Ausgabe 
13.10.1892 Zweites Blatt
 
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Nr. 239

Der chietzerrer Anzeiger erscheint täglich, eit Ausnahme deS Montags

Dre (Kießener - «mitt en vtälter »erden dem Anzeiger »Achentlich dreimal bekriegt

Zweites Blatt. Donnerstag den 13. Octobcr

GichenerLnzeiger

Henerat-Anzeiger.

1892

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Alle Annoncen-Bureaux deS In- und «uslanbe» nehmen. Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger" mtgcgen

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag- für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bi- vor«. 10 Uhr.

Vermiichtcs.

* Anläßlich der Geburt einer kaiserlichen Prinzessin wird daraus hingewiescn, daß in Preußen nicht, wie in anderen

Gießen, den 11. October 1892.

Betr.: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen.

Die

Großh. Kreis-Schulcommisfion Gießen

an die Schulvorstände des Kreises.

Unter Hinweis auf unsere Verfügung in rubr. Betreff vom 9 September - Nr. 212 d. Bl. - erinnern wir die mit Erledigung derselben noch rückständigen Schulvorstände an die sofortige Einsendung der betr. Schülerverzeichniffe.

v. G aqern.

Staaten, die Unterhaltung der einzelnen Glieder der Herrscher­familie dem Staate zur Last fällt, sondern, daß lediglich der König aus Staatsmitteln eine Civilliste (von jährlich fünfzehn Millionen) erhält. Ueber die Unterhaltung der Familienmit­glieder aus dem Hausvermögen besteht ein besonderes Familien­gesetz, wonach jeder Prinz auf Kosten dieses Hausvermögens von seinem 10. Jahre ab einen besonderen Hofstaat, von seiner Mündigkeit die! bei Prinzen mit 18 Jahren eintritt

ab jährlich 300000, Mk. erhält; Prinzessinnen erhalten eine Aussteuer von 750000 Mark.

* Ein blinder Lehrer. In Tarkarzew (Kreis Schild­berg) wirkt ein seit 29 Jahren im Amte stehender und seit zwei Jahren erblindeter Lehrer zur Zufriedenheit der Schulauf­sichtsbehörde weiter in seiner 105 Schüler zählenden Klasse. Als dieser Lehrer vor zchei Jahren sein Augenlicht verlor, zog die Kgl. Regierung irt Posen seine Pensionirung in Er­wägung. Der Erblindete bat aber um Belassung in seinem Amte, und dem Unterrichtsminister ging das Geschick des Mannes so nahe, daß er widerruflich das Verbleiben des blinden Lehrers im Amte genehmigte.

* Lateinisch. Ein Farmer hatte einen Sohn Namens Michel, den er studiren ließ. Sei es nun, daß Michel faul oder dumm war, kurz, die Zeugnisse, die er mit nach Hause brachte, erweckten sehr wenig Hoffnung, als könne er einmal der Nachwelt durch seine Gelehrsamkeit zu denken auf­geben. Als Michel wieder einmal in die Ferien kam, wollte ihn der Vater selbst prüfen. Gerade mit Mistladen be­schäftigt, fragte er ihn:Michel, wie heißt denn Mistgabel aus Latein?"Heißt Gabelinus", erwidert Michel ganz un­verlegen.Und der Mist?"Heißt Mistus."Und der Karren?"Heißt Karratus." Nun nahm der Vater den Sohn mit in die Scheune, wo an den Wänden die Flegel hingen.Wie heißt denn Flegel auf Latein?" forschte der Vater weiter.Heißt Flegelinus", gab Michel schlagfertig zurück.Ich verstehe schon," versetzte daraus der Alte, der sich das Latein gemerkt hatte,aber hör' mal Michel, was ich dir jetzt sage:Morgen früh gehst du in die Mistgrubus und nimmst die Gabelinus und lädst Mistus auf den Karratus, sonst nehm' ich den Flegelinus und schlag' ihn dir auf den Kamisolus und du kriegst die Schwerenothus!"

Landwirtschaftliche Winke und Rathschlage.

Stall-Ordnung.

DerBerliner Thierschutz-Verein" (zur Bekämpfung der Masienthterqualereien im Deutschen Reich) versendet unter vielen andern auf Thierschutz bezüglichen Flugblättern auch eine Ordnung", die wir nachstehend zum Abdruck bringen. Dieselbe, auf starkes Papier groß gedruckt, kann franko bezogen werden fünf Stuck zu 20 Pfg. von der Geschäftsstelle des Berliner Thierschutz- Vereins, H. Bertnger, Berlin, Köntgsgrätzerstraße 108.

Je mehr Du wirst die Thtere pflegen, Desto mehr erwächst Deinem Hause Segen."

1) Sei dem Thiere ein Freund und nicht sein Peiniger.

2) Halte im Stalle Reinlichkeit und gute Ordnung. Bekämpfe das Ungeziefer.

A Sorge im Stalle zu jeder Jahreszeit für gute reine Luft, für Licht und genügenden Raum. Halte in der Fütterung genaue Zeit, ebenso im Maß, das aber vollständig hinreichend sei. Sorge für gesundes Futter und reines Trinkwasser.

Retrüge täglich die Krippen (Barren) und Tröge, aus denen die Thtere fressen, ebenso die Tränkgeschirre, denn dadurch wirft du man­cher Krankheit vorbeugen. Halte bas M.lchgeschirr immer blank. Vor dem Melken wasche Deine Hände und reinige auch jedesmal das Euter des Milchthieres.

5) Halte Dein Thier so rein wie möglich; dieses wird sein Ge­deihen fördern und seinen Werth steigern. Habe bet der Reintguna Acht, ob das Thier nicht irgendwo leidet.

6) Gönne dem Thiere die notwendige Ruhe und sorge daiür, daß es auf guter Streu rasten und schlafen kann.

7) Prüfe das Geschirr zum Oefteren, ob es paßt, damit Dein Thier während der Arbeit nicht von demselben gequält und belästigt wird Quäle Deine Pferde nicht durch Aufsatzzügel und Scheuklappen. Die Peitsche gebrauche so wenig als möglich; dadurch zeigst Du, daß Du ein vernünftiges Wesen bist. Dann wird das Thier Dir anhänglich sein und Deinem Worte Folge leisten.

8) Wird das Thier letdend, was Du zunächst beim Füttern be­obachten kannst, so suche zur rechten Zett und am rechten Orte Hülfe. Hute Dich also vor Pfuschern und Quaksalbereien, denn durch sie werden die Thiere sehr oft zu Grunde gerichtet.

9) Behandle die Thtere, insbesondere furchtsame und ängstliche, selbst auch bösartige, jederzeit mit Geduld; beachte dies immer, auch beim Beschlagen in der Schmiede. Errungenes Vertrauen beseitigt manche üble Eigenschaft eines Thieres.

.. _U Bedenke, daß jede Mißhandlung und Grausamkeit gegen die Thiere wider die Gebote und den Willen Gottes verstoßen, außer- oem aber sehr oft den Werth derselben vermindern, Dir also schaden. Jede Wohltbat aber, die Du d:m Thier erzeigest, trägt gute Flucht und sichert Dir das Wohlgefallen Gottes und den Beifall aller guten Menschen.

Bekanntmachung.

Wir bringen hiermit zur Kenntniß, daß Schuldiener W. Dechert in Gemäßheit des Art. 24 des Schulgesetzes auf den Polizeischutz verpflichtet worden ist.

Gießen, den 10. October 1892.

Grobherzogliche Bürgermeisterei Gießen. ________ Gnauth.

Locales unö ^provinzielles.

Burg.Eriifenrode, Kreis Friedberg, 10. Octobcr. Die Frau eines hiesigen Einwohners hat sich heute in einem An­flug von Geistesgestörtheit ertränkt. Die Mutter der Unglücklichen ist auf dieselbe Weise um das Leben ge­kommen. (Darmst. Ztg.)

Mainz, 10. October. Von dem Ueberschuß des 20. Milteirheinischen Turnfestes, der als Theil- betrag dem Mainzer Turnverein zusällt, beabsichtigt derselbe 5000 Mark zur Auszahlung von Antheilscheinen des Turn­hallebaues, Oie ausgeloost werden sollen, zu verwenden, wäh­rend der Rest von 10 000 Mark verzinslich angelegt werden soll.

Feuilleton.

Soldatenlied e.

Erzählung aus dem Kriegsjahre 1870/71 von Carl Cassan.

(Schluß.)

Herr Vilneuve taumelte wie vom Blitze geschlagen zu­rück und lies dann nach den Aerzten. Sie sind schnell zur Hand, können aber nicht viel helfen. Cäcilie geberdet sich wie rasend, küßte dem Geliebten die bleichen Lippen und schrie verzweifelt:

Arthur, geliebtes Herz, stirb nicht, bleibe bei mir!" Wie gern wie gern! aber ich bin es ist" Verflucht sei Dein Mörder bis in alle Ewigkeit!" Dein Bruder?"

Sie sah starr zum Himmel. »

,.O, großer Gott, Mutter des Himmels, heilige Jung- 1 freu, habe Mitleid mit mir! Ja, er sei verflucht er stahl mir mein Liebstes! Wo ist er?"

Rößler trat heran. ,

Fassen Sie sich, Fräulein, er ist " I

Wo ist er?"

Geflohen!" hauchte Arthur.

Die Aerzte traten ans Lager und untersuchten die Wunde; sie zuckten die Achseln und erklärten, daß der Ver­wundete nur noch wenige Stunden zu leben haben würde.

Cäcilie ward bei dieser Mittheilung wie wahnsinnig.

O, meine Herren, retten Sie ihn und ich will Ihnen \ alles geben, was ich besitze!" ries das junge Mädchen mit ; verzweiflungsvoller Geberde.

Die Aerzte schüttelten aber die Köpfe.

Habt Ihr den Mörder, Leute?" frug jetzt Cäcilie.

Rößler, der nichts von den verwandtschaftlichen Be­ziehungen zwischen dem Franctireur und dem Fräulein wußte, j entgegnete:Der ist wohl aufgehoben, Mademoiselle!"

Ich will ihn sehen!" rief Cäcilie leidenschaftlich.

Da trat Berger vor und sagte:Da müffen gnädiges ! Fräulein, so wahr ich Conrad Berger heiße, schon an den * nächsten großen Baum am Wege gehen, da liegt er. Franc- ; lireurs sind Mörder und erleiden den Tod durch die Kugel!" \

©ie stieß einen gellenden Schrei auö und sank wie tobt

neben dem verzweifelten Vater nieder, der jetzt zwei Söhne zugleich verloren hatte.

Arthur vom Busch hauchte noch in derselben Nacht in Herrn Vilneuves Armen den letzten Athemzug aus. Seine letzten Worte waren:

Cäcilie nur eine weiße Rose! Das Bild Gott hat es so gewollt! O, Mutter' Cäcilie ach!"

Man hätte dem alten Herrn Vilneuve nicht zugetraut, daß er so viel Kraft besessen, denn am Nachmittag hatte er im Zimmer drüben den einzigen Sohn Robert ausbahren lassen und jetzt küßte er den tobten Arthur vom Busch auf dte Stirn, drückte ihm die Augen zu und ries Rößler nebst Berger, welche am Todtenbette ihres geliebten Vorgesetzten bittere Thränen vergossen. Herr Vilneuve bestellte die Särge, das Grab und das Denkmal, denn die im Leben Feinde waren, sollten im Tode unter einem Hügel ruhen.

Cäcilie lag im Fieber. Eine barmherzige Schwester saß bei ihr. Herr Vilneuve hielt ihre heiße Hand und weinte dort die ersten Thränen; dann ging er an den Sarg Roberts, um sich auch hier auszuweinen.

Am anderen Tage erhob sich die fieberkranke Cäcilie plötzlich:Ich muß ihn noch einmal sehen; holt mir eine Rose aus dem Treibhause."

Die Pflegerin thats und brachte eine weiße Rose. Cäcilie erschrak, als sie dieselbe sah, dann schwankte sie an dem Arme des Vaters und der Schwester bis an den Sarg. Hier sank sie nieder, die Rose auf des Tobten Brust legenb; ohnmächtig trug man sie fort.

Das Grab umschloß Freund und Feind bereits drei Monate, die Frühlingsluft legte sich um den Hügel, als Cäcilie wieder zu sich kam.

Sie genas vollkommen, aber vom Landhause Onkel Martins mochte sie sich nicht mehr trennen. Täglich saß sie am Grabe auf dem Kirchhofe zu Furechon.

Lieber Gott, heilige Jungfrau," flehte sie hier oft, verzeihe mir meine Sünden! O, armer Arthur, o, un­glücklicher Bruder! Gott wolle Mitleid haben mit seiner armen Seele."

Herr Vilneuve hatte bereits nach Deutschland geschrieben. Arthurs Mutter erhielt durch ihren Schwager, den Frei Herrn Richard vom Busch, alle Aufklärungen;' mit schonender

Liebe erfuhr sie die trostlose Nachricht, die so vielen Mutter­herzen in diesem Kriege nicht erspart bleiben konnte. Dann reisten die Freifrau und der Freiherr sofort nach Frankreich ab; ihr Ziel war Chateau Belle Contre bei Furechon.

* * *

Sehen Sie, Herr Ulrich", bemerkte Madame Zorn in Langenhausen, als die Kutsche abfuhr,ich habe es gleich gesagt, als das Bild herabgefallen war, daß dieses etwas Schlimmes bedeute. Wer hat nun recht gehabt?"

Dummes Zeug," brummte Ulrich denn er mochte gern füraufgeklärt" gelten,die Oese war abgerostet, da mußte das Bild wohl herunterfallen."

Aber gerade am Todestage des jungen Herrn."

Zufall, sage ich, nichts als Zufall."

Na, meinetwegen; aber traurig ist es doch."

Ja, ja, Madame Zorn!"

Und sie gingen ins Haus.

die Mailuft den Grabhügel, den wir schon kennen, umwehte, standen um denselben herum vier Menschen: die bleiche Cäcilie, ihr Vater, Frau vom Busch und Freiherr Richard. Diese französische uud deutsche Familie gewann sich heb und Cäcilie mußte eine Reise nach Deutschland in Arthurs Heimath zusagen.

Sie lächelte wehmüthig.

Ich werde wohl bald eine andere große Reise an» treten."

Kind, Kind!" flehte ihr Vater.Nicht so, nicht so!" Sie lächelte und beruhigte den alten Mann.

Die Herrschaften aus Deutschland reisten wieder ab und Herr Vilneuve und Cäcilie trugen sich wirtlich mit dem Gedanken, die Freunde in Deutschland einmal zu besuchen. Aber als die Blätter im Herbste fielen, da trug man eines Tages Cäcilie Vilneuve, ebenfalls mit weißen Rosen ge­schmückt, auf den stillen Kirchhof zu Furechon hinaus. Da ruht sie nun an Arthurs Seite. Nach ihrem Tode sand mau unter Cäciliens Kopfkissen das Bild mit der Unterschrift:

Willst Du Dein Hciz mir schenken, e>o sei'S für mich auch ganz allein: Ich will mich drein versenken Und bin für Ewigkeiten Dein l"

Was der Krieg und der Haß geschieden, die ewige Liebe hatte es wieder vereinigt.