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Wr. 157

Der

Gteße»er A»zei-er erscheint täglich, wit Ausnahme de- MontagS.

Vie Gießener

»erden dem Anzeiger «gchentl'ch dreimal beigelegt.

Zweites Blatt.

Samstag den 9. Juli

Meßmer Anzeiger

Henerat-Mnzeiger.

1892

Biertel^ähriger Avoane«e«t5preiO i 2 Mark 20 Pfg. w« Bringerlohn. Durch die Poft bezogen 2 Mark 50 Psg

Äebodien, Trpedinov und Druckerei:

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FerRsprecher 51

Amts- und Anzeigeblutt für den "Kreis Gieren.

Amn-Hme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den fiot(Vtrtde <4vid6ttttY ftotlfiT/tHrfM- «nnoncen-Bureaux de» In- und Auslandes nehmev

kalgenden Tag erscheinenden Nummer bis Corrn. 10 Uhr. ^tUUSPaiUgC. IH11 U l11HllUtl. Anzeigen für den ^Gießener Anzeiger- entgegen

Bekanntmachung,

betr. die Unterhaltung der Kreisstraßen, hier den Umbau der Psingstbrücke bei Großen-Buseck.

Die im ^Zuge der Kreisstraße Rödgen Grotzen- Buseck gelegene sogen. Psingstbrücke bei Wrosten- Bnseck wird wegen Umbaues derselben von

Montag den 18. Juli d. I.

ab bis auf Weiteres gesperrt.

Gießen, den 7. Juli 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

___________________v. Gagern._________________

Bekanntmachung,

betr. die Erbauung einer Kreisstraße von Gießen nach Leihgestern.

Fuhrwerksbesitzer werden daraus aufmerksam gemacht, daß von Dienstag den 12. Juli l. I. ab auf der Kreisstraße GießenLeihgestern in Gemarkung Gießen eine Dampfstraßenwalze in Thätigkeit ist.

Gießen, den 8. Juli 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

___v. Gagern._______

Bekanntmachung.

Unter Bezugnahme auf § 366 pos. 10 des Reichsstras- gesetzbuchs, Art. 104 des Polizeistrafgesetzes und des Local- Reglements vom 8. Mai 1856 bringen wir zur öffentlichen Kenntniß, daß das Betreten des alten Anneröder Weges neben den Militärschießständen her bei Meidung der in den angeführten gesetzlichen Bestimmungen angedrohten Strafen, verboten ist.

Gießen, den 5. Juli 1892.

Großherzogliches Polizeiamt (Hießen.

I. V.: Bischoss.

Vermischtes.

* bin entsetzlicher Unglücksfall hat sich, wie dasLiegnitzer Tageblatt" berichtet, in dem Dorfe Wahren ereignet. Der Todtengräber.Ender befand sich mit Frau und Kindern aus dem Felde, um Gras zu holen. Eins der Kinder, ein sechs­jähriger Knabe, stieg unbemerkt auf einen Wagen, verkroch sich unter das Gras und schlief ein. Der Mann, der keine Ahnung davon hatte, daß das Kind sich auf dem Wagen befand, spießte zuletzt, wie dies so üblich, die Sense in das aus dem Wagen befindliche Gras. Dabei traf er sein Kind, welches nicht zu bemerken war, so unglücklich, daß die Sense an der linken Halsseite hinein und vorn herauskam, wobei

die Blutgefäße zerschnitten wurden. Das Kind schrie noch einmalVater" und gab seinen Geist aus.

* Aus Elsaß-Lothringen wird geschrieben: Es ist wiederholt daraus hingewiesen worden, daß in den sranzöfisch redenden Landestheilen das Deutschsprechen bei der Heran­wachsenden weiblichen Jugend viel langsamere Fortschritte macht als bei der männlichen. Bei einer mehrtägigen Wanderung durch eine Anzahl von Dörfern im französischen Sprachgebiete, die ich hauptsächlich zu sprachlichen Er­mittelungen benutzte, fand ich diese unerfreuliche Erscheinung allgemein bestätigt. Ein großer Theil der 1628jährigen Mädchen, die ihre ganze Schulbildung unter deutscher Ver­waltung genossen haben, ist nicht im Stande, auch nur einen deutschen Satz ordentlich zu sprechen oder einem deutschen Gespräche zu folgen. Die Fähigkeit, sich an einem solchen zu betheiligen, habe ich überhaupt nicht vörgesunden. Bei solchen, die schon seit sechs oder acht Jahren der Schule entwachsen sind Ausnahmen bestätigen die Regel, sind die deutsch­sprachlichen Kenntnisse meist Null. Die zwei Jahrzehnte unter deutscher Herrschaft sind also nach dieser Richtung hin nahezu spurlos vorübergegangen. Einer der Hauptgründe, warum sich bei den Mädchen das Deutsche langsamer ein- bürgert als bei Den Knaben, ist darin zu suchen, daß erstere schon mit 13 Jahren aus der Schule entlassen werden. Bei dieser verkürzten Schulzeit (die Schulpflicht der Knaben dauert bis zum 14. Lebensjahr) ist erklärlich, daß ein zwei­sprachiger Unterricht nur ans Kosten der Gründlichkeit durch­zuführen ist, und daß die erlangten Kenntnisse sich schon nach kurzer Zeit wieder verflüchtigen. Dazu kommt noch, daß die Mädchen naturgemäß weniger Gelegenheit zur Uebung im Deutschsprechen haben als die männliche Jugend, die aus geschäftlichen Interessen, namentlich beim Militär, aus den Gebrauch des Deutschen angewiesen ist. Sodann ist noch in Betracht zu ziehen, daß die Mehrzahl der Mädchenschulen in den Händen der Schulschwestern liegt, die persönlich den Gebrauch des Französischen vorziehen und zum großen Theil auch mit dem methodischen Betrieb des sprachlichen Unterrichts im Deutschen nicht genügend vertraut sind. Zudem stehen dieselben mehr oder weniger unter dem Einfluß der Geistlich­keit, die ihre Ausbildung aus französisch erhalten hat, den Religionsunterricht nur französisch ertheilt und darauf hält, daß das Französische in der Schule, natürlich aus Kosten des Deutschen, möglichste Pflege finde. Leider ist die Regierung den bezüglichen Bestrebungen dadurch entgegengekommen, daß auch der vom Lehrpersonal gegebene Religionsunterricht französisch ertheilt werden muß und sie diese Sprache in den ersten Schuljahren zur herrschenden gemacht hat, einzig und allein, damit die Kinder möglichst bald zum Lesen des franzö­sischen Katechismus gebracht werden. Da es sich um die künftigen Mütter handelt, von denen die deutschsprachliche

Entwickelung der nächsten Generation bedingt ist, so verdient die Angelegenheit schon vom deutsch-nationalen Standpunkte aus besondere Beachtung.

* Ein großartiges Volksfest. Das Kreis-Localblatt für Lauenburg (Hinterpommern) gibt in seiner Nr. 77 vom 2. Juli 1892 folgende Kunde:Das diesjährige Schützen- sest verspricht wieder ein großartiges Volksfest werden zu wollen- nicht nur zwei Caroussels, sondern auch noch mehrere Würselbuden haben sich zu demselben bereits eingefunden. Durch Renoviren der Häuser und Reinigen der Straßen von Graswuchs erhält unser Städtchen ein sestliches Gepränge."

* Kindesliebe. Der BerlinerTägl. Rundschau" wird erzählt:Ein Familienvater, der seine erste Frau durch den Tod verloren hat und im Begriffe steht, die zweite eine noch sehr junge Frau zu nehmen, schickte dieser Tage seinen ältesten Sohn, einen Knaben von zwölf Jahren, mit einem prächtigen Strauß Rosen zur jungen Braut, indem er sagte:Geh' und bring' Mama'n dies Rosenbouquet!" Der Knabe geht und kehrt erst nach mehreren Stunden heim. Den Vater wundert es, daß der Sohn, welcher sich sonst ungern lange bei seiner künftigen Stiefmutter aufhielt, so lange sortgeblieben ist- er fragt nach der Ursache. Da antwortet der Knabe:Vater, ich bin ja aus dem Kirchhos gewesen und habe die Rosen auf unser Grab gelegt - denn Du hast doch gesagt, daß ich sie der Mama bringen soll!"

* Gelegenheits Compliment.Kannst Du harte Sachen beißen, Großmama?"Nein, mein Engelchen, ich habe ja alle Zähne verloren."So? Dann heb mir die Zuckerln und die Nüsse auf."

* Lüttich, 4. Juli. Bei dem Küster der Martinskirche meldete sich gestern gegen Mittag ein junger Mann mit Studentenmütze und Kneifer und erbat sich den Kirchenschlüssel, um für seine Mutter zu beten, die um 7 Uhr Abends eine lebensgefährliche Operation zu bestehen habe. Gegen 3 Uhr Nachmittags entdeckte man, daß der Unbekannte - die Gelegenheit benutzt hatte, vom Altar 18 schwere goldene Weihketten zu stehlen. Eine der Ketten maß zwei Meter und trug ein massives goldenes Kreuz, das mit 66 Diamanten besetzt war.

* Auch eine Folge der Sonntagsruhe. Der Verkäufer eines Düsseldorf er Detailgeschästs erbat von seinem Prin­zipal eine monatliche Erhöhung seines Salairs um die Summe von 40 Mk., welche Forderung er damit motioirte, daß er durch die Sonntagsruhe Gelegenheit habe, mehr Geld ausgeben zu können.

* Auch ein Selbstmordmotiv. Aus Paris wird gemel­det: Ein 70 jähriger Rentner erhängte sich, weil er, wie ein hinterlassener Brief besagte, in ganz Paris keine ihm völlig zusagende Wohnung finden konnte.

Feuilleton.

Carl Vogt.

Von Georg Edward.

(3. Fortsetzung.)

Earl Vogr ist eine von jenen seltenen Gestalten, in deren Leben und Wirken es keinen Stillstand gibt. Das ist es, was den Ernftdenkenden ergreift, wenn er ihn anschaut. Der Greis, auf dessen Schultern nun dreiviertel Jahrhunderte ruhen, ist rüstig vorwärts geschritten mit der Zeit, er kennt keine Ermüdung, kein Ausruhen. Wie Viele haben den gleichen Weg mit ihm betreten und sind zurückgeblieben, weit zurück! Aber doch steht er jetzt im Alter nicht vereinsamt, sein warmes Interesse an Allem, was der Tag bringt, sein fortgesetztes Forschen und Arbeiten, seine rücksichtslose Wahr­heitsliebe und der Muth eines offenen Bekenntnisses dessen, was er als wahr erkennt, lassen ihn seinen Platz auch in der neuesten Zeit behaupten, und werden noch lange eine Schaar andächtiger Jünger um ihn versammeln. Er hat es erleben dürfen, einen Riesenbau, an dessen Grundstein er mitgeholsen, emporwachsen zu sehen und gesichert zu wissen für die Zukunft.

Während Earl Vogt noch als Candidat für die Frank­furter Nationalversammlung in Gießen fungirte, brachte eine fleine Zeitung dieser Stadt sie führte den charaeteristifchen NamenDer deutsche Michel" eine anonyme naive Notiz, welche daraus hinweist, daß Earl Vogt ein Buch geschrieben habe, worin er das Dasein Gottes, die Unsterblichkeit und die menschliche Seele leugne. Das Wort Leugnen ist ein schlimmes Work, und Diejenigen, welche zuerst den Ausdruck Gottesleugner erfanden, wußten sehr wohl, was sie thaten. Denn das Wort Leugner setzt stillschweigend voraus, daß

Derjenige, den man damit bezeichnet, wissentlich das Gegen- theil von dem fage, thue oder schreibe, wovon er innerlich überzeugt sei, beschuldigt ihn also einer ebenso feigen als erbärmlichen Handlung. Die deutsche Sprache hat manchen Ausdruck, der wahrheitsgetreuer, richtiger, genauer wieder- gibt, was mit Leugnen bezeichnet wird, aber man hat seine Gründe, wenn man die falsche Bezeichnung gebraucht und sich hütet, die richtige auskommen zu lassen.

Die erste Ausgabe derPhysiologischen Briefe", jenes Werkes, woraus sich die oben angebeutete Notiz bezieht, erschien in Stuttgart im Jahre 1845. Carl Vogt war damals erst achtundzwanzig Jahre alt. Er hatte früher schon an Loui» Agassizs Werk über die Süßwasserfische mitgearbeitet, dessen erstes Heft ganz aus seiner Feder stammt, hatte die große Expedition auf den Aargletfcher mitgemacht und Eduard DesorsGeologische Alpenreisen" ins Deutsche übertragen. Sein allgemein - verständliches WerkIm Gebirg und auf den Gletschern", welches in Solothurn im Jahre 1843 erschien, hat die Beschreibung der genannten Expeditionen zum Inhalt.

Es war natürlich, daß diePhysiologischen Briese" bald ein gewisses Aussehen erregten. Waren sie doch anGe­bildete aller Stände" in einer Zeit gerichtet, in welcher die Wissenschaft, besonders die Naturwissenschaft, sich nur in ganz vereinzelten Fällen an die Allgemeinheit wandte, in welcher die wichtigsten Vorgänge im Leden des Menschen vorsichtig mit einem mystischen Schleier bedeckt gehalten wurden. Heut­zutage macht es auf uns einen säst wunderlichen Eindruck, wenn es Vogt zu Beginn der dritten Abtheilung seines großen Werkes für nöthig erachtet, sich wegen der im Folgenden besprochenen Gegenstände zu vertheidigen. Seit Vogt seine Physiologischen Briese" veröffentlichte, haben uns eine ziem­liche Anzahl von Physiologen und Psychologen mit der ganzen Hölle und dem ganzen Himmel bis ins Kleinste bekannt ge­

macht, welche die menschliche Natur iji ihren Leidenschaften umgeben. Aber Vogts Werk büßt deßhalb von seiner Be­deutung nichts ein nur hier und da ist man in den letzten Jahren etwas weiter vorwärts geschritten, aber eine neue Auflage des Buches die vierte erschien im Jahre 1874 wird auch das zweifellos nachholen. Vogt hat übrigens nirgendwo in diesem Werke ausgesprochen, was ihm beim Erscheinen seines Buches und später noch oftmals zum Vor­wurf gemacht wird. Jndeffen geht seine Ansicht aus dem Ganzen hervor und ist ein unausgesprochener Schlußsatz. Nur über die Seelenthätigkeit spricht er sich einmal klar und schars aus.

Nachdem von Carl Vogt noch einLehrbuch der Geo­logie und Patresaktenkunde" erschienen war, trat er, wie schon oben gesagt, am 1. Mai 1847 eine Professur in Gießen an. In der Rede, welche er an diesem Tage hielt, sagte er von sich selbst:Ich gehöre nicht zu Denen, meine Herren, welche die Nützlichkeit, die unmittelbare Anwendung als etwas der Beachtung kaum Würdiges in einer« Wissen schäft behandeln wollen- ich gestehe im Gegentheile offen ein, daß mir jener gelehrte Kastenstolz ferne liegt, der die Wissen schäft nur um der Wissenschaft selbst willen zu lieben und zu betreiben behauptet. Ich beneide die Chemie, ich beneide die Physik um den unschätzbaren Vorzug, den sie dadurch genießen, daß sie unmittelbar in die Räder des socialen Getriebes ein greifen, und ich kann nicht verhehlen, daß es mein größtes Glück sein würde, wenn ich zu entdecken im Stande wäre, in welcher Weise die Zoologie zu gleicher praetischer Wicht g feit gelangen könnte." Als Carl Vogt diese Worte sprach, ahnte er nicht, daß er bestimmt war, an der größten nnffcn schastlichen That unseres Jahrhunderts mitzuardenen und Die selbe besonders in Deutschland zu vertreten.

(Fortsetzung folgt.)