Ausgabe 
1.11.1892
 
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Rr. 255 Erstes Blatt Dienstag den 1. November

1892

Der

Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme deS Montags.

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2lnrtli^»ev Theil.

f . Gießen, am 28. October 1892.

( Betr.: Die Wahlen von Kreistagsabgeordneten durch die Bevollmächtigten der Gemeindevorstände.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzh. Bürgermeistereien

Allendorf a. d. Lumda, Allertshausen, Alten- Buseck, Annerod, Bellersheim, Bersrod, zugleich für Winnerod, Bettenhausen, Beuern, Burk­hardsfelden, Climbach, Daubringen, Geils­hausen, Großen - Buseck, Harbach, Heuchel­heim, Hungen, Inheiden, Kesselbach, Langd, Langsdorf, Lindenstruth, Lollar, Londorf, Lumda, Mainzlar, Nonnenroth, Obbornhofen, Ober- Bessingen, Odenhausen, Oppenrod, Rabertshau­sen, Reinhardshain, Reiskirchen, Rodheim, Röd­gen, Röthges, Rüddingshausen, Ruttershausen, Saasen, Staufenberg, Steinheim, Trais-Horloff, Treis a. d. Lumda, Trohe, Utphe, Billingen, Weitershain, Wieseck.

Nachdem gegen die Bekanntmachung vom 9. Juli 1892 Kreisblatt Nr. 159 innerhalb der vorbestimmten Frist Einwendungen nicht erhoben worden sind, beauftragen wir Sie, die daselbst angegebene Zahl von Bevollmächtigten zur Kreistagswahl aus dem Gemeindevorstand in einer Sitzung des Gemeinderaths wählen zu lasten, hierüber ein Protocoll nach dem unten folgenden Muster aufzunehmen und dieses binnen acht Tagen an uns einzusenden.

Wir bemerken, daß als Bevollmächtigte der Gemeinde­vorstände solche Personen nicht gewählt werden dürfen, welche zu den 50 Höchstbesteuerten gehören, und verweisen deshalb auf das Berzeichniß derselben im Anzeiger Nr. 209 vom 8. September 1892.

v. Gagern.

Protocoll über die Ernennung von Bevollmäch­tigten zur Wahl des Kreistags.

Geschehen den.......

Anwesende:

Da die Gemeinde . . . Seelen zählt, dem Gemeinde - Vorstand also nach Artikel 20 des Gesetzes vom 12. Juni 1874 zukommt, Behufs der obenbemerkten Wahl. . . Bevollmächtigte aus seiner Mitte zu ernennen, so sind deshalb auf die anliegende, von Großh. Kreisamt erlassene Auf­forderung sämmtliche Mitglieder des Gemeinde- Vorstandes zur heutigen Versammlung eingeladen worden und die zur Seite bemerkten erschienen.

Es wurde beschlossen, daß......

zur Abstimmung für die Wahl des Kreistags in oben bemerktem Wahlbezirk von dem Gemeinde- Vorstande hiermit bevollmächtigt sein sollen.

________________________________Unterschriften:___________________

Bekanntmachung,

Maßregeln gegen die Cholera betreffend.

Im Hinblicke auf das saft vollständige Erlöschen der Cholera - Epidemie in Hamburg heben wir die durch unsere Bekanntmachungen vom 7. September (Anzeiger Nr. 210) und 26. September (Anzeiger Nr. 249) angeordneten Maßregeln vollständig aus, so daß nunmehr sowohl alle bisher gegen Personen aus verseuchten Orten und ihr Gepäck gerichteten Controlmaßregeln (namentlich die Anzeigepflicht von aus Hamburg zugereisten Personen), als auch das Ein- und Durchfuhrverbot für gewisse Maaren und andere Gegenstände außer Kraft treten.

Gießen, den 31. October 1892. Grobherzogliches Kreisamt Gießen, v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 29. October. Der Kaiser wohnte am Freitag und Samstag den vom Grasen Eulenburg, dem preußischen Gesandten in München, in dessen Forsten bei Liebenberg in Schlesien veranstalten Jagden bei. Am Spätabend letzt­genannten Tages passirte der erlauchte Herr aus der Rück­reise von diesem Jagdauöfluge Berlin und wurde er hierbei aus dem Bahnhose von dem kurz vorher eingetroffenen Kron­prinzen von Schweden vegrüßt. In Begleitung des schwedischen . Thronfolgers begab sich der Kaiser alsdann nach Potsdam. I

Am Montag Vormittag in der neunten Stunde gedachten der Kaiser und die Kaiserin, begleitet vom Kronprinzen von Schweden und dem inzwischen ebenfalls am kaiserlichen Hose eingetroffenen Herzog von Uork von der Wildparkstation bei Potsdam aus nach Wittenberg zu reisen, um der Einweihung der restaurirten Schloßkirche beizuwohnen.

Die nunmehr erfolgte amtliche Bekanntgabe der Einberufung des Reichstages aus den 22. No­vember leitet einen neuen Abschnitt in der parlamentarischen Geschichte des Reiches ein, der sich zweifellos ebenso bewegt wie bedeutsam gestalten wird. Natürlich wird die bevor­stehende Wintersession des Reichstages vor Allem durch die angekündigte Militärvorlage beherrscht werden und ist es nur noch ungewiß, ob dieselbe dem Reichstage gleich bei seinem Zusammentritte oder erst nach Neujahr zugehen wird. Falls indessen das erstere wirklich der Fall wäre, so stünde doch eine definitive parlamentarische Entscheidung in'der Militär­vorlage schwerlich in der kurzen Zeit bis zu den Weihnachts­ferien zu erwarten, vielmehr dürfte sie erst in dem Sessions­abschnitt nach Weihnachten fallen, vorausgesetzt eben, daß die Vorlage b- m Parlamente in der That zu Beginn der Session unterbreitet wird. In der Hauptsache wird der Reichstag die paar Wochen vom 22. November bis zur Weihnachts­pause, wohl mit den Generaldebatten über den Etat und die anderen Vorlagen, die ihm vermuthlich beim Wiederzusammen­tritte oder wenigstens bald nach diesem Zeitpunkte zugehen werden, aussüllen, wozu man voraussichtlich die Entwürfe über die Reform der Abzahlungsgeschäfte, über den Verrath mili­tärischer Geheimnisse, die Novelle zum Wuchergesetz, die No- vellen zu den verschiedenen Militärpensionsgesetzen, sowie einige kleinere Sachen rechnen kann. Daneben wird er sich über einige schwebende handelspottrffche Fragen und außerdem mit Initiativanträgen, Petitionen usw. zu beschäftigen haben. Jedenfalls wird aber der Schwerpunkt der Reichstagsverhand­lungen auch diesmal, wie bei fast allen bisherigen Winter­sessionen, in dem Sessionsabschnitte nach Weihnachten ruhen.

lieber die Seitens des Reichskanzlers eingeleitete Untersuchung in Sachen der durch die vorzeitige Veröffent­lichung der Militärvorlage begangenen Jndiscretion verlautet noch nichts Näheres. Ob bei diesen hochnothpeinlichen Nach­forschungen überhaupt viel herauskommen wird, steht freilich zu bezweifeln, zum Mindesten werden es dieintellektuellen Urheber" des vorliegendenVerrathes" schon verstehen, sich aus der Schlinge zu ziehen. Im Uebrigen würde der Reichs­regierung dieser ihr so verdrießltche Zwischenfall erspart worden sein, hätte sie aus freien Stücken den wesentlichsten Inhalt der neuen Militärvorlage veröffentlicht. Denn das, was durch die Mittheilungen derKöln. Ztg." hierüber so unerwartet bekannt geworden ist, deckt sich ja in den Haupt­punkten mit dem, was bisher schon über die Militärvorlage gerüchtweise bekannt war,- die Geheimnißthuerei mit derselben hat also eigentlich gar keinen Zweck gehabt.

Berlin, 29. October. DieGermania" meldet aus zuverlässiger Quelle, Erzbischof Kremenz in Köln solle zum Cardinal ernannt werden. Es sei noch unbestimmt, ob die Ernennung im päpstlichen Consistorium im December oder im nächsten Jahre anläßlich des 25jährigen Blschos- jubiläums des Erzbischofs Kremenz erfolge.

Wittenberg, 29. October. Seine Majestät der Kaiser hat der Stadt Wittenberg aus Anlaß der Einweihung der Schloßkirche sein Bildniß für den Raihhaussaal verliehen.

Königsberg i. Pr., 29. October. Durch eine mittelst Extrablattes veröffentlichte Verfügung des Regierungspräsi­denten wird angeordnet, daß der Uebertritt von Per- onen aus Rußland innerhalb des Regierungsbezirks Königsberg nur in Jllowo stattfinden darf.

Hamburg, 29. October. Gestern erkrankten hier vier Personen an der Cholera.

Hamburg, 29. October. Bei den Brodlieserungen für das neunte Armeecorps sollen Betrügereien vorgckommen ein. Die Untersuchung wurde eingeleitet.

München, 29.October. In Sachen der kaufmännischen Sonntagsruhe nahm eine gestern hier abgehaltene Ver- ammluug die Resolution für völligen Schluß der Comptoire und Engrosgeschäfte an, ferner für Schluß aller offenen und Ladengeschäfte Mittags um 1 Uhr und für Absperrung felbst- thätiger Automaten an Sonntagen.

Leipzig, 29. October. Unter äußerst zahlreicher Teil­nahme von Vertretern inländischer und ausländischer Uni­versitäten, städtischer und staatlicher Behörden, sowie Studenten and heute Vormittag nach der Trauerfeier in der Universitäts- 'irche die Beerdigung des Professors Windscheid statt.

Ausland.

Wien, 29. October. Bei der am Montag in Wittenberg stattfindenden Kirchenfeier wird Oesterreich durch den Präsidenten des evangelischen Oberkirchenraths Franz vertreten sein. Diese Einladung erfolgte auf besonderen Wunsch Kaiser Wilhelms.

Budapest, 29. October. Nach dem offiziellen Saaten- standsberichte entwickelt der Herbstanbau sich sehr schön. Raps steht prachtvoll, die Saaten sind jedoch durch Jnsecten und Mäuse geschädigt. Das Maisergebn' ist schwach mittel.

Triest, 29. October. DemPiccolo" zufolge ist das Befinden des Papstes trotz der Dementis gefährlich. Die Schwäche des Papstes ist sehr groß. Alle Empfänge wurden abgesagt.

Paris, 29. October. Deputirtenkammer. Der Deputirte Millevohe richtete heute eine Anfrage an die Re­gierung wegen der Erklärungen, welche der deutsche Socialist Liebknecht auf dem Congreß in Marseille abgegeben hatte; er tadelte den deutschen Socialisten auf das Heftigste, daß er verhängnißvolle, dem nationalen Geiste widerstrebende Theorien in Frankreich verbreite. Bon jetzt ab solle allen deutschen Socialisten der Zutritt nach Frankreich untersagt und verboten sein, die elsaß-lothringische Frage mit Frankreich zu discutiren. Der Ministerpräsident Loubet erwiderte, die öffentliche Meinung habe bereits ihr Urtheil über die aus dem Marseiller Congreß gepredigten Theorien gefällt. Die Anwesenheit Liebknechts habe gar keine Bedeutung gehabt und die Bevölkerung habe ihm keineswegs den in der Presse mehrfach erwähnten enthusiastischen Empfang bereitet.Nie­mals werden wir", so schloß der Minister,einem Fremden, er fei, welcher Nationalität er wolle, gestatten., Störung der Ordnung und Ungehorsam gegen die militärischen Gesetze zu predigen." (Lebhafter Beifall.) Hiermit war der Zwischen­fall erledigt.

Antwerpen, 29. October. Die Dauer der Quaran­täne für Herkünste aus Deutschland und den russischen Ostsee- Provinzen ist ton sieben auf fünf Tage herabgesetzt worden. Schiffe, welche gemäß der Verordnung des Ham­burgischen Senats vom 4. October bereits untersucht sind, werden von jetzt ab bei ihrer Ankunft in Antwerpen nur ärztlich revidirt.

Stockholm, 29. October. Die Verhandlungen über die Militäroorlagen im Plenum des Reichstags beginnen am 20. November und dauern bis Ende November.

Petersburg, 29. October. DemHerold" zufolge geht dem Reichsrathe jetzt ein Gesetzentwurf zu betreffs einer Erhöhung der Bieraccise. Wie dieBörsenzeltung" meldet, ist die Einführung einer Wohnungsfteu er, sowie die Erhöhung der dreiprocentigen Staatsstcuer vom Rein­gewinne derActienunternehmungen aus eine fünfprocentige geplant.

Newyork, 29. October. Ein Großseuer zerstörte gestern Abend die Gasanstalten der Stadt Milwaukee. In Folge eines Orkans dehnte sich das Feuer bis zu dem Fluß- user aus. Obwohl die Nachbarstädte einschließlich Chicago alle Dampspumpen zu Hilfe sandten, sind doch die Lagerhäuser der Nordwestbahn mit großen Waarenvorräthen und Vieh- heerden verbrannt. Die Getreidespeicher der Firma Smith sind ebenfalls niedergebrannt. Die Stadt war die ganze Nacht ohne Licht. Das Feuer greift noch fortwährend um sich, der Schaden beträgt mehrere Millionen.

Newyork, 29. October. In den Monaten Juli, August und September wurden 31,76 Millionen Bushel Weizen gegen 50,41 Millionen im Vorjahre, 6,39 Millionen Bushel Mais gegen 7,10 Millionen, 4,10 Barril Weizenmehl gegen 2,830, 4,24 Bushel Roggen gegen 4,27 und 849,500 Bushel Gerste gegen 490,650 im Vorjahre exportirt.

Zlcucjtc Nachrichten».

Wolftö telegraphische« Correfpondenz-Bureau.

Wittenberg, 30. October. Se. Majestät der König hat bereits gestern aus Anlaß der Einweihungsfeier einige Orden s- aus Zeichnung en verliehen: dem Landrath v. Bodenhaufen den rothen Ad Orden 3. Kl. mit der Krone, dem Gymna­sialdirector Guhruuer den Kronen-Orden 3. Kl., dem Re- gieruiigsbaumeister Grothe den rothen Adler-Orden 4. Kl. und dem Holz Bildhauer Lober den Kronen-Orden 4. Klasse.

Wittenberg, 30. October. Die Stadt prangt schon heute im reichsten Fest schmuck, au dessen Vollendung aller wärts die letzte Hand angelegt wird. Von dem mit den Fahnen und Wappen aller evangelischen Fürstenhäuser reich gcsck'k ften Bahnhof bis zur Schloßkirche bezeichnen hohe,