Ausgabe 
2.2.1892
 
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Nr. 27

Dirnstag den 2. Februar

1392

Aints- und rlnzeigeblatt für den Ureis Giefzen.

Hratisbeitage: Hießmer Jamitienötütter

Anrtlichev Theil

Deutseher Reiehrtag.

man

bin

Annahme von Anzeigen zu der Nachmittag» für de» folgenden Tag erscheinenden Nummer bi» Bonn. 10 Uhr.

Alle Annoncen-Bureaux de» I». und Auslande» nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

Vierteljähriger AVonnementsprei»: 2 Mark 20 Psg. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen 2 Mark 50 Pfg.

Redaction, Expedition und Druckerei:

Schntstratze Ar.7.

Fernsprecher 51.

Darmstadt. 30. Januar. Wegen des Ablebens Seiner Kaiserlichen Hoheit des Großfürsten Constantin Niko­lajewitsch von Rußland und Ihrer Königlichen Hoheit

Er biß sich auf die Lippen und seufzte leise.

Das weist ich."

O, Sie selbst haben eine Mutter, die Sie lieben: ich dcsien gewiß."

Sie wurde heule begraben," sagte er kurz.

Und nun komme ich alte Schwätzerin her und stärc

Allerhöchsten Befehl eine Hoftrauer von acht Tagen, welche mit der bereits bestehenden getragen wird, angeordnet worden.

Berlin, 30. Januar. DiePolitischen Nachrichten" sagen im Anschluß an die heutige Debatte im Abgeordnetenhause: Bei eintretendcr Neigung zu einer Verständigung dürfe man sich der Hoffnung hingeben, daß der Wunsch des Kaisers, welcher dahin gehe, daß ein Volksschulgesetz am besten unter Mitwirkung aller Parteien und mit möglichst viel Stimmen zur Annahme gelangen sollte, in Erfüllung gehen wird.

Berlin, 30. Januar. Eine Extraausgabe desReichs­anzeigers" publicirt das Gesetz, betreffend die Anwendung der vertragsmäßigen Zollsätze auf Getreide, Holz und Wein, ferner das Gesetz, betreffend Anwendung der für Ein­fuhr nach Deutschland vertragsmäßig bestehenden Zoll­befreiungen, Zollermäßigungcn gegenüber den nicht meist­begünstigten Staaten, endlich die Bekanntmachung, betreffend die Anwendung der verträgsmäßig bestehenden Zollbefreiungen und Zollermäßigungen auf spanische Boden- und Jndustric- crzeugnisse.

Berlin, 30. Januar. Der nationalliberale Landtags­abgeordnete Professor M i t h o f-Gilttingen ist heute Vormittag hier gestorben.

An-land.

Wien, 30. Januar. Anläßlich des Sterbetages des Kronprinzen Rudolf ließ der deusche Kaiser durch ein Mit­glied der deutschen Botschaft einen Kranz am Sarge nieder­legen mit der Inschrift:Dem treuen Freunde. Kaiser Wilhelm."

Wien, 30. Januar. Die Ministerialverordnung gestattet die Wiederausfuhr galizischen Borstenviehes über die Auslandsgrenze.

Pest, 30. Januar. Von bisherigen 375 Wahlen waren bis Vormittag 366 Resultate bekannt geworden. Ge­wählt sind: 212 Liberale, 73 Unabhängige, 61 Nationale, 13 Unionisten, 3 Parteilose- drei Stichwahlen sind erfor­derlich- ein Wahlact wurde unterbrochen. Die Liberalen verloren 42 und gewannen 27 Bezirke. Heute finden zwölf Wahlen statt.

Brüssel, 30. Januar. Baron Decominck bringt im Senat ein Gesetz, betreffend die Aushebung der Spielsäle in Ostende, Spaa und Namur ein.

Sie sprang entsetzt empor, als habe eine der vergoldeten Schlangen an der Stuhllehne sie in den Nacken gestochen.

Vergeben Sie mir seien Sie nicht böse, daß ich Sie so lange aufgehalten habe- es ist die Schuld der Jungfer Jespersen, die mich so zum besten hielt."

Wer ist Fräulein Jespersen?"

Wir bewohnen zusammen ein Zimmerchen im Spital und sie sagte, daß man ein hübsches Gedicht bekommen könne sür drei Kronen, und wollte man fünf dran wenden, so be­käme man ein extra hübsches von mindestens vier Versen. Aber ich dachte schon gleich, als ich hier hereinkam, daß ich solch einem stattlichen Herrn unmöglich fünf Kronen bieten dürfe."

Ihr Siebes, gerunzeltes Gesicht drückte so viel Traurig­keit und Scham aus, daß Lorenz sich gerührt fühlte.

Ich las in der Zeitung so hübsche Verse von Ihnen, die Sie zu des Königs Geburtstag geschrieben hatten. Deß- halb ging ich her. Ich hätte bedenken sollen, daß ein großer Unterschied ist zwischen dem König und Jörgen Hutmacher."

Sie nahm das Päckchen, das bis jetzt' aus dem Tische gelegen hatte, wieder in ihre magere Hand und schickte sich zum Gehen an.

Für wen ist das Gedicht bestimmt?" fragte er.

Für meinen Sohn. Ein Sohn ist das Liebste, was eine Mutter auf Erden besitzen kann."

Deutsches Reich.

Darmstadt, 30. Januar. Seine Königliche Hoheit der Großherzog und Seine Großherzogliche Hoheit Prinz Heinrich kehrten mit dem bekannten Gefolge heute früh 772 Uhr von Berlin hierher zurück und empfingen im Laufe des Vormittags den Staatsminister Finger, den Finanz- minifter Weber und den Cabinetssecretär Röm Held rum Vortrag. v 9

Gießen, den 1. Februar 1892. Betr.: Das Ersatzgeschäft für 1892.

Der Civil-Vorsitzende der Großherzogl.

Ersatz-Commission Gießen

an die Großh. Bürgermeistereien des Kreises.

Sie wollen nunmehr mit Aufstellung der Stammrollen sofort beginnen und dieselben mit denjenigen für 1890 und 1891 bis längstens den 10. l. Mts. bei Meidunq der Abholung durch Wartboten einsenden.

Hierbei wollen Sie die dem Formulare vorgedruckte Anmerkung genau beachten, insbesondere alle Bestrafungen rc. unter RubrikBemerkungen" eintragen.

Falls ein Bruder eines Militärpflichtigen bei der Muster­ung mit zur Vorstellung kommen, oder bereits im Heere dienen sollte, wollen Sie dies in der Stammrolle bemerken. Z. B. Ein Bruder, geb. am . . ten . . . . 187 ., kommt pro 1892 mit zur Vorstellung, oder ein Bruder dient seit . . ten 189 . im Regiment Nr.......te Compagnie.

Außerdem wollen Sie am Schluffe der Stammrolle aus­drücklich bescheinigen:

1) daß und bezw. wann die Aufforderung zur Anmeldung zur Stammrolle erfolgt ist;

2) daß die in derselben eingetragenen und nicht im Orte geborenen Militärpflichtigen in Ihrer Gemeinde zur Zeit der Anmeldung ihren dauernden Aufenthalt haben;

3) daß die in ihren Gemeinden zuständigen, sich daselbst jedoch nicht aufhaltenden Militärpflichtigen an­gewiesen worden sind, sich bei der Bürgermeisterei ihres Aufenthaltsortes zur Stammrolle anzumelden.

Reclamationen aus früheren Jahren, welche pro 1892 ( erneuert werden sollen, sind alsbald mittelst Bericht ein- i zufordern.

Neue Reclamationen sind mit den Stammrollen vorzulegen. Jost, Regierungsrath.

Es sind Erbstücke," sagte er etwas unwirsch.

//Ja, sie sind alt, das sehe ich."

Lorenz spielte ungeduldig mit seiner Klemmerschnur.

Entschuldigen Sie, Sie sagten, daß Sie mich noth- wendig sprechen müßten. Das ist doch gewiß nicht wegen meiner Stühle- sie sind nicht seil."

Nehmen Sie mir es nicht übel, mein Herr- ich war so verblüfft, als ich hereinkam. Es ist hier so hübsch und Sie selbst sind ein so stattlicher Herr. Ich meinte, ein Dichter sitze immer in einem kleinen Zimmerchen voll Tabaksrauch und mache seine Verse in einem alten Schlafrocke mit einem Glase Bier vor sich.

Er lächelte schwach.

Das war ehemals. Gegenwärtig verdienen die Dichter «Geld genug."

Dcr

Hießerrcr Zrrzeiger erfd^int täglich, mit Ausnahme de» Montags.

Die Gießener

Aamitien vkätter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.

//Ja, wenn sie nur Bestellungen kriegen. So geht es jedem in seinem Beruf."

Und wenn sie machen, was ihnenbestellt" wird."

//Ja, bas gehört dazu. Es gibt viele darunter, die zu faul sind. Ich habe einen gekannt in meiner Jugend. Er schrak) so schöne Sachen für dasGroschen Magazin", das einmal in der Woche erschien. Aber sobald er einen Groschen verdient hatte, trank er wie ein Schwein. Ja, das ist nun nicht gerade richtig ausgedrückt, denn Schweine trinken nicht so viel, sie essen mehr."

Die Klemmerschnur kam wieder in Bewegung.

Es war ihr, als habe sie etwas für ihn Beleidigendes geäußert und sie fügte wie besänftigend hinzu:

O, es werden unter den Dichtern natürlich auch viel gute sein. Das sieht man an Ihnen. Sie sind doch Dichter?"

Ich habe wenigstens viel geschrieben."

Verse?"

Auch die."

Solche Geburtstagsverse, Hochzeitsliedchen und der» gleichen?"

Man wird oft gezwungen, auch solche Dinge zu machen. Es ist also ein Vers, den Sie gemacht haben wollen?"

"Ja/ eigentlich eigentlich mehr ein Gedicht, ein Ge­dicht zu einer silbernen Hochzeit. Aber es darf nicht zu theuer sein. Ich habe nnr wenig Geld. Ach, sagen Sie mir, was kriegen Sie gewöhnlich für solch ein Lied? Ver­geben Sie mir, daß ich so frei bin, Sie das zu fragen."

Gewöhnlich nehme ich fünfzig Kronen, es sei denn, daß ich"

Feuilleton.

Der Lohn des Dichters.

Von Lars Dilling.

Aus dem Norwegischen von Gg. Gärtner. (Fortsetzung.)

Er setzte sich ihr gegenüber.

Sie wohnen hier hübsch."

Es geht an."

Solch prächtige rothe Stühle."

Ja, die sind nicht übel."

Die sind gewiß nicht billig?"

Nicht so sehr billig."

Man muß gewiß viele Gedichte schreiben, ehe solche Möbel kaufen kann."

Gichmer Anzeiger

Aenerat-Mnzeiger.

161. Plenarsitzung. Samstag den 30. Januar, 2 Uhr.

Auf der Tagesordmmq stehl zunächst die zweite Lesung des zwerten Nachtragsetats für 1891/92. B

Beim Mtlitäretat werden 8 764 923 Mk. für Naturalver- vv____________ - p^gung infolge, eingetretener Preissteigerung nachgefordert und

der verwittweten Herzogin Louise in Bayern ist aus bewilligt^ 'ÖC0runbunß durch den Referenten Abg. v. Keudell

I » Bewilligt werden ferner 1369 413 Mk. zur Beschaffung uon Feldbahnmatertal rc. b

I BeimMartneetatwerden 1395000Mk. zur Befestigung von Helgoland als erste Rate verlangt.

Der Referent Abg. Hahn empfiehlt NamenS der Commission Bewilligung.

Abg. Richter: Die Befestigung Helgolands liege im Interesse der Marine, man werde sich nicht wundern dürfen, wenn nunmehr auf ein langsameres Tempo beim Schiffsbau werde gedrungen werden.

Abg. Singer erklärt, daß wenn socialdemokratischerseits in der Commission kein Widerspruch gegen die Forderung eingelegt worden set, daraus auf eine Zustimmung noch nicht zu schließen sei.

Aba. Graf Arnim (Rp.) erwidert Richter, daß durch den Besitz Helgolands kein Panzerschiff überflüssig werde.

Staatssecretär v. Hollmann: Helgoland habe einen großen indirekten Werth, aber mache keine Schiffe entbehrlich, denn die Flotte ha^e auch^Aufgaben in fremden Meeren, wohin die Kanonen Helgolands

Abg Bebel (Soc.): Wenn eS nach ihm gegangen wäre, hätte England Helgoland behalten und ganz Oftafrita zugenommen. Helgo­land nütze uns nichts und werde immense Kosten verursachen.

, , Stege (conf.) tritt dieser Auffassung entgegen.

Helgoland sei für uns ein wichtiger Vorposten und der Besitz Helgo­lands seitens Fremder wäre für uns eine Gefahr.

Die Forderung für Helgoland wird bewilligt. Damit ist der Nachtragsetat in zweiter Lesung angenommen.

Die Forderung für Helgoland wird aus der Anleihe gedeckt; das deshalb erforderliche Anleihegefetz wird gleichfalls genehmigt.

Es folgt zweite Berathuna der allgemeinen Rechnung über den Reichshaushalt für 1884/85.

ES handelt sich dabei um die alte Streitfrage, ob eine Anzahl Niederschlagungsordres (Gnadenerlasse) Kaiser Wilhelms I. der Gegenzeichnung des Reichskanzlers bedürfen oder nicht. Regierungs­seitig werden diese Ordres als Regierungsacte des Königs von Preußen angesehen, zu deren Gültigkeit die Gegenzeichnung des preußischen Kriegsministers auSreichte.

Die Rechnungscommission (Res. Abg. Letocha) beantragt, die vom preußischen Kriegsminister gegen gezeichneten Erlaffe als gütttge Rechnungsjustificatorien anzuerkennen.

Abg. Dr. Meyer (bfr.) beantragt dagegen, die früheren Vor­behalte zu erneuern.

Abg. Gröber ((Str.) befürwortet benCommisfionsantrag unter Hwweis darauf, daß die Angelegenheit in die Amtsperiode deS früheren Reichskanzlers fiel.

21 bg. Dr Pi-!chkl (Nlltl.) l-at dar, daß mindestens in fünf Fallen es sich Ihatsachlich um Anordnungen des Kaisers und nicht um solche des Königs von Preußen handelte und beantragt Zurück­verweisung an die Commission. Nöthig fei ein Comptabilitätsgesetz.

Abg vr. Meyer schließt sich diesem Anträge an. Beschließe man nach dem Anträge der Commission, so entgehe die Sache dem Reichstage ein für alle mal; er werde bann nie roieber Gelegenheit baden, fein Recht hinsichtlich solcher justificirter Orbres wahren zu können. Jetzt hanble es sich um eine Bagatelle; es könne sich aber spater auch um weit Wichtigeres banbeln.

Staatssecretär Bosse: Weiter als bie Regierung entgegen; gekommen sei, inbem sie bie juftiftdrten Rechnungen vorlegte, könne re nicht entgegenkommen. Ein Comptabilitätsgesetz für bas Reich nicht früher vorgelegt werben, als ein solches für Preußen zum Abschluß gekommen. 0

Abg. vr Bachem (Ctr.): Es hanble sich hier nicht um Fest- etzung ber Rechte bes Reichstags, bas würbe bei Berathung eines ^omptadilitätsgesetzes ber Fall sein. Durch einen einseitigen Beschluß des Hauses würben auch bie Rechte beffelben noch nicht abgegremt un cborff;23ebra (cons.) befürwortet ben Com-

misstonSbeschluß. Es hanble sich hier nur um eine formale Frage.