Ausgabe 
8.10.1892 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Er. 235 Zweites Blatt. Samstag den 8. Oktober

Der Oießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.

Die Gießener Wamikienötälter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

Gießener Anzeiger

Heneral'-Anzeiger.

1892

Vierteljähriger Avonnementspreis: 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

SchutSrahe Kr.7.

Fernsprecher 51.

und Nnzeigelckatt für den "Kreis Eissen.

Annahinc von Anzeigen zu der Nachmittags für den ; / p p A r n» ^7» 77 I 177 ~ ~ ---------------------

folgenden Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr. Gratisbeilage: Gießener ZiamtfienblalLer. ' Alle Annoncen-Bureaux des In- und Auslandes nehmen -- i -t-imii iilt - ' - - - - - ~ Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

2lrntlichev Theil.

Gießen, den 5. October 1892.

Betr.. Vertilgung der Häher und Eichhörnchen in den zum Bezirk der Großh. Oberförsterei Lich gehörigen Com- munalwaldungen des Kreises.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen an die Großh. Bürgermeistereien der zum Bezirk der Großh. L^berförsterei Lich gehörigen Gemark­ungen des Kreises.

Nachdem wir die Jagdpächter Ihrer Gemarkungen wiederholt zum Abschuß der Häher und Eichhörnchen aufge­fordert haben, dieser Aufforderung indeß in genügender Weise nicht nachgekommen worden ist und da gerade in gegenwär­tiger Zeit eine ausgiebige Verminderung dieser Thiere ange­zeigt erscheint, um die reichlich vorhandene Eichelmast den Waldungen zu erhalten, haben wir auf Anregung der Forst­behörde bestimmt, daß ein Abschuß der Häher und Eich­hörnchen durch die Communal - Forstwarte innerhalb Ihrer Waldungen gegen ein zu entrichtendes Schußgeld alsbald zu erfolgen hat. Als Schußgeld erscheint ein solches von 20 Pfg. für ein erlegtes Thier angezeigt; wir beauftragen Sie, das­selbe gegen Vorzeigung der Eichhornschwänze und Häherköpfe auszahlen zu lassen.

Vorstehende Anordnung gilt sowohl für die Gemeinde- wie für die Mark-Waldungen.

Den Jagdpächtern wollen Sie von derselben alsbald Kenntniß geben.

v. Gagern.

Die öffentliche Gesundheitspflege und das Seuchengesetz.

Das furchtbare Wüthen der aus fernen Ländern einge­schleppten Cholera in Hamburg und die Gefahr bei einer derartig ansteckenden Krankheit, das ganze Vaterland von der verheerenden Epidemie heimgesucht und unberechenbaren Schaden entstehen zu sehen, lassen die vom Reichskanzler ergriffenen Maßregeln zur Ausarbeitung eines Reichsgesetzes gegen die Seuchenausbreitung durchaus gerechtfertigt erscheinen. Auch dürste das Programm der Berathungen, welches die Commission für das Seuchengesetz ausgestellt hat, durchaus dem Bedürfnisse entsprechen, und außerdem hat es auch keinen Zweck, vom Laienstandpunkte in diesen Berathungen, wo nur medicinische Autoritäten wie Koch und Pettenkofer, Virchow und andere wissenschaftliche Größen, ihre Urtheile abzugeben haben, ein Wort hineinreden zu wollen. Soviel steht aber für jeden denkenden Menschen und zumal gegenüber dem entsetzlichen Beispiele in Hamburg auch fest, daß nicht die Verschleppung und Gelegenheit der Ansteckung allein an sich schon eine große Epidemie hervorbringen können, sondern daß ungesunde Verhältnisse in Bezug aus Wasser, Wohnung, Luft, Licht und Nahrung erst der Nährboden für eine große Seuche werden können. Es erwächst also nicht nur den Reichs- und Staats­behörden, sondern vor allen Dingen auch den städtischen Ver­waltungen, den Hausbesitzern, Hausherren und Hausfrauen die Verpflichtung, für eine Verbesserung der Gesundheitsver­hältnisse Sorge zu tragen. Handelt es sich bei solchen Be­strebungen doch nicht nur um die Bekämpfung der Cholera, sondern auch um die Anwendung von Vorbeugungsmaßregeln gegen die Ausbreitung des Typhus, der Pocken, des Scharlach­fiebers, der Masern und der Lungentuberkulose, sowie auch der im hohen Grade gefährlichen Diphtheritis.

Bei dieser für das Volkswohl hochwichtigen Frage kommt vor allen Dingen auch in Betracht, daß von dem Erlaß gewisser gesundheitlicher Vorschriften bis zu deren Ausführung ein weiter und oft gar nicht genügend zu controüirender Weg ist, es muß also auch in den Kreisen der Einwohnerschaft selbst mehr Verständniß und Betheiligung an öffentlicher Gesundheitspflege geweckt werden. Im hohen Maße kommt bei der Bekämpfung aller Seuchen auch in Betracht, eine Verunreinigung aller Wasserläufe durch menschliche Ausleer­stoffe zu verhindern, und da dies eine Ausgabe der städtischen Behörden oder Gemeinden bleibt, wobei den Staatsbehörden nur Oberaussicht und Anregung zusteht, so hat hierbei offenbar auch die Bürgerschaft ein gewichtiges Wort mitzureden. Wären in Hamburg wohl die trostlosen Zustände mit der Wasserversorgung beibehalten worden, wenn weite Kreise der Hamburger Bürger schon vor Jahr und Tag darauf bestanden hätten, daß das Elbwasser, welches man in die Wasser­leitungen lausen läßt, vorher gründlich gereinigt werden müsse. Auch in Bezug aus bauliche Anlagen ist eine größere I Berücksichtigung der gesundheitlichen Interessen dringend zu I

wünschen, denn fast jede Stadt hat noch einzelne Straßen oder Häuser, wo die Krankheitsherde durch sumpfige, dumpfe Lage oder willkürliche Verunreinigung der Höfe seitens ge­wissenloser Hausbesitzer oder rücksichtsloser Miether oder Gewerbetreibenden förmlich unterhalten werden, und gewöhn­lich erst dann die Vernachlässigung der Gesundheitspflege entdeckt wird, wenn eine Epidemie dort ausgebrochen ist, das heißt also, wenn es zu spät ist.

totales unb provinzielles.

Gießen, 7. October 1892.

Nach den Veröffentlichungen der Centralstelle für Landesstatistik betrug das Vermögen sämmtlicher Gemeinden des Landes am 1. Aprll 1890 202858 138 Mark. Davon entfielen auf Starkenburg 95 385 451 Mk., aus Oberhessen 58 390031 Mk., auf Rheinhessen 49082 656 Mk. Die Gemeindeschulden betrugen in Summa 65 524 519 Mk., davon in Starkenburg 21 347051 Mk, Oberhessen 14 162 445 Mk., Rheinhessen 30015 023 Mk. Seit 1887 hat das Communal- vermögen im gesummten Großherzogthum eine Steigerung von 10 792 662 Mk., die Communalschulden eine solche von 10 127 002 Mk. erfahren. Das gesummte Communalsteuer- capital des Landes ist seit 1887 um 3 382213 Mk., auf 41925 649 Mk. gestiegen. Davon entfallen auf Rheinhessen 16691 412 Mk., auf Starkenburg 15 346 487 Mk., auf Oberhessen 9 887 750 Mk. Auf eine Mark des gejammten Communalsteuercapitals entfallen durchschnittlich Schulden: irn ganzen Großherzogthum 1.56 Mk., in Rheinhessen 1.80 Mk., in Oberhessen 1.43 Mk., in Starkenburg 1.39 Mk. Auf einen Einwohner berechnet würden durchschnittlich im Groß­herzogthum 65.99 Mk. Communalschulden kommen, in Rhein­hessen 97.66 Mk., in Oberhessen 53.26 Mk., in Starkenburg 50.87 Mk. Der Ausschlag aus eine Mark Communalsteuer- capital beträgt am meisten in Oberhessen, nämlich 0.26 Mk., dann folgt Starkenburg mit 0.23 Mk., endlich Rheinhessen mit 0.21 Mk. Keine Communalsteuern haben im Finanz­jahr 1890/91 zehn Gemeinden ausgeschlagen, nämlich 7 in Oberhessen, 3 in Starkenburg.

-s- Garbeuteich, 5. October. Bei der heute stattgehabten Bürgermeisterwahl wurde unser seitheriger Bürger­meister I. Schwarz mit 90 Stimmen wiedergewählt. Ein Gegencandidat war nicht ausgestellt. Am Abend wurde dem Wiedergewählten, nachdem vorher ein Tannenbaum an dessen Wohnung ausgestellt worden war, seitens der beiden Gesang­vereine und Bürgerschaft ein Ständchen gebracht, wobei die Vereine einige Lieder sangen, Lehrer Völsing das Hoch aus den Gefeierten ausbrachte und ihm dabei einen prachtvollen Blumenstrauß überreichte. Bürgermeister Schwarz dankte tiefbewegt, mahnte zur Einigkeit und bat, ihm sein Amt durch freundliches Entgegenkommen erleichtern zu helfen und brachte sein Hoch den Bürgern. Der Abend verlief unter fröhlichem Beisammensein in schönster Weise. Möge es dem neualten Bürgermeister beschieden sein, seines Amtes so weiter zu walten, für das Wohl des Dorfes zu wirken und das ihm entgegen­gebrachte Zutrauen zu erhalten suchen.

-r- Burkhardsfelden, 6. October. Gestern Nachmittag 3 Uhr wurde in Gegenwart des Herrn Regierungsrath Jost von Gießen, der Herren Kreisbau-Ausseher Mahringer und Kreisseuerwehr-Jnspector von Eiff von Grünberg und des Herrn Bürgermeister Hoffmann von hier die Prüfung einer großen vierrädrigen Saugfeuerspritze, zweistrahlig, welche von der Feuerwehr - Requisiten - Fabrik C. D. Magirus in Ulm a. D. geliefert wurde, vorgenommen. Die verschiedenen Proben, welche mit der Spritze ange­stellt wurden, haben so vorzügliche Resultate ergeben, daß die Uebernahme anstandslos vor sich gehen konnte und freut sich die ganze Gemeinde, nunmehr eine so ausgezeichnete Maschine zu besitzen.

Vermischtes.

* Ditto! Die jungen Kaufleute, die ihr Brod tagsüber in den großen Geschäften der City von London verdienen, wohnen meist alle in den weit entlegenen Vorstädten, aus denen sie Morgens Bahn, Omnibus oder Pferdebahn nach den Stätten ihrer Wirksamkeit bringen. Absolute Pünktlich­keit beim Ankommen des Morgens ist daher nicht immer möglich und die meisten Geschäfte gewähren in dieser Beziehung ihren Angestellten eine gewisse Gnadenfrist. Eines der größten Schiffsgeschäfte hatte nun angeordnet, daß Alle, die zu spät l'ommen, in einem dazu aufgelegten Buch die Ursache ihrer Unpünktlichkeit angeben mußten. Der erste der Zuspät­kommenden beginnt nun regelmäßig mit den Worten:Zug­verspätung",Omnibuspferd gestürzt" oder wie der Fall

gerade liegen mag, und die anderen setzen dann darunter \ ebenso regelmäßig einDitto". Und so gewöhnt sind sie an diesen formellen Eintrag, daß sie sich kaum je die Mühe nehmen, nachzusehen, was für eine Entschuldigung am Kopfe der Liste steht. Eines Morgens nun schrieb der erste An­kömmling gewissenhaft die Worte nieder!Frau bekam Zwillinge" und zu seinem äußersten Erstaunen sand der Chef diese außerordentliche Entschuldigung die ganze Liste abwärts promptgedittot". Sein Erstaunen minderte sich nicht, als er ganz unten an der Liste auch dasDitto" des jüngsten Lehrlings entdeckt! DieDittos^ sollen seitdem in dem . Buch etwas seltener geworden sein!

* Hohe Pacht. Aus Eisenach wird berichtet: Die Restauration der Wartburg brachte dem Besitzer der Burg (Großherzog von Sachsen) bisher eine Pacht von jährlich 18000 Mk. ein. Heute hat ein neuer Pächter die Burg bezogen, der das Doppelte der bisherigen Pacht, 36000 Mk. pro Jahr, zahlt. Zu bemerken ist hierbei, daß die Eintritts­gelder für die Besichtigung der Burg (pro Person 50 Pfg.) i dem Wirthe zufließen, der seinerseits die Führer rc. anstellt. Wohl keine Burg in Deutschland wird jährlich von so vielen Tausenden Personen besucht, wie die Wartburg.

* Gasrohren aus Papier. Das Neueste in der Papier- j industrie sind Röhren (namentlich für Gasleitungen) aus > Papier. Diese Röhren, welche bereits in England und - Amerika vielfach in Benutzung sind, werden aus Manilla- i papier hergestellt,- dasselbe wird in Streifen geschnitten, ! durch ein Gesäß mit geschmolzenem Asphalt gezogen und i dann fest und gleichmäßig über einen eisernen Dorn von einer solchen Dicke gewickelt, welche die Röhre haben soll. Durch Auseinanderlegen mehrerer Lagen des Papiers wird ferner die gewünschte Wandstärke erreicht. Das fertige Rohr wird einem starken Druck ausgesetzt und mit Sand bestreut, wonach eine Abkühlung in Wasser erfolgt. Die Innenseite wird nach Herausnahme des Dorns noch mit einem wasser­dichten Ueberzuge gedichtet. Die so fabricirten Röhren haben bei großer Billigkeit alle Eigenschaften von Metallröhren und sind gegen Stöße und Schläge, also überhaupt gegen Druck äußerst widerstandsfähig.

^er Stein der Weisen- liegt uns nun mit feinem 19. Hefte vor, dessen Inhalt insdesonbere Freunde des NaturlebmS lebhast anregen wird. Wir finden da eine recht anheimelnde Plauderei von Prof. Fr. MüllerAm Teichc", ein naturgeschichtliches Feuilleton dessen belehrender Vortrag durch fünf gelungene Abbildungen unter­stützt wird. Hieran schließt eine Abbandlung von Em. Scheickert Ter Normalwald", eine gediegene sorstwirthschastliche Studie Auf naturwissenschaftlichem Gebiete bewegen sich auch die Aussatze Das Zootrop" (zwei Bilder),Geschichte eines KirschbaumzweigeS" "(vier Bilder auf einer Tafel),Der Gletscher garten zu Luzern" (mit Bild), ,,$er f ehu Süßwasserpolyp" (mit Bild),Verbreitung des Schalles" (Textbrlder und eine Tafel) usw. In dem kleinen AufsatzeDer vierte Jupitermond" werden die neuesten Untersuchungen über diesen Gegenstand mitge heilt. Von den technischen Beiträgen heben wir "berPhotographische Aufnahmen in Dunkelräumen" und Heißluft- und Gasmotoren" hervor. Sehr schön sind die Ansichten ®$.5ncr einen schwunghaften Artikel ge- schrieben hat. Ansichten derVia Mala und des berühmten Temvcls SU Dender« vervollständigen den reichen Inhalt de« überaus splendid ausgestatteten Heftes, das der rührigen Unternehmung (A. Haulebens Verlag, Wien) alle Ehre macht. ^uitc-en»

Literatur und Aunst.

, - Die neue, fünfte Auflage von MeyerS Kleinem «onver-

^EN»^'Lerikon (Verlag des Bibliographischen Jnstttäts in Leipzig und Wien) ist in ihrem Werden nunmehr bis zum Ab'chluß des ersten Bandes gediehen. Derselbe umfaßt die Artikel A bis Graben ewment practflchen Vorzüge, welche gerade derKleine Meyer" als tägliches Nachschlagebuch aufzuweisen hat, haben wir früher bereits gewürdigt: in dem zum augenblicklichen Gebrauch fertigen Band treten dieselben noch scharfer und greifbarer hervor. Man darf das Buch getrost als ein Werk redlichen Fleißes bezeichnen. Die Heraus­geber sind in ernster, mühevoller Arbeit bestrebt, mit der neuen Auf- lage o°n »Meyers Kleinem Conversations-Lexikon" dem großen Publikum ein Hilfsmittel ersten Ranges zu schaffen, das auf jede nur denkbare Frage Auskunft und Belehrung enthellt. Es liefert aus dm ersten Griff und den ersten Blick den begehrten Nachweis, kurz, bestimmt und richtig, wie man es im Leben braucht. Wer sich nur einmal die Mühe nimmt, den fertigen Band flüchtig zu prüfen, wird erstaunen über die Vielseitigkeit seines Inhalts und zugleich ein Mtisterftück lexikalischer Arbeit bewundern, welches ein gutes Theil unseres heutigen Wissens und Könnens auf verhältnißmäkig Raum in übersichtlicher, zweckdienlicher Anordnung dar- Dabei behandelt derKleine Meyer", trotz aller Knappheit und Kürze in den Erklärungen, jeden Gegenstand menschlichen Wisse: s erschöpfend genug. Wirksam unterstützt wird der Text durch die überaus reichen Beigaben an Karten, Bildertafeln und illuftrirten Beilagen, die sammtlich als mustergültig bezeichnet werden müssen. Die geringe Ausgabe (das Werk kann in 66 Lieferungen zu je 30 Pfg oder in drei in Halbfranz gebundenen Bänden zu je 8 Mk. bezogen werden) wird tausendfältige Früchte tragen.