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«r. 101. Zweites Blatt.
Sonntag den 1. Mai
1892
Der Gießener Anzeiger erscheint täglich, mit Ausnahme des Montags.
Die Gießener WnWitienvtLlter werden dem Anzeiger wöchentlich dreimal beigelegt.
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daß also auch hier die militärischen Interessen die ©bei! nb "der die wirtschaftlichen Anforderungen erlangt haben. — In Böhmen sind bekanntlich Ausgleichsgesetze im Landtuge nicht zu Stande gekommen. Die Regierung versucht nunmehr ihre Absichten aus dem Verwaltungswege zu erreichen und hat jüngst im Sinne des Ausgleichsgesetzes den Gerichtsbezirk Weckelsdorf abgegrenzt. Die Czechen sind über dieses Vorgehen der Regierung auf das Aeußerste empört und haben ihre Theilnahme an den Commissionssitzungen des Landtags ausgegeben. Es muß sich bald zeigen, ob die Regierung dem czechischen Ansturm gegenüber fest zu bleiben die Kraft hat.
vermischtes
* Stark verbrannten Braten wieder brauchbar zu mache«. Die Sauce eines außen verkohlten Bratens ist allerdings verloren und auch das Aeußere des Fleisches muß, soweit eS verbrannt ist, abgeschält werden. Ist nun alles Angebrannte entfernt, so setzt man den Braten mit einem halben Liter siedenden Wasser auf das Feuer, läßt ihn auf beiden Seiten einige Minuten kochen und gießt das schwarz gewordene Wasser ab. Ist der Braten sehr stark verkohlt, so muß das Verfahren wiederholt werden, durch welches denn auch der Brandgeschmack und Geruch völlig verschwindet. Dann seht man das Fleisch nochmals mit kochendem Wasser, dem man das nöthige Fett, sowie einige Theelöffel Fleisch-Extract beifügte, um die verloren gegangene Kraft der Sauce wieder- völlfg^rttlN —Salr auss Feuer und brät nun
Spanien die Meistbegünstigung, d. h. das Zugeständniß, daß Deutschland alle diejenigen Zollermäßigungen und Zollfreiheiten von Spanien ohne Weiteres gewährt werden sollen, zu welchen sich letzteres bei Handelsverträgen mit anderen Staaten verstanden hat oder noch verstehen wird. Es heißt nun, daß Spanien nicht geneigt sei, aus diese Forderung einzugehen, um später Frankreich, von dem es wirthschastlich besonders abhängig ist, um so größere Vortheile zuwenden zu können. Es ist indessen noch sehr fraglich, ob Spanien in der That um eines solchen Preises willen seine guten Beziehungen zu allen anderen Ländern preiszugeben im Ernste geneigt sein wird.
Je stiller es im Uebrigen im Reiche ist, um so viel größeres Interesse finden die Verhandlungen des preußischen Abgeordnetenhauses, die am letzten Montag wieder begonnen haben. Zu der Berathung über die von uns letzthin charakterisirten Gesetze werden sich voraussichtlich allgemeinere politische Debatten von großer Tragweite gesellen. Gelegenheit zu solchen wird vor Allem der Nachtragsetat mit den Forderungen für den neuen preußischen Ministerpräsidenten Grafen von Eulenburg geben. Namentlich ist die Centrumspartei — wenn anders ihre Preßorgane die Stimmung der parlamentarischen Centrumsfraction getreu wiederspiegeln — fest entschlossen, das Scheitern des Volksschulgesetzes zur Sprache zu bringen. Weiterhin hat von der freisinnigen Partei Eugen Richter den Antrag gestellt, die Negierung um Auskunft über die auch von uns verzeichneten jTWtf“ W® e riM n e r u nßsl ° tterie hervorragendes politisches Interesse bieten. Endlich werden
Gießen, am 22. März 1892. Betreffend. Die Ableistung des Huldigungs- und Ver- fassungseides.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzh. Bürgermeistereien des Kreises.
~ . Die Ableistung des Huldigungs- und Verfassungseides Seitens der neu aufgenommenen Ortsbürger, sowie derjenigen Großh. hessischen Unterthanen, welche sich, ohne Ortsbürger zu werden, verheirathet haben, soll wie folgt stattfinden:
1) der Orts- und Staatsbürger aus den in den Amts- gerichtsbezirken Hungen, Laubach und Nidda gelegenen Gemeinden
Freitag den 6. Mai l. I., Nachm. !’/< Uhr,
m dem Rathhause zu Hungen,-
2) der Orts- und Staatsbürger aus den in den Amtsgerichtsbezirken Lich und Butzbach gelegenen Gemeinden
Freitag den 13. Mai l. I., Nachm. 1 Uhr,
m dem Rathhause zu Lich.
Wir beauftragen Sie hierdurch, die betreffenden Personen zu den Terminen vorzuladen und wie geschehen unter Angabe der Namen der Vorgeladenen anzuzeigen oder zu berichten, daß Niemand vorzuladen war. Halten sich derartige Personen auswärts auf, so wollen Sie deren Aufenthaltsort angeben.
v. Gagern.
politische Wochenschau.
Gießen, 30. April 1892.
Angelegenheiten des Reiches haben in der abgelaufenen Woche nur in sehr geringem Maße die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. Die von uns schon früher besprochenen Gerüchte über eine neue große Militärvorlage haben eine Erweiterung durch die Meldung erfahren, daß der gegenwärtig amtirende Kriegsminister von Kalten- born-Stachau zurücktreten werde. Ueber die Gründe zu einem solchen Schritt verlautet im Augenblick noch nichts. Man wird indessen mit der Annahme, daß der Rücktritt des jetzigen Kriegsministers im Zusammenhänge mit den gegenwärtig statlfindenden Vorarbeiten zu der neuen Militärvorlage steht, schwerlich fehl gehen. — Der Handelsvertrag mit Spanien scheint nun doch nicht erheblich viel vor Beginn der nächsten Reichslagssession zu Stande zu kommen. Nach verläßlichen Blättermeldungen verlangt Deutschland von
wohl auch Finanzsragen von erheblicher Bedeutung erörtert werden. Grundzüge einer umfassenden Steuerreform in Preußen, wie sie 1891 mit dem Erlaß des neuen Einkommensteuergesetzes begonnen worden ist, hat der Finanzminister kürzlich im Reichsanzeiger veröffentlicht. Zugleich hat die freisinnige Partei im Landtage die Vorlegung einer ausführlichen Denkschrift über die Ergebnisse der neuen Veranlagung zur Einkommensteuer verlangt. Es bleibt abzuwarten, ob der bezügliche Antrag noch zur Verhandlung kommen wird. Ein Schuldotationsgesetz, welches einen Theil der großen Ausgabe lösen soll, die sich der Zedlitz'sche Schulgesetzentwurs gestellt hatte, wird vermuthlich erst in der nächsten Session vorgelegt werden.
Von Angelegenheiten des Auslandes erregt die italienische Ministercrisis immer noch Aussehen. Uniere Meinung, daß die beiden Minister Colombo und Pelloux ihre Demission eingereicht hätten, hat sich als irrig herausgestellt. Nur der Finanzminister Colombo hat seinen Platz räumen müssen, so
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Feuilleton.
Der Dinger Schisferdorscht.
Im „Boten", dem Sonntagsbeiblatt des „Wormser Tageblattes", wird folgende launige Geschichte erzählt:
In Binge verkehre viel Fremde 's Johr iwer, besonners viel Englänner, deß weeß Jeder, der aach noch nit selwer dort verkehrt is! Die Englänner sin awer merschtendheels Schode, fascht jeder Hot ’n Schparre, entweder een zu viel oder zu wenig! Is doch emol Eener acht Dag lang uff eem un demselbe Schiff vun Binge uff Coblenz un vun Coblenz uff Binge gesahre. De Kellner uffem Schiff is dadurch mit dem Mann e bische bekannter worre un an eme schöne Dag, wu de Englänner uffem Verdeck sitzt un in seim rothe Buch schtudirt, fragt 'in: „Die Gegend hier scheint Mylord besonders zu. gefalle, weil Sie so lang bei uns verweilen?" — „Uas — Gegend — Gegend — o non — non — aber Sie hab aus das Sh'ff so gut Beassteak, daß ick will mick mal satt ess'!"
So kummt aach vergangene Herbscht Eener aagesegelt un macht in Binge Halt. Im Gegesatz zu de Mehrzahl vun dem elfrippig Menscheschlag war unser Englänner awer korz un dick, und wann ’r keen weiße Cylinder, ’n rothe Cotlett- bart, carrirte Hole un ditto Schaal gehatt hett, hett m'rn for'n Schtammgascht vum Münchener Hosbräuhaus halte könne. Der Vorschprung uff seim Zifferplatt awer Hot druff higewisse, daß der Mann Besitzer vun eme Kupperbergwerk war. Er war kaum im Hotel eiquartiert, Hot sich be Grund titin seim Aussehe aach schun usfgeklärt.
Der Mann is nämlich uff Wei' wette gereest! Ohne Wett kann jo feen Englänner nit exeschtire un so ts er halt in de Welt erumgereest — Hot Sauswelte gemacht un asch schun Manchen unner de Disch geloste! In Binge awer hot'r sein Mann finne solle! Dem Owerkellner hot'r alsbald
uff Englisch erklärt, er hett schun wiederholt gehört, daß die Bewohner vun Binge im Weitrinke Großartiges leischte könnten, er awer hett in dem Fach aach e höheri Ausbildung genösse un er hett Luscht, mit eem leistungsfähige Binger emol e Wett eizugehe — un de Herr Owerkellner möcht'm doch Een besorge.
Deß Hot dann aach nit schwer gehalte und ball war ’n Mann zur Schtell, ’n Schiffer, der grad vorbeigange is, der Zeit un Luscht hat, die Wett ei'zugehe. Die Begrüßung un gegeseitige Vorschtellung war ball besorgt, dann unser Englänner Hot nor schlecht Deitsch gekennt. — „Ick sein Eng- lischmen," seggt er unner Annerm zum Schiffer. Der seggt: „Ja, ja, deß hör ich, daß Se 'n Englänner sin- ich bin awer ’n Rheinlänner — un die Sach kann losgehe, wanns beliebt!"
'n Wink vum Englänner un zwee Kellner hawe die Batterie uffgesahre. 'n weitere Wink un de A'griff Hot stattgesunne. Jeder Hot immer sor sich allee e Flasch aus- schteche müsse. Wie die erscht all war, is die zweet dra- kumme, dann die dritt, dann die viert, dann die fünft. Alle zwee sin als im gleiche Tempo marschirt. — Awer wie beim Englänner die fünft Flasch noch nit recht drunne war, do Hot sich ’n Newel iwern gelegt wie er nor in London im Herbscht vorkummt. Noch e paar Minute un — blums — hoschte gesehe — liegt er uunerni Disch. Die Kellner un de Hausknecht hawe den Mann dann besorgt un uffgehowe. Unser Binger Schiffer awer trinkt sei fünft Flaich gemüthlich aus un seggt dann zum Owerkellner: „So, Herr Owerkellner, jetzt bringe Se m’r noch e Flasch Gute — un dann noch en Englänner."
De Hotelbesitzer awer hot gelacht un hot zum Kellner gesagt: „E Flaich Rüdesheimer Cabinet sor den Mann!" Dem awer klopft ’r uff die Schulter un seggt: „Ich dank Ihne im Name der Schladt Binge, daß Sie unfern gute Ruf gewahrt hawe."
„O, Herr Gaschthalter," mecnt de Schiffer, „mache« Se nor fee Umschtänd, deß is jo gern geschehe."
Südamerikanisches Jägerlatein.
Ein aus Brasilien Heimgefehrter rühmte sich, eine große Zahl von Gorillas aus der Welt geschafft zu haben. „DaS soll sehr schwer halten," bemerkte einer der Zuhörer. — „Allerdings," erwiderte der Erzähler, „aber ich wußte den Nachahmungstrieb der Affen auszubeuten." — „Wieso das?" — „Sehr einfach. An Orten, wo ich die Nähe von Gorillas vermuthete, feuerte ich ein blindgeladenes Pistol gegen mich selbst und ließ ein scharfgeladenes am Platze. Wenn ich nach kurzer Entfernung an den Ort zurückkehrte, sand ich dort regelmäßig die Leiche eines Gorilla, der sich selbst erschossen hatte."
Ein praktischer Bruder Studio.
Ein reicher schwedischer Grossist, der drei sehr häßliche Töchter hat, saß vor Kurzem mit einem Freunde in dem dortigen Grand Hotel. Als die Zeit verstrich und die Weinflaschen geleert waren, wurde die Unterhaltung immer lebhafter und beim Kaffee sprach der Grossist ziemlich laut fein Erstaunen über die Jugend unserer Zeit aus. Es war seiner Meinung nach wunderlich, daß noch keine seiner Töchter einen Freier gefunden hatte, obgleich jede sich auf eine Mitgift von 100,000 Kronen Rechnung machen könnte. An einem Tische in der Nähe faß eine Gesellschaft von lustigen Upfala- Studenten, welche nach Stockholm gekommen waren, um sich von den anstrengenden Studien zu erholen. Sie hatten mit sichtbarem Interesse dem letzten Theil der Unterredung am Nachbartifche gelauscht. Als der Grossist bet den hunderttausend Kronen angelangt war, erhob sich einer der Gesellschaft, ein junger Jurist, machte dem Grossisten eine tiefe Verbeugung und sagte ernsthast: „Meine Herren, unter solchen Umständen reflcctire ich auf alle drei!"


