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Nr. 132 Erstes Blatt.
Freitag den 10. Juni
1892
Gießener Anzeig er
Henerat-Mnzeiger.
Anrts- und Elnzeigedlatt für den Ttrers Gieren.
Hratisöeitage: Gießener IamikienökäLLer.
Annahme von Anzeigen zu bet Nachmittags für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Vorm. 13 Uhr.
Alle Annoncen-Vurcaur deS In» und LuLlandes nehme» Anzeigen für den „Gießener 8»|t<8 e r* mtgegen.
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Die Gießener
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Der
Oteßener -«»etger erscheint täglich, mit Ausnahme deS MontagS.
2lmilid?er Therl.
Bekanntmachung.
Es wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß die nach § 6 des Reichsgesetzes vom 21. Juni 1887 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden ermittelten Durchschnittsmarktpreise, einschließlich eines Aufschlags von Fünf vom Hundert, pro Monat Mai 1892 für den Lieferungsverband Gießen pro 100 kg betragen:
Hafer 15.50, Heu JL 6.—, Stroh JL. 5.—. Gießen, den 8. Juni 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Deutsches Reich.
Berlin, 8. Ium. Heber das augenblicklich hervorragende Tagesereigniß, die am Dienstag in Kiel stattgesundene Zusammenkunft zwischen dem Deutschen Kaiser und dem Kaiser von Rußland, liegen sehr ausführliche Meldungen vor, welche sämmtlich die ungemein glanzvolle äußere Umrahmung der Begegnung der beiden mächtigen Herrscher bezeugen. Namentlich gestaltete sich der Empfang deS Czaren im Kieler Hafen zu einem wiklich großartigen und farbenprächtigen Bilde. Kaiser Wilhelm war seinen erlauchten Gästen, dem Kaiser Alexander und dem Groß- sürften-Thronsolger Nikolaus, an Bord der „Hohenzollern", gefolgt von dem Aviso „Wacht", am Dienstag Vormittag 9 Uhr bis Friedrichsort entgegengefahren, wo um 9 Uhr 50 Min. die russische Kaiseryacht „Polarstern", gefolgt von den Kriegsschiffen „Zarewna" und „Korniloff", passirte. Gemeinsam liefen dann die deutschen und die russischen Schiffe in den Kieler Hasen ein, in welchem 25 deutsche Kriegsschiffe , im reichsten Flaggenschmuck prangend, paradirten. Nachdem der „Polarstern" dem königlichen Schlosse gegenüber zwischen der „Hohenzollern" und dem deutschen Panzerschiff „Beowuls" vor Anker gegangen war, stattete Kaiser Alexander in der Uniform seines preußischen Garderegiments dem Kaiser Wilhelm aus der „Hohenzollern" einen zwanzig. Minuten währenden Besuch ab, den Kaiser Wilhelm in der Uniform seines russischen Infanterieregiments alsbald an Bord des „Polarstern" erwiderte. Beide Male trug die Begrüßung zwischen den zwei Kaisern einen sehr herzlichen Character. Gegen 12 Uhr fuhren die Majestäten im blauen Kaiserboote :;aäi der Barbarossabrücke und begaben sich von da in das Schloß, wo großer Empfang, woraus Frühstück stattsand. Der Nachmittag wurde im Wesentlichen durch einen Besuch der Canalarbeiten bei Holtenau seitens der beiden Kaiser, denen sich der Großfürst - Thronfolger und Prinz Heinrich von Preußen anschlossen, ausgesüllt. Abends 7 Uhr war Galadiner im Kieler Schlosse. Der hierbei vom Kaiser Wilhelm aus den Czaren ausgebrachte Trinkspruch lautete ungefähr: „Ich trinke aus das Wohl Seiner Majestät des Kaisers von Rußland, des. Admirals ä la suite der deutschen Flotte. Er lebe hoch!" Die Marinecapelle spielte hierauf die russische Nationalhymne, dann erwiderte der Czar mit herzlichen Worten des Dankes für den ihm bereiteten Empfang und schloß mit einem Hoch aus den Kaiser Wilhelm. Abends 9 Uhr 30 Min. traten der Kaiser Alexander und der russische Thronfolger nach herzlicher Verabschiedung vom Kaiser Wilhelm an Bord des „Polarstern" die Rückfahrt nach Kopenhagen an. Die deutschen Kriegsschiffe gaben den Abschiedssalut, beleuchteten das Fahrwasser mit den electrischen Scheinwersern und warfen Leuchtkugeln und Raketen. — Die Zusammenkunft der zwei Kaiser hat zahlreiche Ordensverleihungen an das gegenseitige Gefolge zur Folge gehabt. Einerseits zeichnete Kaiser Wilhelm die Mitglieder der russischen Botschaft und die Begleitung des Czaren durch Verleihung zahlreicher Orden aus, anderseits geschah dasselbe seitens des Kaisers Alexander gegenüber der Begleitung Kaiser Wilhelms. U. A. erhielten Staatssecretär v. Marschall, Generaladjutant v. Wittich, Gras Waldersee und Geh. Rath Dr. v. Lucanus höhere russische Orden. Der Czar selbst aber wurde von seinem kaiserlichen Gastgeber durch Ernennung zum Admiral ä la suite der deutschen Flotte in bemerkens- werther Weise ausgezeichnet. — So ist denn der Gegenbesuch des Czaren beim Deutschen Kaiser, nachdem er schon lange vorher so viel von sich reden gemacht hat, nun wieder vorüber. Inwiefern das Ereigniß vielleicht besondere politische Ergebnisse zeitigen wird, das muß natürlich noch dahingestellt bleiben. Immerhin ist es bemerkenswerth, daß die Peters- burger Blätter die Kieler Begegnung durchaus sympathisch Äesprechen und sie in Uebereinstimmung mit der deutschen
Presse als ein ersreuliches Friedenszeichen characterisiren. Zum Mindesten aber hat der Verlauf der Zusammenkunft dargethan, daß die gegenseitigen persönlichen Beziehungen zwischen Kaiser Wilhelm II. und dem Czaren nach wie vor freundschaftliche und herzliche sind, und hierin liegt gewiß eine Bürgschaft für die friedliche Weiterentwickelung des politischen Verhältnisses zwischen ihren Reichen.
Netteste Nachrichten.
Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.
Berlin, 8. Juni. Der Kaiser tritt die Nordlandsreise von Kiel am 29. Juni an, nachdem er an den vorhergehenden Tagen den dortigen Regatten beigewohnt. Der Kaiser geht zunächst nach Bodoe, wo er den Saltenstroem besichtigen, alsdann nach den Losoten, wo er den Walfischjagden beiwohnen wird. Er wird einige Fjords (Lagesjord, Ranenfjord), dann über Drontheim die ihm von früher bekannten, wie Nord- und Sognefjord, besuchen und zurück nach Wilhelmshaven fahren und hier in den ersten Augusttagen eintreffen.
Berlin, 8. Juni. Die Abendblätter veröffentlichen das Antwortschreiben des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller in Sachen der Berliner Weltausstellung, worin es heißt, der Wunsch des Vereins gipfle nur darin, Deutschland und dessen Hauptstadt in einer Veranstaltung von so hoher Culturbedeutung nicht durch rivalisirende Bestrebungen in anderen Ländern verdrängt, eS vielmehr rechtzeitig verbürgt zu sehen, daß Deutschlands Anspruch auf eine Weltausstellung innerhalb dieses Jahrhunderts unwiderruflich fest- gestellt werde,
Berlin, 8. Juni. Der ,>ierlichen Einweihung des Lange nbectyuuses wohnte Prinz Friedrich Leopold als Vertreter der Kaiserin bei, ferner waren der Bundesralh, die Militärbehörden und das Armeesanitätscorps vertreten. Als Familienangehörige Langenbecks waren die Generäle Langenbeck, Plessen und Lieutenant Roon anwesend. Nach dem Choral hielt Bardeleben die Weiherede,- er dankte dem Kaiser und der Kaiserin, der Kaiserin Augusta, Herrn v. Goßlar, den Behörden und allen anderen Förderern des Werkes. Nach einem Bericht Bergmanns über die Sammlungen erfolgte ein Rundgang durch die Räume. Von der Großherzogin von Baden war ein Handschreiben eingegangen.
Berlin, 8. Juni. Heute Mittag wurde hier der Chirurgen-Congreß eröffnet. Bruns-Tübingen besprach die chirurgische Bedeutung der neuen Feuerwaffen, besonders des Mannlichergewehrs. Gefährlich seien die neuen Geschosse bis zu 1000 Meter Entfernung, sie durchdringen allerdings bis zu 4000 Meter noch die Knochen, da jedoch der Nahekampf verschwinden wer^e, seien allzuweitgehende Befürchtungen für die Zukunft ungerechtfertigt. Der antiseptische Verband sei so früh als möglich anzuwenden und das Krankenträgerpersonal im Verbandanlegen besser auszubilden.
Wien, 8.Juni. Oer Socialisten-Co ngreß erzielte die Einigung aller Pcrteischattirungen.
Rom, 8. Juni. Fürst Od escalchi erhielt einen Brief, unterzeichnet mit „Tie Todesgruppe der Dynamitarden", worin er ausgesorder: wird, eine Million Lire an einem bestimmten Orte zu Hüterlegen. Die Polizei hinterlegte ein Packet und nahm daselbst zwei mit Revolvern bewaffnete Individuen fest. Die verhafteten sind Anstreicher, 19 und 20 Jahre alt und mehrfach vorbestraft wegen Theilnahme an Arbeiterunruhen- sie bekannten sich als intransigente Anarchisten und erklärten, ihre Complicen würden das Palais Odescalchi in die Lust swengen.
Lüttich, 8. Juni. In Folge einer Denunciation entdeckte die Polizei bei enem Colporteur und Inhaber eines Cafes mehrere Dynaritpatronen, ebenso 6 Patronen mit Zündern bei einem ^ohlengruben-Arbeiter. Beide Per- onen wurden verhaftet.
London, 8. Juni. Der internationale Berg- arbeiter-Congreß berieth heute die Frage des Achr- tundentages für Arbeier über Tage. Sämmtliche auswärtigen Delegirten nterstützten den Antrag, nur ein englischer machte geltem es wäre ungerecht, die gleiche Zahl Arbeitsstunden für Arbiter in und außerhalb der Gruben einzuführen. Die Berthung wurde schließlich vertagt. In der Nachmittagssitzung nahm der Ccngreß eine Resolution an, nach der die Arbei.'r das Recht haben sollen, die Gruben- inspectoren zu ernenrn, während der Staat die Besoldungen trägt.
Petersburg, 8. ?ini. Hinsichtlich der Entscheidung in Betreff der Frage de Ausfuhr von Hafer, Gerste und Weizen wird eine nee Sitzung der Getreidecommission baldigst erwartet.
Newyork, 8. Jur. Nach einer Meldung des „Newyork
Herald" aus Valencia in Venezuela hat bei dem genannten Orte eine Schlacht stattgefunden, welche vier Tage gedauert habe. Die Truppen des Präsidenten Palacio hätten sich schließlich nach Valencia zurückgezogen. Die Lage Palacios sei eine überaus schwierige.
Depeschen be8 Bureau „Herold".
Berlin, 9. Juni. Das „Berl. Tagebl." meldet aus Zanzibar, am 9. Juni reisen der Ches der Schutztruppe, Perbrandt, der Stellvertreter des Gouverneurs, Capirän- Lieutenant Rüdiger und der bisherige Ches der Tabora-Station, Lieutenant Sigl, nach Deutschland ab. Die Wißmann'sche Expedition bricht von Chinde in Portugiesisch-Ostasrika ins Innere auf.
Localer unö provinzieller.
Gießen, 9. Juni 1892.
— Fahrplan-Aeuderung. Wie aus der Bekanntmachung Königl. Eisenbahn-Direction Hannover in vorliegender Nummer ersichtlich ist, wird der Omnibuszug Nr. 407 Friedberg- Marburg vom 10. Juni ab befördert: Von Gießen 5 Uhr 45 Min. früh, von Lollar 5 Uhr 57 Min., von Friedelhausen 6 Uhr 3 Min., Fronhausen 6 Uhr 10 Mm., Nieder-Weimar 6 Uhr 21 Min., Marburg an 6 Uhr 31 Min. Vom gleichen Tage ab wird der OmnibuSzug Nr. 408 statt in Fronhaufen in Marburg abgehen und zwar 6 Uhr 55 Min. Abends.
— Abänderung des Artikels 227 des Polizeiftrafgesetzes. Der zwetten Kammer der Landstände ist folgender Gesetzentwurf zugegangen:
Ernst Ludwig von Gottes Gnaden Großherzog von Hessen und bei Rhein rc.
Wir haben mit Zustimmung Unserer getreuen Stände verordnet und, verordnen wie folgt:
Einziger Artikel.
Mit dem 1. Juli ds. Js. tritt der Artikel 227 des Polizetstrasgesetzes vom 30. October 1855 außer Kraft. An seine Stelle treten nachfolgende Bestimmungen:
Das Hausiren mit Maaren oder Vieh, sowie das öffentliche Feilhalten derselben auf Straßen und Plätzen ist an Sonn- und Festtagen gänzlich untersagt.
Das Aushängen und Ausstellen von Maaren seitens der Kauf-, Handels- und sonstigen Gewerbsleuten ist an Sonn- und Festtagen gleichfalls untersagt, ausgenommen jedoch diejenigen Stunden, während welcher nach der Gewerbeordnung (Gesetz vom 1. Juni 1891) in offenen Verkaufsstellen ein Gewerbebetrieb stattfinden darf.
Den Bäckern, Metzgern und anderen unter § 105 e des Gesetzes vom 1. Juni 1891 fallenden Gewerbtreibenden ist der Verkauf ihrer Maaren an Sonn- und Festtagen auch zu den Stunden gestattet, für welche die höhere Verwaltungsbehörde (das Kreisamt) nach Maßgabe des § 105 e den Verkauf zulaffen wird.
Das öffentliche Feilbieten von Lebensrnitteln innerhalb der Ortschaften und deren nächsten Umgebung an Sonn- und Festtagen ist, während der Zeiten des öffentlichen Gottesdienstes untersagt- auf das Feilbieten von Lebensrnitteln auf den Eisenbahnstationen erstreckt sich dieses Verbot nicht.
Insoweit nach den Bestimmungen der Gewerbeordnung an Sonn- und Festtagen in offenen Verkaufsstellen ein Gewerbebetrieb nicht stattfinden darf, ist auch den Consum- vereinen jeder Absatz von Maaren selbst an ihre Mitglieder untersagt.
— Ernennungen. Durch Entschließung Großherzoglichen Ministeriums des Innern und der Justiz wurden ernannt: die Gerichtsaccessisten: 1) August Breidenbach in Darmstadt , 2) Dr. Ludwig Dähn in Worms, 3) Georg H einzerlin g in Darmstadt, 4) Ludwig Schneeberger in Darmstadt, 5) Ferdinand Stein in Gießen, 6) Heinrich Sutor in Bürgel, 7) Dr. Ernst Weber in Offenbach zu Gerichtsaffessoren.
— Schuldienst-Nachrichten. Am 24. Mai wurde dem Schulamtsaspiranten Heinrich Köhler aus Heimersheim eine Lehrerstelle an der evangelischen Schule zu Nierstein, — an demselben Tage wurde dem Schulamtsaspiranten Jacob Dörr- schuck aus Ober-Saulheim eine Lehrerstelle an der katho- lifchen Schule zu Nierstein, — am 25. Mai wurde dem Schullehrer Peter Flath zu GroßBieberau eine Lehrerstelle an der evangelischen Schule zu Groß-Umstadt, — am 29. Mai wurde dem Schullehrer Philipp Reinheimer zu Nieder-Beerbach eine Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Weiterstadt, an demselben Tage wurde dem Schullehrer Adam Walter zu Weiterstadt eine Lehrerstelle an der Gr meindeschnle zu Nieder-Beerbach, — am 31. Mai wurde


