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Nr. 106

Samstag heu 7. Mai

1802

Der flHclener Anzeiger rtfd^int täglich, Kitt Ausnahme deS MonlagS.

Die Gießener yemiftenPfätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal deigelegr.

Siebener Anzeiger

Kenerat-Anzeiger.

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vierteljähriger Aöonuemenkpreiar 2 Mark 20 Pfg. mit Bringerlohn.

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für de, kolgendm Tag erscheinenden Nummer bis «arm. 10 Uhr.

Kratisöeikage: Hießener JamilieuLtätter.

Alle Annonccn-Bureaux des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Amtlicher Lhsil.

Nr. 27 beä Reich-Gesetzblatts, ausgegeben den 2. d. 2)L, enthält:

(97r. 2026.) Gesetz, betreffenb bcn Verkehr mit Wein, weinhaltigen und weinähnlichen Getränken. Vom 20. April 1892.

(Nr. 2027.) Bekanntmachung, betreffenb bie Ausführ­ung bes Gesetzes über ben Verkehr mit Wein, weinhaltigen unb weinähnlichen Getränken. Vom 29. April 1892.

Gießen, ben 5. Mai 1892.

Großherzogliches Krcisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsches Seich.

Berlin, 5. Mai. Kommt der Czar wirklich zum Gegenbesuch an den deutschen Kaiserhof? Diese in den letzten Wochen ebenso oft bejahend als verneinend beantwortete Frage ist plötzlich brennend geworden, nachdem jetzt von Petersburger osficiöser Seite aus die Abreise der russischen Kaisersamilie zu den Kopenhagener Jubiläums- seierlichkeiten für den 20. oder 21. Mai angekündigt worden ist. Es heißt nun, daß der russische Kaiser und seine Ge­mahlin schon aus der Hinreise nach Kopenhagen am Berliner Hose vorsprechen würden, man träfe in Potsdam bereits jetzt Vorbereitungen zu einem besonders festlichen Empfange der russischen Majestäten. Na also gut!

Der friedliche Verlauf der socialistischen Feier vom ersten Mai ist Seitens der deutschen Tagespresse oller Parteirichtungen mit Genugthuung conftatirt worden, Zugleich mit dem ebenfalls einstimmigen Ausdrucke der Ver­sicherung, man habe, soweit es sich wenigstens um Deutsch­land handele, nirgends Rubestörungen anläßlich des Arbeiter­feiertages befürchtet. Das ist offenbar richtig und man kann noch nachträglich hinzusügeu, daß auch bei einer Begünstigung desrothen" Festtages durch besseres Wetter, welches eine intensivere Begehung der Feier ermöglicht hätte, die Sache gewiß nicht anders verlaufen wäre. Man braucht darum auch gegenüber der für bevorstehenden Sonntag an vielen Orten Deutschlands angekündigten Wiederholung der Fest­lichkeiten vom ersten Mai, die vor acht Tagen wegen der Ungunst der Witterung nur in sehr beschränktem Rahmen zur Durchführung gelangen konnten, mit keinerlei Besorgnissen entgegenzusehen.

Zu der Angelegenheit der angekündigten neuen Militärvorlage liegt mit dem jüngsten hierauf bezüg-

| lichen Artikel derNordd. Allg. Ztg." eine bemerkenswerthe | Kundgebung vor. Denn der Artikel ist unzweifelhaft halb­amtlichen Ursprunges und desto beachtenSwerther erjcheint^sein Inhalt, wonach die Vorlage sich noch im Stadium vorberei­tender Erwägungen befindet. Der Kernpunkt der Ausführ­ungen des Artikels liegt aber in seiner Schlußerklärung, die Regierung würde, falls sie eine weittragende militärische Reform für nothwendig erachte, an die Einsicht und den Patriotismus der Volksvertretung appelliren, aber nicht mit Drohungen kommen, die nur nachtheilig wirken würden. Diese Versicherung ist jedenfalls mit Genugthuung zu begrüßen, da sie im Voraus jeder Befürchtung, als ob es die Reichs­regierung in der aufgetauchten Militärfrage auf einen schweren Conflict mit dem Reichstage ankommen lassen werde, die Spitze abbricht.

Ae«efte Nachrichten.

WslffS telegraphisches Lorrrspondruz-Eurean.

Berlin, 5. Mai. Im Abgeordnetenhause wurde heute die Berathung der Berggesetznovelle fortgesetzt. Die vier ersten Artikel derselben wurden ohne weitere Debatte angenommen. Bei der Verhandlung über Artikel 5, welcher die eventuelle Beschränkung einer die Gesundheit gefährdenden Dauer der Arbeit seitens der Oberbergämter behandelt, bean­tragte der Abg. Hitze (Centrum), die Staatsregierung möge untersuchen, inwieweit eine Herabsetzung der Arbeitszeit erfor­derlich sei. Der Minister v. Berlepsch räumte in feiner Er- » widerung ein, daß in einigen wenigen Gruben die Arbeitszeit zu lang bemessen sei. Hier wäre zuerst Remedur zu schaffen. Hierüber entspinnt sich eine längere Debatte, an welcher sich die Abgeordneten Hitze, Schmieding, Engels, Meyer, Bockei­berg, Hammacher, Eberty, GrafMimburg-Stirum und Stützet beteiligten. Schließlich wurde die Fassung der Commission ' angenommen, der Antrag Hitze aber auf Vorschlag des Ab- l geordneten Dr. Hammacher durch motioirte Tagesordnung ! erledigt. Der Rest des Gesetzes wurde hierauf ohne Debatte ' angenommen. Gleicherweise wird der Gesetzentwurf, betr. die Verlegung der Bußtage, in zweiter Lesung unverändert an­genommen. Es folgen Wahlprüfungen. Die Wahl des Ab­geordneten Grimm in Frankfurt, deren Ungiltigkeitserklärung : von der Commission beantragt war, wurde zur nochmaligen Prüfung an die Commission zurückverwiesen, während die « Wahl des Abgeordneten Selle-Marienwerder für giltig er- ! klärt wurde. Die nächste Sitzung findet morgen statt. Es werden in derselben Petitionen berathen werden.

Potsdam, 5. Mai. Bei dem kaiserlichen Paare war um ' V/i Uhr Diner zu Ehren des Großherzogs von

Hessen, wozu außer dem Gefolge und'dem Ehrendienst des Großherzogs der hessische Gesandte Neidhardt und der Staats- secretär Marschall geladen waren. Der Großherzog wird wahrscheinlich morgen Abend Potsdam verlassen.

Wien, 5. Mai. Die Fuhrwerkseigenthümer sind dem Strike abgeneigt und rufen den Schutz der Behördetr an. Die Kutscher der Einspänner und Fiaker beharren jedoch auf ihrer Absicht, zu striken.

Lyon, 5. Mai. In der gestrigen Sitzung des inter­nationalen Congreffes der Volks-Credit-Gesellschasten be­richtete der deutsche Delegirte Raiffeisen über fein Princip der Darlehenskassen und schilderte den Betrieb und die Vortheile der Volks-Credit-Gesellschasten. Die Ausführungen des Redners wurden mit lebhaftem Beifall ausgenommen.

Newyork, 6. Mai. Nach vorliegenden Meldungen soll der Expreßzug aus San Francisko beim Passtren des Miffouriflusses mit der Brücke in den Fluß gestürzt sein. Sieben Personen wurden getöbtet, fünfzehn verletzt.

Darmstadt, 6. Mai. Der Großherzog kehrt am Samstag Abend 8 Uhr nach hier zurück.

Depeschen drSBureau Herold".

Berlin, 6. Mai. Stadtverordnetenversamm­lung. Interpellation in Sachen der Schloßfreiheit. Nachdem die liberale Fraction beantragt, der Magistrat solle mit Privaten wegen Erwerbung der Mittel zur event. Nieder­legung der Gebäude nicht in Verbindung treten, wurde die Debatte vertagt.

Breslau, 6. Mai. Bei der Reichstagsersatzwahst im Wahlkreise Kosel-Großstrehlitz wurde der Centrumscandidat Rechtsanwalt Stephan gewählt.

Bochum, 6. Mai. Sonntag finden im Kohlenrevier Versammlungen zur Delegirtenwahl des inter­nationalen Bergarbeitercongreffes in London statt.

Thorn, 5. Mai. DieThorner Ztg." meldet, gestern sei von einer Militärpatrouille in der Nähe deS Fort 6 ein als preußischer Assistenzarzt verkleideter Mann unter dem Verdacht der Spionage verhaftet worden.

München, 5. Mai. Die für den 1. Mai Seitens der Militärbehörden angeordneten Maßregeln bleiben für das auf den kommenden Sonntag verschobene Volksfest in Holz- apselskreuth in Kraft.

München, 5. Mai. In der heutigen Sitzung der Reichsrathskammer kam es bei der Berathung des Gesetzentwurfs über den Bau der Localbahnen zu einer pein-

Feuilleton.

Die Wstdrente des Dichters.

Von E. Laris.

(Schluß.)

Diesen mehr philosophischen als poetischen Ergüssen von Schopenhauer'schem Pessimismus, dteser ungesunden Manier, die als ein Kind unseres schnell- und raschlebigen Zeitgeistes mit dem Tode liebäugelt, können wir zum Glück auch kern­gesunde Waldlieder entgegenhalten, in denen der Dichter den frohen Muth, die freudige Stimmung ausspricht, die er sich aus dem Walde geholt. Vor Allem möchte ich da das kernige Gedicht von G. Psarrius anführen:Wie es ben Sorgen im Walde erging. Einst wollt ich hinaus in den grünen Wald, da zogen die Sorgen mit. Doch als wir kamen wohl in den Busch, da begann ein Geflüster sogleich: Die Vöglein riefen :Ihr Sorgen husch, hinaus aus dem grünen Busch! Ein Windstoß hauchte sie fort, die Bäume rauschten und schlugen drauf, sie flohen von Ort zu Ort. Da seht ihr, was euch im Walde droht, ein andersmal bleibt ihr zu Haus." Selbstredend findet nur Der im Walde Be­freiung von drückender Sorge, der für die Schönheit und Reinheit der Natur den empfänglichen Sinn ljat; diesen Ge­danken sprechen folgende Zeilen so wunderschön aus:Willst Du im Walde weilen, um Deine Brust zu heilen, so muß Dein Herz verstehen, die Stimmen, die dort wehen." Wer in glücklichem Besitze dieses Verständnisses ist, der wird fofgeuben Versen Aba Christens seinen Beifall nicht versagen: Do groß, so still, so feierlich ragen die Bäume empor; nicht Menschenlaut, noch Vogellied dringt an mein Ohr . . 'Leises Summen hoch oben zieht in der klaren Luft, licht­grüner Schein liegt auf dem MooS und würziger Nadelduft, als wäre aus der weiten Welt aller Friede hergezogen unb flösse sacht durch ruhelose Herzen, so hehr, so ernst, so feier­lich, sortspülend alle Schmerzen." Einen ganz originellen

Trost aber hat Geibel im Walde gesunden: er preist unb liebt ben Wald als Bindeglied der einander folgenden Menschengeschlechter, indem wir der Vorfahren Saaten ernten und für unsere Nachkommen wieder pflanzen,- wunderschön drückt er dies in folgenden Worten aus:Siehst Du über unfern Wegen hochgewölbt das grüne Dach? Das ist unsrer Ahnen Segen! Aber das ist unser Theil, daß wir gründen für die Spätem. Drum im Forst auf meinem Stand ist's mir oft, als bot ich linde meinem Ahnherrn diese Hand, jene meinem Kindeskinde." Daß leiber nur zu oft in der sogenannten Aera des wirthschastlichen Aufschwungs mehr derAhnen Segen" den Waldbesitzern am Herzen lag, alsdas Gründen" für die Späteren, daß der Wald oft frevelhaft zusammengehauen wurde, auch diese ftlage ver­nehmen wir aus des Dichters Mund:Suchst Du den Wald, wo Du als Knabe gespielt? Wo des Waldes Bäume die grünen Wipfel geschüttelt, dampft der Schlot,- wo die Wiese lag, sausen die Spindeln. All Deine blumigen Thal- grünbe sind verschüttet unb einzig nur blieb wehrnüthiges Erinnern."

Ist schon dieses Liedchen, das da predigt:Schützet den Wald!" ein Beleg für die ungemein reiche Vielseitigkeit der modernen Lyrik, so ist es folgendes nicht minder, in welchem das Elend und die Noth der socialen Frage vom Dichter erwähnt werden und ihren düsteren Schatten in den freund­lichen Wald werfen:Kein Mlttageffen fünf Tage schon . . Statt Arbeit zu finden nur Hunger unb Noth . . Was biegt der Handwerksbursch in den Wald? Was irrt sein Äug' von Baum zu Baum? . . . Der Thau fällt auf ihn, der Tag erwacht, der Pirol flötet, der Tauber lacht . . ." Dieses düstere Nachtbild voll modernem Realismus sollte nicht un­erwähnt bleiben, um zu zeigen, was für Motive der Wald dem Dichter bietet.

Hier möchte ich auch ein Lied anreihen, das zu den modernsten Waldliedern gehört, indem es den Darwinistischen Gedanken vom Kamps ums Dasein, das Rmgen des Mäch­

tigeren mit dem Schwächeren, poetisch ersaßt und in dem Gegensätze zwischen Menschen und Wild zum Ausdruck bringt: Der Adler lauscht auf seinem Horst, der Keiler rauscht zum Kesselsorst; das Kätzlein klinkt am Ast sich fest,- das Damwild streicht zum Dickicht ein, der Fuchs still schleicht zum Bau hinein. Die Löffel spitzt der Has' im Klee, die Ente duckt im düstern Rohr und alles schweigt im Hinterhalt: Der Mensch sich zeigt geht durch den Wald . .

So unversöhnlich nun die Feindschaft zwischen Menschen und Wild ist, so unerschütterlich ist die Freundschaft und Liebe zwischen Menschen unb Walb. Drum nimmt es auch nicht wunber, baß die Dichter so ost und so schön ihre Liebeslust und auch ihr Liebeslied dem Walde anvertrauen, daß das Liebeslied so oft ins Waldlied übergeht.Ich schnitt es gern in alle Rinden ein, ich möcht es säuseln durch den regen Hain:Dein ist mein Herz . . fang Wilhelm Müller unb nach ihm manch deutscher Jüngling, ja, auch manche deutsche Maid. Daß im deutschen Liebe bas Liebesmotiv im Walde in allen Variationen ertönt, ist wohl zur Genüge bekannt; hier mögen nur einige typische und einige originelle Fälle folgen:Hinaus zum grünen Walde gingen zwei, es war zur Morgenzeit im Monat Mai. Unb wo ber Walb entstieg dem weichen Grunb, da ruhten sie beisammen, Mund an Mund",- ober:Komm! Geh mit mir ins Walbesgrün, ich «muß ein Wörtchen Dir oertraun! Doch sieh dort erst die Rosen blühn, bie Täubchen ihre Nester baun. Erst dann sollst Du mir Antwort sagen." Erscheint hier ber Walb als Lehrmeister der Liebe, so ist er in ben meisten Fällen nur ber stumme Zeuge der Liebessreuden, der gern gesuchte Schauplatz für Liedesscenen; so z. B. in dem originellen, anmutigen Gedichte von GruppePost im Walde". Im Walde rollt der Wagen, bei tiefer, stiller Nackt. Die Passagiere schlafen, der Postillon fährt sacht. Beim Förster- Haus tm Walde was bläst der Postillon? Er bläst so sanfte Lieder zum Fenster klar empor; eS hallt der Wald sie wider und kommt der Mond hervor. Ja, scheine, Mond, ins