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Dcr chießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.
Die Gießener Aamiticnd tatter werden hem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
Mittwoch den 14. September
Kchener Anzeiger
Henerat-Anzeiger.
1892
Vierteljährig r Abonnementspreis r 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
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X” | Hratirkeitage: Hi«ß-n-r Samifiett61'ätfer.
Alle Annoncen-Bureaux deS In- und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß le nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die taturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden rmittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich einer Aus- hlagS von Fünf vom Hundert, pro Monat August 1892 ir den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen;
Hafer 14.90, Heu JL. 7.90, Stroh JL 5.—.
Gießen, den 10. September 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
I. V.: Jost.
Wolffs telegraphisches Correfvondenz Bureau.
Genua, 12. September. Der König mit den Prinzen, cgleitet von den Ministern und dem Hofstaat, besichtigte das Geschwader, indem er sich an Bord eines jeden Admiralschiffes egab, woselbst er an der Landungstreppe von den Admirälen mpsangen wurde. Die Königsschaluppe wurde überall mit lanonensalven und Hurrahrus?n begrüßt. Aus dem deutschen ldmiralschiff verweilte der König 35 Minuten. Der König oohnte den Uebungen der Schiffsbemannung bei, ließ dieselben efiliren und beglückwünschte die Admiräle zu der vorzüglichen Haltung und Ausbildung der Mannschaften.
Depeschen des Bureau „Herold".
Berlin, 12. September. Nach einer Blättermeldung soll er Kaiser den Pianosortesabrikanten Steinway gestern in ludienz empfangen haben. Der Kaiser erklärte den Besuch er Chicagoer Ausstellung für nicht ausgeschlossen.
Berlin, 12. September. Der Reichskanzler hat aus Srund des Artikel 4 der Bersassung behuss wirksamer seuchen- olizeilicher Controle der Unter- und Ober-Elbe den Ober- ^egierungsrath Richt Hosen zum Reichscommissär ür die Gesundheitspflege im Srtomgebiet der Elbe rnannt und angewiesen, mit den Behörden der berührten Bezirke in Verbindung zu treten.
Berlin, 13. September. Die „Voss. Ztg." bespricht in inem Leitartikel die Zusammensetzung des Abgeord- tetenhauses aus der conservativ clericalen Mehrheit und ordert zum Kampf gegen die conseroative Partei auf, weil ie Erschütterung des Besitzstandes des Centrums und der Holen aussichtslos sei. Die Zeit für einen Kamps sei jetzt jünnig angesichts der Verbrüderung der Rechten mit dem
Centrum. Die Erlangung Jner liberalen Mehrheit sei auch ohne die Freiconservativen durchführbar.
München, 12. September. Nach einer Meldung der „Münch. N. Nachr." ist in hiesigen amtlichen Kreisen von der Absicht der Reichsregicrung, eine Aenderung dcr Biersteuer herbeizusühren, nichts bekannt. Eine Annahme des Systems in der Höhe der bayerischen Steuer für Norddeutschland sei unwahrscheinlich. Zudem sei die Vereinigung der Sleuergebiete unter Wegfall der Rückvergütung und Ueber- gangsteuer, welche an die Zustimmung des bayerischen Landtages gebunden sind, kaum zu erwarten.
München, 13. September. Der Gesundheitsrath erklärte die Abhaltung des Octv be rsest es bei den dermaligen Gesundheitsverhältnissen Bayerns für unbedenklich.
Potsdam, 13. September. Die Kaiserin wurde Nachts 31/2 Ufyr von einer Prinzessin entbunden. Kaiserin und Prinzessin befinden sich wohl.
Die Cholera.
Der „Reichßanzeiger" veröffentlicht die Verfügung des preußischen Ministeriums des Innern, betr. die einheitliche Behandlung der aus Choleragegenden in noch seuchensreien Landestheilen anlangenden Personen und Gegenstände, an die Oberpräfidenten. Die Verfügung erweist sich als höchst nothwendig, da ein sehr verschiedenes Vorgehen der Orts-, Kreis- und anderen Verwaltungsbehörden hinsichtlich der Behandlung der aus verseuchten Gebieten kommenden Personen und Gegenstände bis jetzt zu beobachten gewesen ist. Die unteren Behörden überschritten hierbei vielfach ihre Befugnisse und namentlich den sich hieraus entwickelnden Unzuträglichkeiten soll durch die j^c verfugte einheitliche Regelung dieser Behandlung ein Ende gemacht werden.
— Dem Kaiserlichen Gesundheitsamt vom 10. bis 12. September, Mittags, gemeldete Cholera-Erkrankungs- und Todesfälle:
Staat
• und
Bezirk
C r t
Datum
eifrai.ft qo
gestorben
erkrankt <o gest. rbcn
erki unkt g gest rbcn 5°
11./9.
erki nkt
gest rbcn
Hamburg
Hamburg
393
215
310163
310161
390
175
Preußen
Schleswig
Altona
6
5
14 8
8 7
12
5
Wandsbeck
1
2
2 3
4 3
—
—
Srade
Neuländermoor
—
—
1 -
2 2
—
—
Vereinzelte Erkrankungen:
Regierungsbezirk Schleswig: in den Städten Itzehoe, Lauenburg und in vier Orten der Kreise Stormarn, Pmne- berg und Kiel (Land) 5 Erkrankungen, 5 Todesfälle.
Regierungsbezirk Stade: in zwei Orten der Kreise Jork und Kehlungen 3 Erkrankungen.
Regierungsbezirk Lüneburg: in den Städten Harburg und Winsen, sowie in drei Orten des Landkreises Harburg 5 Erkrankungen, 3 Todesfälle.
Regierungsbezirk Magdeburg: in einem Orte des Kreises Jerichow II 1 Todesfall.
Regierungsbezirk Potsdam: in der Stadt Spandau 2 Todesfälle.
Berlin: 1 Todesfall (Kappel).
Regierungsbezirk Stettin: Stadt Stettin eine Erkrankung.
Die bisherigen Angaben für Hamburg sind Seitens des dortigen statistischen Bureaus einer Revision unterzogen worden und es haben sich dabei nachstehende Zahlen für die einzelnen Tage ergeben:
Erkrankt
Gestorben
BiS zum 20.
August . .
86
36
21.
., 83
22
22.
. 200
70
23.
. 272
111
24.
. 367
114
25.
. 673
192
26.
. 991
315
27.
. 1101
456
28.
. 1036
428
29.
. 982
394
30.
. 1086
484
31.
. 858
395
1.
Srptember .
. 843
394
2.
. 809
478
3.
. 777
437
4.
. 679
293
5.
. 582
281
6.
. 485
258
7.
419
224
8.
. 346
160
9.
. 350
150
10.
„ .
. 213
113
Berlin, 12. September. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Nachdem die Cholera in Bremen seit einer Reihe von Tagen nicht mehr ausgetreten ist und der Gesundheitszustand der Stadt und des Hasengebiets Desorgniffe nicht mehr erweckt, verständigte der Reichskanzler die Bundesstaaten davon, daß der Bremer Hafen als seucheverdächtig nicht mehr anzusehen ist.
Berlin, 13. September. Die hiesigen Blätter enthalten einen Aufruf von acht Bankinstituten zu Beiträgen gegen die Hamburger Hungersnoth und wirthschastliche Gefahr für kleine Geschäfte.
Feuilleton.
Die preußische Spionin.
Eine Geschichte aus Sedan von R. v. Trebor.
(Schluß.)
Armands Verwundungen waren, wie gesagt, nicht lebensgefährlich. Der Schuß ins Bein hatte keine Knochenbeschä- »igung herbeigesührt, und jener durch die Gangen, außer •er Durchlöcherung derselben und einer leichten Streifung er Zunge, nur den Verlust von fünf Zähnen nach sich ge- ogen. Die Aerzte trösteten, daß die Sprache gar nicht gestört md auch das Gesicht keine Entstellung erleiden werde, im llothsalle aber ein tüchtiger Backenbart — zu dem Aussicht ei — die Narben verdecke.
Da saß denn das deutsche Mädchen bereits seit zwei Wochen am Krankenbette des srauzösischen Offiziers und las hm auf seinen Wunsch aus ihrem geliebten Schiller vor. Unverwandt weilte das Auge des Kranken auf den berrlichen Zügen seiner treuen Pflegerin. Sie hatte innegehalten. Das sprechen war, um die Heilungen zu beschleunigen, dem Kranken verboten. Er erbat sich durch ein Zeichen die Schieser- :asel, der er all seine Wünsche anzuvertranen hatte, und chrieb darauf:
„Wie gut, wie so seelensgut Sie sind, Mademoiselle Louise!"
„Devoir, rien que devoir, nichts als Pflicht," wisperte ne Gouvernante abwehrend und senkte die langen Augenlider.
Und wieder nach einigen Tagen ließ Armand sich die Schiefertafel reichen und schrieb daraus in fieberhafter Eile: ,Louise, Louise! ich kann es nicht verschweige^, Louise, ich lebe Sic von ganzem Herzen, aus ganzer ©edle !"
£>ie las es. Es flimmerte vor ihren Augen. Hoch 1 oiütc die Brust! Blässe und Rölhc wechselten in stürmischer |
Reihenfolge. Hastig wischte sie die Schrift von der Tafel und eilte aus dem Krankenzimmer. „Ehrwürdige Schwester Agnes," sagte sie zu der Nonne, die draußen im Lehnstuhle geschlummert hatte, „ich fühle mich unwohl, bitte, vertreten Sie meine eigene Zeit!" — Dann eilte sie in ihr Zimmer, schloß sich ein und in einen Thränenstrom ausbrechend, zitterten die Wo.rle: „Er liebt mich! O Gott, o Gott! Ist es denn möglich?" von ihren Lippen.
* * *
Die Krankheit hatte einen günstigen, schnellen Verlaus genommen. Louise konnte sich nun wieder ganz der Erziehung der beiden Kinder hingeben, denn Armand war bereits Recon valescent. Obwohl Kriegsgesangener, war ihm der weitere Aufenthalt im Hauie seines Vaters auf Ehrenwort gestattet. Eines Tages erschien ein stattlicher preußischer Offizier, geziert mir vielen Ehreuzetchen, im Hause des Bürgermeisters. „Herr Bonardelle," begann er, „ich komme dienstlich und auch privatim in Ihr Haus - dienstlich zur Controlirung des in Ihrem Hause befindlichen kriegsgefangenen und verwundeten Lieutenants der Mobilgarde, Armand Bonardelle, und pri« vatim, um meine geliebte Schwester Louise, welche ich seit fünf Jahren nicht gesehen, zu umarmen. Auswärtiger Dienst hat mich verhindert, dies schon früher zu thun. Ich bin der Hauptmann Friedrich Burkhart, gegenwärtig commandirt beim Generalstab.
Der Bürgermeister war sichtlich überrascht. Er wollte Fräulein Burkhart sofort herbeiholen, der Hauptmann aber wehrte mit den Worten ab: „Zuerst Dienstespflichten, dann erst Herzenspflichten," und ließ sich zum Lieutenant Bonardelle, welcher sich auf dem Gartenbalcon befand, führen. — „Ich gratulire Ihnen, Herr Lieutenant, zu Ihrer wunderbar schnellen Genesung," sagte der Hauptmann und reichte Armand, der zu träumen dachte, seine Hand. „Als ich Sie am
2. Sepiember auf dem Schlachtfelde auflas, da sah es mit Ihnen ganz anders aus. He?"
Der junge Mobile-Gardiste wollte sich ausrichten, wurde aber von dem deutschen Offizier sanft in seinen Lehnstuhl zurückgedrängt.
„Papa," sagte Armand, „es ist kein Feind, den unser Haus in diesem Momente birgt; hier dem Capitän hast Du es zu danken, wenn Du heute noch einen Sohn Dein eigen nennen darfst."
„Es scheint, daß sich alles vereint, ihn zum Freunde des Hauses zu stempeln," erwiderte Monsieur Bonardelle erfreut, „denn der Capitän ist — —"
Er hatte nicht Zeit gehabt, auszusprechen. Alles Cere- moniell vergeffend, stürzte athemlos die Gouvernante in den Gartensalon. „Friedrich! — Louise!" ertönte es gleichzeitig und Bruder und Schwester lagen sich in den Armen.
Armand wurde leichenfahl — die Sinne drohten ihm zu schwinden.
„Armand," sagte Frau Bonardelle, die längst in dem Herzen ihres Sohnes gelesen, die längst sein Geheimniß errathen, „Armand," sagte sie geängstigt zu dem starr dasitzenden Reconvalescenten und nahm sein Haupt in ihre Hände, neigte ihren Mund zu seinem Ohr und flüsterte: „Sei ruhig, es ist der Bruder Derjenigen, die Du liebst, ja, die Du liebst, — Derjenigen, die ich längst als meine dritte Tochter betrachte, und die, wenn sie Dich liebt, dte Deine werden soll, sobald der böse Krieg vorüber und Du vollständig genesen bist. Papa Bonardelle, das überlaß mir, wird einwilligen."
Armand küßte stürmisch die Hand der gütigen Mutter. Niemand hatte von dieser Scene etwas gemerkt. —
Ueberspringen wir den Zeitraum von zwölf Jahren und könnten wir uns an Ort und Stelle, dem lieblichen Oertchen Faxe im Santon Delrne in der Lorraine befinden, so würden


