Ausgabe 
15.10.1892 Erstes Blatt
 
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1892

Samstag bet 15. October

tx. 241 /Erstes Blatt.

Ktrkenet Anzeiger

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^Amtlicher Theil.

Gießen, den 12. October 1892.

Die Aufnahme von Blinden in die Blindenanstalt zu Friedberg.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

<m die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.

Das Ausschreiben Gr. Ministeriums des Innern und der Justiz vom 23. November 1880 zu Nr. M. I. 25104 hat, veröffentlicht in dem Anzeigeblatt Nr. 64 von 1880, wie die Erfahrung der letzten Jahre zur Gewißheit erhebt, leider nicht den Erfolg gehabt, daß sämmtliche bildungsfähige Blinden im schulpflichtigen Alter der rubricirten Anstalt zu einer sachgemäßen Ausbildung ihrer geistigen und körperlichen Kräfte und Anlagen zugeführt werden. Es muß vielmehr aus der geringen Anzahl derjenigen, welche dieser Anstalt überwiesen werden, geschlossen werden, daß die bei weitem gröbere Mehrzahl der Wohlthaten verlustig geht, welche ihnen durch die Verbringung in dieselbe erwiesen werden können. Wir sehen uns darum veranlaßt, diese Angelegenheit Ihrer unausgesetzten Aufmerksamkeit dringend zu empfehlen.

Um aber auch uns ein begründetes Urtheil zu ermög­lichen, fordern wir Sie auf, uns spätestens im Laufe des Monats October eine tabellarische Uebersicht über die Zahl und Namen der Blinden in den einzelnen Genieinden einzu­senden, in welcher zugleich in besonderen Kolumnen anzugeben ist, wie viele dieser Bünden im schulpflichtigen Alter stehen, wie viele bildungsfähig und wie viele derselben in die Blinden­anstalt ausgenommen worden sind.

Im Begleitberichte wollen Sie sich zugleich darüber äußern, welche Ursachen die Verbringung der Blinden in die Anstalt verhindert haben und welche Maßnahmen etwa zur Beseitigung der entgegenstehenden Schwierigkeiten getroffen werden können.

v. Gagern.

Neueste iladjridjkm

Wolffs telegraphisches Eorresvondenz-Burcau.

Berlin, 13. October. Die hiesige neue deutsche Oper, die am 3. September im Bellealliance-Theater ihre Vorstellungen eröffnete, ist verkracht. Die Mitglieder erhielten schon seit lange ihre Gagenbezüge nur ratenweise.

Hamburg, 13. October. Amtlich. Gemeldet zehn Cholera-Erkrankungen, 6 Todesfälle; davon gestern 8 Er­krankungen und 6 Todessälle. Transporte: 10 Kranke und eine Leiche.

Hamburg, 13. October. Der Krankheitszustand der letzten Tage ist unverändert. Die gemeldeten Todesfälle

v-zuilUftm.

Die Entdeckung von Amerika vor 400 Jahren.

Ein Gedenkblair an Christoph Columbus.

Von Dr. Adolph KoHut.

(Fortsetzung.)

Noch nie hat wohl ein Souverain seinem Unterthan solche Machtbesugnisse eingeräumt, etwa den Fall ausgenommen, als der Kaiser von Oesterreich Wallenstein bei der Ueber- nabme des zweiten Generalats alles gewährte. Später mußten diese Bedingungen naturnothwendig zu einem Conflict zwischen Columbus und der spanischen Krone führen, der freilich nicht so tragisch wie bei Wallenstein endigte, der aber immerhin das Lebensglück des unsterblichen Entdeckers vernichtete.

Mil bewunderungswürdiger Tatkraft machte sich nun Columbus an das große Werk. Von der Königilt, die sich in Geldnoth befand, erhielt er blos o300 Ducaten, die sie sich selbst geliehen harte- zwei Schiffe wurden im Ganzen zur Fahrt hergerichtet, ein drittes, kleineres, mußte gemrethet werden- nur das größere Schiff war vollständig gedeckt, die beiden anderen hatten blos am Vorder- und Hintertheil erhöhte Verdecke, waren aber in der Mitte offen. Die Mannschaft belief sich im Ganzen aus 120 Mann, welche sich aus den umliegenden Hafenplätzen, aus Palos, Moguer und Huelva rekrutirte. Das größte Schiff, dieSanta Maria", stand unter dem Befehl des Columbus, auf dem zweiten, der Pinta", commandirte Alonso Pinzon und außer ihm sein Bruder Franzisco Martin als Steuermann, und aus dem dritten, derNina", führte Vincente Yanes Pinzon das Kommando.

betreffen fast ausschließlich die m den Hospitälern behandelten Patienten, deren Zahl erheblich zusammenschmilzt. Die Sani- tätscolonnen transportirten seit dem 1. October zusammen nur 16 Leichen, fünf Tage (auch heute) gar keine. Die Auflösung der Colonnen erfolgt L-amstag. Die Baudepu­tation erläßt eine Erklärung, an den Sandfiltrationsanlagen der Wasserkunst arbeiten gegenwärtig nahezu 1000 Personen- eine genügende Wasserlieferung trete voraussichtlich Mitte 1893 ein. Gegen die den Oberingenieur Meyer beleidigenden Verdächtigungen und Beschuldigungen in der Presse sei Straf­antrag gestellt. Die Packetsahrt-Gesellschast nahm die Be­förderung von Zwischendeck Passagieren nach Amerika aus. Der letzte Rest der hier auf Kosten der Gesellschaft verweilenden russischen Auswanderer wird Samstag expedirt.

Wien, 13. October. Se. Majestät der Kaiser Wilhelm traf, vom Erzherzog Franz Ferdinand begleitet und von einem überaus zahlreichen Publikum mit lebhaften Jubelrusen be­grüßt, kurz vor 8 Uhr aus Schönbrunn an der Landungs­stelleWeißgerber" ein, um von derselben mit dem bereit liegenden Separatdampfer einen Jagdausflug nach der Donau­inselAm Kreuzgrund" zu unternehmen. Auf der Landungs­stelle war ein prachtvoller Triumphbogen errichtet, der Separat­dampfer war reich mit Blumen geschmückt, auf dem Hinterdeck desselben ein Zelt zur Ausnahme der Jagdgesellschaft aufge­schlagen. Se. Majestät der Kaiser erschien im Jagdanzug. An der Landungsstelle richtete Se. Majestät an den bereits anwesenden deutschen Botschafter Prinzen Reuß, den Oberst- Jägermeister Grasen Abensperg - Traun, sowie den Director der Donau-Dampsschifffahrts-Gesellschast Ullmann kurze An sprachen. Um 8 Uhr begab sich. Se. Majestät der Kaiser in Begleitung des Erzherzogs Franz Ferdinand und des Botschafters Prinzen Reuß unttr dreifachen Hurrah der Mann­schaft und Hochrufen des zahlreichen yerbeigeströmten Publikums auf den Dampfer. An dem Jagdausflug nehmen noch Theil der deutsche Flügeladjutant Oberst v. Kessel und der zum Ehrendienst bei Se. Majestät befohlene Flügeladjutant Gras Saintquentin. Die Rückfahrt von der Jagd soll Nachmittags 3 Uhr aus dem Separatdampser nach Mannswörth erfolgen, von wo die Fahrt nach Schloß Schönbrunn in Hofequipagen fortgesetzt wird.

Wien, 13. October. Kaiser Wilhelm kehrte vom Jagdausflug um 5 Uhr nach Schönbrunn zurück, wo 61/2 Uhr Hosdiner stattfand, woran beide Kaiser, Erzherzog Franz Ferdinand und das beiderseitige Gefolge thecknahmen. Um 8 Uhr 55 Min. ist Kaiser Wilhelm abgereist, vom Kaiser von Oesterreich nach dem Bahnhofe geleitet. Die Monarchen verabschiedeten sich sehr herzlich. Am Bahnhose hatten sich Botschafter Reuß, das Botschaftspersonal und Ehrencavaliere eingefunden. Der Kaiser von Oesterreich reifte um 9 Uhr 20 Min. nach Gödöllö ab.

Unvergeßlich wird der Tag in den Annalen der Welt­geschichte sein, als am 3. August 1492, nachdem die Mann­schaft vorher gebeichtet und das Abendmahl genommen halte, die kleine Flotte den Hasen von Palos verließ und dem un­bekannten Weltmeere zusteuerte. Christoph Columbus führte über seine weltgeschichtliche Fahrt gleich vom Beginn ein aus­führliches Tagebuch, von welchem sich der größte Theil erhalten hat- mir sind dadurch in der glücklichen Lage, diesen Triumphzug, aber auch Märtyrergang des menschlichen Dranges nach der Ersorschung der Welt, nach der 'Entdeckung der Wahrheit mit ziemlicher Genauigkeit verfolgen zu können.

Columbus wählte den über die canarischen Inseln führenden Weg, der doppelt so lang ist, als der, aus dem sich die Erdtheile einander am meisten nähern- dagegen unter­stützte ihn auf seiner Fahrt der Nordostpassatwind, aus dessen Zone er nur ein einziges Mal heraustrat.

Unter dem Parallelkreis der canarischen Inseln immer in westlicher Richtung nach Indien segelnd, hatte er das Un­glück, daß schon am vierten Tage das Steuer derPinta" beschädigt wurde- er mußte infolge dessen nach dem Hafen von Gomera zurückkehren und volle vier Wochen dort ver­weilen. Erst am 6. September wurde die Fahrt fortgesetzt. Um die Mannschaft nicht durch die Größe der Meilenzahl zu erschrecken, wandte er ein eigentümliches Mittel der Täuschung an: in dem Jedermann zugängltchen Schiffsjournal führte er kleinere Ziffern auf, als er selbst die Entfernungen schätzte. Am 13. September, beim Einbruch der Nacht, beob­achtete er zuerst die Declination der Magnetnadel, ein wie Humboldt sagt denkwürdiger Zeitpunkt in den Jahr­büchern der nautischen Astronomte. Schon am 16. Sep­tember, als die ©duffe zuerst in das Sargassomeer eintraten, glaubte er Anzeichen von der Nähe des Landes oder von Inseln zu bemerken- es waren dies: ein dunkler Horizont,

Budapest, 13. October. Von gestern 6 Uhr Abends bis heute Abend 6 Uhr sind 33 Personen an Cholera erkrankt, 16 gestorben, 19 Personen als geheilt aus den Cholera­spitälern entlassen.

Loudon, 13. October. In der Compagnie des Trans­portdienstes zu Portsmouth ist gestern eine Meuterei von Mannschaften ausgebrochen. Das Pferdegeschirr wurde beschädigt oder vernichtet. Die Betheiligten geben als Grund zur Widersetzlichkeit übermäßige Anstrengung im Dienste an. Vergangene Nacht wurde die ganze Compagnie in der Kaserne consignirt. Amtliche Untersuchung ist eingeleitet.

Petersburg, 13. October. DemRnsskij Jnwalid" zu­folge wird im Bereiche des Petersburger Militärbezirks ein neues, 18. Armeecorps gebildet und zwar aus der 23. und der 24. Infanterie-Division. Zum Commandeur ist Generallieutenant Baron Zeddeler, bisher Adlatus des Oberchess der Militärbildungsanstalten, und zum Generalstabs- ches Generalmajor Stryck, bisher zur Disposition des Kriegsministers, ernannt. Zum Commandeur des 9. Armee­corps an Stelle des Generallieutenants Ovander ist der bis­herige Artilleriechef dieses Corps Generallieutenant Barssow ernannt.

Depeschen des BureauHerold".

Berlin, 13. October. Das Staatsministerium hielt unter dem Vorsitze des Grasen Eulenburg heute Vor­mittag eine Sitzung ab. lieber den Gegenstand der Be- rathung wird Stillschweigen beobachtet. Heber die Sitzung des Staatsministeriums am letzten Samstag verlautet zuver­lässig, daß über die Militärvorlage verhandelt wurde, welcher das Ministerium einstimmig zustimmte. Der Eröff­nungstermin des Landtags und des Reichstags ist noch nicht festgesetzt. Vor der heutigen Plenarsitzung des Bundesraths traten die Ausschüsse für Zoll- und Steuerwesen, Handel, Verkehr, Eisenbahnen, Post und Telegraphie zu Berathungen zusammen.

Berlin, 14. October. Die Militärvorlage wird dem Bundesrathe am 20. d. Mts. vorgelegt und nach deffen Erledigung veröffentlicht.

Bremen, 14. October. Die /Leserzeitung" meldet aus London: Das deutsche KriegsschiffGneisenau" ist in der Nordsee mit dem schwedischen SchoonerSigrid Elizabeth" zusammengestoßen. Letzterer wurde von der Mannschaft verlassen-Gneisenau" lief in Plymouth ein.

Frankfurt a. M., 13. October. Bei der heutigen Land­tagswahl wurde der freisinnige Candidat Funck mit 283 gegen den Nationalliberalen Grimm, welcher 254 Stimmen erhielt, gewählt.

München, 13. October. Demnächst wird der bayerische Ministerrath unter Zuziehung der Delegirten zur Ver­ein Nebel ohne Wand und schwimmende Tangmassen. Doch sollten noch säst vier Wochen vergehen, ehe das Erlösungs­wortLand!" erscholl.

Es ist wohl selbstverständlich, daß je länger diese merk­würdige Fahrt dauerte, desto ungeduldiger die Schiffsmann­schaft wurde- denn welche Verehrung man auch für den Capitän hegte und wie unbedingt man auch seinemStern" vertraute, so war es immerhin möglich, daß er sich täuschte und der gesuchte Seeweg nach Indien nicht gesunden werden mochte- doch ist jene dichterische Scene, welche wir in so vielen Jugend- und Schulbüchern geschildert finden, wonach die an dem Unternehmen verzweifelnde Mannschaft in offener Meuterei den Admiral zur Umkehr zu zwingen suchte und ihm offen oder in geheimer Verabredung mit dem Tode drohte, als eben der langersehnte RufLank" aus 120 Kehlen erschallt, eine schöne Erfindung. In dem Schiffsbuche des Columbus findet sich wenigstens nicht die geringste Andeutung solcher Meutereien und ist doch wohl nicht anzunehmen, daß der Admiral, welcher sich überall als ein gewissenhafter und feiner Beobachter bekundet, ein derartiges Ereigniß mit Stillschweigen übergangen hätte. Immerhin bestätigt daS Tagebuch, daß er viel von den Leuten zu leiden hatte, weil sie einstimmig erklärten, umkehren zu wollen. Am 7. October beschloß er, einen südwestlichen Curs einzuhalten, wozu er durch den Flug zahlreicher Vögel, welche nach dieser Richtung zogen, veranlaßt wurde - denn er wußte, daß die Portugiesen der Beobachtung des Fluges der Vögel die Entdeckung mancher Inseln verdankten.

Immer mehr machten sich die ersten Anzeichen von Land bemerkbar. Am 9. October spürte man einen frischen Hauch der Lust, wie wenn er von fernen Blüthenbänmen herüber* wehe - am 11. October fischte man bei dem Admiralschiffe einen frischgrünen Zweig, bei derPinta" einen mit Feuer