Ausgabe 
6.9.1892
 
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1r. 207

Dienstag den 6. September

1802

Der chlthener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme dcS Montags.

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Gießener Anzeiger

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2lmtlid>cr Theil.

Bekanntmachung.

Die auf Mittwoch den 7. September anberaumte Generalversammlung des landwirthschaftlichen Provinzial Vereins

st nach Mittheilung des Vereins-Präsidiums vertagt worden. Gießen, den 4. September 1892.

Großherzogliches Kreisamt Gießen.

____________ v. Gaqern.______________

Bekanntmachung.

Zwecks Erhebungen über die Arbeitszeit im Väckerei- lnd Conditoreigewerbe werden von uns am 6. Septem- »er L I an alle Bäckereien und Conditoreien der hiesigen Stabt Fragebogen ausgegeben werden, welche ordnungs- und oahrheitSgemäß zu beantworten sind; dieselben werden am 12. September L I. wieder abgeholt.

Die Ausgabe der Fragebogen erfolgt in der Weise, daß ainmlliche einschlägigen Betriebe alphabetisch zusammengestellt mb bei der ersten Hälfte dieser alphabetisch aufgenommenen Hesammtzahl bie Fragebogen den Arbeitgebern, bei der weiten Hälfte den Arbeitnehmern zur Beantwortung rnsgehändigt werden.

In Betrieben, wo mehrere Arbeiter beschäftigt sind, »aben sich dieselben sofort darüber zu einigen, wer von ihnen ehuss Beantwortung den Fragebogen in Empfang nehmen oll und wird mangels einer derartigen Einigung der Frage- ogen demjenigen Arbeiter zugestellt werden, welcher am ängsten in dem betreffenden Betriebe beschäftigt ist.

Gießen, 3. September 1892.

Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.-

Bekanntmachung.

Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, Großh. Beigeordneter Rendant Karl Grüneberg -ahier zum Stellvertreter des Standesbeamten des Standes- mtsbezirks Gießen ernannt und als solcher in Pflichten enommen worden ist.

Gießen, den 3. September 1892.

Großherzogliches Amtsgericht.

Fresenius.

Deutsches Reich.

Berlin, 3. September. Kaiser Wilhelm wohnte am Freitag Vormittag dem Manöver des Gardecorps in der legend von Pyritz bei und reiste dann Mittags über Star­

gard nach Swinemünde weiter. Bei der. Kritik aus dem Manöverfelde hatte der allerhöchste Kriegsherr dem comman- direnden General v. Meerscheidt - Hülleffem gegenüber seine vollste Zufriedenheit mit der Haltung der Truppen, sowie seine Freude darüber, gerade am Sedantage bei denjelben verweilt zu haben, ausgesprochen. Sofort nach der in der fünften Nachmittagsstunde erfolgten Ankunft in Swinemünde begab sich der Kaiser an Bord desKaiseradler" und fuhr später mit demMeteor" dem bei Heringsdorf ankernden, aus nicht weniger als 51 Kriegsschiffen bestehenden Manöver­geschwader entgegen. Am nächsten Tage nahm der Kaiser über diese überaus stattliche Flotte die Parade ab. Seine Rückkehr nach Potsdam von der Flottenbesichtigung wird im Lause des Montag erwartet.

In vergangener Woche haben kurz hintereinander die Reichstagsnachwahl in Halle-Herford und die R eichsragssttchw ahl in Sagan - Sprott au statt- gesunden. In ersterem Wahlkreise ist der vom Centrum unter­stützte Candidat der Conservativen, Freiherr v. Hammerstein, gegenüber den von den Nationalliberalen, den Freisinnigen und den Socialdemokraten aufgestellten Gegenkandidaten mit einer Mehrheit von angeblich 1500 Stimmen zum Abgeord­neten gewählt würden, die Conservativen haben also das Mandat des verstorbenen Kleist-Retzow behauptet. Was die Stichwahl zwischen dem Conservativen v. Klitzing und dem Freisinnigen Dr. Müller in Sagan-Sprottau, dem srüheren Wahlkreise Forckenbecks, anbelangt, so waren bis Freitag Abend 10 Uhr für ersteren 4517 Stimmen, für letzteren aber 6177 Stimmen gezählt worden; vermuthlich hat Dr. Müller den Sieg davongetragen.

Swinemünde, 3. September. Der Kaiser ging an Bord des AdmiralschiffesMars" Vormittags 10 Uhr in See, nahm die Parade über die in doppelter Kiellinie aus­gestellte Flotte, fuhr an der Spitze des Geschwaders nach der Insel Oie, begle'tet von beflaggen ^affagierdampscrij/ und sodann Mittags 1 Uhr nach Arcona.

Bremen, 3. September. DerNorddeutsche Lloyd", der Auswanderer nach Newyork und Baltimore bis auf Weiteres nur mittelst Extradampfer befördert, erhöhte die Pr.eise für die Zwischendeckpassagiere aus 150 Mk.

Ausland.

Petersburg, 3. September. Professor Virchow ist gestern von hier abgereist. Der Mirnster für Volksausklärung und zahlreiche Aerzte gaben demselben bis zum Bahnhose das Geleite.

Moskau, 2. September. Bei dem heute zu Ehren der Delegirten des internationalen Eisenbahn-Con- gresses veranstalteten Dejeuner brachte der Präsident der Moskau-JaroSlawer Eisenbahn, Mamontow, aus die Theil-

nehmer des Congresses einen Toast aus und hieß dieselben als die unermüdlichen Vorkämpfer für Frieden und Arbeit in Moskau willkommen, das das Herz Rußlands sei und immer nur den Frieden und den Fortschritt wolle. Am Abend fand zu Ehren der Congreßtheilnehmer eine Festvorstellung im großen Theater statt.

Uewcfie Nachrichten.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Lissabon, 4. September. Ein Hausen besch äs tigung s- loser Arbeiter zog gestern vor das Arbeitsministerium und forderte Lebensunterhalt und Arbeit. Als der Minister erklärte, daß ihm die Erfüllung ihrer Forderungen unmöglich sei, versuchten die Manifestanten, gewaltsam in das Ministe­rium einzudringen. Die Polizei nahm zahlretche Verhaftungen vor und stellte die Ruhe wieder her.

Depeschen deS BureauHerold".

Berlin, 5. September. DiePost^ hält als Ein- sührungßtermin der Mi litär v orla g e den 1. October 1893 fest. Die Vorlage werde in der Wimertagung 1892/93 oder spätestens in einer besonderen Sommertagung 1893 ein­gebracht.

Wie», 5. September. In einer aus 2500 Personen bestehenden Versammlung sprach gestern Bebel über die Ent­stehungsgründe und Ziele des modernen Socialismus int All­gemeinen und die Stellung der Deutschen insbesondere. Redner empfahl den österreichischen Genoffen die Anstrebung des all­gemeinen Stimmrechts.

Die Cholera.

Die seit einigen Tagen endlich eingetretene Abnahme der Choleraepidemie in Hamburg hält erfreulicher Weise an, wenigstens zeigt die Zahl der täglichen Todesfälle nun­mehr eine stetige und verhältnißmäßig bedeutende Vermin­derung. Was die Nachrichten aus dem übrigen von der Cholera inficirten Gebiete anbelangt, so lassen sie erkennen, daß sich die Seuche an den meisten Orten, wo sie bislang aufgetreten ist, stationär bleibt und keinen bösartigen Character ausweist. Immerhin ist das Verbreitungsgebiet der Seuche in Deutschland ein nicht unbeträchtliches. Daffelbe reichte nach den jüngsten Meldungen nördlich bis Rendsburg, südlich bis Magdeburg; eine größere Anzahl von Choleraerkrankungen weisen indessen abgesehen natürlich von Hamburg selbst nur die Orte in der Nähe dieser Stadt, wie Altona, Wilhelms­burg usw. aui. Etwas p08t k68tum wird dem schwergeprüften Hamburg von dort aus nachdrückliche Hilfe gegen die Cholera verheißen. Der Vater des in Dortmund ftationirten Aichungs- inspectors Will, ein Arzt in Ostpreußen, hat nach hinter-

Feuilleton.

Der Vrtler aus Cstisornikn.

Novelle von E. Rudorfs, lerfaffertn des preisgekrönten Romans:Durch Leid zum Licht".

(3. Fortsetzung.)

Dem Rechnungsrathe gefiel der junge Mensch; es würde ch mit ihm manches Stündchen angenehm verplaudern lassen, nd Zorn gedachte den Schatz seiner Erfahrungen dem Gaste Infttg nicht vorzuenthalten. Walter erhielt von ihm un- edingte Vollmacht, die nöthigen Veränderungen im Parke orzunehmen.

In der Frühe des nächsten Tages erschien Walter be- eits mit einigen Arbeitern. Liesbeth machte sich im Gemüse- arten zu schaffen; sie begoß Pflanzen und jätete voll Eifer, verstohlen blickte sie nach Walter hin, denn sie mußte doch te Reformen des Vetters in nächster Nähe beschauen? Ja, D hatte sie einen rechten Mann, der mit ganzer Kraft den amPf ums Dasein aufnimmt, sich stets gedacht. Jede An- leisung an die Arbeiter sprach von ruhiger Ueberlegung, :der Handgriff, welchen er ihnen zeigte, erleichterte ihr chun; und beteiligte sich Walter mitunter an der Arbeit, ) erwies sein schlanker, elastischer Körper sich jeder Krast- nstrengung gewachsen.

Die Anlage gewann in kürzester Zeit ein völlig anderes uSsehen; Liesbeth hatte offenen Blickes schon lange 15 Verfehlte derselben erkannt und freute sich über das ge- mgene Werk des angeblichen Lorenz Walter. Dieser kam -glich, um nachzusehen, zu putzen und zu verschneiden.

Daß Walter ihr Detter Wilhelm sei, daran zweifelte is junge Mädchen keinen Augenblick. Auch sprachdie

Stimme des Blutes" zu deutlich dafür. Liesbeth hatte von dem ersten Augenblicke sich unwiderstehlich zu dem jungen Manne hingezogen gefühlt. Sie beschloß, sobald sie einmal mit Walter allein fein würde, ihn in Bezug auf die Ver« wandtschaft zu fonbiren; ihr mußte er doch wenigstens sich anoertrauen.

Die Gelegenheit traf sich schnell, denn Walter kam eines Morgens, als der Rechnungsrath bereits aus das Bureau und feine Gattin auf den Markt gegangen war.

Herr Walter," begann Liesbeth nach den ersten Be­grüßungen,wollen Sie eine Frage mir offen und wahrheits­getreu beantworten?"

Sicherlich, mein liebes Fräulein!"

Was bewog Sie, der scheinbar uns ganz fremd ist, auf die Gartenanlage so viel Zeit und Mühe zu verwenden?"

Ich that es, mein liebes Fräulein, weil es mir unmög­lich ist, etwas Schiefes zu sehen, ohne den Versuch zu wagen, es in die richtige Lage zu bringen, und weil ich gewohnt bin, zu arbeiten und mich nützlich zu beschäftigen."

Gleicht mein Vetter Wilhelm Ihnen?"

Wie meinen -Sie das, Fräulein Liesbeth ?"

Ich will damit sagen: ist er auch gefällig, umsichtig, thatkrästig?"

Liesbeth sah mit schelmischem Lächeln zu dem jungen Manne auf. Walter wurde augenscheinlich ein wenig verlegen.

In Lagen, in welchen Wilhelm Berg solche Eigenschaften betätigen konnte, habe ich ihn nicht gesehen."

Wie sieht Wilhelm aus? Ist er ein hübscher, junger Mann?"

Jetzt war wie Liesbeth meinte der junge Herr gefangen.

Zögernd, wie es sonst nicht in Lorenz Walters Art lag,

entgegnete er:Der Geschmack ist sehr verschieden, auch finden die Frauen oft das Aeußere eines Mannes angenehm, der auf uns keinen Eindruck macht."

Sie weichen meinen Fragen aus, Herr Walter, allein ich bitte Sie, ganz offen zu fein in Bezug auf meinen Vetter Wilhelm. Seit meiner Kindheit ohne Geschwister, ohne ver­wandte Gespielen ausgewachsen, hat der Gedanke an Vetter Wilhelm, meinen jugendlichen Verwandten, mich nie verlassen und ich habe ihm im Geiste eine innige Zuneigung entgegen­gebracht. Es war mir stets, als hätte ich fern über dem Ocean einen geliebten, älteren Bruder, ein Wesen, welches j treu in allen Fährlichkeiten des Lebens mir zur Seite stehen könne. Ich habe meine Eltern ja so lieb aber mein guter Vater ist schon alt und stets ernst und die theuere Mutter ist im engsten Verkehr mit ihm auch viel stiller ge­worden, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre. Manch- mal bin ich mir wie ein gefangenes Vögelchen vorgekommen'; alle Freude und Sangeslust, die in mir lebte, konnte gar nicht hervorbrechen, weil mir ein lieber Gefährte, der zu meinem Alter gepafit hätte, versagt worden war. Ein Mann vermag kaum sich dies vorzustellen; er tritt in das volle Leben, er findet Kameraden überall, unter welchen er den ihm liebsten zum Freunde sich erwählen darf!"

Liesbeth machte eine Pause; Walter erwiderte jedoch nichts, sondern blickte forschend das Mädchen an, als ob er noch mehr zu hören wünsche.

Da habe ich denn immer an Vetter Wilhelm denken müssen und es beklagt, daß er so fern von uns weile. Als die Nachricht kam, daß er kommen würde, habe ich laut auf­gejubelt"

Lorenz Walter hatte, so schien es, die unschuldsvollen Bekenntniffe Liesbeths mit dem größten Interesse vernommen.