Ausgabe 
1.9.1892
 
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Donnerstag den 1. September

h. 203

Ter Hietzener Anzeiger nfdieint täglich, git: AuSNSWie deZ ThnTctr?.

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1892

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Annahme von Anzeigen zu der Nachmittags für den folgend'-n Tag erscheinenden Nummer bis Borm. 10 Uhr.

Alle Anuoncen-Bnreaur des In- und Auslandes nehmen Anzeigen für denGießener Anzeiger" entgegen.

chraLisöeil'age: Gießener Kamrnenöl'ätter. I

Amtlichem Theil.

Gießen, 30. August 1892. tetr.: Die Aufstellung der Voranschläge der evangelischen Kirchenfonds für 1893/94 und 1893/96.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

n die evangelischen Kirchenvorstände des Kreises.

Unter Hinweis auf § 4 der Instruction zur Fertigung er Voranschläge über die Vermögensverwaltung der evange- schen Kirchen vom 31. August 1885 beauftragen wir Sie, ie rubricirten Voranschläge nach Anhörung des Kirchen- echners so zeitig aufzustellen, daß die Berathung derselben it Gesammt-Kirchenvorstand und in der Kirchengemeinde, ertretung im Monat September stattfinden und die Vorlage n das betreffende Großh. Dekanat bis spätestens Mitte Detober erfolgen kann.

Insofern ein Beitrag der Civilgemeinde zur Deckung es kirchlichen Deficits in Anspruch genommen werden muß, t nach § 24 Ord.'Nr. 10 der Kirchenvoranschlags-Jnstruction lsbald nach der Berathung des Voranschlags im Kirchen- orstande und Gemeindevertretung der Bürgermeisterei, unter Mttheilung eines Auszugs aus dem Voranschläge, von der >öhe des nothwendigen Zuschusses Nachricht zu geben, damit er erforderliche Credit im Gemeindevoranschlage ordnungs- täßrg gewahrt werden kann.

Die Revistonsverhandlungen zu den vorhergehenden Vor- nschlägen sind bei Aufstellung des neuen Voranschlags zu eachten.

Von der Ablieferung der Voranschläge an die Großh. ^ekanate wollen Sie uns demnächst und jedenfalls bis Mitte \to6er Anzeige erstatten.

v. Gagern.

Bekanntmachung,

betreffend Schafräude zu Geilshausen.

Nachdem unter der Herde des Schäfers Christian lurika zu Geilshausen die Schafräude ausgebrochen ist, eben wir die Sperre der betreffenden Herde verfügt. Der- eiben wird durch Großh. Bürgermeisterei Geilshausen ein estimmter Weidebezirk angewiesen werden, welchen sie nicht berschreiten darf. Da die beiden anderen Schafherden der Gemarkung Geilshausen mit der erkrankten seither in Be- ührung gekommen und dieselben hiernach der Ansteckung ver- ächtig sind, haben wir die polizeiliche Beobachtung dieser wer Herden verfügt. Es ist deshalb bis auf Weiteres die lusführung von Schafen aus der Gemarkung Geilshausen überhaupt nur zum Zweck sofortiger Abschlachtung und nur mit unserer jedesmal besonders einzuholenden Erlaubniß zulässig.

Gießen, den 30. August 1892.

Grobherzogliches Kreisamt Gießen.

v. Gagern.

Deutsches Reich.

Berlin, 30. August. Der Kaiser wird seine bevor- tehende Reise nach Gothenburg zur Theilnahme an den n dortiger Gegenden startfindenden Hosjagden des Königs Dscar von Schweden nicht von Kiel aus, wie ursprünglich estimmt war, sondern von Swinemünde aus antreten. In yolge dessen ist derKaiseradler" bereits nach letztgenanntem lasenplatze abgegangen. Diese Veränderung in den Bestim­mungen für die schwedische Reise des Kaisers hängt unzweifel- iaft mit dem constatirten Auftreten der asiatischen Cholera n Kiel zusammen.

Die Cholera äußert ihren nachtheiligen Einfluß nsofern auch nach anderen Richtungen, als eine ganze Reihe größerer Versammlungen und Vereinigungen, welche in lächster Zeit an verschiedenen Orten stattfinden sollten, in Einblick aus die Choleragefahr abgesagt worden sind. Aus remselben Grunde wird sich in diesem Jahre auch die Sedan­eier in vielen Orten sehr einfach gestalten, besonders werden >ie sonst üblichen Festzüge und festlichen Versammlungen viel- ach wegsallen.

Professor Virchow erfreut sich in Rußland, vo der berühmte Gelehrte bekanntlich zur Zeit zum Studium er Choleraepidemie weilt, ganz besonderer Ehren. Auf seiner liesse nach Petersburg wurde er aus einzelnen Stationen urch Abordnungen der Aerzte, durch Concertmusik mit Tusch rnd sogar mit dem Abspielen der Wacht am Rhein empfangen, vielleicht trägt dort die Virchow'sche Reise gar etwas mit ur Wiederannäherung zwischen Deutschland und Rußland bei!

Anstand.

Der fanatische Deutschenhaß der mährischen Czechen hat sich schon wieder einmal in dem brutalen Ueber- fall harmloser Vergnügungsausflügler Lust gemacht. Von diesem Schicksal wurde eine von einem Ausfluge zaruckkehrende deutsche Gesellschaft beim Passiren des Städtchens Wischau er­eilt. Ein Haufe Tschechen verhinderte die Gesellschaft gewalt­sam am Weiterfahren, unter Beschimpfungen und thätlichen Mißhandlungen einiger der Deutschen. Sechs der Attentäter wurden verhaftet und dem Gerichte zur Bestrafung übergeben.

Die Cholera.

Die Choleragefahr, welche von der Einbruchsstelle Hamburg aus das ganze übrige Deutschland bedroht, steht natürlich fortgesetzt im Vordergründe des Tagesinteresses. Zwar steht noch immer zu hoffen, daß das deutsche Binnen­land von einer wirklichen Choleraepidemie verschont bleiben wird, aber die Thatsache, daß in den verschiedensten Theilen des Reiches Personen, die von Hamburg kamen, unter sehr verdächtigen, choleraartigen Symptomen erkrankt oder gar gestorben sind, weist doch auf die naheliegende Möglichkeit einer weiteren Verbreitung der Cholera hin. So ist jetzt auch in Berlin am Sonntag der erste Fall asiatischer Cholera sestgestellt worden an der mit ihrem Manne aus Hamburg zugereisten Gastwirthsfrau Frohnen, doch soll sich die Kranke bereits auf dem Besserungswege befinden. Vermurhlich wird man wohl auch bald aus anderen Städten des Binnenlandes von constatirten Fällen asiatischer Cholera hören, so daß die größte Aufmerksamkeit der Regierungen und Behörden aller­seits geboten ist. Die von Reicssswegen am Samstag und Sonntag in Berlin versammelt gewesene Cholera-Commission hat diejenigen Maßnahmen festgestellt, welche in den von der Cholera ergriffenen oder unmittelbar bedrohten Orten zu treffen sind, und daneben eine Desinsectionsanwetsung, sowie den Entwurf einer Belehrung über das Wesen der Cholera und über das zu Cholerazeiten zu beobachtende Verhalten an­genommen. Noch im Laufe des Sonntag sind die auswärtigen Commissionen zurückgereist, um ihren Regierungen behufs alsbaldigen Vorgehens mit den verabredeten Anordnungen Bericht zu erstatten. Außerdem sind Vorarbeiten zur Schaff­ung eines Gesetzes eingeleitet worden, welches die Abwehr ansteckender Krankheiten anbelangt. Die Vorlage dürfte dem Reichstage wahrscheinlich schon zu seiner nächsten Session zu­gehen. Der Stand der Epidemie in Hamburg selbst ist noch immer ein sehr hoher. Nach einer amtlichen Mittheilung des Reichsgesundheitsamts kamen daselbst z. B- am 28. August nicht weniger als 445 neue Erkrankungen und 162 Todes­fälle an Cholera vor. Das sieht leider nicht nach einer bal­digen Abnahme der Cholera in Hamburg aus, trotzdem Pro­fessor Koch die Meinung geäußert haben soll, die Epidemie würde bald ebenso rasch wieder abnehmen, als sie zugenommen habe. Aus der näheren wie weiteren Umgebung Hamburgs kommen jetzt ebenfalls regelmäßige Choleraberichte, so aus Altona, Blankenese, Elmshorn, Harburg, Altenwerder, Lauen­burg, Kiel u. s. w.

Berlin, 30. August. DerReichsanzeiger" veröffentlicht die durch den Beschluß der Cholera-Commission des Reichs- amls des Innern den Bundesregierungen empfohlenen Maß­nahmen für den Fall des Auftretens der Cholera und zwar im Allgemeinen solche, welche sich mit den früheren Be­kanntmachungen theilweise decken, und den Maßnahmen in den bedrohten oder inficirten Orten.

Berlin, 30. August. DerReichsanzeiger" schreibt: Bei Choleragefahr dürfte es zur wesentlichen Beruhigung dienen, daß die Reichsregierung und das preußische Kriegs­ministerium anordneten, daß die bei den Militärsanitätsbehörden in größerer Menge vorhandenen Desinfectionsmittel an die Civilbehörden abgegeben werden können, wenn die schnelle Beschaffung von Desinfectionsmitteln schwierig ist. Außerdem gestattete der Kriegsminister die Vornahme von bacteriolo­gischen Untersuchungen in den Laboratorien der Königlichen Sanitätsämter und die Entsendung einer nicht unbedeutenden Zahl von vorhandenen bacteriologisch geschulten Sanitäts­offizieren nach den gefährdeten Orten. Dem in Hamburg sich fühlbar machenden Aerztemangel sei durch Commandtrung von Militärärzten abgeholfen.

Berlin, 30. August. Der Cultusminister Bosse und Ministerialdirector Bartsch haben ihre Rückkehr nach hierher beschleunigt zur Uebernahme der durch die Cholera- Abwehrmaßregeln wachsenden Medicinalgeschäfte. Die Erledigung der Angelegenheiten erfolgt in der denkbar größten Beschleunigung. Die preußische Centralstelle unterhält fort­dauernd lebhaften, zum Theil telephonischen Verkehr mit den entsprechenden Reichsinstanzen.

Berlin, 30. August. Es wird amtlich zugegeben, daß die Erkrankung der kürzlich verstorbenen Frau Sandrock wahrscheinlich asiatische Cholera gewesen sei. Dasselbe konnte nicht festgestellt werden, weil deren Verwandten die Obduction verweigerten.

Berlin, 30. August. Bis heute Mittag 1 Uhr sind im Ganzen 70 Personen an der Cholera erkrankt, 10 Fälle verliefen tödtlich. Bei keinem dieser Fälle, außer bei Frohnert und Karpen, wurde die asiatische Cholera, sondern nur Brech­durchfall sestgestellt.

Berlin, 30. August. Amtlicher Cholerabericht. Hamburg. Am 29. August: 447 Erkrankungen, 173 Todes­fälle. Berlin. Der gestern gemeldete Cholerafall verlief, wie berichtigt wird, nicht tödtlich. Rgbz. Stade. 27. bis 30. August: 2 Erkrankungen, 1 Todesfall. Rgbz. Schleswig. 16 Ortschaften bis 29. August 100 und 32, darunter am 28. August Altona 35 und 15. Rgbz. Lüneburg 27. bis 30. August 3 Todesfälle. Im Krankenhause zu Leipzig wurde am 29. August bei einem aus Hamburg gekommenen Schlosser die Cholera sestgestellt. Neustadt (Mecklenburg). Ein am 29. August aus Hamburg zugereister Mann ist an der Cholera erkrankt.

Berlin, 30. August. Die gestern aus Hamburg kommenden drei Kinder des Schlafwagen-Schaffners Edelmann wurden als choleraverdächtig aus der Station Lpdwigs- lust aus dem Zuge entfernt. Die Frau des Schaffners ist am Sonntag in Hamburg an der Cholera gestorben.

Berlin, 30. August. In Rix do rs bei Berlin sind heute Nachmittag drei choleraähnliche Fälle constatirt worden, hiervon handelt es sich bei einem angeblich um cholera aaiatica.

Hamburg, 30. August. Amtliche Meldungen des Med:- cinalbureaus: 457 Erkranknngen, 202 Todesfälle am 28. August- 29., Mittags, 139 resp. 48. Gestern und heute wird eine Abnahme beobachtet. Heute hat die Wärme wieder zugenommen und damit auch die Erkrankungen in der Hafengegend. Auch Eimsbüttel wurde in dieser Nacht stärker heimgesucht. Die anderweitige Meldung, wonach schwarze Pocken constatirt worden seien, ist ein Jrrthum eines Referenten, der die schwarze Begleitfahne des schwarzen Pulverwagens, die mit einem P bezeichnet ist, für die Pocken­sahne gehalten hat.

Hamburg, 30. August. Die Ziffer der transportirten Cholerakranken und Leichen betrug am 27. August 806, jam 28. 684, am 29. 650. Man schließt daraus aus eine, wenn auch nicht erhebliche Abnahme der Epidemie. Die Ziffer der heute Transportirten steht noch nicht sest. Auch aus Altona wird berichtet, daß ein Rückgang der Erkrankungen eingetreten sei. Verhältnißmäßig zahlreiche Cholerasülle werden aus dem Vororte Barmbeck gemeldet.

Bremen, 30. August. Die Medicinalcommission macht bekannt, daß von den als choleraverdächtig Erkrankten mehrere genesen und entlassen, die übrigen aus dem Wege der Besserung sich befinden. Ein Kind ist gestorben, die Todesursache indeß nicht festgestellt. Der Gesundheitszustand der Stadt ist un­verändert- das Vorkommen der asiatischen Cholera ist bis jetzt in keinem einzigen Falle nachgewiesen.

Bremen, 30. August. Wie das Bureau Boesmann er­fährt, wird derNorddeutscheLloyd sämmtlichen Paffagier­dampfern bis aus Weiteres zwei Aerzte mitgeben. Die Des- insection des Dampfers wird mit größter Sorgfalt täglich ausgesührt und von den Aerzten persönlich überwacht. Das sämmtliche Gepäck der Reisenden wird in einer für diesen Zweck erbauten Baracke desinficirt. An die Mannschaft und die Passagiere wird während der Fahrt nur mit einigen Tropfen Salzsäure vermischtes oder abgekochtes Wasser ver­abreicht.

Localer und provinzielles.

Gießen, 31. August 1892.

K. Der Kriegerverein Gießen wird auch in diesem Jahre das Sedansest und zwar Sonntag den 4. September in der Weise feiern, daß Nachmittags 3 Uhr die Schmückung der Kriegergräber auf dem Friedhof und von 5% Uhr ab Concerr aus Textors Terasse stattfinden wird. Wie wir vernommen, ist der Feier in diesem Jahr ein ganz besonders edler Zweck zu Grunde gelegt. Der Verein hat für das Concert das Kruse'sche Künstlerquartett engagirt und wird außerdem ein Gesangverein mehrere Lieder vortragen. Die Gesammt- kosten des Festes trägt der Verein ans seiner Kasse. Der Zutritt ist gegen ein Eintrittsgeld von 30 Pf. Jedermann gestattet. Diese Eintrittsgelder sollen dem Fond zur Er­richtung eines Denkmals für unseren Höchstseligen Groß- Herzog Ludwig IV., dem edlen Helden, überwiesen werden.