1882
Nr 237 Erstes Blatt. Dienstag den 11. October
Der
Gießener Anreißer erscheint täglich, eit Ausnahme deS Montags.
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GießenerAnzeiger
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Deutsches Reich.
Berlin, 8. October. Die glanzvollen Festlichkeiten, deren Schauplatz die freundliche thüringische Residenz- und Musenstadt Weimar anläßlich des goldenen Ehejubiläums des Grobherzoglichen Paares soeben gewesen ist, sind
Gießen, am 8. October 1892. Betr.: Den Rundgang der Feldgeschworenen.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
die Grotzh. Bürgermeistereien bei Kreise-.
Wir empfehlen Ihnen, die Feldgeschworenen zu veranlassen, nach § 20 der Instruction vom 23. Februar 1833 (Regierungsblatt S. 105) im Laufe dieses Monats die Gemarkungen zu begehen, um stch von dem Zustande der Grenzen zu unterrichten, und über den Befund in ihr Tagebuch ein Protocoll aufzunehmen. Wir machen dabei darauf aufmerksam, daß zwar zu einem Steinsatze wenigstens drei Feldgeschworene beisammen sein müssen, daß aber an den Rundgängen, wenn dabei nicht zugleich Steine gesetzt werden sollen, nur zwei Feldgeschworene theilzunehmen haben. Wegen Beseitigung der Vorgefundenen Mängel wollen Sie das Geeignete veranlassen, wobei namentlich die Aufräumung, Geraderichtung und Erneuerung der Grenzsteine ins Auge zu fassen ist. An den Dreiecks-, Gemarkungs-. Flur- und Gewann-Grenzsteinen darf jedoch 'keine Veränderung ohne Mitwirkung eines Geometers 1. Klaffe vorgenommen werden. Die Wahl und Zuziehung desselben bleibt Ihnen überlaffen; doch wollen Sie da, wo es sich um Grenzsteine mehrerer Gemarkungen handelt, sich unter einander desfalls benehmen. Für die Erhaltung der Parzellengrenzsteine des Gemeindeeigenthums ist auf Gemeindekosten von Ihnen Sorge zu tragen. Wo noch keine Aus- steinung des Gemeinde-Eigenthums stattgefunden hat, beauftragen wir Sie, den Gemeinderath desfalls zu vernehmen und dessen Beschluß zu vollziehen. Die an den Parzellengrenzsteinen der Privaten vorgefundenen Mängel sind den Betheiligten zur Beseitigung zu eröffnen. Im Uebrigen verweisen wir Sie auf das Gesetz vom 23. October 1830 (Reg.-Bl. S. 463) und die vorgenannte Instruction vom 23. Februar 1833 (Reg.-Bl. S. 105), wegen der Kostenverzeichnisse auf die Bekanntmachung vom 18. December 1874 (Reg.-Bl. S. 784) und auf unser Ausschreiben vom 29. Januar 1885 (Anzeiger Nr. 27).
Zu Ende laufenden Monats sind uns Abschriften der in die Tagebücher der Feldgeschworenen aufgenommenen Protocolle mit Bericht über Ihre desfalls getroffenen Anordnungen sammt den Kostenverzeichniffen von Ihnen vorzulegen.
v. Gagern.
im Stromgebiete des Rheins, nach welcher folgende Controllstationen errichtet werden sollen: Emmerich, Ruhrort, Duisburg, Düsseldorf, Köln, Koblenz, Sanct Goar und Mainz. Die Amtssitze der Beamten besinden sich in den vorgenannten Orten. Die Stationsvorstände nach der Reihenfolge der betreffenden Orte sind die Stabsärzte Bodderstädt, Nehmitz, Schultzen, Assistenzarzt Effelbrügge, Stabsärzte Guillertch, Ritter, Passow und Spilling.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekanntmachung des Cultusministers und des Ministers des Innern und der öffentlichen Arbeiten, laut welcher der Oberpräsident von Goßler in Danzig zum Staatscommissar für die Gesundheitspflege im Weichselstromgebiet eingesetzt ist.
Berlin, 8. October. Auf der Rennbahn in Westend fand heute zu Ehren der österreichisch-ungarischen Distanzreiter ein Rennen statt. Die Gäste fuhren um 12*/2 Uhr vom Kaiserhos dahin ab in acht prachtvollen von blasenden Postillons geführten Viererzügen. Voran fuhr die Mailcoach mit hervorragenden Gästen, am Schluß folgten zahlreiche von Postillons geführte Zweispänner und viele Equipagen. Aus der festlich geschmückten Rennbahn begrüßte der Vizepräsident des Rennvereins Generallieutenant von Podbielski Namens des Rennvereins die Gäste in einer schwungvollen Ansprache. Das zahlreich versammelte Publikum bereitete den Gästen eine enthusiastische Begrüßung.
Essen a. d. R., 8. October. Die Eisenfabrik Thyssen u. Comp. in Styrum, welche 3000 Arbeiter beschäftigt, läßt Mitte November, wie die „Rhein.-Westf. Ztg." mittheilt, eine allgemeine Lohnreduction eintreten wegen der außerordentlichen Abnahme des inländischen Bedarfs, sowie der Minderung der Aussuhrsähigkeit der Eisenindustrie durch die ihr auferlegten Lasten.
Wilhelmshaven, 8. October. Als Nachfolger des verstorbenen Viceadmirals Deinhard wird in Marinekreisen der Contreadmiral Valois bezeichnet.
Anstand.
Wien, 8. October. Kaiser Wilhelm begnadigte den zu halbjährigem Arrest wegen Nichtstellung zum Militär ver- urtheilten Circusdirector Schumann.
Wien, 8. October. Auf der hiesigen russischen Botschaft wurde die Frage bez. des Gerüchtes einer Zusammenkunft des Czaren mit dem Kaiser von Oesterreich dahin beantwortet, es fehle zu einer solchen Zusammenkunft jetzt jeder Anlaß.
Pittsburg, 8. October. Dynamitattentate gegen 40 Nichtsyndicats-Arbeiter der Carnegie-Werke wurden heute Nacht verübt. Die Dhnamitmaschine explodirte im Schlafsaale, warf alle Betten um, zertrümmerte die Scheiben und Thüren, ohne indessen Arbeiter zu verwunden. Die Untersuchung verlief bis jetzt ohne Resultat.
anscheinend ohne die geringste Störung oder sonstigen Mißton verlaufen. Nicht nur aus allen Gegenden des Großherzog- thums selbst waren gewaltige Menschenmassen njef) „Ilm- Athen" geströmt, um Zeuge dieses seltenen JEsestes zu s"in, sondern auch aus anderen Theilen Thüringens, wie aus den benachbarten Ländern hatten sich ungemein zahlreiche Festgäste eingefunden. Die von auswärts zur Theilnahme an der Jubelfeier des Großherzoglichen Paares nach Weimar gekommenen Fürstlichkelten wurden von den freudig erregten Massen stürmisch begrüßt, namentlich aber jubelte die Volksmenge dem Kaiser, dem König von Sachsen und dem Großherzoglichen Paare von Baden zu. Den Höhepunkt der gesammren Feier bildete der prächtige historische Festzug vom Sonntag, welcher völlig programmgemäß vor sich ging und den erhebendsten Eindruck machte.
Berlin, 8. October. Der „Natlib. Corr." zufolge ist es nur möglich, die Kosten der neueren Militärvorlage durch Vermehrung der eigenen Einnahmen des Reiches zu decken, nicht durch Erhöhung der Marrikular- beiträge. In Frage kommen Tabak, Bier, Branntwein und gewisse Stempelabgaben, auf welche die Last vertheilt wird. Die von Seiten der Regierung angestellten Erhebungen sind noch nicht abgeschlossen. Es steht fest, daß nicht eine Aende- rung des Steuersystems, sondern nur der Steuersätze beabsichtigt wird.
Berlin, 8. October. Das Staatsministerium hielt heute Mittag unter dem Vorsitz des Grafen Eulenburg eine Sitzung ab, welcher der Reichskanzler und der Kriegsminister beiwohnten. Es wird angenommen, daß die Militärvorlage berarhen worden sei.
Berlin, 8. October. Der „Reichsanzeiger" theilt Erfahrungssätze über den Wasserwerk bet rieb mit Sandfiltration mit, wonach die Filtr^ionsgeschwindigkeü 100 Mm. per Stunde nicht überschreiten darf.
Berlin, 8. October. Der „Reichsanzeiger" schreibt, entgegen der Blättermeldung von dem Zusammentritt einer Commission zur Aenderung der Tabaksteuer erklärt das Reichsschatzamt zwecks Unterrichtung über die mit der Tabakbesteuerung zusammenhängenden Fragen seien Sachverständige einberufen.
— Im „Reichsanzeiger" veröffentlicht der Reichs- commissar von Richthosen eine Bekanntmachung über die Zahl der in den Controllstationen Altona, Hamburg, Lauenburg, Wittenberge, Rathenow, Potsdam, Berlin, Fürstenwalde, Eberswalde und Roßlau revidirten Schiffe und Flöße, nämlich 6482, der desinficirten Schiffe und Flöße, nämlich 3864 und der revidirten Personen, nämlich 24111. Bei den Controllen sind feftgestettl worden: 2 choleraverdächtige Erkrankungen und 17 Cholera-Erkrankungen.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht eine Bekannt- I machung des Reichscommissars für die Gesundheitspflege ’
Feuilleton.
Soldatenlied e.
Erzählung aus dem Krtegsjahre 1870/71 von Carl Cassan.
(5. Fortsetzung.)
Er öffnete den zweiten Bries und las: „Lieber Arthur!
Herzlichen Gruß und Glückwunsch zu Deiner Verlobung. So ists rechts was uns Frankreich genommen, holen wir uns von dort zurück. Grüße Cäcilie von mir; ich bin begierig auf ihre Bekanntschaft. Anbei folgen 100 Louisdor. Ich kann wegen Rheumatismus nicht mehr schreiben.
Dein Oheim
Richard vom Busch."
„Der Onkel, wie er leibt und lebt!" lachte Arthur. „Und nun?"
Er öffnete den dritten Brief, sprang aber sogleich jubelnd aus. „Von ihr, von ihr! Rößler, gehe, besorge Wein, Wein für alle Husaren im Zuge! Wir haben ja Geld genug !"
Rößler ging und brachte ein Faß Wein für den ganzen 3uß/ an dem sich alle erlabten.
Unterdeß las Arthur:
„Geliebtes Herz!
Klug hab ichs anfangen müssen, Dir ein Brieflein zukommen lassen zu können. Du weißt nicht einmal, Du Armer, wo Dein Schatz weilt. In Straßburg sind wir, das Ähr Grausamen täglich beschießt! Ihr habt uns aber noch r^'cht so eingeschlossen, daß nicht dann und wann ein Bote die Schlupflöcher passirte. Als dieses heute auch der Fall war,
bot ich viel Geld für die Besorgung dieses Schreibens und hatte die Freude, es gewiß von Eurer Feldpost befördert zu wissen.
Du lieber, einziger, bester Arthur, wie geht es Dir? Ach, wenn doch dieser schreckliche Krieg erst zu Ende wäre! Mit Papa habe ich gesprochen und er hat unseren Bund gesegnet; mein Bruder Robert, — nun, Du weißt, er kann Euch Deutschen nicht leiden, aber ich hoffe, er wird sich bald mit dem Gedanken aussöhnen. Solltet Ihr die Festung erobern, so theile ich Dir mit, daß wir Kleberplatz Nr. 113 wohnen.
Es grüßt und küßt Dich tausendmal
Deine Cäcilie."
Unser junger Freund drückte den Brief wiederholt an seine Lippen, dann verwahrte er ihn sorgsam in seiner Briest tasche. Er betrachtete ihn als ein Heiligthum.
Der General von Podbielski konnte gar bald, Dank den Bemühungen des tapferen Generals von Werder, aus dem Hauptquartiere König Wilhelms nach allen Richtungen tele- graphiren, daß Straßburg wieder deutsch sei und die Festung hätte capituliren müssen. In langen Schaaren wanderten die entwaffneten Truppen durch die jetzt geöffneten Thore der Gefangenschaft entgegen; finsteren Blickes und unmuthig zogen sie dahin. Lieutenant vom Busch hatts diese Entwaffnung und den ersten Transport der Gefangenen mit zu leiten, dann vergönnte ihm endlich der strenge Dienst ein paar freie Stunden.und sogleich eilte er über Trümmer, Karren, tobte Pferde und alle anderen Anzeichen des männermordenden Krieges in die eroberte Stadt. Bald stand er vor dem Kleber-Denkmal und da war ja auch der Kleberplatz.
Eine alte Dame empfing den Offizier in dem Hause, welches die Geliebte als ihre Wohnung angegeben hatte.
„Sie suchen gewiß Mademoiselle Villneuve; eilen Sie, denn gerade wollte die Familie abfahren, der Wagen hält am Zwinger Nr. 5!" antwortete die Dame dem jungen Offizier.
Auch dieser Weg war bald von Arthur zurückgelegt.
Eine miserable alte Kutsche rumpelte ihm entgegen. Ein Heller Jubelruf erklang, der Wagen hielt, Cäcilie lag an Arthurs Brust und Herr Vilneuve kletterte zum Schlag hinaus. a
Herzlich war auch die Begrüßung zwischen Arthur und dem alten Herrn. Trotz seines bösen Gesichts mußte der Kutscher umkehren und Herrn Vilneuve, Cäcilie und Arthur gingen in das nächste Hotel, wo sie sich in ein Zimmer zurückzogen und sich der Freude des Wiedersehens Hingaben.
„Wenn es in Frankreich unmöglich ist, Herr vom Busch," warf der alte Herr so, beiläufig hin, „daß Sie mit Cäcilie in Frieden leben können, das heißt Hochzeit feiern dürfen, so ziehen wir mit Ihnen nach Deutschland!" Eine Thräne perlte dabei aus den treuen Augen des alten Herrn.
„Aber was wird aus Robert, Papa?" fruq Cäcilie überrascht.
Der alte Herr erschrack.
„Ja so! Nun, Gott wird alles wohl machen!"
Er neigte sein Haupt und setzte leise hinzu: „Ich will ja nichts als Euer Glück, meine Kinder!"
Die paar Stunden des Urlaubs, die Arthur hatte, ver- gingen schnell. Aus Arthurs Frage nach Robert entgegnete Cäcilie:
„Robert ist zur Armee, Arthur! Aus GambettaS Ruf ist er mit Tausenden von jungen Franzosen zur Armee gegangen."


