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Ür. 184

Mittwoch den 10. August

1892

Gießener Anzeiger

Keneral-Anzeiger.

Ferusprkcher 51.

Aints- und Anzeigeblatt für den Ureis Gieren.

Rrbaction, Erbitten trab Druckerei:

Bierteltährign Aöoanem-utspretB» 2 Mark 20 Pfg. mH Bringerlohn. Durch die Poft bezog« 2 Mark 50 Pfg.

Die Gießener

Werden dem Anzeiger Wöchentlich dreimal beigelegt.

Der te|nn JU|d««t erscheint täglich, mit Ausnahme de- MontagL.

-7>r ! Hratisdeikag«: Hitßenn Aamikienötsttcr.

Alle Lnnoucen-Bureaux de» In- und RuZlandes nehme»

Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger^ entgegen.

Anrtlichev Theil.

Bekanntmachung, etr. Zulassung der Badischen Pferdeversicherungsanstalt zu karlsruhe zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum Hessen.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, Großh. Ministerium des Innern und der Justiz der badischen PserdeversicherungSanstalt zu Karlsruhe die Erlaub- zum Geschäftsbetrieb im Großherzogthum Heffen unter Bedingungen auf Widerruf ertheilt hat.

Gießen, den 8. August 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul- und Klauenseuche.

Die in gestrigem Kreisblatt Nr. 183 mit Datum vom . August 1892 enthaltene Bekanntmachung,, betreffend die Raul» und Klauenseuche, war durch ein Versehen unserer Schreibstube in das Blatt gekommen. Sie wird hierdurch urückgenommen und statt derselben die nachstehende Bekannt­machung Großh. Kreisamts Friedberg, welche im gestrigen Matt hatte abgedruckt werden sollen, zur Kenntniß der Jn- ereffenten gebracht.

Gießen, den 8. August 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend die Maul und Klauenseuche.

Nachdem in verschiedenen Gemeinden des Kreises die Raub und Klauenseuche wieder ausgebrochen ist, sehen wir ns veranlaßt, Folgendes zu bestimmen:

I. Die Seuchenfrecheit aller auf Viehmärkte aufgetrie- enen Thiere muß durch entsprechende Gesundheitszeugniffe ^achgewiesen werden.

n. Diese Gesundheitszeugniffe müssen ausgestellt sein:

1) Für Wiederkäuer und Schweine, die aus Gemark- lngen stammen, in welchen die Maul- und Klauenseuche aus- .ebrochen oder aber noch nicht einen Monat lang gänzlich rloschen ist, von einem hierzu ermächtigten Thierarzt.

2) Für Wiederkäuer und Schweine, die aus Gemark­

ungen stammen, in welchen ein zur Ausstellung von Zeug- niffen ermächtigter Thierarzt seinen Wohnsitz hat, von einem hierzu ermächtigten Thierarzt.

3) Für Treibherden von Schafen und Schweinen von einem hierzu ermächtigten Thierarzt.

4) In allen übrigen Fällen von den Großh. Bürger­meistern bezw. in deren Verhinderung von den Großh. Beigeordneten.

III. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe bis zu 150 Mk. oder mit Hast bestraft, sofern nicht nach den gesetz­lichen Bestimmungen eine höhere Strafe verwirkt ist.

IV. Im Uebrigen verweisen wir auf unsere Bekannt­machung vom 15. August v. I. (Kreisblatt Nr. 97).

Friedberg, den 3. November 1891. Großherzogliches Kreisamt Friedberg.

I. V.: von Hahn.

Deutsches »eich.

Berlin, 8. August. Mit der erfolgten Rückkehr des Kaisers aus England dürste nunmehr die endgrltige Entscheidung in Sachen des Projectes der Berliner Welt­ausstellung zu erwarten sein. Zwar kann die allerhöchste Entschließung zunächst nur bestimmend für die definitive Stellungnahme der preußischen Regierung gegenüber dem Ausstellungsprojecte sein, aber bei dem maßgebenden Einflüsse der letzteren im Bundesrathe ist es selbstverständlich, daß die kaiserliche Willensäußerung in der schwebenden Frage auch in genannter Körperschaft ausschlaggebend sein wird. Schwerlich ist freilich anzunehmen, daß diese Entscheidung noch in einem dem Unternehmen günstigen Siv^aztssallen werde, da dasselbe bereits jetzt allgemein als gescheitert gilt. Wenn man erwägt, daß von den eingeholten Gutachten der industriellen und der gewerblichen Verbände etwa 500 abfällig und 700 zustimmend zum Plane der in der Reichshauptftadt zu veranstaltenden Weltausstellung lauten, so kann man letzterer allerdings nur ein Minimum von Aussichten einräumen, ganz abgesehen von der getheilten Stimmung auch unter den Einzelregierungen gegenüber dem Projecte. Daß der Reichskanzler Gras Caprivi in seinen dieser Tage wohl bevorstehenden Vortrag beim Kaiser über die Ausstellungssrage dem Zustandekommen des Unter­nehmens das Wort reden sollte, ist darum sehr unwahr­scheinlich. <

Der seit einigen Tagen in Berlin weilende deutsche Botschafter am Wiener Hose, Prinz Reuß, ist dem Vernehmen nach letzthin vom Reichskanzler Grasen

Caprivi in längerer Unterredung empfangen worden. In den Berliner diplomatischen Kreisen glaubt man, daß diese Conse­renz mit den bekannten Wiener Vorgängen anläßlich der Vermählung des Grasen Herbert Bismarck zusammengehangen habe.

Die Blättermeldung von Aenderungen einiger Reichs steuern, speciell der Brau-, Branntwein- und Tabak­steuer, behufs Erhöhung der Reichseinnahmen wird von an­scheinend unterrichteter Seite als einstweilen thatsächlich un­begründet bezeichnet. Es wird hierbei darauf hingewiesen, daß über die schon oft angekündigte neue Militärvorlage noch durchaus nichts feststehe, noch viel weniger könne dies be­züglich der Entschlüsse der etwaigen Deckungsmittel der Fall sein. Selbst wenn aber die signalisirte Militär-Vorlage wirklich schon in der nächsten Reichstagssession eingebracht werden sollte, so würden hieraus Bezug habende neue Steuervorlagen schwerlich zugleich mit eingehen.

ArislanS.

Ein vielerörtertes angebliches Czarenwort erfährt jetzt seine nachträgliche Berichtigung. Kaiser Alexander III. sollte einmal die Polen als eine Nation bezeichnet haben, die ausgerottet werden müffe, eine Aeußerung, welche durch die fortgesetzte Bedrückung der Polen Seitens der russischen Re­gierung eine Bestätigung zu erhalten schien. Indessen hat die Aeußerung des Czaren doch wesentlich anders gelautet, wie ein Warschauer Correspondent desNemzet" in Pest zu versichern weiß. Hiernach soll im Verlause eines Gespräches in der kaiserlichen Familie ein Großfürst die Polen eine edle Nation genannt haben, die ein besseres Loos verdiente. Hierauf hätte der Kaiser erwidert, daß dies wahr sei, daß aber die Polen unfähig zur nationalen Selbstständigkeit seien und deshalb als Volk zu Grunde gehen müßten. Jedenfalls würde eine solche Characteristik der Polen, wie sie Alexander III. zugeschrieben wird, nicht unzutreffend sein.

Cowes, 7. August. Der von der kaiserlichen Dacht Meteor" im gestrigen Wettsegeln gewonnene Preis besteht in 50 Pfund Sterling und in einer silbernen Medaille für den Capitän der Dacht.

Petersburg, 7. August. Das Medicinaldepartement des Ministeriums des Innern fordert durch öffentlichen Ausruf diejenigen russischen Untertanen beiderlei Geschlechts, welche an Universitäten des Auslandes ihre medicinischen Studien absolvirt haben, aus, zur Behandlung der Cholera- kranken sich den Behörden zur Verfügung zu stellen.

Feuilleton

Erwins.

Novelle von E. Fahrow.

(3. Fortsetzung.)

Erwina hatte ihre Dienerin in der Küche gefunden und tit ihrer Hilfe in der einzigen leerstehenden Fremdenstube )re Kleider gewechselt, nicht ohne daß Mine ihre Mißbilligung der die zerrissenen Sachen mit einem gemurmeltennischt iie Unsinn" äußerte.

Nun stand die schlanke Frau am Fenster und blickte auf as Gärtchen hinter dem Hause hinunter. Da war unter iner uralten Tanne ein Tisch mit Stühlen ausgestellt^ auf en beiden künstlich ausgesmütteten Längsbeeten blühten Astern mb Ringelblumen, und die schmalen, steilen Wege glitzerten n der Sonne.

In der Stube herrschte ein altmodischer Dust von Lavendel und Thymian, der aus dem geblümten Sopha aus­usteigen schien; eine Fliege summte an der niedrigen Decke imher und Erwina wurde träumend und wie eingesponnen u Sinne.O Zeit, o Liebe, was sang ich an!"

Endlich weckte sie ein Klopfen an ihrer Thür,- man ragte, ob sie zur Nacht bliebe.

,/Ja", sagte sie,ich bleibe einige Tage hier."

Es war ihr ohne Ueberlegung entschlüpft, aber warum ollte sie flüchten? Hatte sie nicht wenigstens das eine arm- elige Recht, ihn wieder einige Tage sehen und sprechen zu önnen nach ihren bangen, langen Jahren des Suchens und er Einsamkeit?

Als sie gegen Abend unter der alten Tanne im Garten , trat Reinhard aus dem Hause und ging aus sie zu.

Nun, nachdem der erste Trubel unseres Wiedersehens twas vergangen ist, gestatten Sie mir, daß ich mich zu khnen setze."

Erwina zeigte lächelnd aus den Stuhl ihr gegenüber und chaute ihm in das seine, lebensvolle Antlitz.

Wer hätte das gedacht," sprach er weiter.Nach so langen Jahren doch noch ein Wiedersehen. Ich habe Sie sofort erkannt, denn Sie wissen es selbst Sie sehen aus, als wär's gestern gewesen, daß mir daß wir uns zuletzt sahen."

Sein Zurückgreisen aus die Vergangenheit verwirrte sie ein wenig. Und um ihre Verlegenheit nicht sehen zu lassen, sagte sie, auf sein ergrautes Haar weisend:Wären diese nicht verändert, ich könnte Ihnen das Compliment zurück­geben."

Diese?" Er lachte.Ja, die sind grau geworden vor langer Zeit bei Gelegenheit einer Amputation schmerz­hafter Art."

Wie?"

Ja," sagte er und sah ihr in die erschrockenen Augen, damals, als mir mein Herz amputirt wurde, ich lebe seitdem ohne ein solches, und ich muß sagen, ganz leidlich."

Sie war sehr roth geworden und schlang nervös die Hände ineinander.

Es ist so lange her," sagte sie,wer weiß, ob Sie noch ganz genau wissen, wie alles zuging."

O!" sagte er. Aber es lag so viel Energie und Ironie darin, daß sie schwieg.

Nach einer Weile wies er mit seinem Stocke zwischen zwei Felsgruppen hindurch, die ihnen gegenüber lagen; da glänzte in einer Höhe, wo man nur noch Wolken vermuthete, der strahlende Gipsel der Jungsrau herüber und warf einen Abglanz seiner ruhigen Erhabenheit in die Seelen da unten.

Als die schöne Frau den Blick wieder auf ihren Ge­fährten richtete, sah sie dessen Augen mit einem so unergründ­lichen Ausdruck aus sich ruhen, daß sie erschrack- aber dennoch konnte sie sich nicht von dem geliebten Antlitz losreißen und sah ihn an, bis ihr heiße Tropfen in die Augen stiegen.

Erwina!" sagte er leise.

Da ermannte sie sich und den gezwungen leichten Ton von vorhin wieder anschlagend, fragte sie:

Und wo haben Sie während der Ferien Ihre Frau gelaffen?"

Er blickte erstaunt auf.

Meine Frau? Ich habe keine. Ach!" rief er mit plötzlicher Leidenschaftlichkeit,wie konnten Sie glauben, daß ich eine andere Frau nehmen würde! Nachdem ich die eine verloren, die ich jetzt zu meinem Unglück Wiedersehen mußte, nur um von Neuem in den Abgrund meiner trostlosen Ein­samkeit zu versinken."

Aber der Kleine" stammelte Erwina.

Ja, hätte ich den Jungen nicht! Er ist ja das Einzige auf der Welt, was ich lteb haben kann. Und es ist wirklich, als wäre es mein Sohn, so sehr hängen wir aneinander. Es ist meines verstorbenen Bruders Kind, das mit zwei Jahren als Waise in meiner Obhut zurückblieb. So hat er sich ge­wöhnt, mich als seinen Vater anzusehen. Aber ich selbst habe nie geheirathet, ich war ja kein Kind und kein schwaches Mädchen wie Sie, Erwina!"

Sie hatte mit immer höher klopfendem Herzen zu­gehört. War es denn möglich, sollte sie endlich doch ihr Ziel erreichen?

Sie schwieg einige Secunden und stand dann aus, um an' die steinerne Gartenmauer zu treten und wie zur inneren Sammlung noch einmal das majestätische Alpenbild auf sich einwirken zu lassen. Dann sprach sie:

Schelten Sie nicht das Mädchen, Reinhard, das so lange gehetzt und gequält wurde, bis es sein Glück fahren ließ und sich abwandte von Herzensfreude und Licht. Hier drinnen," und sie klopfte mit der bebenden kleinen Hand aus ihre Brusthier drinnen ist allezeit ein Altar stehen geblieben, auf dem das eine Bild thronte, das ich liebte, liebte, liebte, und vor diesem Altar habe ich Stunden verbracht, die allein mich befähigten, mein einsames Leben weiterzuführen. Es ist gut," fuhr sie in steigernder Erregung fort,daß ich es einmal heraussprechen kann, wie ich alle die Jahre nur nach dem einen Tage gelechzt habe, wo ich es ihm selber sagen konnte, wie treu ich ihn geliebt, wie einzig ich fein gedacht habe."

(Schluß folgt.)