Ausgabe 
4.10.1892
 
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Nr. 231

Dienstag den 4. Oktober

1832

Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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Gießener Anzeiger

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Deutsches Leich.

Berlin, 1. October. Der Kaiser hat seinen Jagd- ausenthalt in Ostpreußen beendet und sich von Rominten aus direct nach Jagdschloß Hubertusstock in der Schorshaide be­geben. Im Lause des Dienstag gedenkt der Kaiser im Marmorpalais bei Potsdam zu kurzem Aufenthalte wieder einzutreffen. Das Befinden des hohen Herrn ist andauernd ein ganz vorzügliches.

Die bevorstehende goldene Hochzeit des Groß- herzoglichen Paares von Weimar wird eine überaus glänzende Versammlung von Fürstlichkeiten am weimaranischen Hose zur Folge haben. Abgesehen von den Mitgliedern der Großherzoglichen Familie und den nächsten Anverwandten derselben werden über zwanzig fremde Fürstlichkeiten dem erlauchten Jubelpaare ihre Glückwünsche persönlich überbringen, so Kaiser Wilhelm, die beiden Königinnen der Niederlande, König Albert und Prinz Georg von Sachsen, der Großherzog und die Großherzogin von Baden, der Herzog von Altenburg, Großfürst und Großsürstin Wladimir von Rußland, Erzherzog Rainer von Oesterreich, als Vertreter des Kaisers Franz Joses, der Fürst von Reuß j. L. usw. Außerdem sind zahl­reiche Diplomaten, Militärdeputationen usw. angemeldet, so daß das freundlicheIlm-Athen" in den nächsten Tagen wohl ein ganz ungewohntes glanzvolles und bewegtes Bild bieten wird.

Das von der Stadt Baden-Baden der hochseligen Kaiserin Augusta gewidmete Denkmal ist am 30. Sep- tember, dem Geburtstage der unvergeßlichen Monarchin, seier- lichst eingeweiht worden. Der Großherzog und die Groß­herzogin von Baden hatten mit ihrer Vertretung bei der Feier den Oberhofmeister der Großherzogin, Freiherrn von Edelstein, betraut. Im Namen des Staatsministeriums wohnte Mi- nisterpräsident Dr. Turban der erhebenden Feier bei. Als Vertreter des Großherzoglich weimaranischen Hauses sprach Prinz Hermann von Sachsen-Weimar unter Niederlegung eines Kranzes am Denkmal. Oberbürgermeister Gönner von Baden- Baden hielt die Festrede.

Dem Kaiserlichen Gesundheitsamt vom 30. September bis 1. October, Mittags, gemeldete Cholera- Erkrankungs- und Todesfälle:

Regierungsbezirk Stettin: in den Städten Fiddichow, Kreis Greifenhagen, und Pölitz, Kreis Randow, je 1 Er- krankung.

Hamburg

O r t

Erkrankungen:

27./9.

28 /9.

Datum

33

29/9.

24

30/9.

47

14

Hamburg

Preußen

Schleswig

Siet in

Staat und Bezirk

70 25

58 42

Altona Stettin

Vereinzelte

Feuilleton.

Häßlich

" Sctzze von Wilhelm Fischer.

(Nachdruck verboten.)

Die Frau vom Hause war aus dem Zimmer getreten- sie hatte Gesellschaft, sie wollte nur nach dem Rechten sehen, das benutzten ihre Freundinnen. »

Meinen Sie nicht auch, Frau Oberstabsarzt, die junge Frau ist doch zu häßlich und er em so schöner Mann."

Häßlich ist sie, das läßt sich nicht leugnen."

Wie ein so schöner Mann eine so häßliche Frau lieben kann, ist mir unbegreiflich."

Lieben!" lachte Frau v. Beer,lieben, das ist ein ander Ding."

da ^ch"s "Ö/ toQr ^ich, alles ist möglich, man vergoldet

Helene hatte alles hinter der Thüre vernommen- jetzt tr^ie _Jn das Gemach ein, etwas blaß zwar, aber äußerlich äwang sich dazu, dieFreundinnen" auss Ange« Aehmste zu unterhalten. Sie schien unbefangen und der kleine Kreis war in der besten Laune- erst spät am Nachmittag rrenme man sich unter überschwänglichen Worten des Dankes ttno gegenseitiger Complimente.

Regierungsbezirk Lüneburg: in einem Orte des Kreises Harburg (Land) 1 Todesfall.

Berlin: 1 Erkrankung am 28. September, von Ham- bürg eingeschleppt.

Großherzogthum Mecklenburg-Schwerin: in der Stadt Rostock 1 Erkrankung.

Würzburg, 1. October. In Untersranken erhielt bisher die Petition gegen die Verschlechterung des Militär- gerlchtsve rsahr ens 21464 Stimmen.

A«»land.

Wien, 1. October. Gelegentlich der Anwesenheit des deutschen Kaisers wurde die Veranstaltung eines großen Festes im Schönbrunner Galleriesaal anbefohlen.

Wien, 1. October. Die Kriegsverwaltung ver­langt zur Anschaffung von Mannlicher - Gewehren 2, für rauchloses Pulver 2*/2 und für Verstärkung der galizischen Festungen 1 Million Gulden.

Wien, 1. October. Professor Billroth wurde anläßlich seines vierzigjährigen Doctorjubiläums mit dem Ehrenkreuz der Kunst und Wissenschaft decorirt.

Paris, 1. October. Gestern sind in Paris 29 Cholera- Erkrankungen und 12 Todesfälle, innerhalb der Bann­meile 6 Erkrankungen und 2 Todesfälle vorgekommen.

Neueste Nachvtchteu.

Wolffs telegraphisches Correspondenz-Bureau.

Hamburg, 2. October. Amtlich wurden 43 Cholera- Erkrankungen und 21 -Todesfälle gemeldet- davon entfallen aus gestern 12 Erkrankungen und 14 Todesfälle. Die Transporte betrugen gestern 32 Kranke und 5 Leichen.

Depeschen des BureouHerold".

Brüssel, 3. October. Die Feier anläßlich des Todes­tages Boulangers ist fast unbemerkt verlausen. Zehn Franzosen und einige Belgier brachten zahlreiche Kränze. Rochefort hielt die Gedenkrede.

Hamburg, 3. October. Der englische DampferBusybee" rannte gestern Nachts den spanischen DampferDaviz" an­der Capitän, der Steuermann desDaviz" und ein Lootse wurden getötet. DerDaviz" sank mit werthvoller Ladung, derBusybee" ging mit stark beschädigtem Bug in Reparatur.

totales tinö provinzielles.

Gießen, 3. October 1892.

Tagesordnung für die Sitzung der Stadverordneteu Donnerstag den 6. October 1892, Nachmittags ! 4 Uhr: 1. Rechnungsabschluß des städtischen Gas- und Wasserwerks für 1891/92. 2. Coakspreise für die städtischen Anstalten. 3. Versehung der Schanzenstraße mit Gas und Wasser. 4. Wasserleitung in der Sonnenstraße. 5. Ver­schiedene Herstellunge» an den Pumpbrunnen. 6. Gesuch des Gärtners Karl Becker um Erlaubniß zur Erbauung eines weiteren Gewächshauses. 7. Gesuch des Wilhelm Gail um

Als sie endlich allein war, brach Helene schluchzend in einem Sessel zusammen und überließ sich ganz ihrem Schmerz.

Sie häßlich! Häßlich!

Sie wußte es wohl, daß sie keine Schönheit sei, daß ihre kleine, unansehnliche Gestalt neben der imponirenden des Gatten saft verschwand - aber sie glaubte sich geliebt und das liefe in ihr die Empfindung, dafe sie nicht strahlend schön und so begehrenswerth sei, als in Romanen zu lesen ist, zurück- treten- sie vertraute der Liebe ihres Gatten, und das war ihr Glück. Und das lag jetzt zerschmettert am Boden, denn sic war ja häßlich, ihre besten Freundinnen hatten es gesagt, und in Romanen hatte sie gelesen, daß ein schöner Mann eine häßliche Frau nicht lieben könne.

Mit einem Schrei tiefsten Schmerzes sprang sie auf und eilte an den Spiegel, aus dem sie sich sonst so wenig gemacht hatte, denn sie begriff es nicht, warum so viele Frauen nicht von ihrem Spiegel sich zu trennen vermögen. Jetzt wußte sie es, als sie ihr Bild in ihm erblickte- dies reizlose, unan­sehnliche Wesen vermochte sie selbst nicht einmal zu reizen.

Und er? ! . . .

Sie schrie aus- sollte Frau Dr. Werner recht haben? Hatte er sie nur des Geldes wegen geheiratet?

Entsetzlich!

Mit einem Ausdruck des Hasses betrachtete sie ihr Spiegel» bild, dann besah sie sich von der Seite . . . Gott, wie häfe-

| Erlaubnife zur Erbauung eines Wohnhauses bei der Damps- ziegelei. 8. Entwässerung der Schlofegaffe und des Kirchen- platzes. 9. Anschaffung eines Rettungsschlauches. 10. Aus­führung der Waldculturarbeiten pro 1893/94 im Taglohn. 11. Decretur von Kostenrechnungen. 12. Die sachlichen Kosten der Polizeiverwaltung. 13. Uneinbringliche Posten und Nach­lässe aus dem Rechnungsjahre 1891/92. 14. Gebrauch des

Wieseckwassers- hier: Erlaß einer Localpolizeiverordnung. 15. Die Verwendung von Kindern zum Verkaufe und Umher­tragen von Backwaaren, Blumen und Kurzwaaren. 16. Er­richtung und Einrichtung von Fortbildungsschulen. 17. Deutscher Verein für Knabenhandarbeit, hier: die Errichtung eines Handfertigkeitscurses. 18. Einsprache des Grofeh. Staats­anwalts Jöckel und Genossen gegen die Anforderung von Trottoirbeiträgen in der Bleichstraße. 19. Gesuch des katho­lischen Kirchenvorstandes Gießen um käufliche Überlassung des städttschen Weges zwischen der katholischen Kirche und dem katholischen Pfarrhause. 20. Errichtung eines Pissoirs in der Bahnhofstraße zwischen dem Walther'schen und Noll'schen Hause. 21. Reinigung der Straßen- hier: Anschaffung eines weiteren Gartensprengwagens. 22. Erhebung von Anerkennungs­gebühren für gedeckte Uebersahrten 23. Gesuch des Jost Gonter um Winhschastsconcession für die Seltershöhe.

K. Theatereröffnung. Bei vollkommenem Verzicht aus höhere litterarische Bedeutung, hat es der Verfasser des gestern zur Eröffnung der Saison gespielten SchwanksDer Mann im Monde" doch verstanden, durch eine Reihe lustiger Einzelheiten, komische Situationen rc. sein Stück bühnenwirk­sam zu gestalten. Wenn auch Vieles die beabsichtigte Wirkung verfehlt, so das stereotype Schwankelement des Wiederholens einzelner Wendungen (et is wonnevoll" u. a. m.), dies oft gar zu unwahrscheinliche Zusammentreffen der heterogensten Persönlichkeiten, so läßt sich doch nicht leugnen, daß bei flottem Zusammenspiel und guter Vertretung der Einzelrollen die Hörer in eine heiter-behagliche Stimmung versetzt werden. Diese Bedingungen waren bei der gestrigen Aufführung im Großen und Ganzen erfüllt, mit Ausnahme geringer Versehen klappte alles und die bedeutenderen Rollen waren entsprechend, zum Theil sogar sehr gut besetzt. Vor allen sei hier Herr Reiners selbst genannt, der den ewig zerstreuten ängstlich- gutmüthigen Kanzleirath Kieke treu trefflichst characterisirte. Besonders die Scene des zweiten Actes, wo ihm der Tokayer gar zu gut mundet, gab ihm Gelegenheit, seine Fähig­keiten auss Schönste zu entfalten. Auch die äußere Erschein- nung war höchst gelungen. In ihrer kleinen Rolle verstand es Frau Reiners stets den richtigen Ton zu treffen und rechte sich würdig an Frl. Louise Coppe an, welche als Dera Ltebetreu sich gesanglich und schauspielerisch aufs Vor- thetlhafteste präsentirte. Ihr ebenbürtig zur Seite stand Jette, das flotte Berliner Stubenmädchen, köstlich gespielt von Frl. Grigo. Von den übrigen Darstellerinnen seien noch Frl. Södenberg (Frau Buchwald"), Frl. Ganzen­müller (Clotilde Wera") und die anmuthige Vertreterin der Marie Liebetreu, Frl. Kroll, rühmend erwähnt. Von d.'.n Darstellern der männlichen Partien sind, außer dem be­reits genannten Herrn Reiners, an erster Stelle die Herren Stückel, der Träger der Titelrolle, Herr Mar tiensen alsKaulisch" und Herr Born (Dr. Pirner"v

lid)! Sie wars sich in die Brust und gab sich einen in/ ponimiben Ausdruck . . . Wie unansehnlich, wie lächerlich Sie gab sich eine sentimentale, traumverlorene Pose. . . Wie fratzenhaft und comödiantengleich! . . . Sie lächelte. Wie kindisch und unbedeutend sie doch aussah, die Frau Ober­stabsarzt hatte recht- sie war häßlich, grundhäßlich sogar.

Keine Haltung, keinen Chic, nicht einmal das, was man beaute du diable nennt- nur unbedeutend, herzlich un­bedeutend.

Sie schlug die Hände vor das Gesicht und ein con- vulsivisches Schluchzen erschütterte den schlanken Körper der jungen Frau.

Er liebt dich nicht, er hat dich nur deines Geldes willen geheiratet! rief es in ihrem Innern und die Dämonen des Mißtrauens beherrschten von diesem Augenblicke an die junge Frau. 3

Seine sich gleichbleibende Freundlichkeit war ihr von jetzt ab Gleichgiltigkeit, seine Herzlichkeiten, seine Liebkosungen schieiien ihr erkünstelt, seine Küsse falt, und trotzig sträubte sie sich jetzt, wenn er sie kosend aus seinen Schooß zog.

Sie war kalt, abweisend und trotzdem unterwürfig, benn sie liebte ihn und wäre gestorben, wenn er weniger freundlich zu ihr gewesen wäre, oder wenn er eS unterlassen hätte, ihr, wenn er kam oder ging, einen Kufe zu rauben. Unb doch quälte sie jeder seiner Küsse- wenn er weg war,