Str. 85
Samstag den 9. April
1892
Keßener Anzeiger
Senerat-Wrzeiger.
Amts- und Anzeigedlntt für dsn "Kreis Gieren
Hratisöeitage: Hießener Zamikienötätter.
Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für den folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Bonn. 10 Uhr.
Alle Annoncm-Bureaux de- In- und Auslandes nehme» Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
Die Gießener AamtkienötLlter werden dem Anzeiger wdchentlich dreimal beigelegt.
Der
Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montag-.
Vierteljähriger AsonnementsprelO» 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.
Redaction, Expedition und Druckerei:
Schntftraße Ar.J. Fernsprecher 51.
Amtlicher Theil.
Dir. 19 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 31. v. M., enthält:
(Nr. 2009.) Gesetz, betreffend die Feststellung des .Reichshaushalts - Etats für das Etatsjahr 1892/93. Vom 30. März 1892.
(Nr. 2010.) Gesetz, betreffend die Ausnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltungen des Neichsheeres, der Marine und der Reichseisenbahnen. Vom 30. März 1892.
(Nr. 2011.) Gesetz über die Einnahmen und Ausgaben der Schutzgebiete. Vom 30. März 1892.
(Nr. 2012.) Gesetz, betreffend die Feststellung des Haus- balts-Etats für die Schutzgebiete Kamerun, Togo und das südwestafrikanische Schutzgebiet für das Etatsjahr 1892/93. Vom 30. März 1892.
Gießen, den 8. April 1892.
Grobherzogliches Kreisamt Gießen.
v. Gagern.
Bekanntmachung, betreffend die Veranstaltung von Verloosungen innerhalb des Großherzogthums.
Wir bringen zur öffentlichen Kenntniß, daß der Vorstand der israelitischen Religionsgemeinde zu Groß-Steinheim beabsichtigt, am 4. Januar 1893 eine Verloosung von Gold-, Silber-, Kunst- und Jndustriegegenständen zu veranstalten, um die Mittel zum 'Neubau einer Synagoge zu Groß-Steinheim zu gewinnen.
Tas Großherzogliche Ministerium des Innern und der Justiz hat die nachgesuchte Erlaubniß zur Veranstaltung dieser Verloosung unter der Bedingung ertheilt, daß nicht mehr als 20000 Loose zu 1 Mark das Stück ausgegeben werden dürfen und mindestens 65pCt. des Brutto-Erlöses aus dem Verkauf der Loose zum Ankauf von Gewinngegenständen zu verwenden sind.
Zugleich ist der Vertrieb der Loose im Großherzogthum gestaltet worden.
Gießen, den 6. April 1892.
Großherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.
Zwanzigste Sitzung des Provinzialtags der Provinz Qbertzest'cn.
Gegenwärtig:
1. Der Vorsitzende, Großh. Provinzial-Director Freiherr v. Gagern,
2. die Provinzialtagsmitglieder: Bürgermeister Arnold, Alsfeld, Beigeordneter Braun, Nidda, Commerzienrath Hugo Buderus, Hirzenhain, Rechtsanwalt Curtman, Gießen. Mühlenbesitzer Erk, Nidda. Bürgermeister Fendt, Schotten, Gemeinde-Einnehmer Frey mann, Gedern, Justizrath Dr. Geyger, Assenheim, Oberbürgermeister Gnauth, Gießen, Rechtsanwalt Dr. Gutfleisch, Gießen, Kaufmann Jäger, Schlitz, Bürgermeister Keil, Melbach, Graf Oriola, Büdesheim, Gutspachter von Oven, Hungen, Oberamtsrichter Rabenau, Büdingen, Bürgermeister Schmalbach, Crainfeld, Gras Friedrich zu Solms-Laubach Erlaucht, Fabrikant Carl Trapp, Friedberg, Fabrikant G. W. Wenzel, Lauterbach,
3. die Provinzialausschußmitglieder: Bürgermeister Stöpler, Lauterbach, Landgerichtsrath Dr. Schäfer, Gießen,
4. der Provinzialingenieur Stahl,
5. der Protorollsllhrer, Kreisamtsgehülse Becker.
(Die Mitglieder Hüttenbesitzer Buderus in Lollar, W. Engel, Homberg, Landgerichtsrath Holzapfel, Gießen, Rechtsanwalt Jockel, Friedberg und Freiherr Georg Riedesel zu Eisenbach haben ihr Nichterscheinen entschuldigt.)
Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung mit folgenden Worten, welche die Mitglieder des Provinzialtags stehend anhörten:
Tiefe Trauer erfüllt uns bei dem diesmaligen Zusammentreten des Provinzialtages. Der Klang der Glocken, die noch täglich laut in das Land Hinausrusen, daß Großherzog Ludwig IV. aus dieser Zeitlichkeit abgeschieden ist, findet klagenden Widerhall in unseren Herzen.
Gerade heute vor einem Monate war es, als die Kunde von der schweren Erkrankung unseres Landesherrn wie ein
Blitz aus heiterem Himmel uns traf; und die bangen Tage, in welchen die Hoffnung aus Erhaltung seines theuren Lebens mit der Angst vor dem uns drohenden Verluste kämpfte, sie endeten mit dem herbsten Schicksalsschlage für das Groß- herzogliche Haus und das hessische Volk.
Erwarten Sie nicht von mir eine Schilderung des allzu früh abberufenen Fürsten und der Verdienste, die er als Soldat auf dem Felde der Ehre, als treuer Bundesgenosse dreier Kaiser, als Herrscher in feinem angestammten Lande sich erworben hat. Wenn der leibliche Vater uns entrissen wird, forschen und grübeln wir ja auch nicht, durch welche Eigenschaften er uns lieb und theuer war: wir fühlen eben nur den Schmerz der Trennung von dem, der unserem Herzen nahe stand, dem wir in treuer Dankbarkeit anhingen; das überwältigende Gefühl des unersetzlichen Verlustes beherrscht uns.
Einem solchen Gefühle Ausdruck zu geben, hat der Provinzialausschuß Namens der Provinz Oberhessen am Sarge unseres verewigten Großherzogs einen Kranz niederlegen lassen, — als schwaches Zeichen des gesegneten- unauslöschlichen Andenkens, in dem dieser unparteiische und vorurtheils- sreie, gnädige und gerechte Fürst bei seinem Volke stets fort» leben wird.
Seine Königliche Hoheit, unser jetzt regierender Großherzog haben die Gnade gehabt, in Seinem und Seiner Durchlauchtigsten Schwestern Namen auch für diesen Beweis treuer Anhänglichkeit besonderen Dank aussprechen zu lassen.
Er hält sich mit Recht versichert, daß die Hessentreue, biei unser Volk Seinem nunmehr in Gott ruhenden Herrn Vater und Seinen Vorfahren allezeit gehalten hat, auch auf Ihn übertragen worden ist. Wir huldigen Ihm mit dem heißen Wunsche, daß Ihm eine lange und glückliche Regierung beschieden sein möge, gleich dem Ahnherrn Ernst Ludwig, dessen Namen er trägt.
Nachdem derselbe sodann noch mit warmen Worten des Ablebens des Provinzialtagsmitgliedes AdalbertFreiherr von Nordeck zur Rabenau gedacht hatte, wurde zunächst durch Feststellung der Präsenzliste die Beschlußfähigkeit der Versammlung constatirt und die Mitglieder Herr Graf Oriola und Herr von Oven zu Urkundspersonen designirt und Kreisamtsgehülse Becker zum Protocollsührer bestimmt und als solcher verpflichtet.
Zur Tagesordnung
1. Prüfung der Rechnung der Proviuzialkaffe uud Erstattung des Rechenschaftsberichts für 1890/91
übergehend, erstattete der Vorsitzende den Rechenschaftsbericht
Feuilleton.
Der Ausstand in Chile.
(Schluß.)
Die Zeiten der ersten französischen Revolution mit all ihren Schrecknissen schienen gekommen zu sein, nur daß die Häupter der hiesigen wohl vernünftiger fein werden, als jene es waren. Wo aber die Regierungstruppen, diese Feiglinge, geblieben sind, weiß kein Mensch zu sagen; sie hatten sich zerstreut und verkrochen, sich in Civil geschmissen und fix ein rothes Band um den Aermel gelegt.. Der Hauptact des Tages kam aber noch; man hatte nämlich schon längst vermuthet, daß bei einem Rencontre zwischen Oppositionsund Regierungstruppen der Pöbel, der sogenannte „roto“, welcher gewiß vor keiner Blutthat zurückschreckt, als dritte Macht aus der Bildfläche erscheinen und unter dem Schutze der finsteren Nacht sein schändlich Handwerk ausüben würde. Und richtig, so kam es auch. Noch nie habe ich mich so frühe zu Bett begeben als vorgestern, es war J/a9 Uhr. @ine geraume Zeit vorher belehrten einem hier und dort fallende Gewehrschüsse, daß einige tausend Banditen, die sich von den Schlachtfeldern Waffen geholt hatten, bereits bei der „Arbeit" waren. Wo nur irgend anzukommen, ver- griffen sich diese unheimlichen Gesellen an dem Leben und 'Cigenthum der besitzenden Klasse. Speciell hatten sie es auf Uhren- und Juwelenhandlungen, kleinere, von Italienern gehaltene Kramläden, sowie „despachos“, deren es hier über sechshundert gibt, sowie Leihhäuser abgesehen, namentlich in den exponirten Stadttheilen. Nun begnügte sich diese Satansbrut nicht einmal mit Raub, Mord und Plünderung; , dies wäre halbe Arbeit gewesen; nein, nun wurde, um das Maß der Bestialität voll zu machen, gebrandschatzt. An nicht weniger als sieben Stellen brannte es lichterloh in den verschiedensten Stadttheilen; die Feuerwehrcompagnien hatten
sich schon vorbereitet und waren die ganze Nacht unausgesetzt in Thätigkeit, in deren Ausübung sie durch das bewaffnete Raubgesindel behindert wurden. Auch die Feuerwehr war bewaffnet und da gab es natürlich kein Pardon; entweder wurde das elende Diebspack wie Hasen rudelweise zusammengeschossen oder sie mußten elendiglich verbraten. Ferner wurden auch sämmtliche Nacheacte zwischen „Gobianistas" und „Oposidores" zum Austrag gebracht, überhaupt derartige Privatangelegenheiten zwischen zwei Menschen „geordnet", wozu ja jene Nacht wie geschaffen war. Scenen haben sich ereignet, die wohl im dreißigjährigen Kriege Vorkommen dursten, aber nicht heute. Der Parteienfanatismus war so entflammt, daß die ganze Sache den Character des Gemeinen schließlich annahm. Am darauffolgenden Morgen besah ich mir die öden, geschwärzten Stätten, wo ein paar Stunden vorher die schwarzen Würgengel, diese nächtlichen Gespenster, mit ekler Gier gehaust hatten. O, welch ein
Jammer! Welche Brutalität gehört dazu, das Glück so vieler Familien zu vernichten! Eingeschlagene Thüren, Fenster, verbogene Fenstergitter, inwendig radical ausgeräumt, was nicht niet- und nagelfest war, z. B. Möbel, Betten, Nähmaschinen 2c., während alles Schwere, nicht Transportable mit cynischem Vandalismus zerschlagen war, also Pianos u. s. w. Einige hundert dieser Bestien der Menschheit, welche in so schrecklicher Menge austrat, sind beim Handwerk erschossen worden. Ich zählte auf meinem Gange deren sechszehn, denen lch selbst gerne einige zugesellt hätte. Die vergangene Nacht ist schon ruhiger verlausen und heute Nacht (es ist J/21 Uhr) höre ich soeben wieder sechs Schüsse rasch hintereinander fallen. Ein schlechtes Licht wirft es auf die Leiter der Opposition, daß ihre eigenen Truppen mit dem Pack sraterni- firten und an manchen Stellen sogar die ersten Plünderer waren. Wäre mein auswanderungslustiger Freund W. hier, so würde ich ihm sagen: „Hier habe ich das Vergnügen, Dir den „geordnetsten" Staat Südamerikas vorzustellen." Ich zweifle nicht daran, daß die Führer der Opposition wiffentlich ein Auge zugedrückt haben betreffs der Plünderung,
um eben die Leute zu entschädigen und ihnen die Erreichung ihres Zieles noch wünschenswerther als bisher zu machen.
Nachstehende Zeilen schreibe ich am 4. September, Abends 8 Uhr:
In den letztverflossenen Tagen begannen die Oppositionsoffiziere, ihre Untergebenen, welche öffentlich mit den Waffen Mißbrauch trieben und somit die Bevölkerung terrorifirten, zu entwaffnen, bei welcher Gelegenheit ich Fälle von äußerster Renitenz der Mannschaften gegen ihre eigenen Vorgesetzten wahrnahm. Gegenwärtig ist die allgemeine Ordnung und Sicherheit wiedergekehrt und der Cours des Papierdollars binnen wenigen Tagen von ca. 16V< d. auf 19% d. englisch gestiegen, ein ganz erfreuliches Zeichen. Wo nun'das eigentliche corpus delicti, nämlich der Ex-Präsident, geblieben ist, weiß Niemand zu sagen. Ein Gerücht behauptet, er sei auf der Flucht durch die Cordilleren nach Argentina unterwegs von dem Gebirgsführer meuchlings erstochen worden; ich glaube es nicht, denn her betreffende Mörder wird den Präsidenten Balmaceda schwerlich in seinem Leben einmal gesehen haben und weiter wird wohl der Präsident auch nicht so ganz ohne Begleitung geflohen sein; das wäre sehr dumm von ihm gewesen. Ein viel wahrscheinlicheres Gerücht besagt, er sei noch in derselben Nacht des Tages der Entscheidung in einer mit Eisen beschlagenen Kutsche nach Santiago mit einer Escorte von zwanzig Mann „Cazadores ä caballo* (Chasseurs ä cheval [berittene Säger]) entwichen und habe sich hier in der Nähe bei San Antonio auf dem Regierungs- sckliff „Imperial" nach Panama eingeschifft. Ich wünsche ihm von Herzen Glück zu seiner Reise nach Pans. Einige Anhänger Balmacedas befinden sich an Bord des deutschen Admiralschiffs „Leipzig" und wird es wahrscheinlich Schwierigkeiten mit der deutschen Regierung geben, welche politischen Flüchtlingen Asylrecht gewährt, so lange es keine gemein:» Verbrecher sind. So ist denn eine achtmonatliche Revolution verlausen, die nicht von Pappe war, und ein Mann dahi«- gegangen, den kein anderer Chilene an Intelligenz übertrifft.


