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'»r. 298. Zweites Blatt. Sonntag den 4. September
1892
Der frtejwr Anzeiger erscheint täglich, •rit Ausnahme de- Montags.
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Kenerat-Mnzeiger.
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Zlints- rind Attzeigedlutt für den Kreis Gieren.
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Amtlicher Theil.
Bekanntmachung,
betreffend das Beschneiden der Hecken.
Das Polizeireglement vom 24. Februar 1882, wonach )ie Garten- und Feldbesitzer die ihren Grundbesitz an öffent- ichen Fahr- oder Fußwegen einfriedigenden Hecken n jedem Frühjahr bis zum 1. März auf 1,25 Meter Höhe lnd 0,50 Meter Breite zurückzuschneiden und im Laufe )es Monats September die neuen Sprößlinge wiederholt zu beschneiden oder zurückzubinden haben, wird mit dem 'tnfügen zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß Zuwiderhandungen auf Grund des Art. 31 des Feldstrafgesetzes mit Geld- trafe von 1 —10 Mark bestraft werden.
Gießen, den 31. August 1892.
Großherzogliche Bürgermeisterei Gießen.
I. B.:
Grüneberg, Beigeordneter. - -
politische Wochenschau.
Gießen, 3. September 1892.
lieber die Gestalt der neuen Militärvorlage sind u der verflossenen Woche einige bestimmtere Nachrichten in ie Oeffentlichkeit gedrungen. Nach zuverlässiger Miltheilung eläusr sich der Betrag der Mehrkosten, welche in der neuen Erläge vorgesehen sind, auf rund 80 Millionen jährlich, . h. man beabsichtigt den gegenwärtigen Betrag der fortrufenden Ausgaben der Militärverwaltung in der Höhe von 27 Millionen jährlich um nahezu ein Fünftel zu steigern, ss besieht hiernach die Absicht, eine außerordentliche Erhöhung er Friedenspräsenzstärke durch die neue Militärvorlage erbeizuführen. Denn als im Jahre 1887 durch das bekannte beprennatsgesetz die Friedenspräsenzstärke um 41000 Mann ermehrt wurde, betrugen die Mehrkosten nur 20 Millionen Hart und entsprechend 1890 bei einer Verstärkung der >riedenspräsenz um 18 000 Mann nur 12 Millionen Mark.
ist also nicht unwahrscheinlich, daß diesmal eine Erhöhung er Präsenzstärke um weit mehr als 100000 Mann gefordert nrb. Aus der anderen Seite ist nach allen neueren Mit- Teilungen gut informiner Blätter die Einführung der gesetz- chen zweijährigen Dienstzeit endgültig von den entscheidenden -actoren abgelehnt. Dagegen soll die schon seither auf Grund es Dispositonsurlaubersystems einem Bruchtheil der Armee
gewährte thatsächliche Verkürzung der Dienstzeit auf mehr Militärpersonen erstreckt werden. Indessen will sich die Regierung auch nur für die Dauer einer Etatsperiode dazu verpflichten, eine größere Anzahl von Dispositionsurlaubern zu entlassen. Im Uebrigen will sie sich freie Hand behalten, um die Entlassung von Dispositiansurlaubern aus das gegenwärtige Maß eigenmächtig beschränken zu können. Uebrigens bemerken selbst die den Regierungskreisen nahestehenden Blätter, daß die Einbringung und Berathung der Militärvorlage nichts weniger als dringlich sei — in Frankreich haben sich seit der letzten Erhöhung der deutschen Friedenspräsenzstärke im Jahre 1890 in Folge der fortdauernden Abnahme der Geburten die Wehrverhältnisse in bemerkens- werther Weise verschlechtert —. Allerdings scheuten die Meinungen der leitenden Kreise getheilt. Es heißt, daß Finanzminister Miquel für eine Verschiebung der Vorlage auf die Session 1893/94 eifrig eintrete, weil er zunächst ungestört durch andere gesetzgeberische Arbeiten die Reform der preußischen Steuergesetzgebung vollenden wolle, während der Reichskanzler v. Cavrivi auf eine Beschleunigung der Militärvorlage dränge.
Der internationale Friedenscongreß, zu dem 3ebei mann der Zutritt offen stand, ist geschlossen worden, nachdem die Polen die Rumänen in der unschönen Rolle des Störenfriedes abgelöst hatten. — Kurz nach dem internationalen Gongreffe ist der interparlamentarische Congreß, ' zu dem nur Mitglieder von Volksvertretungen zugelassen werden, ebenfalls in Bern zusammengetreten. Dieser interparlamentarische Friedenscongreß, der jetzt bereits zum vierten Male tagt, hat, auf seine größere Erfahrung gestützt, schon recht bemerkenswerthe Debatten geführt und werthvolle Anträge betreffs der Einsetzung internationaler Schiedsgerichte und des Schutzes von Eigenthum im Krieg angenommen, J Auch wurde ein ständiges Bureau mit dem Sitze in Bern j errichtet.
totales und proviniiclles,
§ Crainfeld, 1- September. Bei der hier stattgefundenen Gemeinderathswahl wurden gewählt: Heinrich OechlerVII., Gastwirth, mit 46 Stimmen, Johannes Müller III. mit 45 Stimmen, Sebastian Fritz II. mit 45 Stimmen und Conrad Ruhl mit 40 Stimmen.
A Mainz, 1.September. Katholikenversammlung. Die heute Vormittag stattgehabte Schlußversammlung, der die Wittwe Wind Horsts nebst einer Reihe Damen des katholischen Adels aus Westphalen von Anfang bis zu Ende anwohnte, war nicht so zahlreich besucht wie die zwei vorher
gegangenen öffentlichen Versammlungen, aber immerhin dürften über 2000 Personen anwesend gewesen sein. Den Vorsitz führte wiederum Dr. Porsch, der zunächst mittheilte, daß dem Katholikenverein ein Betrag von 5000 Mk. von drei Personen zu mildthätigen katholischen Zwecken zugekommen, welche im Sinne der Geber Verwendung finden sollen. Erster Redner war der Schweizer Nationalrath Dr. Docurtins aus dem Canton Graubünden, der mit großem Eiser den verstorbenen Bischof v. Ketteler als Socialreformer feierte und dessen Lehren warm zur Nachahmung empfahl. Weiter sprach Pater Odilo Wolf aus St. Emaus in Prag, dessen Thema sich mit der christlichen Kunst befaßte. Mit besonderem Nachdruck wendete sich der Redner gegen die unsittlichen bildlichen Erzeugnisse und theatralischen Schaustellungen. Als officieller Schlußredner erschien sodann Graf v. Ball e ft rem auf der Tribüne, der wiederum mit stürmischem Beifall begrüßt wurde. Zuvörderst gedachte er Windthorst's, dessen Erbschaft er mit der ständigen Wiederholung des Protestes gegen die Vergewaltigung des Papstes und den immerwährenden Antrag auf Aushebung des Jesuitengesetzes angetreten habe. Die Wiederherstellung der territorialen Unabhängigkeit des Papstes bezeichnete Gras Ballestrem bei den heutigen Verhältnissen als eine unabweisbare Noth- wendigkeit, die allein schon durch die erhabene göttliche Stellung begründet sei. Weiter berührte Gras Ballestrem den Schulgesetzantrag im preußischen Abgeordnetenhaus, dessen Zurückziehung nicht ein „Echec" für das Chriftenthum, wohl aber für das Königsthum gewesen sei. Das Zentrum und die mit demselben vereinigten Conservativen hätten mit der Zurückziehung des Gesetzentwurfes eine Niederlage erlitten, aber während die Conservativen gewankt, gezittert, habe die Centrums- fraction eingeschwenkt, Front gemacht und den Rücken gedeckt. Schließlich kam Gras v. Ballestrem noch auf die vielfach gemachte Behauptung, daß das Centrum unter sich uneinig und vielfache Schattirungen berge, zu reden, wobei er betonte, daß die Centrumsfraction einiger als alle übrigen Parteien fei, zumal bei den principiell wichtigen Fragen. Nach Graf v. Ballestrem warf der Vorsitzende Dr. Porsch noch einen Rückblick aus die Versammlungen und die in denselben gefaßten Beschlüsse, worauf Bischof Dr. Haffner nach einer kurzen Ansprache der Versammlung den Segen ertheilte. — Als angenehme Abwechslung zwischen den ernsten und für die Berichterstatter recht anstrengenden und ermüdenden Verhandlungen hat das Localcomiie auch für einige gesellige Vergnügungen gesorgt, worunter ein großes Nachtfest in der „Anlage" und eine Rheinsahrt allgemeinen Anklang sanden.
Feuilleton.
Die Gardinenpredigt und ihr Erfolg.
Die meisten Frauen halten die Gardinenpredigt für un- lä&licf) in der Ehe und sind fest überzeugt, daß dieselbe die Männer ihr Unrecht einsehen lassen und unbedingt besser achen muß. Ob dieselben aber so schnell bereit sind, den 'amen einer wohlgemeinten Moralpredigt in sich aufzunehmen, ag folgende kleine Erzählung veranschaulichen.
In dem Gasthaus „Zur Krone", dem ersten Hotel in r kleinen Stadt S., saßen eines Abends sechs Stammgäste müthlich bei ihrem Glast Bier. Es waren: Doctor Stein, potheker Schwarz, Kreissecretär Holz, Lederhändler Feller, entner Krause und Kreisthierarzt Maier. Außer dem potheker waren die Herren alle verheiratet und mehr oder eniger mit kleinen und großen Engeln gesegnete Familien- uer.
„Wie ist Ihnen der gestrige Abend bekommen, Herr wctor." fragte Apotheker Schwarz seinen Nachbar lur echten. 0
"Danke schön, ganz gut," erwiderte der Angeredete, ohne geglichen Katzenjammer, trotzdem ich doch tüchtig zur hre Ihres Geburtstages gezecht hatte. Meine Frau hatte .. ^er ^in außergewöhnlich langes Ausbleiben nicht wenig ängstigt, empfing mich aber mit großer Freude, als ich heil w guter Dinge ihr über die Schwelle gestolpert kam, was tzteres bei mir sehr selten der Fall ist."
„Also feine langweilige Gardinenpredigt hatten Sie aushalten: Sie Glücklicher?" mischte sich nun der Kreisthier- 3t in ^ Gespräch. „Mir ist es so glimpflich nicht ergangen, eine Anna, die sonst eine herzensgute Frau ist, hat nur n einen Fehler, daß sie ihren Aerger oder irgendwelche ^gestandene Herzensangst durch einen langen und nichts 'Niger als zärtlichen Redestrom zu vergeffen und gleichzeitig
ihrem zuweilen zu tief in das Glas guckenden Ehemann ins Gewissen zu reden sucht. Als guter Gatte störe ich sie denn auch mit keinem Worte in ihrem Herzenserguß, und mit pflichtschuldiger Armesündermiene suche ich schweigend mein Lager aus. Im Anfänge unserer Ehe verdroß mich ein solcher Empfang außerordentlich, der gleichsam wie ein kaltes Sturzbad meine hohe, freudige Stimmung nach einem heiter verlebten Abend schnell unter Null sinken ließ und mein Gemüth nicht mehr verbitterte. Nach und nach gewöhnte ich mich jedoch an diese zu gewissen Zeiten unvermeidlichen Gardinenpredigten und jetzt schlafe ich so gemüthlich darüber ein, als ob Gott Morpheus mich mit einer extra für mich bestimmten Musik liebend mit seinen Armen sanft umschließe. Das Ende der wortreichen Moralpredigt klingt dem schon halb im Schlummerreiche Befindlichen wie das Summen einer sich entfernenden Jnsectenschar."
Das Thema der Gardinenpredigt war nun ein allgemeines Gespräch unter den Stammgästen geworden.
„Wenn ich einmal stark angeheitert nach Hause komme was nicht gerade nur alle — Kaisersgeburtstaae passirt" begann nun der Lederhändler Feller, „so werde ich auch nicht mit Küssen und Zuckerbrödchen empfangen; denn meine Haus- ehre halt streng auf Ordnung und gute Sitte. Zu einer langen Auseinandersetzung kommt es indessen nicht zwischen uns, denn meine nicht gerade lammfromme Natur schneidet icbem beginnenden Redestrom gleich den Lebensfaden durch ewige nicht mißzuverstehende Kraftausdrücke ab. Damit habe id) meiner Hausherrnautorität Genüge gethan und die gehorsame Gattin wird nach einigem halblauten Murmeln mäuschenstill."
„Auch mir werden die Gardinen- resp. Moralpredigten nichts geschenkt, wenn ich einmal den „soliden Ehemann" ab- lege , sagte jetzt Kreissecretär Holz. „Doch niemals am 4benö sagt mir meine Frau ein unfreundliches Wort, wenn tch in weinseliger Laune meine Wohnung betrete. Sie ist
barin klug und _ weiß, daß dies mehr Schaden als Nutzen bringt, und weiß sich zu beherrschen bis zum nächsten Morgen. Bis dahin schwebe ich zwischen Hangen und Bangen wegen der bevorstehenden, sonst gemüthlichen Frühstücksstunde, die dann die aufgeschobene Gardinenpredigt mit sich bringt. Wenn möglich, suche ich zuweilen den wohlverdienten Vorwürfen zuvorzukommen. Plagt mich kein unleidiger Katzenjammer, wie es nach einer langen, schweren Sitzung oft vorkommt unb bin ich guter Laune, bann spiele ich meinem Weibchen gegenüber ben liebenswürbigen, zärtlichen Ehemann wie in ben Flitterwochen unb sie bringt es dann nicht fertig, anbers als ebenfalls zärtlich zu sein, sobaß jebe Moralpredigt ganz vergessen scheint."
„Und wie fällt denn bei Ihnen die Gardinenpredigt aus, Herr Krause?" fragte der Apotheker den kleinen, gemüthlichen Rentner, „sanft oder schneidig?"
„Weder das Eine, noch das Andere", erwiderte der Gefragte, „weil es bei uns nie eine solche gibt. Komme ich Abends nach Hause, ob früh ober spät, leicht ober schwer beloben, stets werbe ich von meiner Frau freundlich empfangen. Noch vor dem Schlafengehen muß ich ihr umsiänblich erzählen, wie es in der Gesellschaft gewesen, wer zugegen war, was wir besprochen unb welche Vorschläge und Pläne gemacht würben, unb ob ich mich überhaupt gut amüfirt habe. Erst bann begeben wir uns zufrieben unb wohlgemuch zur Ruhe."
„Da kann man Ihnen ja gratuliren zu Ihrem Engel von Weibchen," erscholl es von mehreren Seiten dem Rentner entgegen.
Der Apotheker jedoch dachte bei sich: „Diese Frau Krause ist doch die klügste von Allen. Ihre vielleicht wohldurch- dachte Gardinenpredigt ersetzt sie durch ein freundliches Entgegenkommen, wodurch sie von ihrem Manne Alles erfährt, was nöthig ist, denselben nach ihrer Art zu lenken und ui leiten." (Julie Dienhart. HäuSl. Rathgeber.)


