1892
M. 3Ü. Erstes Blatt. Freitag den 5. Februar
Der
Kietze-er A«-eiger erscheint täglich, gilt Ausnahme deS Montags.
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KichenerÄnzeiger
Kenerat-Anzeiger.
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Alle Annoncen-Bureaux deS In» und Auslandes nehmen Anzeigen für den „Gießener Anzeiger" entgegen.
AnrtLicl-er» Chssl.
Bekanntmachung.
Herr Landwirthschaftslehrer Leithiger von Alsfeld wird an folgenden Orten Vorträge halten:
1) Sonntag den 7. Februar 1892, Nachmitt. 3 Uhr, in Grünberg einen Vortrag über Bodenbearbeitung unter Anwendung verschiedener Düngemittel, in dem Englischen Hof,
2) Sonntag den 21. Februar 1892, Nachmitt. 3 Uhr, in W e i t e r ö h a i n einen Vortrag über Entwässerung von Grundstücken und Drainage-Anlagen, in der Theiß - schen Wirthschaft,
3) Samstag den 12. März, Abends 6 Uhr, in Hattenrod über verschiedene Fragen aus der Bodenbearbeitung und Viehzucht,
4) Sonntag den 13. März 1892, Nachmittags 3 Uhr, in Nodheim über Entwässerung von Grundstücken und Drainage-Anlagen, in der Reich har dt'schen Wirth- schaft,
5) Sonntag den 27. März 1892, Nachmittags 3 Uhr, in Kich einen Vortrag über rationelle Viehfütterung, in der Heiland'schen Wirthschaft
6) Sonntag den 3. April 1892 in Watzenborn einen Vortrag über die Anwendung der künstlichen Düngemittel,
7) Sonntag den 1. Mai 1892 in Hausen einen Vortrag über die rationelle Bewirthschaftung des Bauerngutes insbesondere mit Berücksichtigung "der künstlichen Düngemittel.
Alle Mitglieder des landwirthschaftlichen Vereins und Freunde der Landwirthschaft werden zu diesen Versammlungen ergebenst eingeladen.
Die Herren Bürgermeister der obengenannten und benachbarten Orte werden ersucht, auf möglichst zahlreichen Besuch der Versammlungen hinzuwirken.
Gießen, den 28. Januar -1892.
Der Director des landw. Bezirksvereins Gießen. Jost.
Deutsches Reich.
Berlin, 3. Februar. Beim Kaiser fand am Dienstag wiederum ein Herrenabend statt- vermuthlich hat auch bei dieser jüngsten zwanglosen Vereinigung das neue Volks- schulgejetz seine Rolle gespielt.
— Im Rittersaale des Berliner Residenzschlosses werden der Kaiser und die Kaiserin an diesem Samstag eine größere Defilircour als Einleitung zu weiteren Hof- sestlichkeiten abhalten. Dagegen satten die in den Berliner Botschaften geplanten Wintersestlichkeiten aus Rücksicht auf die Hoftrauer in England, Oesterreich und Rußland Meistens aus.
— An der Berliner Börse wird wieder einmal Stimmung für die russischen Werthe zu machen versucht. Lehrer Tage waren Gerüchte über eine angebliche Besserung in den deutsch-russischen Beziehungen im Umlauf, namentlich wurde in dieser Beziehung aus der Nachricht Capital geschlagen, das Czarenpaar habe trotz der am Petersburger Hose bestehenden Trauer an einem Festmahle anläßlich des Geburtstages des deutschen Kaisers theilgenommen. Letztere Meldung ist indessen darauf einzuschränken, daß der Czar am Geburtstage Kaiser Wilhelms den deutschen Botschafter zu einem Frühstück einlud, welcher Begebenheit jeder politische Character fehlt. Außerdem wurde an der Berliner Börse abermals das Gerücht verbreitet, das russische Getreideverbot sei ausgehoben worden, wovon natürlich keine Rede ist. Es handelt sich hierbei eben nur um Börsenmanöver, wozu auch die weitere Nachricht gerechnet werden muß, wonach der Czar beabsichtigen sollte, dem Kaiser Wilhelm im Mai oder Juni einen Besuch abzustatten.
— In Leipzig hat am heutigen Tage die feierliche Eröffnung der internationalen Ausstellung für das Rothe Kreuz im Beisein einer glänzenden Fest- verjammlung, an ihrer Spitze König Albert, stattgefunden. Die Ausstellung, welche bis zum 12. Februar währen wird, umschließt die bedeutungsvollen Gebiete des Armeebedarfs, der Hygiene, der Volksernährung und der Kochkunst und verdient jedenfalls das Interesse und die Beachtung weiter Kreise. Das Unternehmen bezweckt die Verbesserung der bestehenden und die Herbeisührung zweckdienlicher Einrichtungen aus jenen genannten Gebieten und darf man wohl hoffen, daß sie so manches wichtige Ergebniß zu Tage fördern wird.
— Nach den Passagieren des an der englischen Küste gestrandeten norddeutschen Lloyddampfers „Eider" sind am Dienstag auch die Offiziere und Mannschaften des verunglückten Dampfers, etwa 150 Köpfe stark, unter unsäglichen Schwierigkeiten sämmtlich gerettet worden. Das Schiff selbst gilt als verloren.
Oentfd^er Reichstag.
162. Plenarsitzung. Mittwoch den 3. Februar, 2 Uhr.
Die Declaration betr. tbellwetse Verlängeruna des am 12. Juli 1883 zwischen Deutschland und Spanien abgeschlossenen Handelsvertrags wird in erster und zweiter Lesung debattelos angenommen.
Erste Berathung des von Graf Doenhoff-Frtedrtchftein und Genossen (conf.) etngebrachten Entwurfs eines Heimstätten- gesetzes.
Graf Doenhoff begründet den Entwurf mit der Nothwendig- keit, die Landbevölkerung seßhafter zu machen. Nach dem 24. Lebensjahre habe jeder Deutsche daS Recht zur Errichtung einer Heimstätte. Die Heimstätte sei unthellbar und nur mit Genehmigung des Besitzers veräußerlich.
v. Bar (bfr.) findet den einigen Nutzen des Gesetzes in der Sicherung der Frau und befürchtet eine Fideicommtßwirthschaft.
Menzer (conf.): Der Entwurf sei gewissermaßen eine Krönung des socialpolitischen Gebäudes. Er sehe darin ein Prophylaxe gegen die Socialdemokratte.
Ltedermann v. Sonnenberg (Antis.): Der Entwurf sei eine Codtficatton des deutschen RechtSgefühls. Der Freisinn sei gegen das Gesetz, da dadurch das Agilattonsfeld der Socialdemokratie beschränkt werde.
Jordan (bfr.): Der Zweck des Gesetzes werde nicht erreicht werden, die Noth der Landarbeiter sei nur die Noth der Großgrundbesitzer.
Schippel (Soc.): Das deutsche Recht sei nur die Stütze der Feudalrechte.
Der Entwurf wird an eine Commission verwiesen.
Nächste Sitzung Donnerstag. Handelsconvention mit Spanien. Etatberathung.
Netteste Nachrichten.
Wilst? teltgrayhischeS Torrefpondenz-Burean.
Berlin, 3. Februar. Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die vom Bundesrath genehmigten Bestimmungen, betreffend Ursprungs-Zeugnisse für die aus meistbegünstigten Ländern eingehenden Maaren, sowie die Ausführungs-Bestimmungen zum Gesetz, betreffend die Anwendung vertragsmäßiger Zollsätze auf Getreide, Holz und Wein.
München, 3. Februar. Gegenüber den Meldungen einiger Blätter theilt die „Allgemeine Zeitung" von unterrichteter Seite mit, eine acute Verschlimmerung im Befinden des Königs Otto sei nicht eingetreten, trotz selbstverständlicher Schwankungen des Befindens und obgleich der Krank- heitsprozeß an sich ein zwar langsames und kaum bemerkbares, jedoch fortschreitendes Zerstören des Gesammtorgauis- mus ist.
Washington, 3. Februar. Präsident Harrison hat eine Proclamatton erlassen, in welcher die mit Deutschland vereinbarte Gegenseitigkeitsconvention mit- getheilt wird, nebst einem Schriftstück, das die Bedingungen enthält, unter welchen amerikanische Producte und Fabrikate künftig in Deutschland zugelassen werden.
Depeschen des „Bureau Herold".
Berlin, 3. Februar. Die Budgetcommission des Reichstags setzte die Berathung des Militär-Etats fort. Verschiedene Bauraten wurden bewilligt. Die erste Rate für den Bau einer Dienstwohnung für den Commandeur des Gardecorps und des Gouverneurs von Berlin wurde einstimmig abgelehnt.
Berlin,3. Februar. Die Reichstags-Commission setzte die Berathung über die Novelle des Reichswahlgesetzes Barths und Rickerts fort. § 10 wurde angenommen, wonach die Stimmzettel in einem amtlich gestempelten undurchsichtigen Umschlag zu überreichen sind, dessen Form, Größe und Gewicht gleichmäßig festgestellt wird.
Berlin, 3. Februar. Abgeordnetenhaus. Verschiedene Rechnungssachen werden erledigt. Es folgt die erste Lesung des Gesetzentwurfs betr. Führung der Aufsicht bei dem Amtsgericht I und Landgericht I Berlin und die Handhabung der Disciplinargewalt bei ersterem Gerichte. Um den Landgerichtspräses zu entlasten, soll ein neuer Amtsgerichts-' Präses ernannt werden. Alle Redner sind einig über die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen Zustände an den Berliner Gerichten und schlagen theils eine Ueberweisung an die Justiz- commission, theils an eine besondere Commission vor. Die Gesetzvorlage wurde einer Commission überwiesen. In der zweiten Lesung wurde der Etat mit dem Specialetat „Finanzministerium" genehmigt, ebenso der Etat der inbirecten Steuern. Morgen Etatberathung.
Berlin, 3. Februar. Nach der „Post" verlautet, Dr. Koch habe das Tuberkulin wesentlich verbeffert. Es ständen demnächst Publicationen bevor.
Paris, 3. Februar. Zwei deutsche Soldaten der Fremdenlegion wurden wegen Fahnenflucht und Straßenraub gestern in Geryville hingerichtet.
Dorpat, 3. Februar. Die Russificirungsbestreb- ungen unter den Esten und Letten stoßen neuerdings auf starken Widerstand.
Rom, 3. Februar. In einer Villa am Janiculus entdeckte die Polizei 25 Bilder der Galllerie Sciarra.
Rom, 4. Februar. In Mailand wurde eine Falschmünzerbande entdeckt, welche über ganz Italien verzweigt ist, 30000 Lire wurden beschlagnahmt.
London, 4. Februar. Sir Morell Mackenzie ist gestern Abend 10 Uhr in seiner Harleystreet gelegenen Wohnung gestorben.
Gute Schwarzwurzelcultur.
Nach Herrn Obergärtner Albert Roeschke, Criewen bei Schwebt a. O. im Plact. Rathgeber.
Die Schwarzwurzel gehört zu den feinsten Gemüsen. Wenn sie verhältnißmäßig so wenig angebaut wird, so ist ihre Güte, ihre Verwendbarkeit nicht Schuld — nur der Widerwillen des Publikums — etwas Neues und Ungewohntes sich zu eigen zu machen.
Die Schwarzwurzel läßt sich sehr leicht bauen. Sie gedeiht fast in jedem Boden. Frischen, besonders langen Dünger liebt sie aber nicht, bei solcher Düngung werden die Wurzeln faserig und bringen schon im ersten Sommer Samey. Es empfiehlt sich, für Schwarzwurzeln zwei Spaten tief zu graben oder zu rigolen. Will man größere Massen bauen, so ist der Boden auf 35 cm zu pflügen. Bei der Schwarz- wurzelcultur ist der Wechselbau von hoher Wichtigkeit. Wer zweimal hintereinander auf demselben Felde Schwarzwurzeln baut, bekommt fast gar keinen Ertrag beim zweiten Male. Um recht schöne lange Wurzeln zu erzielen, muß man bei der oben erwähnten tieferen Lockerung des Bodens eine zweijährige Cultur haben. Man kann den Samen auch im August aussäen, um die zweijährige Cultur abzukürzen. Ich kann dieses Verfahren nicht empfehlen, da ich gefunden habe, daß ich eben solch starke Wurzeln bei einjähriger Cultur gewinne. Nach wie vor säe ich deshalb den Schwarzwurzelsamen im Frühjahre so zeitig wie möglich aus, der Same mufe 4 cm tief in den Boden kommen. Das Säen geschieht in folgender Weise: Auf einem Beet von 1,20 m Breite zieht man 4 Rillen ganz zugemacht. Dieses Verfahren ist bei trockenem Boden auch für jeden anderen Samen zu empfehlen.
Sind die Pflanzen 3 bis 5 cm hoch, so werden dieselben gehackt und gleich so verzogen, daß eine Pflanze von der anderen 5 bis 6 cm entfernt zu stehen kommt. Ueberhaupt ist Sorge zu tragen, daß die Pflanzen rein von Unkraut bleiben, später lassen dieselben von selbst nichts aufkommen. Im Herbst braucht man nur soviel Wurzeln herauszunehmen, als man zu verbrauchen gedenkt, die übrigen können stehen bleiben. Sie leiden von Frost nicht, auch büßen sie an Geschmack nichts ein. Aufbewahren kann man Schwarzwurzeln entweder in einer 60 cm breiten und 45 cm tiefen Grube, die etwas mit Erde und dann mit 30 cm hoher Laubschicht bedeckt wird oder in einem Keller in Sand. Will man beides nicht, so muß man aus die Beete entsprechend Laub bringen, um auch bei strengem Frost herausholen zu können.
Das Herausnehmen der Wurzeln muß sehr vorsichtig geschehen, besonders starke Wurzeln brechen leicht entzwei ober man beschädigt dieselben. Bemerken will ich noch, daß man bei gut und tief gelockertem Boden in einem Jahre recht an- ehnliche Wurzeln erzielen kann.____________________
Locales rind provinzielles.
Gießen, 4. Februar 1892.
— Der Verband Deutscher Haudlungsgehülsen zu Leipzig Ijat in diesen Tagen das 40 000. Mitglied ausgenommen. Nach zehnjährigem Bestehen verdankt der Verband diesen wohl beispiellosen Erfolg unter den auf Selbsthülfe gegründeten Vereinen hauptsächlich seinen bewährten gemeinnützigen Einrichtungen und Bestrebungen. Die geschäftliche Thätigkeit wird in der Centralstelle Leipzig und durch Filialen in Berlin, Breslau, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Königsberg i. Pr. und Nürnberg, sowie durch Kreisvereine in bald 300 Orten ausgeführt und umfaßt Stellenvermittelung, Rechtsschutz, Unterstützung, sanken- und Begräbnißkasse (die größte und leistungsfähigste freie Hülfskasse' für Kaufleute), Wittwen- und Waisenkasse, sowie Altersversorgungs- und JnvaliditätSkasse. In allen genannten Abtheilungen herrscht ein rühriges Treiben zur Befriedigung der BetheiUgten. Hierzu kommen die Bestrebungen zur Hebung deS KausmannS- standes, wozu die letzten Jahre vielfach Gelegenheit geboten


