Weiter habe er veranlaßt, daß am Sarge des verewigten Großherzogs als letzter äußerlicher Schmuck der j treuen Stadt Gießen ein Kranz niedergelegt werde. An den Beisetzungsfeierlichkeiten werde, soweit Vertretung städtischer | Körperschaften in Aussicht genommen sei, und die Zustimmung , der Stadtverordneten-Versammlung vorausgesetzt, der Bürger­meister nebst den Herren Beigeordneten Namens der Stadt Gießen theilnehmen. Die Sitzung wurde hierauf geschlossen.

Deutsches Reich.

Berlin, 13. März. Die Kaiserlichen Majestäten und die gesammte Kaiserliche Familie sind durch das in der vergangenen Nacht um V/4 Uhr erfolgte Ableben des Großherzogs von Hessen in die tiefste Trauer ver- etzt. Die Kaiserliche Familie brachte den heurigen Tag in stiller Zurückgezogenheit zu. Auf dem Palais der Kaiserin Friedrich, Unter den Linden, wurde sofort nach dem Bekannt­werden die Flagge aus Halbmast Herabgelaffen.

Berlin, 14. März. Die so viel erörterte Frage des Welfe nsonds wird nach dem versöhnlichen Schreiben, welches der Herzog von Cumberland an Kaiser Wilhelm ge­richtet hat, voraussichtlich sehr rasch ihre Lösung erfahren, i lieber die Art derselben wird das Weitere indessen noch ab­zuwarten sein, namentlich darüber, ob der Welsensonds, das inzwischen aus ca. 48 Millionen Mark angewachsene beschlag­nahmte Privatvermögen des Königs Georg, selbst dem Herzog von Cumberland auszuzahlen ist, oder nur die Zinsen des selben. Völlig unberührt von der finanziellen Seite der An gelegenheit bleibt vorerst deren politische, speciell was die etwaige Thronfolge deS Sohnes des Herzogs von Cumberland in Braunschweig anbelangt. Diese Frage könnte erst nach der Volljährigkeit des jetzt elfjährigen Prinzen Georg Wilhelm actueller werden und jedenfalls wird sie nicht gegen den bestimmten Willen des braunschweigischen Volkes zur Ent- scheidung gelangen können. 1

Die bezüglich des Ministers der Landwirthschaft/ des Herrn v. H e y d e n, umlaufenden Rücktrittögerüchte^ sollen nicht ganz unbegründet sein, man bezeichnet sogar schon 1 den schlesischen Großgrundbesitzer Grafen Fred v. Frankenstein, als muthmaßlichen Nachfolger Herrn v. HeydenS. Welche^ Ursachen denselben zu dem signalisirten Rücktritt veranlassen sollten, erscheint noch immer nicht ausgeklärt und muß über­haupt das ganze Gerücht sehr vorsichtig ausgenommen werden.

I Bewußtsein ist. Zu den Büchern, welche in den drei Palais, beim jetzigen Großherzog, bei der Prinzessin Victoria

I von Battenberg (Prinzessin Ludwig), bei Ihrer Durchlaucht 1 der verwittweten Prinzessin von Battenberg ausliegen, drängen sich schon von den srühen Morgenstunden ab Tausende. Neben der seinen Handschrist der Dame aus der Aristokratie stehen die Züge, welche die schwielige Faust eines wackeren Arbeiters hingestellt hat. In allen Kreisen der Bevölkerung hat dieser plötzliche Uebergang vom Leben zum Tode tiefe Sympathien wach gerufen. Und unsere Residenz hat das vor der Großstadt voraus, daß die Grundstimmung, die ein solches Ereigniß zeitigt, nicht sofort von dem Marktgewühl der Alltäglichkeiten aufgelöst werden kann.

An Lustbarkeiten, öffentliche Vergnügungen dachte man hier schon während, der Krankheit nicht mehr. Es bedurfte keiner osficiellen Aufforderung das eigene Tactgesühl, das gerade im Bürgerstande mächtig zu Tage trat, lehnte alle geplanten Festivitäten ab.

Die Trauerordnung ist ausgegeben worden für Hof und Land, mit der wahren und echten Trauer hat sich jedoch das Volk sofort von selbst eingestellt.

In dem Audienzzimmer desNeuen Palais", wohin man die Leiche des Hochseligen aus dem Bibliothekszimmer, wo das Krankheitslager gestanden, übergesührt hat, ruht der Entschlafene in der GeneralSunisorm, über die zum Theil der Militärmantel geschlagen ist. Von Stunde zu Stunde mehren sich die Kranz- und Blumenfpenden, die an der Bahre niedergelegt werden. (Fortsetzung folgt.

Z« den Beisetzungsfeicrlichkciten.

Darmstadt, 14. März. Die Beisetzung der Leiche »Sr. Königl. Hoheit des Großherzogs Ludwig IV. I "ich*/ wie irrthümlich telegraphisch gemeldet wurde, »am Montag, sondern am Donnerstag den 17. März, I Vorm ittags 11 Uhr statt. Die ganze hiesige Garnison »wird an dem Leichenzuge Theil nehmen, von den übrigen »hessischen Regimentern Nr. 116, 117 und 118 je die Leib- I bezw. 1. Compagnie mit Fahne. Das Präsidium des I LandeskriegerverbandesHassia" hat an sämmtliche Krieger- I vereine und Militärvereine des Verbandes ein Ausschreiben erlassen, in welchem es u. A. heißt: Wir fordern alle unsere I Vereine und Kameraden auf, sich an der Beisetzung Allerhöchst I unseres Protektors, soweit angängig, zu beteiligen. Am I der Beisetzung wird in der Brauerei Heß, Saalbau- I straße Nr. 4, ein Auskunftsbureau bestellt fein. Dort ist I das Nähere über Aufstellung rc. zu erfragen. Ebenso wird I aus den Bahnhöfen bei Ankunft der letzten Züge vor der I Beisetzung für Auskunstsertheilung und Weisung gesorgt I werden. Die Ausstellung der Vereine :c. muß eine halbe I stunde vor der für die Uebersührung befohlenen Zeit voll- I .endet sein. Es soll Spalier gebildet werden und ist deshalb I frühes Antreten erforderlich. Nach der Beteiligung am I Leichenzug wird eine Trauerfeierlichkeit im städtischen Saalbau I siattfinden. Der Eintritt hierzu wird nur solchen gestattet I sein, welche unsere Hassia-Abzeichen tragen. Anzug'dunkel, I Fahnen umflort, Decorationen und Verbandsabzeichen sind I I anzulegen.

Darmstadt, 14.März. Die sterbliche Hülle weiland Sr. Königl. Hoheit d es Großherzogs LudwigIV. ruhte bis heute noch auf dem Sterbelager im Bibliothek­zimmer des Neuen Palais und ist nunmehr in dem Audienz- I saate aufgebahrt. Der hohr Entschlafene ist mit der Generals- uuifornt bekleidet, die zum Theil von dem Militärmantel I bedeckt wird. Prachtvolle Blumen- und Kranzspenden, so u. A. auch von den Infanterie-Regimentern Nr. 81 und Nr. 115, schmücken das fürstliche Sterbelager. Der Kranz des 81. Infanterie-Regiments wurde schon gestern früh durch Hauptmann Freiherrn Schenk zu Schweinsberg niedergelegt. I Mittwoch den 16. d. Mts, Vormittags von 10 bis 1 Uhr, und Nachmittags von 4 bis 6 Uhr, ist der Zutritt zu der im Audienzsaale des Neuen Palais aufgebahrten Leiche Sr. Königl. Hoheit des verewigten Großherzogs Ludwig IV. peftattet. Der Eingang zum Neuen Palais ist durch das Thor am Marienplatz (links durch den Garten) und die Thüre in der Front nach dem Wilhelminenplatz, der Ausgang durch das Hauptportal und das Thor nach dem Wilhelminen- platz zu nehmen.

Darmstadt, 14. März. Beide Kammern der! Land stände treten nächsten Donnerstag behufs Berathung einer Adresse an Se. Königl. Hoheit den Großherzog I zusammen. Das Präsidium der zweiten Kammer wurde I beute Vormittag vom Großherzog und den Grobherzoglichen Prinzen empfangen.

Der frtegwr A»reig,r erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener ImktterrötLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Zur Landestrauer.

Aus der Residenz.

(Originalbertchl für dcnGießener Anzeiger".)

Darmstadt, 14. März.

E. M. Der Tod des Grobherzogs drückt dem ganzen Leben und Treiben unserer Residenz einen funcbralen Cha­rakter aus.

Eine geschäftige Trauerindustrie entfaltet sich an dem Katafalk. Da ist fast fein größerer Erker, der nicht für eine geschmackvolle Decoration gesorgt hat. Namentlich die Buch- und Kunsthandlungen, sowie die zahlreichen Blumen­geschäfte thun sich in dieser Beziehung hervor. Frisches ®rün schlingt sich mit Crepe und Flor um eine Photographie oder eine Büste des Verewigten.

Bilder des Großherzogs aus allen Jahrgängen tauchen auf. Neben der Darstellung des jungen Prinzen Ludwig, ber die ersten hohen militärischen Abzeichen trägt, erscheinen Bilber aus den Jahren der glücklichen Ehe mit der Groß­herzogin Alice, und solche, die aus der letzten Zeit stammen, Cwil- und Unisormbild nebeneinander, denn von Ludwig IV. hat in Wahrheit das Wort gegolten:

?'Wir ballen Dich lirb in Fiustenpracht

Und schlichtem Bürgerkletde . . ."

Auch das Portrait des neuen Regenten zeigt sich neben dem deS Verblichenen.

Der Fremde, der in diesen Tagen nach Darmstadt kommt, kann sich durch Augenschein überzeugen, wie tief die Trauer im Hessenvolke sitzt und wie lebendig das monarchische

(Wiener ZI nyiger

Ameral-Anzeiger.